10. Ausgabe - 15. August 2003

In dieser Ausgabe:


Lagebestimmung: Feigheit vor Berlusconi

Die Eröffnungsbilanzen für das kommende politische Jahr, an denen sich die Leitartikler nun schon versuchen, fallen zumeist vage und etwas ängstlich aus. Keinem strahlt es rosig, aber man will auch nicht zu düster erscheinen. Niemand will zum Beispiel die zarten Hoffnungsflammen auf einen kleinen Aufschwung austreten, eine repräsentative Zeitung tut das zu solchem Zeitpunkt nicht. Aber pessimistisch sind sie fast alle. Fast alle sehen auch einen Hoffnungsschimmer der neuen Annäherung zwischen Amerika und Deutschland. Auf die enge Bindung sind sie alle eingeschworen, den Konflikt sehen sie ungern. Eine Repolitisierung der Deutschen, die diese zu Europäern machen könnte, betrachtet die leitartikelnde Generation mit Misstrauen. Ganz und gar fürchtet sie, wie es im Zeitungsdeutsch lautet, "Alleingänge". Darin halten sie sich eng an die öffentliche Meinung, die eigentlich gar keine Meinung ist. Meinungslos gingen die Deutschen aus dem vergangenen politischen Jahr, meinungslos gehen sie, soweit man bis jetzt sehen kann, ins neue. An ihrer Zukunft als Nation seit Jahrzehnten nicht interessiert, halten die Deutschen und ihre Leitartikler an ihrem Desinteresse auch nach der Eröffnung des Orientkrieges fest.
Was der permanente Ausnahmezustand bedeutet, den Präsident Bush ausgerufen hat, ist der deutschen Intelligenz und ihren politischen Journalisten Hekuba. Es sind allenfalls ältere Intellektuelle wie Ivan Nagel (in der Süddeutschen Zeitung), die mit dem Begriff und den Begriffen des Politischen umgehen, weil sie Carl Schmitt und seine Zeit unter der Hirnhaut haben. Wie aus diesen Bilanzierungen hervorgeht, will die von den grossen Zeitungen repräsentierte Öffentlichkeit nur Ruhe, verlangt nach Nicht-Einmischung. In der Welt voller Gewalt, die mit dem langsamen Zerfall des Imperiums noch härter wird, erlaubt man sich das Dabeisein allenfalls, wenn "Humanitär" auf dem Etikett steht.
Wenn im Herbst das grosse europäische Erweiterungsjahr eröffnet wird, so plagt die deutsche Zeitungsöffentlichkeit zuerst einmal die Sorge: Hoffentlich wird Silvio Berlusconi, der am 1. Juli eingewiesene Ratspräsident, keinen grösseren Unfug machen. Und in vereinter Feigheit mit den übrigen Europäern hoffen sie darauf, dass er gar nicht dazu kommt etwas zu tun oder sich so lächerlich macht, dass sie darauf nicht reagieren müssen. Diesen Gefallen wird ihnen der machtkranke neue Arturo Ui, der sich zum Schosskind von Präsident Bush zu machen verstand, nicht tun. Sein Aufstieg zum ersten Repräsentanten Europas war aufhaltbar, und es wurde zum grössten politischen Sündenfall der Europäer, dass sie diesen Neo-Duce nicht verhinderten.
Man hat einen Hauptgrund dafür, dass der Türkei der Eintritt in die Gemeinschaft verwehrt wird, nur selten genannt, aus begreiflichen Gründen: Im ökonomischen Bund sollten nur Nationen zusammengefasst sein, die auch gemeinsam an einer politischen Verfassung mitarbeiten können. Das gilt für Malta wie für Slowenien, aber es wird vermutlich nie für die Türkei gelten können, auch nie für Russland. Die Türkei gehört aber ebenso wie Russland einem anderen politisch-geographischen Raum an, der sich an Europa nicht anschliessen lässt, selbst wenn dort eines Tages die westlichen Bürgerrechte einziehen sollten. Aber es ist vor allem die Berufung auf die politisch-moralischen Standards, mit der man diese Nationen fernhält. Wenn es den Europäern ernst ist, wie konnten sie dann einen Berlusconi ins höchste politische Amt gelangen lassen? The Economist, der stets gegen Berlusconi Standhafte, hat umfänglich dokumentiert, was die politischen Klassen und die Leitartikler zu deutlich nicht wahrnehmen wollen (in der Ausgabe vom 2. August): Dass dieser Mann allein von seinen Interessen besessen ist, dass ihm fast jede Schurkerei recht ist, die diese Interessen fördert, und dass ihm das nationale ebenso wie das europäische Wohl gleichgültig ist.
Nach dem Unfall der ersten Regierung Berlusconi konnten die Europäer wissen, mit wem sie es zu tun hatten und dass er der letzte ist, eine politische Verfassung voranzubringen. 55 Prozent von ihnen haben ja auch nie von einem Verfassungskonvent gehört. Selbst wenn die kommenden vier Monate Berlusconi Episode bleiben sollten, in der alles stockte, das moralische Rückgrat bleibt angeknickt.
Die Deutschen werden Knick bald schmerzlich spüren, nämlich dann, wenn Amerika in der nächsten Welthandelsrunde mit Europa in den Clinch geht. Die Leute von Bush sind nicht nur entschlossen, die Europäer bei dieser Gelegenheit zu demütigen, sondern generell ihre Union auf einen geringeren Platz zu verweisen. Wenn der permanente Ausnahmezustand verkündet ist, gilt er, jedenfalls nach der imperialen Auffassung, auch in den Handelsbeziehungen. Amerika hat oft genug gezeigt, welcher Mittel es sich zu bedienen weiss, wenn es die Interessen seiner Bürger bedroht sieht. Und es wechselt, wenn es ihm geboten scheint, die Fronten ebenso schnell wie die Franzosen oder die Briten. Mit Amerika noch einmal die alten guten Beziehungen herzustellen, lohnt kaum einer besonderen Mühe. Amerika, das nunmehr auf das ganze politische Europa fixiert ist, wird solche Mühe nicht honorieren können, schon weil es darauf eingestellt ist, ringsum Gegner zu sehen. Das werden alle Europäer der Reihe nach lernen. Amerika, das ist sein historisches Gesetz, kann nur mit gut bewehrten und unabhängigen Partnern vorübergehende Freundschaften schliessen, die als gemeinsame Interessenlagen behandelt werden können.
Alle diese Erwartungen sind so sicher, dass sie mit schwerer Tinte in die Eröffnungsbilanz geschrieben werden können.


