13. Ausgabe - Freitag, den 26. September 2003

In dieser Ausgabe:


Lagebestimmung: Bildungsfäule

Für Deutschland und seine Deutschen zu fürchten sehen die meisten Deutschen keinen Anlass oder sind zu bequem dazu. Vor den Deutschen fürchten sich nur wenige ihrer Landsleute, man hört und liest sie kaum. Kürzlich jedoch kam ein Befund auf, der für die Deutschen ernstlich fürchten lässt und daher vor ihnen Furcht machen müsste. Sie selber merken das nicht, können es auch nicht merken. Das ergibt sich aus dem Befund selber.
Das Institut für Demoskopie Allensbach hat das Ergebnis einer Umfrage zum Interesse der Deutschen an der Schule und am Bildungswesen überhaupt vorgestellt, vor dem jedem Lehrer und jedem Bildungspolitiker die Arme sinken müssten. <Renate Köcher: Gleichmut im Umgang mit einem Schicksalsthema, FAZ 20.8.03> Zwar meinen 80 Prozent, die Zukunft des Landes hänge von einer hervorragenden Ausbildung ab, nach Überzeugung von 78 Prozent von einem insgesamt hervorragenden Bildungssystem. Aber diese anscheinend Bildungsüberzeugten wollen sich ihre Überzeugung nicht das Einfachste und Billigste kosten lassen, nämlich Neugier, Orientierung, informierte Besorgnis. Zwar halten 42 Prozent der Bevölkerung, 44 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder und 51 Prozent der Ostdeutschen den Zustand des Bildungswesens für unbefriedigend. Aber nur 30 Prozent haben den Eindruck, dass dieses Thema die Menschen besonders bewegt. Nur 21 Prozent der Bevölkerung, 32 Prozent der Eltern von Schulkindern haben die Berichterstattung über die Pisa-Studie näher verfolgt. Usw., usf.
Der kurzatmige Aktionismus, der auf die Enthüllungen der Pisa-Studie gefolgt war, hat diese deprimierende Panorama der deutschen Unlust zur Schulbildung und zur Bildung schlechthin bestätigt: Mehr Konkurrenz der Einrichtungen, mehr Angebote, bessere Auswahl der Begabten - bis hin zum Benimm-Unterricht in der Schule, viel mehr kam da nicht auf. Jetzt ist auch diese Oberflächen-Aufregung wieder geglättet. Die Medien haben alles, was sie daran finden konnten, ausgelutscht. Die Studie war ja auch von vornherein viel zu mediengerecht aufbereitet, insbesondere mit ihren törichten Ranglisten, als dass sie eine nachhallende Erschütterung hätte hinterlassen können. Schon vorher konnte jeder, der sich die heutigen Deutschen und im Speziellen die deutschen Eltern genauer ansah, über ihre selbstzufriedene Ignoranz Bescheid wissen. Aber da man sich mit gutem Grund scheuen muss, sich zu solchen Vokabeln hinreissen zu lassen, weil sie ohnehin an der Volksträgheit abprallen, lässt man es besser ganz sein. Also wird niemand die deutsche Pathologie untersuchen wollen, weil man sie Pathologie nicht nennen möchte, bei Strafe des Abrutschens ins hilflose Feuilleton. Es hat keinen Sinn, um die Deutschen zu fürchten, sie hörens nicht, sie riechens nicht, sie sehens nicht.
Das ist es, was Angst vor den Deutschen macht. Da sie offensichtlich in ihrer Mehrheit unfähig dazu sind, an ihrer Ignoranz zu leiden, möchte man auch ihrer Friedensliebe nicht recht trauen, nicht ihrer Fähigkeit zu sozialer Solidarität, nicht ihrer nüchternen Toleranz - all diesen Qualitäten, die man in den letzten Jahrzehnten gerne an ihnen entdeckt hat. Es sind ja auch zumeist Qualitäten des Hinnehmens, des Ertragens, im guten Fall der Kompromissfähigkeit. Es war angenehm, das Misstrauen gegenüber den Deutschen zu verlieren und Gründe dafür anführen zu können.
Betrachtet man aus einiger Distanz die Deutschen im Umkreis der übrigen Europäer, so wird man fast allen anderen mehr Interesse an allgemeiner Bildung, mehr Lust aufs Gebildetsein zusprechen. Das muss nicht so stimmen, und es wäre unsinnig, das mithilfe von OECD-Untersuchungen zu ermitteln. Aber es lässt sich wenig entdecken, das dagegen spräche. Also was nun? Weiter nichts. Der Befund bringt eine erfrischende Ernüchterung: Man kann sich nicht empören, man kann niemanden anklagen, man kann gegen diesen deutschen Zustand nichts tun. Es hätte keinen Sinn, Bildung zu mobilisieren, um Bildungsinteressen zu wecken, wo Interessen nicht sind. Es gab Bildungsbewegungen in Deutschland, weil Bildung breit und tief angelegt war. Und wenn schon das Millionenpersonal der Bildungsanstalten sich nicht rühren kann, wer sollte dann Programme der Volksbildung entwerfen und voranbringen? Nicht mehr verspräche es, auf eine neue Generation und ihren Bildungshunger zu hoffen. Die heutigen Jungen sind so konformistisch gegenüber Bildung und den eigenen Institutionen wie die Alten. Nehmen wir es einstweilen hin: Die deutsche Nation ist heute bildungsferne wie seit Menschengedenken nicht. Ungebildet sind auch die Amerikaner, obendrein mögen sie gebildete Leute nicht besonders leiden. Das ist bei den Deutschen nicht der Fall. Noch muss, wer gebildet ist, nicht in Katakomben leben. Es gibt eben nicht allzuviele, denen er sich zu erkennen geben kann.


