| 16. Ausgabe - Freitag, den 7. November 2003 |
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In dieser Ausgabe:
Lagebestimmung: Allen gehören, um etwas zu sein
England galt einmal als die europäische Gegend, aus der man besonders
leicht im Nirgendwo verschwinden konnte. Nirgendwo auf dem Festland konnte
man so mühelos und unbürokratisch seinen Namen wechseln. Und
erst jetzt müssen sich die Briten dazu bequemen, einen Personalausweis
zu besitzen. Als Bürger eines republikanischen Imperiums hatten sie
mit ihrer Namensidentität keine Probleme. Das right of privacy
klingt in keiner Sprache so gut wie in der englischen. Dort wurde es erfunden.
Heute werden die Untertanen ihrer Majestät gründlicher kontrolliert
als alle ihre europäischen Mitbürger. Die Überwachungsdichte
durch Kamera-Netzwerke übertrifft wahrscheinlich sowjetische Zustände
zu ihren besten Zeiten. CCTV, Closed Circuit Television, ist das
Kürzel für das elektronische Kontrollsystem, das die Inselbewohner
unter Beobachtung hält. Keine städtische Agglomeration der Welt
wird bis in die Einzelheiten des Alltags so lückenlos überblickt
wie die Londoner City. Jedes Auto, das sich der Innenstadt nähert,
wird von den schwenkbaren Kameras des CCTV erfasst und bleibt in ihrem
Auge. BBC bedient sich für ihre Material-Archive des CCTV, in enger
Zusammenarbeit mit der Polizei, die des öfteren zuerst von den Sendern
den Hinweis auf einen Vorfall oder eine Bedrohungslage erfährt. Auch
in vielen Pubs sind die Toiletten unter elektronischer Aufsicht. Schliesslich
werden DNA-Tests zu kriminaltechnischen Zwecken in dem Staat, für
den die Habeas-corpus-Akte zum Fundament der Nation gehört, noch
unbefangener angewendet als anderswo.
Wenn in England auch eine Mehrheit der Bürger annimmt (58 Prozent
nach einer Umfrage des Guardian, 7.9.02), dem Staat sei im Umgang mit
persönlichen Daten nicht zu trauen, so ist eine ebenfalls beträchtliche
Mehrheit nicht beunruhigt und meint, das System sei für ihre Sicherheit
notwendig. Dabei sind die mittleren Altersgruppen (25 bis 44) argwöhnischer
über den Einbruch in ihre Privatsphäre als die Jungen und die
Alten. Immerhin waren ein Jahr nach dem Manhattan-Fanal 72 Prozent der
britischen Bürger von der Notwendigkeit überzeugt, im Kampf
gegen den Terrorismus sei der Verzicht auf einige Bürgerrechte hinzunehmen.
Solche Auskünfte wären vor dreissig oder vierzig Jahren schwer
denkbar gewesen. Wenn in diesem Land einst der Roman 1984 entstanden
war, so scheint heute nur noch eine Minderheit die fortwährende Verminderung
von Bürgerrechten für gefährlich oder unerträglich
zu halten. Doch an den Briten wundert nur besonders, was auch anderswo,
vor allem in den USA, nahezu selbstverständlich geworden ist: Die
unausgesetzte Überwachung ihres Berufslebens wie auch ihres Alltagsverhaltens.
Den meisten leuchtet auch das Argument ein, dass dies schon wegen der
Lenkung der Konsumgüter-Produktion geboten sei. Wer gar nichts ist
und gar nichts hat, müsste dem Überwachungsnetz nicht unterliegen,
nur kann er eben anfällig für Terrorismus sein.
Offensichtlich sind die Bürger der reichen Zonen, deren Warenkörbe
sich zur Hälfte mit IT-Gütern füllen, unfähig geworden,
die Unfreiheit zu spüren, die Unfreiheit, gegen die man noch zwei
Generationen zuvor höchst empfindlich war. Sie fühlen zwar die
Freiheit nicht, aber sie leiden, wo ihnen die schiere Menge an Verkabelung
an Leib und Seele ihre Fesselung vor Augen führen müsste, auch
nicht unter ihrer Unfreiheit. All die Horrorzahlen, die fast täglich
die Medien vom Überwachungsstaat und von der Überwachungsökonomie
darbieten, rufen kein Unbehagen oder gar Angst hervor. Sensible Restminderheiten
aus der Zeit der bürgerlichen Gesellschaft, die den erlebten Totalitarismus
noch unter der Haut haben, sind unfähig geworden, einen Ausdruck
dafür zu finden, der den Massen und den Apparaten imponieren könnte.
