| 10. Ausgabe - 15. August 2003 |
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In dieser Ausgabe:
Lagebestimmung: Feigheit vor Berlusconi
Die Eröffnungsbilanzen für das kommende politische Jahr, an
denen sich die Leitartikler nun schon versuchen, fallen zumeist vage und
etwas ängstlich aus. Keinem strahlt es rosig, aber man will auch
nicht zu düster erscheinen. Niemand will zum Beispiel die zarten
Hoffnungsflammen auf einen kleinen Aufschwung austreten, eine repräsentative
Zeitung tut das zu solchem Zeitpunkt nicht. Aber pessimistisch sind sie
fast alle. Fast alle sehen auch einen Hoffnungsschimmer der neuen Annäherung
zwischen Amerika und Deutschland. Auf die enge Bindung sind sie alle eingeschworen,
den Konflikt sehen sie ungern. Eine Repolitisierung der Deutschen, die
diese zu Europäern machen könnte, betrachtet die leitartikelnde
Generation mit Misstrauen. Ganz und gar fürchtet sie, wie es im Zeitungsdeutsch
lautet, "Alleingänge". Darin halten sie sich eng an die
öffentliche Meinung, die eigentlich gar keine Meinung ist. Meinungslos
gingen die Deutschen aus dem vergangenen politischen Jahr, meinungslos
gehen sie, soweit man bis jetzt sehen kann, ins neue. An ihrer Zukunft
als Nation seit Jahrzehnten nicht interessiert, halten die Deutschen und
ihre Leitartikler an ihrem Desinteresse auch nach der Eröffnung des
Orientkrieges fest.
Was der permanente Ausnahmezustand bedeutet, den Präsident Bush ausgerufen
hat, ist der deutschen Intelligenz und ihren politischen Journalisten
Hekuba. Es sind allenfalls ältere Intellektuelle wie Ivan Nagel (in
der Süddeutschen Zeitung), die mit dem Begriff und den Begriffen
des Politischen umgehen, weil sie Carl Schmitt und seine Zeit unter der
Hirnhaut haben. Wie aus diesen Bilanzierungen hervorgeht, will die von
den grossen Zeitungen repräsentierte Öffentlichkeit nur Ruhe,
verlangt nach Nicht-Einmischung. In der Welt voller Gewalt, die mit dem
langsamen Zerfall des Imperiums noch härter wird, erlaubt man sich
das Dabeisein allenfalls, wenn "Humanitär" auf dem Etikett
steht.
Wenn im Herbst das grosse europäische Erweiterungsjahr eröffnet
wird, so plagt die deutsche Zeitungsöffentlichkeit zuerst einmal
die Sorge: Hoffentlich wird Silvio Berlusconi, der am 1. Juli eingewiesene
Ratspräsident, keinen grösseren Unfug machen. Und in vereinter
Feigheit mit den übrigen Europäern hoffen sie darauf, dass er
gar nicht dazu kommt etwas zu tun oder sich so lächerlich macht,
dass sie darauf nicht reagieren müssen. Diesen Gefallen wird ihnen
der machtkranke neue Arturo Ui, der sich zum Schosskind von Präsident
Bush zu machen verstand, nicht tun. Sein Aufstieg zum ersten Repräsentanten
Europas war aufhaltbar, und es wurde zum grössten politischen Sündenfall
der Europäer, dass sie diesen Neo-Duce nicht verhinderten.
Man hat einen Hauptgrund dafür, dass der Türkei der Eintritt
in die Gemeinschaft verwehrt wird, nur selten genannt, aus begreiflichen
Gründen: Im ökonomischen Bund sollten nur Nationen zusammengefasst
sein, die auch gemeinsam an einer politischen Verfassung mitarbeiten können.
Das gilt für Malta wie für Slowenien, aber es wird vermutlich
nie für die Türkei gelten können, auch nie für Russland.