Grössenwahn: Frankreichs Fall

Zu den grossen Plagen der Modernität gehört der wirtschaftliche Leistungsvergleich zwischen den Nationen, das Ranking ihrer Tüchtigkeit. Es soll zugleich das Mass ihrer Fortschrittlichkeit anzeigen. Aber nicht einmal dazu ist es nütze. Denn es gibt immer nur Zerrbilder her, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben.
Für die politische Praxis der Regierungen hat das Ranking keine grosse Bedeutung. Sie lassen sich damit nicht anspornen, ihrem Land einen "Schock" der radikalen Reformen zu versetzen oder sich den "Ruck" zu geben, den einmal ein fast schon vergessener Bundespräsident gefordert hatte. Es sagt den Regierungen wenig und nützt ihnen nichts, wenn die internationalen Agenturen ihnen bescheinigen, bei der Staatsverschuldung, beim Wachstum der Arbeitsproduktivität und bei der Inflationsrate lägen sie hinter Land X und Land Y um soundsoviele Stellen zurück, lägen aber beim Abbau der Handelsschranken lobenswerter Weise ganz vorne. Noch am ehesten von Wert ist das Ranking für die Allerärmsten, die Hilfsempfänger, die ohnehin ausserhalb der Wirtschaftskonkurrenz liegen. Ob ein Land das Viertärmste oder das Achtärmste unter den Bedürftigen ist, kann für den Umfang der UN-Unterstützung wichtig sein.
Gebraucht werden die Rangskalen der internationalen Leistungsvergleiche vor allem von den moralischen Einpeitschern der Vulgärökonomie in den Medien und in der Parteienpolemik. Sie bedienen sich dieser Peitsche, mit der man vielleicht schnalzen, aber nicht schlagen kann, um Marktklima gegen die eh und je verkrusten Strukturen des Staates herzustellen und Öffentlichkeit vorzutäuschen. Darin vor allem besteht der Daseinszweck der grossen Ranking-Maschine OECD. Aber auch viele andere Agenturen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds - der soeben Deutschland gerügt hat, es bilde das "Schlusslicht" der Eurowirtschaft - geben sich damit Autorität. Vor allem den Vereinten Nationen ist das Ranking ihrer Mitglieder unentbehrlich. Denn es wird damit demonstriert, dass die Welt eine ganze und somit lückenlose ist, die sich in Staatsherrschaft entwickeln muss. De Einheit der Welt weist sich offensichtlich am besten darin nach, dass die Potentiale der Staaten von oben nach unten und von unten nach oben angeordnet werden. Damit hat man ein übersichtliches Ordnungsprinzip. Das macht jedoch das Ranking zu einem Instrument der ständigen Demütigung der Nationen, die immer wieder auf ihre Reife geprüft werden - vor der normgebenden Instanz Internationaler Markt. Und alle Nationen müssen mitspielen, weil sie sonst nicht in die Welt eingeschlossen wären.
Letzthin hat es wieder einmal Frankreich erwischt. Wie eine Veröffentlichung aus Brüssel feststellt, ist das Land innerhalb von zehn Jahren aus dem Kern der Europäischen Gemeinschaft geglitten, die Mitbegründer-Nation ist vom dritten auf den zehnten Rang heruntergekommen. Die Zahlen, die dem Urteil zugrundeliegen, sind zwar falsch, wie sofort das Statistische Staatsbüro INSEE feststellte. Doch geht es der Nation ohnehin schlecht, ökonomisch, institutionell wie vor allem moralisch. So befindet schon seit längerem die Pariser Medien-, Experten- und Politikerintelligenz, die konservative noch vehement als die links-progressive. Die entsprechenden Demoskopie-Befunde fanden sich, wie es die Regel ist bei der Ausrufung schlechter öffentlicher Laune, auch prompt ein. Aber wie immer weiss man nicht genau, was die Franzosen wirklich denken und fühlen, oder ob, wie viele regierungsferne Konservative behaupten, es sich nur um ein Malaise, eine allgemeine