| 15. Ausgabe - Freitag, den 24. Oktober 2003 |
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In dieser Ausgabe:
Lagebestimmung
Immer schon zu spät: Soziale Stückwerkstechnik
Den alten reichen Gesellschaften Europas, die sich drei Jahrzehnte lang
nach dem Zweiten Weltkrieg einigermassen wohlgefühlt hatten, ist
das Behagen an sich selbst seitdem geschwunden. Sie fühlen sich als
Gesellschaften nicht wohl. Diesem Unbehagen zu entkommen, sehen sie seit
rund zehn Jahren keinen Ausweg. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie
für sich selbst allzusehr Gesellschaft geworden waren, Gesellschaftsnatur,
die sich nur im Markt und als Markt ausdrücken kann. Es ist ein neues
Gehäuse der Hörigkeit, nicht mehr das der Bürokratie, das
Max Weber gemeint hatte. Doch Bürokratie bleibt weiter eingemischt.
Diese Natur wird jetzt, für viele schon sicht- und spürbar,
zu alt. Diejenigen, die gegen Ende ihres Lebens nur noch gelebt werden,
vermehren sich, man kann nichts dagegen tun. Diese Ohnmacht erzeugt wachsenden
Unmut der Gesellschaft gegen sich selbst. Die Alten, die noch nicht ganz
so alt sind, aber schon zu lange freigesetzt oder vertrieben aus der Gesellschaft
als lebendiger Arbeit, bekommen Angst, dass man sie bald als ganz überflüssig
ansehen und behandeln wird. Sie können nicht mehr, wie die Generationen
vor ihnen, sich vom Bewusstsein tragen lassen, sie hätten zu ihrer
Zeit ihren Anteil an Arbeit und Wohlstand geleistet, hätten damit
Dank verdient. Darauf werde jetzt keine Rücksicht mehr genommen.
Sie würden aus der Solidarität des Generationenvertrags gedrängt.
Sie fürchten zurecht. Es ist ihnen ja selber verwehrt, solidarisch
zu sein, auch wenn sie den besten Willen dazu hätten. Die Gesellschaft
muss sich jetzt neu organisieren, da kann sie Solidaritäten dieser
Art nicht gebrauchen.
Der Generationenvertrag, den die Theoretiker des Sozialstaats konstruiert
hatten und von dem die heutigen Praktiker nicht loskommen, ist schon jetzt
nichtig. Es darf nur um Himmels Willen nicht zugegeben werden. Denn für
die Institutionen, die im Namen dieses Vertrags errichtet und zusammengehalten
werden sollten, ist kein Ersatz in Sicht. Also ist der Vertrag zur Lebenslüge
in einer Gesellschaft geworden, die weiterhin auf kollektiv geordnete
Arbeit angewiesen ist. Damit jedermann, der zeitweilig von seiner Arbeit
loskommen muss und, gegen Ende, ihrer ganz entledigt werden kann, nicht
leidet und darbt, wurde ein Solidarnetz der Vorsorge eingerichtet. Und
zwar vom Staat, der damit seinen eigenen Bestand sicherte und den Erwartungen
der Kollektive einen Rückhalt gab.
Dieser Bestand ist nun nicht mehr zu halten, und damit auch nicht der
Staat als ganze Einheit seiner arbeitenden Bürger. Wie verfahren
die Lage ist, zeigt ein Detail der sogenannten Sozialreformen, die zugleich
in Deutschland und in Frankreich diskutiert werden: Die Verlängerung
der Lebensarbeitszeit, die sich in Deutschland im späteren Eintritt
ins Rentenalter um zwei Jahre ausdrückt. Er soll, so meinen die Planer
in Deutschland, irgendwann in Stufen oder Staffeln eingeführt werden,
etwa jährlich um ein halbes Arbeitsjahr mehr. Man will doch die Leute
nicht allzusehr erschrecken. Bis der Plan exerziert werden kann, werden
die betroffenen Arbeitnehmer schon wieder um ein Stück älter
geworden sein. Diese Krücke der Hilflosigkeit wird vermutlich nie
richtig geleimt werden - schon deswegen, weil sie schon heute von der
Realität der Arbeitswelt überholt wäre. Die Erfolgschance
des Plans, der nicht mehr will als ein mageres Zugeld für die Sozialkassen,
ist gering. Das macht die Sache obendrein lächerlich.