Die Türkei gehört aber ebenso wie Russland einem anderen politisch-geographischen
Raum an, der sich an Europa nicht anschliessen lässt, selbst wenn
dort eines Tages die westlichen Bürgerrechte einziehen sollten. Aber
es ist vor allem die Berufung auf die politisch-moralischen Standards,
mit der man diese Nationen fernhält. Wenn es den Europäern ernst
ist, wie konnten sie dann einen Berlusconi ins höchste politische
Amt gelangen lassen? The Economist, der stets gegen Berlusconi
Standhafte, hat umfänglich dokumentiert, was die politischen Klassen
und die Leitartikler zu deutlich nicht wahrnehmen wollen (in der Ausgabe
vom 2. August): Dass dieser Mann allein von seinen Interessen besessen
ist, dass ihm fast jede Schurkerei recht ist, die diese Interessen fördert,
und dass ihm das nationale ebenso wie das europäische Wohl gleichgültig
ist.
Nach dem Unfall der ersten Regierung Berlusconi konnten die Europäer
wissen, mit wem sie es zu tun hatten und dass er der letzte ist, eine
politische Verfassung voranzubringen. 55 Prozent von ihnen haben ja auch
nie von einem Verfassungskonvent gehört. Selbst wenn die kommenden
vier Monate Berlusconi Episode bleiben sollten, in der alles stockte,
das moralische Rückgrat bleibt angeknickt.
Die Deutschen werden Knick bald schmerzlich spüren, nämlich
dann, wenn Amerika in der nächsten Welthandelsrunde mit Europa in
den Clinch geht. Die Leute von Bush sind nicht nur entschlossen, die Europäer
bei dieser Gelegenheit zu demütigen, sondern generell ihre Union
auf einen geringeren Platz zu verweisen. Wenn der permanente Ausnahmezustand
verkündet ist, gilt er, jedenfalls nach der imperialen Auffassung,
auch in den Handelsbeziehungen. Amerika hat oft genug gezeigt, welcher
Mittel es sich zu bedienen weiss, wenn es die Interessen seiner Bürger
bedroht sieht. Und es wechselt, wenn es ihm geboten scheint, die Fronten
ebenso schnell wie die Franzosen oder die Briten. Mit Amerika noch einmal
die alten guten Beziehungen herzustellen, lohnt kaum einer besonderen
Mühe. Amerika, das nunmehr auf das ganze politische Europa fixiert
ist, wird solche Mühe nicht honorieren können, schon weil es
darauf eingestellt ist, ringsum Gegner zu sehen. Das werden alle Europäer
der Reihe nach lernen. Amerika, das ist sein historisches Gesetz, kann
nur mit gut bewehrten und unabhängigen Partnern vorübergehende
Freundschaften schliessen, die als gemeinsame Interessenlagen behandelt
werden können.
Alle diese Erwartungen sind so sicher, dass sie mit schwerer Tinte in
die Eröffnungsbilanz geschrieben werden können.
Positive Nicht-Erwartung II
Was vor 58 Jahren in Hiroshima geschah, wurde von der Mehrheit der Amerikaner
nicht sogleich verstanden, es wurde ihnen auch nicht erklärt. Sie
konnten es nicht bedenken, es nicht zur Erfahrung machen. Auch wenn sie
besser informiert gewesen wären - das Ereignis fiel noch vor der
Fernseh-Ära in die Welt ein - , wäre es ihnen schwerlich als
ein Fortschrittssprung zu Bewusstsein gekommen. So wurde es von den meisten
nur als eine letzte Steigerung des Bombenkriegs, mit der wieder Friede
hergestellt werden konnte, wahrgenommen. Es waren jedenfalls ganz wenige,
denen sofort klar war, dass es sich um eine Zeitenwende handelte. Auch
in Europa, das sich weit entfernt fühlte, konnte nur eine kleine
Minderheit den Vorgang als eine Umwälzung in der Menschheitsgeschichte
auffassen.