Positive Nicht-Erwartung II

Was vor 58 Jahren in Hiroshima geschah, wurde von der Mehrheit der Amerikaner nicht sogleich verstanden, es wurde ihnen auch nicht erklärt. Sie konnten es nicht bedenken, es nicht zur Erfahrung machen. Auch wenn sie besser informiert gewesen wären - das Ereignis fiel noch vor der Fernseh-Ära in die Welt ein - , wäre es ihnen schwerlich als ein Fortschrittssprung zu Bewusstsein gekommen. So wurde es von den meisten nur als eine letzte Steigerung des Bombenkriegs, mit der wieder Friede hergestellt werden konnte, wahrgenommen. Es waren jedenfalls ganz wenige, denen sofort klar war, dass es sich um eine Zeitenwende handelte. Auch in Europa, das sich weit entfernt fühlte, konnte nur eine kleine Minderheit den Vorgang als eine Umwälzung in der Menschheitsgeschichte auffassen.
Auch ein anderthalb Jahrzehnte später eintretender Welt-Fortschritt wurde von den meisten Zeitgenossen nur schwach wahrgenommen, obwohl sie diesmal sogar darauf vorbereitet sein konnten. Es war die Errichtung des Systems der atomaren Total-Abschreckung, an das sich die beiden Weltmächte seit den frühen 60er Jahren gefesselt hatten. Nur die Selbstmorddrohung auf Gegenseitigkeit schien sie vor regellos gesteigerter Gewalt bewahren und das Überleben sichern zu können. Auch diese System-Zeit, die vor zwanzig Jahren langsam zu verfallen begann, bedeutete Epoche, war ein Welt-Fortschritt, der die Ordnungen der Staatsgewalt neu formierte. Doch die meisten, die ihm unterworfen waren, konnten ihn nicht erleben, in Amerika ebensowenig wie in Europa. Sie waren vom Drohgehäuse umfangen, trugen es selber mit, aber es entging ihnen, dass auch dies ein mitgelebter Fortschritt war, man könnte auch sagen, eine Modernität.
Wenn sich die wissenschaftliche Weltsicht durch eine Grosstat der Forschung ändert, etwa durch einen Galilei oder einen Darwin oder die Entdeckung der Doppelhelix, sprechen die Historiker und Philosophen von einem Wechsel des Paradigmas. Das ist nicht einfach eine Revolution mit ihren Ungewissheiten. Das Neue muss als eine ganze Ordnung die alte Ordnung mit ihren Arbeitsmethoden und Spielregeln ersetzen. Diese Paradigmenwechsel der Staatsgewalt waren jedoch nicht unbegreifbar, sie vollzogen sich nicht hinter dem Rücken der Geschichte, deren Haupt- und Krönungswort die "Epoche" ist.
Was jedoch Epoche ist, kommt im Alltagsverstand nicht vor. Kaum jemand würde denken und aussprechen, er habe noch zum Teil in dieser oder jener Epoche gelebt, lebe jetzt in der Epoche xyz, sei Zeuge und Miterlebender dieses oder jenes grossen Fortschritts. Bei den grossen Brüchen, die auch ihre Geschicke verändern, sind die meisten nicht zugegen. Das gilt selbst für die Globalisierung, die schon längst eingetreten war, als sie langsam begriffen werden konnte. Auch heute noch geht man in den nationalen Öffentlichkeiten und Politiken mit ihr in Begriffen von gestern um.
Der Fortschritt ist ein Ideologem, das die Menschen glauben macht, sie seien Teilnehmer an geschehender Geschichte, bewegten sich gleichzeitig und als Gemeinschaft in ihr. Obwohl dieses Ideologem im Alltagsbewusstsein nicht vorhanden ist, wie ja auch der Fortschritt nicht erlebt wird, ist es doch seit den rund zwei Jahrhunderten der industriegesellschaftlichen Moderne eine Notwendigkeit. Mit der Gewissheit vom Fortschritt wurden Staat und Wirtschaft zusammengehalten, konnten sich die grossen Kollektive zum Erwerb von Wohlstand und zur Unterwerfung unter demokratische oder auch nicht-demokratische Herrschaft antreiben lassen. Man konnte an ihn als eine erreichbare, fast schon erreichte Realität glauben - ohne zu merken, dass die eigene Realität von ihm nichts wusste und ihn nie erreichen konnte. Er war schon immer woanders.