Die globalisierte Wirtschaft in Deutschland wie in Frankreich kann nicht
gezwungen werden, künstlich ein Mehr an Arbeit zu schaffen, nur damit
den Staaten ein Weniges an Altersarmut abgenommen wird. Das derzeitige
recovery without jobs in den USA führt vor, dass sich zusätzliche
Arbeit, zumal für Alte, erübrigt. Das kräftige Wachstum
der Arbeitsproduktivität in Amerika und Westeuropa versagt den Alten
und den Zurückgebliebenen die Möglichkeit des erneuten Zugangs
zur aktiven Gesellschaft. Heraus käme bei einer Verlängerung
der Lebensarbeitszeit höchstens, dass Staatsbeschäftigte, vor
allem die heute schon mit Fünfzig ausgebrannten Lehrer, länger
in den Staatsstuben sitzen müssten.
Die technokratische oder ökonomische Gedankenlosigkeit dieses Plans
kommt auch darin zum Vorschein, dass er Arbeit nur als beliebig verfügbare
Warengrösse sieht, dabei aber nicht einmal nach Angebot und Nachfrage
fragen kann. Er bleibt ein Potemkinsches Dorf, das hingestellt wird, um
die Funktionäre und Ideologen der Arbeitgeberschaft, die ja zwanghaft
am Reformwillen jeder Regierung zweifeln, etwas freundlicher zu stimmen.
Die Unternehmen werden einen Teufel tun, sich diese Mühe zu machen.
Es ist für sie bequemer, Arbeitsplätze in Polen oder in Taiwan
einzurichten, jedenfalls auch billiger.
Lächerlich macht sich das Projekt schon deswegen, weil in der zweiten
Hälfte dieses Jahrzehnts - vorher regiert ohnehin unverminderte Arbeitslosigkeit
- das Verhältnis zwischen Lebenszeit und Lebensarbeitszeit
anders aussehen wird. Der Staat und seine Agenturen werden dann insbesondere
damit beschäftigt sein, das unbrauchbare Gebäude der Gesundheitsvorsorge
einzureissen und zugleich eine andersartige Ordnung zu erkämpfen,
und zwar gegen das gesamte Establishment des Gesundheitswesens. Die beiden
Stichworte dafür sind Prädiktivmedizin und Präventivmedizin.
Die Prädiktivmedizin geht darauf aus, die biologische Konstitution
eines jeden Individuums nach dessen Gleichgewichtserfordernissen unter
Kontrolle zu nehmen und zu halten. Die Natur des Individuums wird also
mit einem Netz von Prognosen überzogen, zu denen die schon früh
berechnete Wahrscheinlichkeit der Lebensdauer gehört. Die fortwährende
Konfrontation mit dem eigenen Lebensende wird sanft oder unsanft von der
präventivmedizinischen Aufsicht, ohne die es dabei nicht geht, aufrechterhalten
werden. Die Prädiktive aber muss generell gelten, es dürfen
den Einzelnen daraus nicht Vorteile oder Nachteile entstehen. Aus diesem
Grund kann das System, soll es die Gesellschaft nicht zerreissen, nur
vom Staat errichtet, muss von ihm verantwortet werden. Der Markt, auf
den eine zurückgebliebene "Gesundheitsökonomie" heute
noch setzt, wird also untauglich sein, auf diesem Feld die Nachfolge der
sozialstaatlichen Ordnung anzutreten. Die alte Parole "Jeder nach
seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten", die
das Kurzscheren der biologischen Schicksale im Sozialstaat rechtfertigte,
muss also umgemünzt werden.
Somit werden auch die Lebensproportionierungen nach Jahrgangskohorten,
mit denen die Sozialpolitik noch immer arbeitet, unsinnig werden. Wenn
jedermann von jedermann weiss und wissen muss, welche Lebensspanne ihm
mit hoher Wahrscheinlichkeit zugemessen ist, können die Arbeitsverpflichtungen
oder auch -vergünstigungen nicht mehr nach Anciennität oder
nach "Klebejahren" zugemessen werden. Hinzu kommt die Volatilität,
kommt der flüchtige Wert der Berufserfahrungen, die in geleisteter
Arbeit gesteckt haben und angerechnet werden konnten. Die Gleichzeitigkeit
der biologischen Schicksale, die einherging mit der historischen Gleichzeitigkeit,
wird durch die zeitliche Liberalisierung im Prinzip aufgehoben, damit
auch die bisherigen Halteseile der Solidarität. Sozialreformen, die
sich von den Schablonen der Jahrgangskohorten und damit auch von den meritokratischen
Mustern nicht freimachen können, werden so oder so scheitern. Wenn
der Sozialpolitiker ungerne in die Zukunft schaut, weil sie für ihn
zu vage und daher gefährlich ist, dieses Scheitern kann er doch voraussehen.