Auch ein anderthalb Jahrzehnte später eintretender Welt-Fortschritt
wurde von den meisten Zeitgenossen nur schwach wahrgenommen, obwohl sie
diesmal sogar darauf vorbereitet sein konnten. Es war die Errichtung des
Systems der atomaren Total-Abschreckung, an das sich die beiden Weltmächte
seit den frühen 60er Jahren gefesselt hatten. Nur die Selbstmorddrohung
auf Gegenseitigkeit schien sie vor regellos gesteigerter Gewalt bewahren
und das Überleben sichern zu können. Auch diese System-Zeit,
die vor zwanzig Jahren langsam zu verfallen begann, bedeutete Epoche,
war ein Welt-Fortschritt, der die Ordnungen der Staatsgewalt neu formierte.
Doch die meisten, die ihm unterworfen waren, konnten ihn nicht erleben,
in Amerika ebensowenig wie in Europa. Sie waren vom Drohgehäuse umfangen,
trugen es selber mit, aber es entging ihnen, dass auch dies ein mitgelebter
Fortschritt war, man könnte auch sagen, eine Modernität.
Wenn sich die wissenschaftliche Weltsicht durch eine Grosstat der Forschung
ändert, etwa durch einen Galilei oder einen Darwin oder die Entdeckung
der Doppelhelix, sprechen die Historiker und Philosophen von einem Wechsel
des Paradigmas. Das ist nicht einfach eine Revolution mit ihren Ungewissheiten.
Das Neue muss als eine ganze Ordnung die alte Ordnung mit ihren Arbeitsmethoden
und Spielregeln ersetzen. Diese Paradigmenwechsel der Staatsgewalt waren
jedoch nicht unbegreifbar, sie vollzogen sich nicht hinter dem Rücken
der Geschichte, deren Haupt- und Krönungswort die "Epoche"
ist.
Was jedoch Epoche ist, kommt im Alltagsverstand nicht vor. Kaum jemand
würde denken und aussprechen, er habe noch zum Teil in dieser oder
jener Epoche gelebt, lebe jetzt in der Epoche xyz, sei Zeuge und Miterlebender
dieses oder jenes grossen Fortschritts. Bei den grossen Brüchen,
die auch ihre Geschicke verändern, sind die meisten nicht zugegen.
Das gilt selbst für die Globalisierung, die schon längst eingetreten
war, als sie langsam begriffen werden konnte. Auch heute noch geht man
in den nationalen Öffentlichkeiten und Politiken mit ihr in Begriffen
von gestern um.
Der Fortschritt ist ein Ideologem, das die Menschen glauben macht, sie
seien Teilnehmer an geschehender Geschichte, bewegten sich gleichzeitig
und als Gemeinschaft in ihr. Obwohl dieses Ideologem im Alltagsbewusstsein
nicht vorhanden ist, wie ja auch der Fortschritt nicht erlebt wird, ist
es doch seit den rund zwei Jahrhunderten der industriegesellschaftlichen
Moderne eine Notwendigkeit. Mit der Gewissheit vom Fortschritt wurden
Staat und Wirtschaft zusammengehalten, konnten sich die grossen Kollektive
zum Erwerb von Wohlstand und zur Unterwerfung unter demokratische oder
auch nicht-demokratische Herrschaft antreiben lassen. Man konnte an ihn
als eine erreichbare, fast schon erreichte Realität glauben - ohne
zu merken, dass die eigene Realität von ihm nichts wusste und ihn
nie erreichen konnte. Er war schon immer woanders.
Es wird gefährlich, wenn die Menschen den Fortschritt, den sie ohnehin
nicht auf und unter der Haut spüren, nicht mehr glauben können;
mit einem altmodischen Wort, wenn er bis zur Unkenntlichkeit säkularisiert
wird. Eine solche Säkularisierung scheint sich nunmehr zu ereignen.