Es wird gefährlich, wenn die Menschen den Fortschritt, den sie ohnehin nicht auf und unter der Haut spüren, nicht mehr glauben können; mit einem altmodischen Wort, wenn er bis zur Unkenntlichkeit säkularisiert wird. Eine solche Säkularisierung scheint sich nunmehr zu ereignen. Man merkt es daran, dass die Signale, die sein ständiges Kommen anzeigen sollen, nicht mehr richtig entzündet werden können, wenig zum Leuchten bringen und von den Zeitgenossen mit Unlust oder Unmut wahrgenommen werden.
Immer öfter übereilt sich der Fortschritt auch - und macht sich damit nicht unbedingt beliebt. Er tritt in der Regel in der Gestalt von Prognosen auf, die Hoffnungen erzeugen sollen. Eine Projektion muss, damit sie richtig wird, sich ihre Zeit nehmen. Sie darf sich nicht zu schnell erfüllen. Das ist zum Beispiel dem Nachvollzug des Humangenoms geschehen. Als das Programm zu seiner Entzifferung in den späten 80er Jahren in den USA aufgenommen wurde, gab man ihm eine Frist bis 2010. Mitte der 90er Jahre, als die internationale Beteiligung schnell grösser geworden war, wurde das Ereignis auf 2005 vorverlegt. Man hatte nicht mit den riesigen Sequenziermaschinen gerechnet, die bald gebaut wurden. Und dann war es plötzlich schon die Jahrhundertwende, zu der man den Erfolg melden konnte. Eine Enttäuschung, wenn auch eine positive. Es trug nicht gerade zu Begeisterung für den Fortschritt bei, dass die vielen Versprechungen auf gentechnisch gestützte Therapien nicht eingehalten werden konnten. Die Institutionen und der Markt waren ungenügend vorbereitet.
Auch das Internet kam zu früh. Zu Anfang der 90er Jahre vom amerikanischen Vizepräsidenten Albert Gore als Datenautobahn propagiert, legte sich das Internet nicht nur allzu schnell auf Staat und Wirtschaft, sondern über die gesamte Gesellschaft. Man hatte nicht vorausgesehen, dass der Personal Computer als Massenprodukt zum Spielgebrauch sich so rasch verbreiten würde. Wenn die Erwartung des Fortschritts verkürzt und gemindert wird, verliert das Ideologem des Fortschritts an Bindekraft.
Nun sind es, von der Globalisierung angetrieben, gerade die Siege, die den Fortschritt entwerten. Die Routine der vielen technischen Fortschritte in allen Lebensbereichen nimmt den Fortschritt seine Kraft der Verheissung. Das Pathos der Modernität verliert die Stimme. Damit verliert der Fortschritt auch seine Moral, er stellt keine Verpflichtung dar. Für die jüngeren Generationen zum Beispiel, die bereits völlig in der IT-Kultur leben und die unaufhörlich ausgeweiteten Angebote der Kommunikationstechnik wie selbstverständlich annehmen, enthält diese Technik kein Versprechen, über dessen Erfüllungen man glücklich sein könnte. Die aufs Höchste getriebene Rationalität des technischen Handelns, die von jedermann im IT-System betrieben wird, verschafft niemandem höhere Aufschwünge. Wenn in den Zeiten der alten Industriegesellschaft die Beherrschung der fortgeschrittenen Techniken ein Machtgefühl verlieh, so ist das heute kaum noch der Fall. An der Spitze des Fortschritts zu stehen, kann nur noch eine veraltete Werbetexterei empfehlen. Das Bewusstsein von Modernität, das man in Konkurrenz oder in Gemeinschaft mit anderen erwirbt, bringt keine Erhabenheit des Blicks, hievt niemanden nach oben. Dass die Vernetzung aller mit allen als die wichtigste zivilisatorische Errungenschaft gepriesen wird, bedeutet auch, dass das heroische Moment, das mit dem Fortschritt und seinen hervorragenden Bewegern verbunden war, verschwunden ist.