Was sich da in noch nicht einmal zwei Jahrzehnten vollzogen hat, kann
kaum noch jemandem auffallen.
Atemraubend auch, wie schnell man sich in den soeben vom sowjetischen
Joch befreiten Nationen des östlichen Europa der Empfindlichkeit
für Freiheit und Unfreiheit entledigt hat. Gewiss, auch dort kämpfen
sie, meist auf durchaus demokratische Weise, um ihre Rechte, die sie als
Bürgerrechte begreifen. Aber sie kämpfen nicht um die Freiheit
des Citoyen, gegen die eigene Unfreiheit und die Unfreiheit in der Gemeinschaft.
Die meisten haben zwar noch nicht viel zu verlieren. Aber auch sie sind
bereit, im Kampf gegen den Terror Bürgerfreiheiten, die sich noch
kaum genossen haben, zu opfern. Die Sicherheit verlangt es. Im Westen
hatte sich immerhin drei Jahrzehnte lang nach dem Zusammenbruch des Dritten
Reichs der köstliche Duft der Befreiung zu möglicher Freiheit
erhalten. Sein Verschwinden müssen wir daher als Amnesie beklagen.
Im Osten dagegen kam es zwar weithin zur Befreiung, und sie konnte beglücken.
Aber zu viel mehr kam es nicht. Daher trifft auch nicht der Vorwurf der
Amnesie. Für die drüben hätte man in den 90er Jahren gerne
die Hand ins Feuer gelegt, nachdem man denen im Westen nichts mehr zutrauen
durfte.. Man wusste ja, sie hatten wenig, dessen Verlust sie hätte
entwaffnen können, nicht zuerst für ihre Freiheit zu kämpfen.
Jetzt brauchen sie auch dort schon soviel Sicherheit, dass ihnen der Sinn
für Freiheit stumpf wurde. Und so gehört ihnen nun auch der
Terror, als Gegner, dessen Abwehr ein paar Freiheiten wert sein muss.
Das ist traurig, denn sie hätten den Westen etwas lehren können.
Ihnen hätte man geglaubt.
Die Frage, warum die freiheitlich gesinnten Massen so leicht dem terrorzeugenden
Sicherheitswahn der Ämter und der Amtswahrer folgen, treibt noch
wenig um. Es ist eine neue Erscheinung, die offensichtlich alle Demokratien
befallen hat, also als ein Produkt, als ein neues System der demokratischen
Kultur betrachtet werden muss. Noch kann man es als Anomalie bezeichnen,
vielleicht schon übermorgen wird man es als Normalität hinnehmen.
Die Antwort ist mit der Erwartung verknüpft, die sich an das Fortleben,
die Möglichkeit des Bürgers, des autonomen Individuums bindet.
In den westlichen Rechtsordnungen scheint es noch gut untergebracht.
Andrew O'Hagan findet eine Erklärung für die freiwillige, ja
selbstverständliche Preisgabe der Privatheit und die Hinnahme der
ubiquitären Überwachungstechnik (in: London Review of Books,
9.10.03, Watching Me Watching Them Watching You). Er verknüpft diese
politische Anomalie mit dem Bedürfnis des Massenindividuums, bemerkt
zu werden und aufzufallen, nicht in Anonymität unterzugehen. Die
Angst, man könnte in der Wahrnehmung der Anderen verschwinden, beschreibt
er am Beispiel von verelendeten Jugendlichen, Freigänger einer Jugendverwahranstalt.
Ihr sehnlichster Wunsch ist weniger Freiheit als die Chance, aufzufallen,
gesehen zu werden: Wissen die Leute, wer ich bin? Wissen sie, was ich
getan habe? Ein legendärer Musterfall in der englischen Kriminalgeschichte
war der Mord an dem kleinen James Bulger durch zwei zehnjährige Jungen,
die mit ihrer Video-Kamera die Entführung bis zum Ende festhielten,
um sich selbst damit zu bestätigen. Watching Me Watching Them Watching
You.
O'Hagan sieht in dem von der Tabloid-Presse aufs Widerlichste ausgeschlachteten
Skandal eine typisch britische Deformation: "It was an experience
harboured, at that time, in British waters that seemed grey with miscare,
the nation that existed between Margaret Thatcher's "there is no
such thing as society" and John Major's "it's time to understand
a bit less and condemn a bit more.".