Man merkt es daran, dass die Signale, die sein ständiges Kommen anzeigen
sollen, nicht mehr richtig entzündet werden können, wenig zum
Leuchten bringen und von den Zeitgenossen mit Unlust oder Unmut wahrgenommen
werden.
Immer öfter übereilt sich der Fortschritt auch - und macht sich
damit nicht unbedingt beliebt. Er tritt in der Regel in der Gestalt von
Prognosen auf, die Hoffnungen erzeugen sollen. Eine Projektion muss, damit
sie richtig wird, sich ihre Zeit nehmen. Sie darf sich nicht zu schnell
erfüllen. Das ist zum Beispiel dem Nachvollzug des Humangenoms geschehen.
Als das Programm zu seiner Entzifferung in den späten 80er Jahren
in den USA aufgenommen wurde, gab man ihm eine Frist bis 2010. Mitte der
90er Jahre, als die internationale Beteiligung schnell grösser geworden
war, wurde das Ereignis auf 2005 vorverlegt. Man hatte nicht mit den riesigen
Sequenziermaschinen gerechnet, die bald gebaut wurden. Und dann war es
plötzlich schon die Jahrhundertwende, zu der man den Erfolg melden
konnte. Eine Enttäuschung, wenn auch eine positive. Es trug nicht
gerade zu Begeisterung für den Fortschritt bei, dass die vielen Versprechungen
auf gentechnisch gestützte Therapien nicht eingehalten werden konnten.
Die Institutionen und der Markt waren ungenügend vorbereitet.
Auch das Internet kam zu früh. Zu Anfang der 90er Jahre vom amerikanischen
Vizepräsidenten Albert Gore als Datenautobahn propagiert, legte sich
das Internet nicht nur allzu schnell auf Staat und Wirtschaft, sondern
über die gesamte Gesellschaft. Man hatte nicht vorausgesehen, dass
der Personal Computer als Massenprodukt zum Spielgebrauch sich so rasch
verbreiten würde. Wenn die Erwartung des Fortschritts verkürzt
und gemindert wird, verliert das Ideologem des Fortschritts an Bindekraft.
Nun sind es, von der Globalisierung angetrieben, gerade die Siege, die
den Fortschritt entwerten. Die Routine der vielen technischen Fortschritte
in allen Lebensbereichen nimmt den Fortschritt seine Kraft der Verheissung.
Das Pathos der Modernität verliert die Stimme. Damit verliert der
Fortschritt auch seine Moral, er stellt keine Verpflichtung dar. Für
die jüngeren Generationen zum Beispiel, die bereits völlig in
der IT-Kultur leben und die unaufhörlich ausgeweiteten Angebote der
Kommunikationstechnik wie selbstverständlich annehmen, enthält
diese Technik kein Versprechen, über dessen Erfüllungen man
glücklich sein könnte. Die aufs Höchste getriebene Rationalität
des technischen Handelns, die von jedermann im IT-System betrieben wird,
verschafft niemandem höhere Aufschwünge. Wenn in den Zeiten
der alten Industriegesellschaft die Beherrschung der fortgeschrittenen
Techniken ein Machtgefühl verlieh, so ist das heute kaum noch der
Fall. An der Spitze des Fortschritts zu stehen, kann nur noch eine veraltete
Werbetexterei empfehlen. Das Bewusstsein von Modernität, das man
in Konkurrenz oder in Gemeinschaft mit anderen erwirbt, bringt keine Erhabenheit
des Blicks, hievt niemanden nach oben. Dass die Vernetzung aller mit allen
als die wichtigste zivilisatorische Errungenschaft gepriesen wird, bedeutet
auch, dass das heroische Moment, das mit dem Fortschritt und seinen hervorragenden
Bewegern verbunden war, verschwunden ist.