In einer Gesellschaft, in der jede Entscheidung des Individuums, auch beim Urteil über die eigene Person, im Digital ausgedrückt wird, gibt es nur noch gleichzeitige Bewegungen aller in der Gemeinschaft. Exit oder Voice, ein Drittes gibt es nicht. Wählst Du Voice, wirst Du zur nächsten Entscheidung Exit oder Voice weitergeschickt. Das nimmt auch dem Protest gegen den Fortschritt die Stimme. Die braven Leute von Seattle mögen zwar als notwendiges Salz in der nicht mehr voranschreitenden Weltgesellschaft angesehen werden, aber auch das, was sie vorzuschlagen haben, enthält keine Verheissung eines anders gewandeten Fortschritts. Es gibt nur Fortschritt oder Nicht-Fortschritt, woraus zu schliessen ist, dass es den Fortschritt nicht gibt.
Nun ist für dieses Jahrhundert, wenn man den Blick so weit schweifen lassen kann, noch eine dichte Reihe von wissenschaftlich-technischen Großleistungen zu erwarten, von der Biotechnik bis zur Nanotechnik. Sie versprechen Institutionen und Sitten in den reichen Gesellschaften des Westens aufzuwühlen. Es schiene also geboten, diese Durchbrüche, die jeweils die Mobilisierung grosser Organisationen erfordern, in die Perspektive eines Fortschritts zu stellen, die Raum gibt für entsprechende Projektionen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre ist nicht zu erwarten, dass dies ernsthaft geschehen wird. Man wird vermutlich nicht über die futurologischen Spekulationen hinausgelangen, wie sie sich in den letzten zwanzig Jahren blamiert oder als schwächlich erwiesen haben. Gewiss bemühen sich ein paar Dutzend amerikanischer think tanks darum, diese voraussichtlichen Errungenschaften in eine Ordnung des Künftigen zu bringen - dies schon deshalb, weil die amerikanische Ideologie ohne den Gedanken des Fortschritts nicht auskommen kann. Doch wenn dabei Szenarien oder Bilder einer Weltgesellschaft herauskommen, die sich in der Geschichte voranbewegt, dann sind es Abzüge einer amerikanisierten Weltgesellschaft - oder ihr Gegenteil. Dass es überhaupt keinen Fortschritt gibt, ist bei solchen Perspektiven oder Prognosen ebenso wenig vorgesehen wie Weltgesellschaft. Denn auch diese ist, ebenso wie der Fortschritt, nicht mehr unter unter dem Begriff eines künftigen Ganzen zu fassen. Sicherlich werden sich diese Grosstaten der wissenschaftlich-technischen Erfindungen ereignen, aber sie werden sich wahrscheinlich nicht mehr als Fortschritt fassen lassen, also in einen Begriff, der Verheissung von künftigem Glück, auf das die ganze Menschheit Anspruch erheben kann, besagen würde.
Es scheint Konfusion und Orientierungslosigkeit angezeigt, wenn man sich des Fortschritts, also eines Ideologems entledigt, das sich nicht mit einem vernünftigen, geplanten Handeln in der Wirklichkeit decken kann. Man müsste bei dieser Gelegenheit entdecken, dass sich der Fortschritt als eine notwendige Verheissung nicht retten lässt, wenn man sich der Geschichte, dieser grossen Lästigkeit, begeben hat. Die Geschichte loszuwerden, weil sie nur durch unordentliche, ungereimte Erfahrungen hinderlich wird, ist aber die immanente Absicht der IT-Kultur und des Digitals. Um es salopp zu sagen: Wenn man den Fortschritt als eine Verheissung des Glücks nötig hat, braucht man, weil er sich nicht rückstossfrei ereignen kann, die Geschichte. Mit der Geschichte aber, der immer zweideutigen und obendrein verpflichtenden, kann das digitale Handeln nichts anfangen.
Von hier an muss das Denken dessen, was kommen könnte oder kommen sollte, abenteuerlich werden. Das war unvermeidlich, wenn man den Fortschritt zum Zugpferd haben wollte, das die Geschichte und damit Erfahrung nicht auf sich nehmen sollte. Am Fortschritt lässt sich, dass muss man im Moment des Verzichts auf Geschichtlichkeit einsehen, nicht mehr festhalten. Er selbst hat sich, als eine säkularisierte Gestalt der Hoffnung, den Strick gedreht. Was bedeutet dies, was tritt an seine Stelle?