Jenseits von Sünde und Beichte
Wie lange wird das noch gehen? Und was kommt danach, als Nächstes?
Seit die grossen Blasen platzten und der für alle Zeit totgesagte
Konjunkturzyklus fröhliche Urständ feierte, kann man sich das
bei jeder Massen- und Markterscheinung fragen, die länger als zwölf
Monate anhält. Wie lange noch Hedgefonds, wie lange das Lutschmittel
Mobiltelephon? Wie lange noch Beaujolais nouveau und wie lange Frauenkriminalromane?
Wann hat sich der Pop erledigt und wann das Tanztheater? Wenn die Peripetie
all dieser schönen oder unangenehmen Neuigkeiten, heute Innovationen
genannt, abzusehen ist, geht es sogleich um die Dauer des Verfalls. Weil
alle Innovationen nunmehr Hervorbringungen des globalen Marktes sind,
gilt sogar die Frage: Wie lange noch Weltmarkt? Und was, da auch er sterblich
ist, kommt nach ihm? Hier freilich gilt: Lieber nicht danach fragen!
Wie lange das noch währt, kann man sich auch angesichts einer merkwürdigen
Blüte des Massenindividualismus fragen: Der Lust am öffentlichen
Geständnis, die nahezu zu einer Manie der Enthüllung des eigenen
Lebens ausgeartet ist. Die freiwillige öffentliche Beichte, die Confessio
des Sündenwegs war einmal Auserwählten oder Grosskritikern wie
dem Hl. Augustinus oder Rousseau vorbehalten, war allenfalls aristokratisches
Privileg, das ebenso der Verhüllung und ihren Spielen diente. Heute
darf das Recht aufs persönliche Geständnis auch der kleine Mann
beanspruchen.
Wenn die Bürgermeister von Berlin und Paris vor öffentlichen
Gremien ihre Homosexualität mitteilen, so tun sie das gewiss auch
als klug vorbeugende Politiker. Die schnüffelnden Medien werden das
ohnehin bald herausbekommen. Und wenn sie als ehrliche Burschen den Sachverhalt
von vorneherein geständen, wäre es schon kein Geständnis
mehr. Weil man nicht erst in die Situation geriete, sich schämen
zu müssen, würde man wahrscheinlich auch der yellow press
nicht nur das Maul stopfen, sondern sie sogar für sich gewinnen.
Der Politiker weiss ebenso wie die Medien, dass heute auch der Kleinbürger
begehrt, sein Geständnis abzulegen. Er wird den schönen Freimut
des Politikers gutheissen. Und er fühlt sich edler, weil er sich
nicht als Voyeur am Moraldelikt, das andernfalls die Medien daraus gemacht
hätten, erfreuen muss. Dieser Vorbildlichkeit der Prominenten darf
man folgen, da es einen selber zum Geständnis drängt. Jean-Claude
Guillebaud hat diesen Geständnisdrang, der sich seit rund anderthalb
Jahrzehnten übers Fernsehen auch den Massen eröffnete, ein Quasi-Menschenrecht
genannt. "J'avoue donc je suis." Ich gestehe, also bin ich.
(In: Le goût de l'avenir, Paris 2003) Weil man nicht viel von sich
zu sagen weiss, gesteht man es. Mit der Enthüllung kann man ein wenig
Charakter gewinnen, den man sonst nicht hat, jedenfalls nicht entfalten
könnte. Hat man sich enthüllt, hat man sich auch einer Scham
entledigt, die man gegenüber Dritten imgrunde nicht empfände,
die einem aber aufgedrängt werden würde, wollte man seine Privatheit
als ein Geheimnis bewahren. Das fällt umso leichter, als man die
Maske, die sie einem aufdrängen wollen, längst nicht mehr trägt.
