Auf dem Bio-Markt - Sitten und Sittlichkeit

Die Bioethik war von Anfang an kein gerades Wort, kein Begriff, der in moralische Spannung versetzen kann: ein Klang mit unangenehm hoher Frequenz. Nach zwei Jahrzehnten eines bürokratisch verwässerten Gebrauchs bereitet das quallige Wort heute Überdruss. Und man kann den Verdacht nicht abwehren, dass es vor allem dazu dient das Publikum zu immunisieren. Es lenkt den Blick vom Tun und Treiben der gegenwärtigen Gesellschaft ab, die sich längst auf biotechnische Selbststeuerung eingerichtet hat. Jacques Testart fasst es scharf: "Die Bioethik ist nur ein Reden, um die Leute an die technischen Realitäten zu gewöhnen." (In Label France, No.49, Januar-März 03) Ein solches Reden ist zum Beispiel der Schein-Streit um das Klonen zum Zwecke der Reproduktion.

Dagegen ein Aufweis für die Gewöhnung an die technischen Realitäten:: "In einigen Jahren wird es ein Ärgernis sein, ein Kind des Zufalls gemacht zu haben." (Dans quelques années, il sera scandaleux d'avoir fait un enfant du hasard.) Ein Skandalon, die Zeugung eines Kindes dem Zufall der Natur anheimzugeben. Daraus folgt, dass Konstruktion, technische Korrektur und Auswahl durch Elimination die Entstehung eines Menschen von Anfang an mitbestimmen werden. Dies wird Sitte, wird Üblichkeit sein.
Jacques Testart ist kein Zyniker und kein Alarmist, kein Gross-Schaumschläger wie Craig Venter. Im Gegenteil. Der Biomediziner, der vor mehr als zwei Jahrzehnten die Geburt des ersten französichen Retortenkindes, der Armandine, ins Werk gesetzt hat, stand auch am Anfang der bioethischen Debatte. Er legte sich selbst für fünf Jahre die Enthaltung von empirischer Forschung in der Fortpflanzungsmedizin auf, war auch einer der Inspiratoren der Biomediziner-Konferenz von Asilomar, die für ein mehrjähriges Forschungsmoratorium eintrat. Ohne Erfolg, wie man weiss. Auch Testart musste ins Laboratorium zurückkehren. Seine Expertenstimme hätte nichts mehr gegolten, wenn er dem Kampffeld der empirischen Wissenschaft ferngeblieben wäre.
Die Bioethik, die zu einer personalstarken Beratungsorganisation ausgewachsen ist, hat zwar die Freiheit, mancherlei zu erwägen. Am Ende muss sie sich auf das Gesetz konzentrieren und darf daher die Gesetzlichkeit nie aus dem Auge verlieren. Sie hat also das institutionelle Korsett der Sittlichkeit immer wieder zurechtzurücken. Diese wabert leider hin und her und muss mühevoll eingefangen und fixiert werden. Das Einfangen und Fixieren besteht im immer erneuten Montieren von Kompromissen zwischen verschiedenen Sittengeboten und Interessen, vor allem dem wirtschaftlichen Interessen und dem Interesse an Gesundheitsgenuss und Selbstausdruck.

Auf die Gesellschaft selbst darf sich die Bioethik nicht einlassen. Sie kann sich nicht für die Marktgesellschaft genauer interessieren, für ihre Anpassungszwänge und ihre Anpassungslust, auf die Entwicklung der realen Sitten. Die Bioethik spricht auch nicht gern vom Staat und seinen Institutionen, die doch immer wieder von der forschenden Wissenschaft und der geldgebenden Industrie, schliesslich vom nachfragenden Konsumenten unterlaufen und umgangen werden.