(Wird fortgesetzt)


Aufhaltsame Schrumpfung

Wenn ein Kollektiv oder ein Individuum nicht wissen will, wo und in welcher Zeit es sich befindet, obwohl die Mittel zu solchem Wissen zur Hand sind, betreibt es Selbstverstümmelung. Alle werden darin behindert, Erfahrungen zu machen. Das ist das Elend aller Aufklärung, und schon viele, die im guten Glauben lebten, dass die Mehrheit nach Wissen verlangt, um Erfahrungen machen zu können, sind darüber halbverrückt geworden. An den Deutschen, die einstmals eine Lehrer-Gesellschaft waren, fällt das besonders auf.
Das hindert Politiker und höhere Geistesrepräsentanten nicht, bei jeder Gelegenheit und besonders am Ende aporetischer Betrachtungen über die notwendige Zukunft auf der Forderung zu beharren: Hierüber müsste doch endlich die Gesellschaft mit sich selber diskutieren (über die Moral der Keimbahntherapie, über die Moral der PID und die perinatale Kontrolle etc. etc.). Also über all das, wovon sie selber wenig wissen und das Publikum noch weniger. Und wie macht man das? Aber dafür gibt es doch die Wissenschaftsjournalisten. Nur gut, dass diese Braven sich nicht lange fragen, ob sie nicht als Alibi in einer Gesellschaft dienen, die sich scheut, etwas vom Wissen wissen zu wollen, weil sie von sich selbst keine genauere Kenntnis haben möchte. Denn dies hätte vielleicht Konsequenzen. Und dies wiederum darf den Journalisten nichts angehen. Das Medium hält ihn davon ab.