Man kann sie auch nicht mehr tragen. Denn Transparenz des Eigentums und
somit des Eigentümers seiner selbst, einst von der Aufklärung
mit gutem Recht gefordert, auch um die Dunkelmänner der Religion
zu entlarven, ist unter der Globalisierung zu einem totalitären Diktat
geworden. Der Markt und mit ihm die zahlreichen aktienbesitzenden Investoren
verlangen, dass die Bücher der Unternehmen zu jeder Zeit offenzulegen
sind, damit man seinen Einsatz und seine Risiken einschätzen kann.
Verbirgt die Firma dunkle Ecken, so schadet das schnell ihrer Bonität.
Der Finanzmarkt kann nur intakt bleiben und Vertrauen halten, wenn er
ständig auf der Durchsichtigkeit aller Wirtschaftsagenten besteht.
Das bekommen nunmehr auch die hohen Manager zu spüren, die in den
wilden Jahren der Spekulation und der überhitzten Fusionen auf die
Nicht-Transparenz ihres Gebarens gesetzt hatten, um ihre allzu fetten
Schäfchen ins Trockene zu bringen. Sie haben wenig Nachsicht zu erwarten,
weil die Medien, die soeben noch von ihren Grossbild-Inseraten gezehrt
hatten, auch aus Enthüllung rücksichtslos ihr Geschäft
machen können.
Wer ein Geständnis öffentlich ablegt, muss sich eine Scham konstruieren
- die er sogleich wieder ablegen kann. Er absolviert sich selber, nein
er lässt es zur Absolution gar nicht kommen. Das Publikum, dem er
gesteht, wird dazu gezwungen, ihm das Bekenntnis zugutezuhalten. Christlich
gesprochen: Man umgeht, man erspart sich die Entschuldung durch den Erlöser.
Das Geständnis des eigenen Irrwegs findet das rechte Gehör nur
dann, wenn es das Innere hinlänglich preisgibt. Wer gesteht, muss
einen Teil seiner Privatheit vorzeigen, also sollen Fetzen von Intimität
dabei sein. Wer seine Schuld enthüllt, auch schonungslos, darf nicht
auf das Kalkül ausgehen, er könne auf diesem Wege seine ganze
Person retten, seine Privatheit bewahren. Und er sollte auch gleich eingestehen,
dass er von dem Zwang, etwas verdrängen zu müssen, loskommen
möchte. Denn dies wünschen sich von selbst auch seine Zuhörer.
Sie dürfen sich ihrerseits freier fühlen, wenn der Geständige
vollkommen reinen Tisch mit sich machen möchte. Mit seiner Unterwerfung
erwirbt er Vertrauen.
Der bürgerliche Charakter hatte, um zu starken und freien Leistungen
zu kommen, seine Privatheit, sein Geheimnis und als Korsett seine Fähigkeit
zur Scham gebraucht. Dies wird mit dem Geständnisdrang geradezu auf
den Kopf gestellt. Der Massenindividualist kann den privaten Charakter
nicht ertragen, weil man ohnehin nur in der Gruppe, im Team, das unverhemmt
mitsammen lebt, etwas zustande bringen wird. Ein eigenes Inneres, das
auf unteilbarer Verantwortung für sich bestehen möchte, wie
es der bürgerlichen Moral entsprach, wirkt da hinderlich, ja verdächtig.
Weil man nur mitsammen etwas Erfolgreiches anfangen kann, müssen
alle ganz offen, unverhüllt ein. Es soll auch niemand seine persönliche
Sprache sprechen, das wäre unsolidarisch.
Wer zum öffentlichen Geständnis seiner unebenen Vergangenheit
bereit und fähig ist, beweist damit auch Führungsqualitäten:
Er kann aufpassen, dass er sich nicht belastet, nicht belastet wird, weil
er seinerseits radikal auf Transparenz der anderen bestehen darf.
Sünden, darin besteht der besondere Trick dieser modernen freiwilligen
Knechtschaft, kann man dabei nicht bekennen. Entsündigungsritualen,
wie sie viele Erweckungsbewegungen pflegen, ist gewissermassen von vorneherein
das Wasser abgegraben. Wenn man sich jederzeit bereit zeigt zur Enthüllung
seiner selbst, zur Exhibition, ist man immun gegenüber Sünde.
Der Verführungsstachel kann nicht reizen. Der gute Katholik alter
Art braucht aber diesen Stachel. Deswegen wird er dem öffentlichen
Geständnis aus dem Weg gehen - und geht lieber zur Beichte, in der
er den Herrn finden kann.