Mißstimmung handelt, wie sie die Franzosen regelmässig zur Zeit der Rentrée, dem Schulanfang und dem Wiederanfang aller öffentlichen Angelegenheiten heimsucht. Eine Krise, und zwar eine vernichtend schwere, behauptet der Ökonom und Historiker Nicolas Baverez, der gerade zur rechten Zeit eine Brandschrift (La France qui tombe, éditions Perrin, 2003) in die Debatte geworfen hat. Sie verkündet mit grossem und gut fundiertem Zahlenaufwand den fast unaufhaltsamen Niedergang der Nation. Rettung sieht Baverez allein in der völligen Öffnung aller Institutionen und politischen Praktiken zum internationalen Markt. Natürlich allgemeine Aufregung in der ohnehin zappeligen Medien- und Expertenklasse. Und damit endloser Streit um Zahlenwerke und -werte des Wohlfahrtsstaats und schliesslich um den Wert des Ranking.
Man vernimmt es nicht ohne eine gewisse Schadenfreude. War es doch aus egalitär aufklärerischem Geist der sich revolutionierenden jungen Nation, aus dem soziales Ranking geboren worden war. Die meritokratische Ordnung, die in den höheren Klassen und vor allem in der staatlichen Bürokratie jedem seinen Rangplatz anweist, liegt allen Franzosen in Fleisch und Blut, auch den kommunistischen Wählern. Wer in der Schlussprüfung des Jahrgangs Jean Jaurès oder Jean Monnet der Elite-Akademie ENA auf den soundsovielten Platz der ersten Gruppe gelangt, wird dem staatlichen Machtzentrum Finanzministerium zugeordnet und wird bald inspecteur des finances und ist für die höchsten Staatsämter geeignet, wie zum Beispiel Präsident Chirac. Wer im Mittelfeld auf Platz XYZ hängen bleibt, hat einen sicheren Job in der Innenverwaltung und wird vielleicht sous-préfet in einer Region. Erreicht man das Abitur mit Auszeichnung, darf man seine Universität wählen. Erreicht man nur einen mittleren Rang, muss man im Akademie- oder Bildungsbezirk seiner Region die lokale Hochschule akzeptieren etc. etc. Dieses System ist seit langem erstarrt und wird vielfach kritisiert, auch jetzt wieder in der Krisendebatte.
Aber es ist unabschaffbar. Denn die meritokratische Ordnung des sozialen Aufstiegs atmet den Geist der Nation, wie unpraktisch und ungerecht es auch sein mag. Es befördert immer wieder die Kinder der Elite nach oben, aber um die Gleichheit der Bildungschancen auszudrücken, ist noch niemandem etwas Besseres eingefallen.
Die konservativen Beschwörer der französischen Krise wünschen, wenn sie den Finger richtig auf die zahlreichen Defekte legen, eine liberale Revolution gegen den Staat. Das Muster ist bekannt, auch aus Deutschland, wo es etwa von der FAZ tagtäglich vorgebetet wird. Und wer soll die Revolution einleiten, soll dem Land den "Ruck" geben? Die Immobilen selber, in ihren immobilen und seit ewig blockierten Gehäusen des immobilen Staats. Die Nation soll wider sich selbst aufstehen, um wieder auf den ersten oder den zweiten oder wenigstens den dritten Platz zu gelangen, der ihr angemessen sein sollte.
Dem Wählerpublikum, noch immer Bürgerschaft genannt, ist der Rangplatz seines Landes herzlich egal. Es hat zwar, angestiftet durch die Medien unter lässlicher Beihilfe der Professionellen, die Politik seit einiger Zeit "sportifiziert", aber es will die eigene Nation nicht mehr wie zu Kaiser Wilhelms Zeiten in Leistungskonkurrenz zu anderen Nationen sehen. Es will sich auch nicht, wie die konservativen Reformer es immer aufs Neue fordern, auf den liberal-totalitären Einheitsstandard eines internationalen Marktbausteins zurechthobeln lassen. Eben dies aber ist der höhere Sinn des Ranking. Es will nur Eingesperrte sehen , umschlossen vom Markt.