Die Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Privatheit, wenn
man nur irgendeinen Auftritt bekommen kann, ist nicht nur eine Pathologie
der Briten. Sie hat sich, vor allem mithilfe des Internet, in allen ehemals
bürgerlichen Demokratien des Westens ausgebreitet. Alle waren sie
einmal vom Totalitarismus besessen oder doch von ihm gestreift, auch England
und Amerika. Sie haben ihn, wenigstens in seinen brutalsten Formen, überwunden.
Aber sie sind offensichtlich auch fähig, dies zu vergessen. Nur,
wie kam es zu dieser Amnesie? Die Antwort von O'Hagan, der alles aus dem
einen Punkt des rücksichtslosen Schein-Wollens erklärt, greift
zu kurz.
Die römische Republik betrachtete die Ruhmsucht als notwendiges Übel.
Sie wusste zwar den Bescheidenen zu ehren, aber sie nahm es als politisches
Gesetz hin, dass Gewinn und Wahrung der Herrschaft den Glanz des Ruhmes
verlangte. Die Moral der bürgerlichen Republiken hoffte dann, mit
weniger Ruhm auszukommen, es mussten ja erst Tyrannen und Aristokraten
beseitigt werden. Gleichwohl, die Ehre des Bürgertums liess den Verzicht
auf Ruhm nicht zu, war auch die Sucht danach eine Untugend. Doch die bürgerliche
Republik ist von der Massendemokratie, die nur Prominenz will und vom
verdienten Ruhm nichts weiss, zermantscht.
Von nun an wird die Geschichte aufs Neue spannend. Die Republik, die sich
auf den Adel der Selbstlosigkeit berief und mit der aristokratischen Bürgertugend
ihrer Vorfahren legitimierte, ist aus unserem Zivilisationsgedächtnis
verschwunden. Diese Tugend kann nicht von einer Prominenz ersetzt und
repräsentiert werden, die ihrerseits ein Produkt des Marktes ist
- mit anderen Worten, des richtig organisierten Lasters. Das Laster der
Massendemokratie besteht nicht so sehr in den Übeltaten, die sie
aus Selbstsucht der Bürger zulässt, sondern mehr noch im epidemischen
Bedürfnis nach Kontrollierbarkeit, damit man sein Bißchen ICH
darstellen kann.
Technokratischer Pazifismus: DAEDALUS, Fall 1960
Die Gedankenlosigkeit, mit der sich das heutige Amerika in seine Kriege
stürzt, erscheint als ein Produkt aus blindem Sentiment und bürokratischem
Denken. Das ist am amerikanischen Charakter nicht ungewohnt, schon Tocqueville
bemerkte es vor rund hundertsiebzig Jahren. Und hieran liegt auch das
Misstrauen vieler Europäer, denen aus eigener Erfahrung mit Krieg
und Kriegsstimmung ein solches Gemisch ungeheuer ist. Aber auch hier können
die meisten Zeitgenossen, die das amerikanische Kriegshandeln beschreiben,
sich keine rechte Vorstellung davon machen, welche intellektuelle Fallhöhe
die militärische Pfuscherei der Bush-Regierung bezeichnet. Noch vor
wenigen Jahrzehnten verfügte Amerika über eine Denk-Kunst der
militärischen Gewalt, mit der es Standards der Modernität setzen
konnte. Und es verfügte über eine scharf denkende Intelligenz,
die der ins Ungeheuere gewachsene Macht der imperialen Nation gewachsen
war. Die Dynamik dieser geballten Intelligenz, die den Krieg als Äusserstes
denken konnte, um ihn zu beherrschen, kam der geistigen und moralischen
Leistung eines Clausewitz gleich. Es waren im übrigen keine Sozialaufsteiger,
sondern sie gehörten zumeist der alten Ostküsten-Elite an, die
sich mit der wissenschaftlichen Potenz von Stanford und Berkeley in Kalifornien
zusammenfinden konnte.
Das Kennwort dieses modernen Kriegsdenkens lautete arms control.
Es enthielt eine energische Dialektik, die dem stets positiv gestimmten
und anti-elitärem Konservatismus von middle America befremdlich
war. Das Programm der neuen Denkschule wurde zum ersten Mal im Jahre 1960
vorgelegt, in der Herbstnummer der Zeitschrift DAEDALUS, Journal of the
American Academy of Arts and Sciences. Unter den 22 Autoren findet sich
ein einziger Politiker, der Senator Hubert H. Humphrey von Minnesota,
ein vielseitiger Demokrat, der heute als Radikaler einstuft werden würde.