Die heutige Geständniskultur wächst auf totalitärem Grund,
sie beseitigt den bürgerlichen Charakter. Die Frage ist, ob der Kapitalismus
in seinen Kernländern ohne diesen Charakter weiterbestehen kann.
Und darum wiederum die Frage: Wie lange wird das noch gehen? Was kommt
danach?
Hinter der Front der Modernität
Kann man die technische Kontrolle der menschlichen Natur durch das Gesetz
kontrollieren? Die Antwort: Nur gelegentlich und zeitweise, in letzter
Konsequenz Nein. Es besteht keine Aussicht, dies zu bewerkstelligen. Soll
man dann nicht wenigstens versuchen, die technische Manipulation des menschlichen
Bios gesetzlicher Norm zu unterwerfen, soweit man die politische Kraft
dazu hat? Selbstverständlich Ja. Schon deswegen, weil diese Manipulation
eine Quelle des Reichtums sein kann und eben aus diesem Grund der gesetzlichen
Regulierung bedarf. Häufig, wenn auch nicht immer, ist die technische
Beherrschung menschlicher Natur, wenn sie denn unter das Gesetz gestellt
wird, nicht mehr dieselbe, der man zu Beginn eine Fessel hatte anlegen
wollen. Sie hat ihre Gestalt gewandelt, damit man sie fruchtbar machen
kann. In der Spannung zwischen der Notwendigkeit des Gesetzes und der
Lust am Genuss der Befreiung, die durch die Technik gewährt wird,
liegt nicht zuletzt unsere zivilisatorische Potenz. Dass die Kontrolle
durch das Gesetz lückenhaft und inkonsequent bleibt, weiss man aus
langer Erfahrung. Daran lässt sich nichts ändern. Es bleibt
bei der ersten Auskunft: Nein. Man kann sich nur beugen oder immer wieder
rebellieren.
Eindringlicher als in anderen Ländern blieb während der zwei
letzten Jahrzehnte angesichts des biotechnischen Fortschritts in Frankreich
die Frage auf der Tagesordnung: Faut-il légiférer? Braucht
es eine Gesetzgebung? Worin immer schon die Frage steckt: Lässt sich
das Gesetz überhaupt durchsetzen, ist es möglich, zu bestrafen?
Zu oft haben Staat und Gesetzgeber erleben müssen, dass Gesetzestexte,
die unter Anleitung der Bioethik abstimmungsreif waren, gekippt oder endlos
verschoben wurden. Eine neue Regierung oder europäische Widerstände
oder auch eine neue technische Entwicklung hatten sie ausgehebelt. Technik
selbst hatte den Text überholt, seine Anlässe lahmgelegt. Das
therapeutische Klonen und die Stammzellengewinnung liefern die jüngsten
Beispiele dafür.
Nun hat der Staatspräsident selber das Dilemma verschärft. Vor
der Vollversammlung der UNESCO forderte er die baldige Ausarbeitung eines
bioethischen Code von weltweiter Gültigkeit. Er solle der Menschenrechtserklärung
von 1789 nachgebildet sein, die die Unterwerfung oder die Entfremdung
des menschlichen Körpers verbietet. Dieser dürfe nicht zur Handelsware
gemacht werden.
Chirac setzt darauf, dass aus dieser Grundnorm die internationale Gesetzgebung
auf den Stand unserer Zeit gebracht werde. Er wählte die UNESCO zur
Plattform seiner Forderung, weil von ihr vor zehn Jahren der erste internationale
Ausschuss errichtet worden war, der unter dem Stichwort "Bewahrung
des genetischen Erbes der menschlichen Gattung" die weitere Debatte
mobilisierte. Er stand auch am Anfang der 1997 verkündeten Universellen
Erklärung zum menschlichen Genom und zu den Menschenrechten. Seitdem
hat sich die Lage zunehmend verwirrt, vor allem in Europa ringen sowohl
die nationalen Gesetzgeber wie die Union mit der Hydra der Kontrolle durch
das Gesetz. Und gerade in Frankreich, das sein Bioethik-Gesetz von 1994
ständigen Revisionen unterwirft, wird die bittere Frage immer lauter:
Kann man überhaupt per Gesetz die biotechnischen Ansprüche beschneiden,
eine menschenrechtswürdige Ordnung errichten?