In einer Gesellschaft, in der jede Entscheidung des Individuums, auch
beim Urteil über die eigene Person, im Digital ausgedrückt wird,
gibt es nur noch gleichzeitige Bewegungen aller in der Gemeinschaft. Exit
oder Voice, ein Drittes gibt es nicht. Wählst Du Voice, wirst Du
zur nächsten Entscheidung Exit oder Voice weitergeschickt. Das nimmt
auch dem Protest gegen den Fortschritt die Stimme. Die braven Leute von
Seattle mögen zwar als notwendiges Salz in der nicht mehr voranschreitenden
Weltgesellschaft angesehen werden, aber auch das, was sie vorzuschlagen
haben, enthält keine Verheissung eines anders gewandeten Fortschritts.
Es gibt nur Fortschritt oder Nicht-Fortschritt, woraus zu schliessen ist,
dass es den Fortschritt nicht gibt.
Nun ist für dieses Jahrhundert, wenn man den Blick so weit schweifen
lassen kann, noch eine dichte Reihe von wissenschaftlich-technischen Großleistungen
zu erwarten, von der Biotechnik bis zur Nanotechnik. Sie versprechen Institutionen
und Sitten in den reichen Gesellschaften des Westens aufzuwühlen.
Es schiene also geboten, diese Durchbrüche, die jeweils die Mobilisierung
grosser Organisationen erfordern, in die Perspektive eines Fortschritts
zu stellen, die Raum gibt für entsprechende Projektionen. Nach den
Erfahrungen der letzten Jahre ist nicht zu erwarten, dass dies ernsthaft
geschehen wird. Man wird vermutlich nicht über die futurologischen
Spekulationen hinausgelangen, wie sie sich in den letzten zwanzig Jahren
blamiert oder als schwächlich erwiesen haben. Gewiss bemühen
sich ein paar Dutzend amerikanischer think tanks darum, diese voraussichtlichen
Errungenschaften in eine Ordnung des Künftigen zu bringen - dies
schon deshalb, weil die amerikanische Ideologie ohne den Gedanken des
Fortschritts nicht auskommen kann. Doch wenn dabei Szenarien oder Bilder
einer Weltgesellschaft herauskommen, die sich in der Geschichte voranbewegt,
dann sind es Abzüge einer amerikanisierten Weltgesellschaft - oder
ihr Gegenteil. Dass es überhaupt keinen Fortschritt gibt, ist bei
solchen Perspektiven oder Prognosen ebenso wenig vorgesehen wie Weltgesellschaft.
Denn auch diese ist, ebenso wie der Fortschritt, nicht mehr unter unter
dem Begriff eines künftigen Ganzen zu fassen. Sicherlich werden sich
diese Grosstaten der wissenschaftlich-technischen Erfindungen ereignen,
aber sie werden sich wahrscheinlich nicht mehr als Fortschritt fassen
lassen, also in einen Begriff, der Verheissung von künftigem Glück,
auf das die ganze Menschheit Anspruch erheben kann, besagen würde.
Es scheint Konfusion und Orientierungslosigkeit angezeigt, wenn man sich
des Fortschritts, also eines Ideologems entledigt, das sich nicht mit
einem vernünftigen, geplanten Handeln in der Wirklichkeit decken
kann. Man müsste bei dieser Gelegenheit entdecken, dass sich der
Fortschritt als eine notwendige Verheissung nicht retten lässt, wenn
man sich der Geschichte, dieser grossen Lästigkeit, begeben hat.
Die Geschichte loszuwerden, weil sie nur durch unordentliche, ungereimte
Erfahrungen hinderlich wird, ist aber die immanente Absicht der IT-Kultur
und des Digitals. Um es salopp zu sagen: Wenn man den Fortschritt als
eine Verheissung des Glücks nötig hat, braucht man, weil er
sich nicht rückstossfrei ereignen kann, die Geschichte. Mit der Geschichte
aber, der immer zweideutigen und obendrein verpflichtenden, kann das digitale
Handeln nichts anfangen.