Kommende Utopie - ohne Ort (Fortsetzung)

Es ist uns im gegenwärtigen Zustand nicht erlaubt darauf zu setzen, dass es jemals noch so etwas wie Utopie geben wird. Gegen die Möglichkeit der Utopie spricht unter anderem die nunmehr erreichte Geschlossenheit der Welt, die vollzogene Globalisierung. In ihr lässt sich, da bald Platzangst um sich greifen wird, schwerlich eine andere geschlossene Welt errichten, wie sie die Utopie allemal imaginiert. Es ist also zweifelhaft, ob mit einer Utopie noch einmal ein Hoffnungs- und Zukunftsanker ausgeworfen werden kann. Es gibt die Leere nicht mehr, in die Anker für gewöhnlich geworfen werden. Es lässt sich auch nicht sehen, dass eine Utopie von irgend jemand als bedrohlich betrachtet werden könne, wie es den meisten Utopien ja geschehen war. Das gegenwärtige Bewusstsein, die blinde power of now, kann allenfalls in Panik geraten, es ist aber unbeeindruckt von einem ganz Anderen, das bevorstehen könnte. Das ständige Gebrüll des "der Zukunft entgegen" demonstriert die Immunität gegen Utopie.

Lässt sich, so wurde in der vorangehenden Skizze (NP, 12. Ausgabe) gefragt, heute eine Utopie des biotechnisch geprägten Zeitalters vorstellen, die in ihren Bildern und Szenarien die Erwartungen der Zeitgenossen spiegeln könnte? Eine Utopie, die eine Verheissung für die grossen Kollektive ebenso wie für die Individuen enthielte und sie schicksalhaft miteinander verknüpfte?
Die Frage ist deswegen dringlich, weil an ihrer Beantwortung die Möglichkeit einer realistischen Hoffnung hängt: Was müssen wir uns versagen zu hoffen? Wie lässt sich unser Willen zum Hoffen, der kaum je stillzustellen ist, begründen? Beide, die Hoffnung wie der Verzicht auf sie, müssen heute gerechtfertigt werden. Das biotechnische Zeitalter, in das wir eingetreten sind, verlangt von den Kollektiven und den Individuen fortwährend Entscheidungen, deren Konsequenzen meist nur undeutlich im Vorhinein erkennbar sind. Insofern muss sich ein jeder wie ein Arzt seiner selbst verhalten: Auch eine Nichtentscheidung hat moralische Bedeutung und muss bewertet werden.
Umso wichtiger wird eine Utopie als eine Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, auf die sich Projektionen oder Erwartungen richten können. Denn wie anders soll man einen Pfad suchen und sich Urteile über dringliches Handeln bilden, wenn man nicht über die Richtmarke und den Prüfstein einer Utopie verfügt? Denn daran krankt ja die ermüdende und weithin erschöpfte Debatte - nicht nur über biotechnologische bedingte Anreize, Verbote oder Imperative, sondern auch über ökonomische, bürgerrechtliche und politische Zwecke. Nur eine Utopie, die von vielen geteilt werden kann, erlaubt, diese Zwecke im Zusammenhang zu sehen, damit sie debattiert werden können. Es gibt heute keine Politik ohne die Einmischung biotechnischer Perspektive. Und hierin liegt auch ein Grund für die anhaltende Blockade, die Verhinderung der Utopie des biotechnischen Zeitalters. Diese Utopie müsste nämlich allzu konkret sein. Sie müsste sich an allzu viele Interessen und moralische Routinen stossen. Also unterbleibt die Utopie und überlässt das Feld der Ideologie vom freien Markt. Diese Ideologie erlegt keine Bindungen und Verpflichtungen auf, wie es jede Utopie von Bedeutung tun muss, auch und gerade eine Utopie des biotechnischen Zeitalters. Das geht, solange es geht, das heisst, solange die meisten der Leib-Eigentümer davon überzeugt sind, sie könnten über ihren Körper und ihr Leben frei verfügen. Damit aber vermehren sich, ohne das die meisten es merken, die Unterwerfungen unter die chaotisch herrschende Biotechnologie, die immer wieder mit neuen Abhängigkeiten drohen kann, weil sie zugleich zur Abhängigkeit verlockt.