Der Vorstoss des Präsidenten ist aussichtlos, denn er verkennt die
Wirklichkeit. Man verrennt sich nur in Sackgassen, wenn man eine fast
oder ganz reife Technik mit den zur Zeit noch herrschenden Moralauffassungen
direkt konfrontiert und mithilfe des Rechts von der Gesellschaft fernhalten
will. Der Eugenik den Kampf anzusagen, indem man ihre Verfahren und Instrumentarien
verbietet, ist nur eine hilflose Geste. Denn Eugenik, von den Marktkräften
getrieben, hat längst die Gesellschaften durchdrungen. Man erinnere
sich an die damals als skandalös empfundene In-Vitro-Fertilisation,
die vor rund fünfundzwanzig Jahren ihre ersten Sensationserfolge
feierte. Man erinnere sich der verabscheuten Leihmutter, die noch vor
zehn Jahren moralisch geächtet war. Beide sind seit Jahren ein "fait
social", eine gesellschaftliche Realität, gegen die zu protestieren
bereits altbacken ist. Ebenso geht es heute mit der präimplantatorischen
Diagnostik, die nichts anderes ist als eine eugenische Selektion. Ihre
moralische Ächtung wird in wenigen Jahren dahingeschmolzen sein.
Das ist es, was den meisten Politikern, aber auch den meisten Natur- und
Geisteswissenschaftlern zu begreifen so schwer fällt: Wenn eine neue
Technik auffällig wird, weil sie gegen die anerkannten Moralgebote
verstösst und unvorhersehbare Folgen vermuten lässt, ist es
bereits zu spät. Die neue Technik wohnt bereits in der Gesellschaft
- wie auch jede wissenschaftliche Entdeckung. Sie taucht auf, wenn ihre
Zeit reif ist, wenn sie begriffen werden kann. Man kann dem gefürchteten
Übel nicht mehr radikal, an der Wurzel wehren. Man kann durch Gesetz
und neue Konvention allenfalls den Wachstumsverlauf und die Verbreitung
geringfügig beeinflussen. Aber man kann nicht die soziale Tatsache,
deren Manifestation die Technik eben auch ist, auflösen und in der
Technik die gegenwärtige Gesellschaft unterdrücken. Fast regelmässig
werden Gesetzgeber und Experten nach einiger Zeit darüber belehrt,
dass sie für eine Sache ins Feld gezogen waren, die ihre Wirklichkeit
in der damals bestehenden Welt schon zu verlieren begann.
Lernen könnte man auch vom Glanz und vom Niedergang der IT-Kultur.
Dass in ihrem Gefolge gesellschaftliche Verödungen entstehen würden,
wurde bereits in den siebziger Jahren von sensiblen Kritikern befürchtet.
Diese misstrauten mit einigem Recht den Werkzeugen, vom Fernsehen über
den Computer und das Internet bis zum Telefon den Apparaten, die diese
Verödung bewirkten und weitertrugen. Sie mögen sich heute, da
diese Kultur ökonomisch weniger leistet und auch ideologisch nur
den Nachzügler-Massen imponieren kann, bestätigt fühlen.
Aber als das Fernsehen und das Internet auftraten, war der Boden für
sie schon bereitet, der Zustand der Zivilisation war schon weithin bereit
dafür. Statt die Apparate in die Schulen zu pressen und zugleich
die Lehrerausbildung zu verschulen und zu bürokratisieren, hätte
man die Schulen selber auf eine andere Modernität ausrichten müssen.
Denn was sich in der Technik darstellt und mit ihr vorangetrieben wird,
ist zumeist die Modernität von Gestern. Was damit erreicht wird,
kann man in den Rate-Spielen der Vorabendschauen besehen: Ein gleiches
geschieht nun mit der Biotechnologie, die ja auch die tragende ökonomische
Kraft der nächsten Jahrzehnte sein wird. Sie lässt sich nicht
durch eine globalisierte Werte-Ordnung und durch internationales Recht
nach heutigen europäischen Maßstäben lenken. Aber sie
verlangt nach Lenkung, schon um nicht allzuviel Schaden anzurichten und
Unsicherheit hervorzurufen. Dazu aber sind neue Institutionen verlangt.