Von hier an muss das Denken dessen, was kommen könnte oder kommen
sollte, abenteuerlich werden. Das war unvermeidlich, wenn man den Fortschritt
zum Zugpferd haben wollte, das die Geschichte und damit Erfahrung nicht
auf sich nehmen sollte. Am Fortschritt lässt sich, dass muss man
im Moment des Verzichts auf Geschichtlichkeit einsehen, nicht mehr festhalten.
Er selbst hat sich, als eine säkularisierte Gestalt der Hoffnung,
den Strick gedreht. Was bedeutet dies, was tritt an seine Stelle?
(Wird fortgesetzt)
Aufhaltsame Schrumpfung
Wenn ein Kollektiv oder ein Individuum nicht wissen will, wo und in welcher
Zeit es sich befindet, obwohl die Mittel zu solchem Wissen zur Hand sind,
betreibt es Selbstverstümmelung. Alle werden darin behindert, Erfahrungen
zu machen. Das ist das Elend aller Aufklärung, und schon viele, die
im guten Glauben lebten, dass die Mehrheit nach Wissen verlangt, um Erfahrungen
machen zu können, sind darüber halbverrückt geworden. An
den Deutschen, die einstmals eine Lehrer-Gesellschaft waren, fällt
das besonders auf.
Das hindert Politiker und höhere Geistesrepräsentanten nicht,
bei jeder Gelegenheit und besonders am Ende aporetischer Betrachtungen
über die notwendige Zukunft auf der Forderung zu beharren: Hierüber
müsste doch endlich die Gesellschaft mit sich selber diskutieren
(über die Moral der Keimbahntherapie, über die Moral der PID
und die perinatale Kontrolle etc. etc.). Also über all das, wovon
sie selber wenig wissen und das Publikum noch weniger. Und wie macht man
das? Aber dafür gibt es doch die Wissenschaftsjournalisten. Nur gut,
dass diese Braven sich nicht lange fragen, ob sie nicht als Alibi in einer
Gesellschaft dienen, die sich scheut, etwas vom Wissen wissen zu wollen,
weil sie von sich selbst keine genauere Kenntnis haben möchte. Denn
dies hätte vielleicht Konsequenzen. Und dies wiederum darf den Journalisten
nichts angehen. Das Medium hält ihn davon ab.
Der kleine feine Berufsstand der Wissenschaftsjournalisten will nur das
Beste, hat es mit sehr vordringlichen Dingen zu tun und zieht daher hohe
Erwartungen auf sich. Er möchte Sphären zueinander führen,
die sich brauchen, aber sich nicht miteinander verständigen können.
Die Wissenschaften können sich nur voranbewegen, wenn sie in ihrer
Spezialsprache ausgedrückt werden. Sie brauchen aber auch eine Öffentlichkeit,
nicht nur, um Geltung und Geld zu gewinnen, sondern auch, um sich ihrer
selbst zu vergewissern. Jeder Wissenschaftler gehört in Hinsicht
auf die anderen Wissenschaften bestenfalls zum gebildeten Laientum, als
Berufsmensch bleibt er eingesperrt ins Fachwesen. Ein universell Gebildeter
kann er ohnehin nicht sein. Auch er ist angewiesen auf den wissenschaftlichen
Zwischenhandel, den die Wissenschaftsjournalisten betreiben. Auch für
ihn geht es nicht ohne das Ersatzwissen, das sich mit den Krücken
der Medien bewegt (und dabei beträchtliche Verluste an Substanz erleidet).