Die Utopie des biotechnischen Zeitalters wird gemieden, weil sie zu anstrengend wäre. Zu anstrengend, weil sie zugleich konstruierend wie kritisch sein müsste. Konstruierend, weil sie darzustellen hätte, wie sich durch die Biotechniken den Individuen neue Verpflichtungen und Solidaritäten aufzwingen, unvermeidbar werden. Durch die Entzifferung des Humangenoms und die dadurch in Aussicht genommene Genom-Kartierung jedes Individuums werden vererbte Ungleichheiten sichtbar gemacht, die durch manipulierende Therapie beseitigt werden können. Privilegien, die durch die biologische Konstitution mitgegeben werden, können enthüllt und in ihrer Anmasslichkeit relativiert werden, vermehrte Egalität zwänge sich auf, auch vermehrte Einsicht in die eigenen Lebensdefekte und -Vorteile, mit denen ein jeder wissend umzugehen hätte. Der Konstruktion neuer Solidaritätsbeziehungen käme die Notwendigkeit, angesichts des enormen Zuwachses an Messbarkeit und Überprüfbarkeit aller biologischen Prozesse, Systeme einer umfassenden Präventivmedizin zu errichten, die alle Individuen in die Pflicht nehmen und zu ihrer Selbstdisziplinierung anhalten können. Dies wird nicht ohne die gewaltige Anstrengung einer Aufklärung zu erreichen sein, die niemanden auslässt und niemanden verschont.
Für eine Utopie des biotechnischen Zeitalters ist die Konstruktion aller möglichen, durch die Technik herausgeforderten Sozialbeziehungen unerlässlich. Diese müssen, und das macht die Aufforderung so strapaziös, mit ihrer Kritik, also dem Aufweis ihres Zwangscharakters, als lebende und weitertragende Formen beschrieben werden. In der Diskussion dieser Zeitschrift wird der Zusammenhang jener biotechnisch veranlasster Sozialkonstruktion mit ihrer durchgängigen Kritik die "medikalisierte Gesellschaft" genannt. Sie ist nicht die Utopie einer kommenden Epoche, ist also prinzipiell unabgeschlossen, um der Analyse den notwendigen Raum für ihre Begriffe zu lassen.
Wenn der Begriff der medikalisierten Gesellschaft etwas taugt und weiter trägt, hat er auch schon zur Kritik des gegenwärtigen Gesellschaftszustands getaugt. Ja, als operatives Instrument zur Analyse des heutigen Zustands scheint die "medikalisierte Gesellschaft" unentbehrlich. Diese hat, in der Erschöpfung der IT-Kultur, keinen Horizont der Erwartung vor sich. An der Blockade durch die Ängstlichkeit baut am eifrigsten die defaitistische schreibende Intelligenz mit, die sich zur ständigen Repetition der Klage über die Unübersichtlichkeit der Welt verurteilt. Sie wartet, nachdem sie sich das letzte Vertrauen auf die Aufklärung weggeschlagen hat, lieber auf die nächste Utopie. Damit hat wohl auch die in letzter Zeit auffällige Hinwendung so vieler Intellektueller zu Themen der Religion zu tun - die keine Hinwendung zur Religion ist, sondern in den meisten Fällen nur eine Verlegenheit, eine Ratlosigkeit.