Diejenigen, die Chirac und Bush verteidigen, sind dazu nicht tauglich,
sondern ihrerseits rückschrittlich. Ihre Moral ist noch immer die
alte Produzentenmoral der industriellen Gesellschaft, die sich politisch
durch die repräsentative Demokratie regeln lässt. Es sollte
genügen, deren Zustand zu betrachten, um zu begreifen, welch ohnmächtiges
Rudern die Forderung des Staatspräsidenten ist.
Miszellen
Betriebsunterbrechung: Lässt sich das ausdenken? Dass einmal
die paar Dutzend Schriftsteller, Philosophen und Kritiker des Landes,
die etwas zu sagen haben, sich ein Jahr lang des Öffentlichkeitsbetriebs
enthielten? Lassen wir sie einhundert sein, die sich vornehmen würden:
Keine Talkshow, kein Interview fürs Feuilleton, kein Pressephoto,
keine Ehrung, keine Laudatio, kein Nachruf, kein öffentliches Reden
über andere Intellektuelle, keine Medienphysiognomik, keine Akademie-Lesung
etc. etc. Nach einem Jahr dann vielleicht ein Wiederkommen mit einem Schriftstück,
in dem entworfen worden ist, was heute dringlich ist - und was der Intellektuelle
dazu zu sagen müsste. Legitime Frage: Was wäre damit verloren,
wenn hundert Leute, die etwas gelten, weil sie eine eigene Meinung haben,
ihrer Pflicht zu Öffentlichkeit nicht nachkämen? Wahrscheinlich
nicht so viel, wie man denkt. Gewiss gäbe es im besonderen Publikum
dieser Hundert eine beträchtliche Minderheit, der mit einem Male
etwas fehlte, die Autorität des Geistes, die auch hierzulande da
und dort noch gewünscht wird. Aber fehlte es, wenn die Hundert fehlen,
ernstlich an einer Bestimmung in der Zeit, an einer Orientierung? Daran
kann man zweifeln. Denn auch heute sagen die Schriftsteller und die Philosophen,
gerade wenn sie durch die Medien gepresst werden, nicht viel, das vom
Publikum auch vernommen werden kann. Darin kommt Deutschland Amerika,
das auf Intellektuellenmeinung wenig gibt, immer näher.
Viel mehr verloren wäre vermutlich für den Medienbetrieb, der
für die Millionen von Meinungslosen und Meinungsschwachen die starke
Rede, das starke Bild der wenigen Repräsentanten liefert. Hier geht
es um Jobs. Zwar wird die Werbewirtschaft, die für ihre Produkte
kaum mit Philosophenköpfen werben kann, durch die Verweigerung der
Intellektuellen nichts verlieren, doch würde die ansehnliche division
word beträchtliche Umsatzeinbussen hinnehmen müssen. Wenn
der geistige Zwischenhandel eine Zeitlang stockte, wäre die intellektuelle
Hygiene-Übung dem Lande vielleicht von einem Nutzen, der die Verluste
aus dem Geschäft mit Prominenz überträfe. Die Verminderung
von Prominenz wäre prinzipiell bekömmlich, aber sie würde
ja nicht allzulange dauern müssen. Ohnehin gäbe es ja genügend
Prominenzanwärter, die sich auf die zeitweise unbesetzten Stühle
stürzen würden.
Am Ende käme es darauf an, was die hundert Prominenz-Streikenden
von ihren Exerzitien mitbrächten. Ob ihr Wort und ihr Blick nunmehr
schärfer, weil freier geworden wären. Brächten sie zuwenig
mit, wäre es eine Abstrafung für den immer noch zu bequemen
Geist. Zugleich wäre es ein Ausweis für die geringe Geltung
der Intellektuellen, die sich nur als Prominente vernehmlich machen können.
Das wäre zumindest ein Erkenntnisgewinn.
Noch kein Endbahnhof: In diesem Dialektiker-Beruf stösst
man des öfteren auf Gedanken, denen man spontan zustimmen muss, weil
sie viel Wahrheit enthalten. Man kann sie sich aber nicht aneignen, möchte
sie auch nicht weitersagen. Giorgio Agamben: "Es spricht einiges
dafür, dass die Gestalt, in der die Menschheit ihrer Vernichtung
entgegengeht, die Gestalt des planetarischen Kleinbürgertums ist".
Ja, nochmals ja. Schon Nietzsche und Kraus hatten so geredet. Der Asterix-Humor,
der seitdem über uns gekommen ist, hat ihre Ahnungen bestätigt.