Die Medien ihrerseits wollen nicht nur Medium, Vehikel für den blossen
Transport des Wissens sein, auch wenn dieses höchst erwünscht
ist und für den Fortschritt gebraucht wird. Die Wissenschaften sollen,
wenn sie schon dort Platz finden, auch den Interessen der Medienindustrie
dienen. Diese Interessen aber folgen oft nicht den Prioritäten, wie
sie der Fortschritt der Wissenschaften setzen möchten. Denn man soll
sich nichts vormachen: Der Medienindustrie ist der Fortschritt selber
kein Herzensanliegen, im Gegenteil. Wenn er etwas zum Aufblühen bringt,
also neue Einsichten erzwingt, ist das meist anstrengend, lästig
für Medien, die von Routine leben. Darin liegt der innere Konflikt
der Wissenschaftsjournalisten, liegt ihr Unglück. Denn sie müssen,
um mit Gewinn vermitteln zu können, immer auf der Seite der Wissenschaften
sein, nicht auf der Seite der Einschaltquoten. Von ihnen ist die Industrie
abhängig, sie macht sich auch gerne abhängig.
In einem Bericht über Wissenschaftskommunikation schildert die Neue
Zürcher Zeitung den Zustand ("Wie die Wissenschaft mediatisiert
wird", am 26. Juli). Nicht nur führt der klassische Wissenschaftsjournalismus
nach wie vor ein Nischendasein in wenigen Elite-Medien und verliert infolge
der Zeitungskrise sogar an Platz. So etwa in der Frankfurter Allgemeinen,
die mittwochs nur noch zwei Seiten für die Naturwissenschaften hat,
statt der vier, die sie sich ein Jahrzehnt lang leistete. Auch in den
Geisteswissenschaften hat sie sich auf eine Seite halbiert. Da die FAZ
die repräsentative Zeitung der gebildeten Schichten ist, steckt in
diesem Schwund eine politische Aussage.
Generell muss sich die Berichterstattung über die Wissenschaften,
die einmal den gesamten Raum des Wissenschaftssystems und den Rang ihrer
Prioritäten darstellen wollte, nach den Interessen strecken, die
von den Medien bestimmt sind. Wie vor allem Wilfried Göpfert, Wissenschaftsjournalist
und einziger Lehrstuhlinhaber für dieses Feld in Deutschland, herausgearbeitet
hat, geht der Trend dahin, dass die "Medienlogik immer stärker
die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Medien prägt. Nachrichtenwerte
- also Verwertungsinteressen der Medien - bestimmen, welche Wissenschaftsthemen
öffentliche Resonanz finden ... Die Berichterstattung über Hochschul-,
Wissenschafts- und Forschungspolitik, an der der Wissenschaftsbetrieb
besonderes Interesse haben müsste, ist dagegen rückläufig.
Ähnlich ist das Räsonnement über Ethik in der Wissenschaft
... eine vernachlässigbare Grösse - mit einem Anteil von 2 Prozent
am Wissenschaftsjournalismus und damit etwa 0,08 Prozent an der gesamten
journalistischen Berichterstattung."
Der Berufsstand, für den Aufklärung das Hauptmotiv für
seine mühsame Arbeit sein muss, ist kaum damit zu trösten, dass
es mit den Aktualitäten der Religion und den Konfessionen nicht besser
bestellt ist. Auch hier berichten die Medien, die sich kaum noch kompetente
Journalisten leisten, nur über das, was den Quotenmessern wichtig
erscheint: Moral-Pannen, Organisationstratsch, Rückschrittlichkeit
/ Fortschrittlichkeit an sich. Dass sich die Minderheit der ernsthaft
Interessierten heute auch über Internet unterrichten kann, schafft
keinen Ausgleich. Denn nur Zeitung und Fernsehschirm können den öffentlichen
Raum schaffen, den gesamten Zusammenhang der Wichtigkeit für die
Zeitgenossenschaft, den die Wissenschaften beanspruchen müssen. Publikum
aber bringt das Internet nicht hervor.