Da eine Utopie von einer kommenden Epoche unausdenkbar erscheint, sieht der Begriff der medikalisierten Gesellschaft wie eine blosse Prothese aus, auf der die Idee von "Gesellschaft" recht und schlecht weiterhumpeln kann. Diese Idee von der Gesellschaft, die sich in ihre Zukunft voranbewegt, war insgeheim von den meisten klugen Köpfen, auch wenn sie keine Verzweifelten oder Zyniker sind, preisgegeben worden. Denn sie bewegt nichts mehr, lässt sich heute als Waffe des Begriffs nicht verwenden. Damit es Gesellschaft als ideelle Integrationsmaschine überhaupt geben kann, muss sie analysiert werden können. Eben dies verspricht der Begriff der medikalisierten Gesellschaft, und nicht mehr. Vielleicht kann er Denkwege zu einer Utopie des künftigen Zeitalters offen halten, aber daran kann er sich nicht klammern, er kann nichts versprechen. Grundsätzlich ist er reformistisch gestimmt. Soweit das als Vorwurf verstanden wird, kann das der Begriff auf sich nehmen. Ja, er muss es sich leisten, als naiv oder gar als positivistisch gescholten zu werden. Doch lassen sich Sozialkonstruktionen, mit deren Hilfe man von der verrotteten Gegenwart loskommen will, nur in einer gewissen Naivität, im Konkretismus der Ingenieure herstellen. Die Kritik wird dann schon zur Stelle sein, aber erst einmal muss sie etwas zum Beissen vorfinden. Das grosse Kapitel Frankfurt ist, das haben die alles in allem mutlosen Adorno-Feiern gezeigt, abgeschlossen und als Vermächtnis nur noch brauchbar zu machen, wenn die verarmte Dialektik sich ernsthaft aufs humanistisch positive einlässt.
Die massenhaften Wunschprojektionen, die der atemraubende Fortschritt der Biotechnologie in den letzten zwanzig Jahren ausgelöst hat, sind von Lucien Sfez in seiner Schrift La Santé parfaite, Critique d'une nouvelle utopie (siehe Der neue Phosphoros nr. 12) ausführlich seziert worden. Doch kann diese Kritik, zu der sich zahllose andere gesellt haben, den Gegenstand, den sie meint, nicht finden. Denn diese Projektionen, in den sich vor allem Gier nach mehr Leben äussert, sind in ihrer Summe a-sozial, sie lassen sich nicht in einer Utopie zusammenfügen und erhöhen. Die Menschen, die nach der Prothese der Technik greifen wollen, etwa nach gentechnisch geführten Therapien, wollen nur weiteres Leben, Leben in ungestörter Gesundheit. Aber sie wollen nicht anders leben. Damit offenbaren die Biotechniken die Verrücktheit der reichen medikalisierten Gesellschaft. Verrücktheit, weil der Glauben, weil die Gewissheit der vollendeten Naturbeherrschung, die sich im Wunsch nach der perfekten Gesundheit darstellt, die Menschen von Sinn bringt. Sie können nicht mehr wahrhaben, dass all die Zwecke, die von der Biotechnologie an die Zukunftswand projiziert werden, einander vernichten müssen. So wäre es, da schon die jetzt erreichte Lebenserwartung zu einem hohen sozialen Risiko geworden ist, geradezu eine Katastrophe, wenn durch die gleichzeitig mögliche Eliminierung von erbbedingten Massenkrankheiten in der Dauer einer halben Generation weitere zehn Jahre hinzukämen. Sollten von den gewaltig vermehrten Lebenschancen, die von Biotechnologie und Bioökonomie versprochen werden, nur einige wenige realisiert werden, so verlangte dies schmerzhafte Verzichte auf die Entfaltung anderer Chancen. Der Markt und sein unentbehrliches Wachstum fordern freilich alles, was der biotechnische Fortschritt hergeben kann.
Die Ideologiekritik an der vermeintlichen Utopie von der perfekten Gesundheit hat schon Beträchtliches geleistet, mehr kann sie nicht bringen. Jetzt wäre es die Sache der Kritik der medikalisierten Gesellschaft, aufzuzeigen, dass das meiste, was technisch geht, auch von vielen gewünscht wird, sozial nicht gehen kann und ökonomisch nicht ins Auge gefasst werden sollte. Damit wäre die Kritik der medikalisierten Gesellschaft eine politische Wissenschaft, die man fürchten müsste, weil sie eine Kritik der politischen Ökonomie des Lebens enthielte, in der Sprengkraft. Die Utopie kann nichts mehr sprengen.