(In: Die kommende Gesellschaft. Merve-Verlag 2003. Siehe auch die Miszelle
in unserer 12. Ausgabe)
Erst einmal hat Agemben Recht. Wer das schreckliche Jahrhundert noch unter
der Haut hat und sich erinnern kann, welch kleinbürgerliche Gewänder
der Faschismus und der Staatskommunismus trugen, kann für dieses
Jahrhundert nichts Besseres erwarten. An der Indifferenz des Weltkleinbürgertums,
das sich mit dem allgegenwärtigen Jux in eine neue Harmlosigkeit
gekleidet hat, kann man schwerlich harten Anstoss nehmen. Wer sich als
Philosoph oder als Intellektueller durchs Leben bewegen muss, kann jeden
Tag erleben, dass er es kaum schafft, den Begriffsschädel an die
Wand zu schlagen, um wenigstens ein kleines Dröhnen zu erzeugen.
Die wattige Abwehr gegen alles, was die achselzuckende Indolenz stören
könnte, erstickt jedes Schluchzen. Daran merkt man freilich auch,
dass der Begriff "Kleinbürgertum", der zu Brechts und Tucholskys
Zeiten noch schneiden konnte, etwas schartig geworden ist. Nur, es gibt
wohl keinen besseren, Soziologisches kann man hier nicht brauchen. Man
weiss aber, was gemeint ist.
So einleuchtend die Überlegung Agambens ist, wie kann man an ihr
festhalten, wenn man sich nicht in seinen Defaitismus hineinziehen lassen
will? Gewiss, man darf die böse Einsicht in die brutale Indolenz
des endkapitalistischen Kleinbürgertums gegenüber Begriff und
Gestalt nicht relativieren und abschwächen. Schliesslich handelt
es sich (das schwemmt die Pop-Kultur immer wieder nach oben) um faschistoide
Symptome der Leere. Wir kennen sie seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Und man darf nicht vergessen, wohin diese Lust an der Leere, mit besondere
Unterstützung der auch heute wieder sehr präsenten kleinbürgerliche
Intelligenz, geführt hat.
Aber es ist auch nicht erlaubt, sich in die Projektion vom Ende der Geschichte
treiben zu lassen, wie es Agamben geschieht. Denn wer von der Vernichtung
der Menschheit spricht, gleitet bereits auf dem Winde der Eschatologie
dahin, bewegt sich auf das Jüngste Gericht zu. Wobei daran zu denken
ist, dass man in fragwürdiger Begleitung reist. Auch die Mehrheit
der konservativen Amerikaner ist von einem Weltende überzeugt, vor
dem sich das Armageddon abspielen müsse, der Endschlacht zwischen
dem Licht und der Finsternis. Diese Grundstimmung wird vom Präsidenten
und vielen seines Milieus geteilt - was im jetzigen Weltmoment nicht gerade
ermutigt.
Agamben versucht, um sich nicht vorzeitig aus dem Boot werfen zu lassen,
noch einmal auf die utopische Spur Benjamins zu lenken: "... wenn
es dem Menschen gelänge, statt weiterhin in der längst uneigentlichen
und sinnlos gewordenen Gestalt der Individualität seine Identität
zu suchen, diese Uneigentlichkeit als solche anzunehmen, aus dem eigenen
So-Sein nicht eine individuelle Identität und Eigenschaft zu machen,
sondern eine identitätslose Singularität ..."
Hier scheint es nicht mehr weiterzugehen. Die Spekulation: "... denn
träte die Menschheit erst mals in eine bedingungslose Gemeinschaft
ohne Subjekte ein, in eine Mitteilung, die nichts kennt, was nicht mitteilbar
wäre" - diese Spekulation wird bereits vom Gelächter der
Pop-Kultur übertönt: Eben dies haben wir ja schon erreicht.
Es gälte, so treffend der Gedanke Agambens ist, spätestens hier
von dieser scheinbar aufklärenden Metapher abzuspringen, um wieder
auf die Füsse zu kommen. Das ist möglich. Denn man hat den Endpunkt
schon erreicht, von dem aus der Mensch neu zu konstruieren wäre.
Es ist möglich, weil wir ohnehin in der zugleich angenehmen wie verzwickten
Lage sind, die Menschheit eine Zeitlang vergessen zu müssen.
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