Der kleine feine Berufsstand der Wissenschaftsjournalisten will nur das Beste, hat es mit sehr vordringlichen Dingen zu tun und zieht daher hohe Erwartungen auf sich. Er möchte Sphären zueinander führen, die sich brauchen, aber sich nicht miteinander verständigen können. Die Wissenschaften können sich nur voranbewegen, wenn sie in ihrer Spezialsprache ausgedrückt werden. Sie brauchen aber auch eine Öffentlichkeit, nicht nur, um Geltung und Geld zu gewinnen, sondern auch, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Jeder Wissenschaftler gehört in Hinsicht auf die anderen Wissenschaften bestenfalls zum gebildeten Laientum, als Berufsmensch bleibt er eingesperrt ins Fachwesen. Ein universell Gebildeter kann er ohnehin nicht sein. Auch er ist angewiesen auf den wissenschaftlichen Zwischenhandel, den die Wissenschaftsjournalisten betreiben. Auch für ihn geht es nicht ohne das Ersatzwissen, das sich mit den Krücken der Medien bewegt (und dabei beträchtliche Verluste an Substanz erleidet). Die Medien ihrerseits wollen nicht nur Medium, Vehikel für den blossen Transport des Wissens sein, auch wenn dieses höchst erwünscht ist und für den Fortschritt gebraucht wird. Die Wissenschaften sollen, wenn sie schon dort Platz finden, auch den Interessen der Medienindustrie dienen. Diese Interessen aber folgen oft nicht den Prioritäten, wie sie der Fortschritt der Wissenschaften setzen möchten. Denn man soll sich nichts vormachen: Der Medienindustrie ist der Fortschritt selber kein Herzensanliegen, im Gegenteil. Wenn er etwas zum Aufblühen bringt, also neue Einsichten erzwingt, ist das meist anstrengend, lästig für Medien, die von Routine leben. Darin liegt der innere Konflikt der Wissenschaftsjournalisten, liegt ihr Unglück. Denn sie müssen, um mit Gewinn vermitteln zu können, immer auf der Seite der Wissenschaften sein, nicht auf der Seite der Einschaltquoten. Von ihnen ist die Industrie abhängig, sie macht sich auch gerne abhängig.
In einem Bericht über Wissenschaftskommunikation schildert die Neue Zürcher Zeitung den Zustand ("Wie die Wissenschaft mediatisiert wird", am 26. Juli). Nicht nur führt der klassische Wissenschaftsjournalismus nach wie vor ein Nischendasein in wenigen Elite-Medien und verliert infolge der Zeitungskrise sogar an Platz. So etwa in der Frankfurter Allgemeinen, die mittwochs nur noch zwei Seiten für die Naturwissenschaften hat, statt der vier, die sie sich ein Jahrzehnt lang leistete. Auch in den Geisteswissenschaften hat sie sich auf eine Seite halbiert. Da die FAZ die repräsentative Zeitung der gebildeten Schichten ist, steckt in diesem Schwund eine politische Aussage.
Generell muss sich die Berichterstattung über die Wissenschaften, die einmal den gesamten Raum des Wissenschaftssystems und den Rang ihrer Prioritäten darstellen wollte, nach den Interessen strecken, die von den Medien bestimmt sind. Wie vor allem Wilfried Göpfert, Wissenschaftsjournalist und einziger Lehrstuhlinhaber für dieses Feld in Deutschland, herausgearbeitet hat, geht der Trend dahin, dass die "Medienlogik immer stärker die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Medien prägt. Nachrichtenwerte - also Verwertungsinteressen der Medien - bestimmen, welche Wissenschaftsthemen öffentliche Resonanz finden ... Die Berichterstattung über Hochschul-, Wissenschafts- und Forschungspolitik, an der der Wissenschaftsbetrieb besonderes Interesse haben müsste, ist dagegen rückläufig. Ähnlich ist das Räsonnement über Ethik in der Wissenschaft ... eine vernachlässigbare Grösse - mit einem Anteil von 2 Prozent am Wissenschaftsjournalismus und damit etwa 0,08 Prozent an der gesamten journalistischen Berichterstattung."
Der Berufsstand, für den Aufklärung das Hauptmotiv für seine mühsame Arbeit sein muss, ist kaum damit zu trösten, dass es mit den Aktualitäten der Religion und den Konfessionen nicht besser bestellt ist. Auch hier berichten die Medien, die sich kaum noch kompetente Journalisten leisten, nur über das, was den Quotenmessern wichtig erscheint: Moral-Pannen, Organisationstratsch, Rückschrittlichkeit / Fortschrittlichkeit an sich. Dass sich die Minderheit der ernsthaft Interessierten heute auch über Internet unterrichten kann, schafft keinen Ausgleich. Denn nur Zeitung und Fernsehschirm können den öffentlichen Raum schaffen, den gesamten Zusammenhang der Wichtigkeit für die Zeitgenossenschaft, den die Wissenschaften beanspruchen müssen. Publikum aber bringt das Internet nicht hervor.