Miszellen

Rekordlos: Die Heutigen fürchten wohl deswegen um die jetzige Ordnung und um ihre kleine Zukunft in ihr, weil sie sich Metamorphose nicht vorzustellen vermögen. Sie klammern sich an ihre gewohnte Hofferei, der Fortschritt möge so weitergehen, und halten sich die Prognose des wahrscheinlichen Untergangs vom Leibe, weil sie Angst haben vor gründlicher Häutung und neuer Gestalt. Es herrscht also gerade in der Zeit der heraufziehenden biotechnischen Kultur eine gigantische Phantasielosigkeit: Man mag sich und mag die Welt nicht anders sehen als im Hetzen der alten Fortschrittlichkeit, zugleich soll die globale Gesellschaft "Familie" sein - nur damit die gehabte Gestalt, mit der man identisch zu sein meint, gesichert bleibt.
Wer nachsinnt über einen profunden Gestaltwandel und deswegen die angekündigten Katastrophen etwas gelassener betrachtet, weil ohnehin die alte Gesellschaft beseitigt werden muss und dies auch selbst besorgt, macht sich unbeliebt. Vielleicht aber malt er sich nur aus, wie glücklich die Welt ohne Sport aussehen könnte. Wenn die Menschen sich damit begnügen könnten, den eignen Leib zum blossen Selbstgenuss zu üben, also auf Rekorde und Siegerposen nach dem Kampfspiel zu verzichten, wäre das fast eine halbe friedliche Weltrevolution. Für die Allermeisten, vor allem für die Werbung, wäre es ein Albtraum. Darum nieder mit dem Träumer, der Friedliches träumen kann.

In bester Gesellschaft: Ausschliesslich in Konkurrenz mit sich selber zu leben, um unvergleichlich und interessant zu sein, ist gewiss das Beste. Den meisten ist es verwehrt, weil sie soziale Wesen sind und sein wollen. Gute Denker und gute Dichter dagegen müssen Wert darauf legen, dass sie nur mit sich und sonst mit niemandem im Wettstreit liegen, sich um die Anderen im Fach nicht zu kümmern brauchen. Nur so auch kann man geschätzt und zugleich nicht beneidet sein.
Akzeptiert man einen Schöpfergott - was für Geistesarbeiter ergiebiger ist als die langweilige und verantwortungslose Evolution -, so sollte man annehmen, dass er im Anfang den Menschen so gedacht hatte: Als Streiter mit sich selber, um sich und Gott mit gutem Grund rühmen zu können. Der Mensch hätte das wahrscheinlich durchgehalten, denn "gerühmt muss sein, auch wenn es nichts nützt." Warum aber nicht Gott?

Langsam von Begriff: Die Frage ist, wann die Erdenbewohner sich klarmachen werden, dass die Globalisierung vollzogen, jetzt schon am Ende ist, dass sie also alle aufs Engste beschränkt sind, alles teilen müssten. Selbst die geschehene Geschichte der Nationen und der Regionen wird nun zur gemeinsamen Geschichte. Und nichts Geschehendes kann für sich und abgegrenzt geschehen. Die Bewohner der letzten imperialen Nation, die zur Globalisierung am energischsten beigetragen hat, sie auch unbedingt wollte, tun sich offensichtlich besonders schwer, das Ergebnis zu begreifen. Sie verhalten sich so, als sei die Welt noch offen, als gäbe es noch etwas zu gewinnen oder zu erobern. Sie verurteilen sich damit selber zu einer Gewalttätigkeit, die ihnen nur schaden kann.

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