Miszellen
Glückliche Tage
Man wagt nicht, sich den Inhalt der Millionen von Kühlschränken
vorzustellen, die von ihren Besitzern für ein paar Wochen verlassen
worden sind und bald wieder geöffnet werden müssen. Viele werden
nichts Besonderes bemerken, weil es bei ihnen immer so aussieht oder weil
die frohe Zeit zivilisatorischer Verwahrlosung ihre Sinne nicht gerade
geschärft hat. Man braucht nur diesen winzigen Fetzen Phantasie,
um zu bemerken, wie kaputt die Zeit ist, in der wir leben.
Dieser Sommer der grossen Brände, die ganze Strände verdunkeln
konnten, scheint keine besondere Steigerung der apokalyptischen Vermassung
mit sich zu bringen. Wie immer die beängstigende Bereitschaft zur
Panik an den Küsten - die dann erstaunlicherweise doch nicht ausbricht.
Diesmal scheint sogar das regelmässig wiederkehrende Drohklima gedämpft,
das seit langem zum europäischen August gehört: August 1914,
August 1939, das Lauern des bevorstehenden Krieges ist noch immer nicht
aus den Fasern unserer Erfahrung. Vielleicht liegt es daran, dass wir
für dieses Jahr unseren Krieg schon gehabt haben, wir hatten ihn
schon im vergangenen Sommer vorausgespürt.
Wer angezogen herumlaufen darf oder muss, hat es gut. Er muss nicht teilhaben
an der Hilflosigkeit, die die massenhaft hingebreiteten Leiber entblössen.
Die hässliche Natur, zu der die Arbeitsgesellschaft die Menschen
formt, wird im allgemeinen Einverständnis ausgestellt. Zurückhaltung
können sich allenfalls ein paar Reiche leisten. Die leichtsinnige
Idee, mit der Arbeitsgesellschaft sei es aus, weil die Arbeit ausgehe,
wird gerade zur glücklichen Urlaubszeit dementiert.
Tröstlich, dass sie bald wieder einigermaßen bekleidet an ihren
Arbeitsplätzen sein werden, um Konturen zu gewinnen und sich zu Individuen
zurückzubilden, mit denen man vernünftig reden kann.
West-östliches Gelände
Schwer erträglich, diese Unverfrorenheit, mit der europäische
und amerikanische Touristen in den Dünen der Sahara herumschweifen,
in südasiatischen Gewässern tauchen oder die Andengipfel gruppenweise
verunreinigen. Für die Menschen dort interessieren sie sich nicht,
sie sind eine andere Menschenklasse mit einer anderen Sprache. Man will
sich eben nur den Kick der exotischen Kulisse gönnen. Sie wissen
es, aber dass keine Menschenseele dort einen Funken von Mitgefühl
aufbringen wird, sollten sie von Banditen zu Geiseln genommen oder umgebracht
werden, kommt ihnen nicht in den Kopf.
Noch schwerer zu ertragen der Mitgenuss der Massen am Bildschirm zuhause.
Hingenommen, weil es über die Medien kommt, die auf dieses Futter
nicht mehr verzichten mögen. Wenigstens daheim menschliche Regungen,
mögen auch die Regierungen und die Exporteure fluchen. Im dritten
Jahr nach dem Fall von Manhattan sind diese gedankenlosen Vergnügungen
nicht nur obszön, sondern auch gemeingefährlich.
Zuhause hält es der Touristenpöbel nicht anders. Kein gläubiger
Christ darf sich laut empören, wenn er in seiner Gebetsversenkung
von shortbekleideten, lauten, glaubens- und verständnislosen Durchzüglern
gestört wird. Und auch der Geistliche darf sich für seine Kirche
nicht gegen die Verunreinigung des Gotteshauses wehren. Der Fremdenverkehr
der Gemeinde braucht es.
Der gläubige Muslim kann das nur verachten. Diese Westler achten
nicht einmal ihre eigenen Glaubensstätten, sie werden auch sich selbst
nicht achten. An alles legen sie ihre gierigen und schmutzigen Finger.
Wahre Christen sollten verstehen, wie man zum Islamisten, gar zum islamistischen
Terroristen werden kann.
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