Miszellen

Glückliche Tage

Man wagt nicht, sich den Inhalt der Millionen von Kühlschränken vorzustellen, die von ihren Besitzern für ein paar Wochen verlassen worden sind und bald wieder geöffnet werden müssen. Viele werden nichts Besonderes bemerken, weil es bei ihnen immer so aussieht oder weil die frohe Zeit zivilisatorischer Verwahrlosung ihre Sinne nicht gerade geschärft hat. Man braucht nur diesen winzigen Fetzen Phantasie, um zu bemerken, wie kaputt die Zeit ist, in der wir leben.
Dieser Sommer der grossen Brände, die ganze Strände verdunkeln konnten, scheint keine besondere Steigerung der apokalyptischen Vermassung mit sich zu bringen. Wie immer die beängstigende Bereitschaft zur Panik an den Küsten - die dann erstaunlicherweise doch nicht ausbricht. Diesmal scheint sogar das regelmässig wiederkehrende Drohklima gedämpft, das seit langem zum europäischen August gehört: August 1914, August 1939, das Lauern des bevorstehenden Krieges ist noch immer nicht aus den Fasern unserer Erfahrung. Vielleicht liegt es daran, dass wir für dieses Jahr unseren Krieg schon gehabt haben, wir hatten ihn schon im vergangenen Sommer vorausgespürt.
Wer angezogen herumlaufen darf oder muss, hat es gut. Er muss nicht teilhaben an der Hilflosigkeit, die die massenhaft hingebreiteten Leiber entblössen. Die hässliche Natur, zu der die Arbeitsgesellschaft die Menschen formt, wird im allgemeinen Einverständnis ausgestellt. Zurückhaltung können sich allenfalls ein paar Reiche leisten. Die leichtsinnige Idee, mit der Arbeitsgesellschaft sei es aus, weil die Arbeit ausgehe, wird gerade zur glücklichen Urlaubszeit dementiert.
Tröstlich, dass sie bald wieder einigermaßen bekleidet an ihren Arbeitsplätzen sein werden, um Konturen zu gewinnen und sich zu Individuen zurückzubilden, mit denen man vernünftig reden kann.


West-östliches Gelände

Schwer erträglich, diese Unverfrorenheit, mit der europäische und amerikanische Touristen in den Dünen der Sahara herumschweifen, in südasiatischen Gewässern tauchen oder die Andengipfel gruppenweise verunreinigen. Für die Menschen dort interessieren sie sich nicht, sie sind eine andere Menschenklasse mit einer anderen Sprache. Man will sich eben nur den Kick der exotischen Kulisse gönnen. Sie wissen es, aber dass keine Menschenseele dort einen Funken von Mitgefühl aufbringen wird, sollten sie von Banditen zu Geiseln genommen oder umgebracht werden, kommt ihnen nicht in den Kopf.
Noch schwerer zu ertragen der Mitgenuss der Massen am Bildschirm zuhause. Hingenommen, weil es über die Medien kommt, die auf dieses Futter nicht mehr verzichten mögen. Wenigstens daheim menschliche Regungen, mögen auch die Regierungen und die Exporteure fluchen. Im dritten Jahr nach dem Fall von Manhattan sind diese gedankenlosen Vergnügungen nicht nur obszön, sondern auch gemeingefährlich.
Zuhause hält es der Touristenpöbel nicht anders. Kein gläubiger Christ darf sich laut empören, wenn er in seiner Gebetsversenkung von shortbekleideten, lauten, glaubens- und verständnislosen Durchzüglern gestört wird. Und auch der Geistliche darf sich für seine Kirche nicht gegen die Verunreinigung des Gotteshauses wehren. Der Fremdenverkehr der Gemeinde braucht es.
Der gläubige Muslim kann das nur verachten. Diese Westler achten nicht einmal ihre eigenen Glaubensstätten, sie werden auch sich selbst nicht achten. An alles legen sie ihre gierigen und schmutzigen Finger. Wahre Christen sollten verstehen, wie man zum Islamisten, gar zum islamistischen Terroristen werden kann.

 

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