Testart möchte das Augenmerk auf die Bereitschaft der modernen, fortschrittsgetriebenen Gesellschaft lenken, die Angebote der Biomedizin anzunehmen und damit den Fortschritt als solchen gläubig zu ehren. Wenn diese Wissenschaftstechnik mehr Gesundheit und gesundheitliche Perfektion garantieren kann, kann man ihr schwerlich widerstehen. Widerstehen können auf Dauer auch nicht die Gesundheitsbehörden und die staatliche wie private Versicherungsindustrie. Sie müssen eines Tages auf pränatalen Tests bestehen, demnächst so früh wie möglich, wenn damit Schaden abgewehrt werden kann; Schaden für die Gesellschaft, der im erbgeschädigten Kind angelegt ist. Behörden und Versicherungsindustrie werden nicht mehr zulassen dürfen, dass die Gesellschaft sich selber schadet, indem sie zulässt, dass verfügbare Kontroll- und Vorsorge-Technik ausgeschlagen werden kann. Man kann, da die Nachfrage nach Sicherheit vom Fortschritt ständig angetrieben wird, erwarten, dass die wissenschaftlich kontrollierte Zeugung in zehn bis zwanzig Jahren nicht nur Gewohnheit, sondern auch Norm sein wird. Dazu wird dann selbstverständlich die präimplantatorische Diagnose (PID) gehören, die derzeit in vielen Ländern noch geächtet ist. Dem Marktwillen, der sich in der Angebotsökonomie moralisch munitionieren lässt, kann sich über längere Zeit keine ärztliche Berufsethik und kein gesetzlich fixiertes Sittengebot widersetzen.
Neben die Voraussage von Jacques Testart kann man eine plausible Prognose des französischen Genetikers Axel Kahn stellen: Es werden in spätestens zwei Jahrzehnten 80 Prozent aller ärztlichen Handlungen in Präventive bestehen, der Rest gehört der kurativen Medizin, etwa bei Virus-Krankheiten. Damit sind Voraussetzungen, ja Zwänge der medikalisierten Gesellschaft benannt, die sich schon jetzt auf allen Plätzen breit macht. Diese Gesellschaft wird von der Überzeugung geleitet und zusammengehalten, dass die Hervorbringung und die Erhaltung von Leben höchstes Gut, also unbedingt moralisch ist.. Darauf hin müssen auch die sozialen Solidaritäten ausgerichtet werden. Höchstes Gut auch deswegen, weil die Lust an der Technik, das wirtschaftliche Wachstum und die Verteilung von Gerechtigkeit hier ihren Mittelpunkt finden werden.
Wenn die sozialen Konflikte der alternden Industriegesellschaft auch längst nicht abgestorben sind, so sind sie doch banal, zukunftslos geworden. Es lässt sich an ihnen nichts Neues mehr ablesen. Aufregend, attraktiver dagegen ist nun die medikalisierte Gesellschaft, weil in ihr die die alten Konflikte um Fortschritt und Gerechtigkeit, um Herrschaft neu gepolt werden. Die medikalisierte Gesellschaft, so kann man annehmen, wird nicht in biologistischer Wolfsmoral erstarren. Sie wird auch nicht eine neodarwinistisch formierte Gesellschaft sein, kein Kriegszustand zwischen den biologisch gut Ausgestatteten und den Minderbemittelten, die schlecht ausgestattet und weniger intelligent sind. Wenn man sich im Biokapitalismus so verhalten müsste, würde diesem bald die Luft ausgehen. Es hat keinen Sinn, darauf zu spekulieren.
Was Axel Kahn und Jacques Testart erwarten, hat hohe Wahrscheinlichkeit, es enthält politisches Salz. Man kann sich im Prinzip darauf einrichten, weil man sich demnächst darauf einrichten muss.
Die Bioethik, die mit ihrer Verteidigung der Menschenwürde immer rückwärts blickt, kommt aus ihren Verteidigungsgräben nicht heraus. Sie dient damit, ob sie will oder nicht, nur den alten, schon brüchigen Institutionen und ihren Moralen, die sich keiner Umwälzung unterziehen wollen. Sie bleibt eine Ethik der Abwehr, die nicht einmal beissen kann. Und so gewöhnt sie, Testart hat da Recht, die Leute an die Realitäten der Technik.

Wird fortgesetzt.