Unter den übrigen Autoren, zumeist Wissenschaftlern, davon sieben
Naturwissenschaftlern, sind viele noch von der grossen Debatte der Atomic
Scientists geprägt, also den Konstrukteuren der Bombe. Diese
hatten in den Nachkriegsjahren an erster Stelle die Auseinandersetzung
über die Atomrüstung und Amerikas Weltstrategie bestimmt und
blieben bis in die 60er Jahre hinein tonangebend. Es war zu Beginn der
Ära Kennedy, die in ihrem Zusammenspiel von Macht und wissenschaftlicher
Aufklärung aus heutiger Sicht wie ein goldenes Zeitalter wirkt. Der
DAEDALUS-Band war gleichsam die Bibel für das Denken über Atomstrategie
und rationale Rüstungsbegrenzung, das aus den erstarrten Festungen
der Eisenhower-Zeit herausführen sollte. Roll back, nämlich
die Ausbreitung der Sowjet-Macht, hatte in den fünfzehn Jahren zuvor
die Parole gelautet. Containment hiess, etwas nüchterner,
ihre militärisch-politische Praxis. Auch in der Vor-Kennedy-Zeit,
die am Schärfsten durch den Aussenminister John Foster Dulles repräsentiert
wurde, war das politische Denken über Amerikas Sicherheit in weltkriegsbürgerlicher
Zeit von bürokratischer Konstruktion und Sentiment beherrscht, von
einem kaum gezügelten Antikommunismus.
Dagegen setzte arms control eine technokratische Revolution. Aus
ihr sollte sich die sicherheitsstrategische Doktrin entwickeln, die nach
Kennedys Verteidigungsminister Robert McNamara benannt wurde. Arms
control beruhte, indem es Gleichgewichte im Droh-Verhalten herstellen
und damit das Verhalten in Feindschaftsklischees aufheben wollte, auf
einer imperialen Ordnungsidee, die den früheren Imperialismen von
Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson ebenso überlegen war wie den
späteren von Reagan und Bush Vater und Sohn. Dies waren alle ideologisch
unterfüttert und lebten mehr oder weniger von Berauschungen am Amerikanertum,
ob im Sinne der Weltfriedensmission à la Wilson oder wie im pubertären
Auftrumpfen von George Bush. Arms control und in seiner Folge die
McNamara-Doktrin konnten im Schatten der bipolaren totalen Atomdrohung,
die zur Lähmung der Politik führte, nicht mehr in Gestalten
von Sieg und Niederlage denken. Der schnelle, kaum zu zügelnde Aufstieg
zur absoluten Gewalt, den man damals mit doomsday machine umschrieb,
war nicht durch Abrüstung zu dämpfen, sondern nur durch sorgfältige
Steuerung seiner Dynamik in steter Kommunikation mit dem Gegner / Partner,
den man Feind nicht mehr nennen wollte.
Gewiss lag Abrüstung in der Perspektive von arms control,
aber an ihr war keine direkte politische Strategie festzumachen. Daran
war bereits der idealistische Imperialist Woodrow Wilson mit seinem Völkerbund
gescheitert. Das lag zur Hälfte auch an Amerika selbst, das sich
an eine imperiale Rolle nicht gewöhnen konnte, weil seine Machtkategorien
nach wie vor sich auf die Nation und ihre Interessen stützte - was
die Bush-Regierung heute wieder bestätigt. Was jedoch den Mehrheitsamerikanern
an arms control besonders unverständlich war, war der strikte
Ökonomismus dieser strategischen Schule. Nicht nur war McNamara,
ehe er sich in die neue Politik begab, Generalmanager bei Ford gewesen.
Es war auch die Architektur dieses Sicherheitsgebäudes strengem ökonomischen
Kalkül für jede Bewegung unterworfen. Die Kathedrale der totalen
Abschreckung durch die Drohung mit gegenseitigem Selbstmord, die arms
control errichtet hatte, duldete keinen Berechnungsfehler. Da das
Funktionieren dieses Apparats lückenlose Verständigung mit der
anderen Seite verlangte, Verlässlichkeit also erstes Gebot war und
jede Abweichung schnelle Reaktionen auslösen konnte, musste sich
auch jede Seite selbst fest in der Hand haben.
Es musste also das Drohverhalten der Supermächte rationalisiert und
damit ökonomisiert werden. Das war den Amerikanern ungewohnt, ja
lästig. Sie schätzten zwar niedrige Staatshaushalte und wussten
ihre Feldzüge nach Zwecken und Mitteln zu rationalisieren. Aber dass
die gesamte nationale Politik in ökonomisches Kalkül eingebettet
sein sollte, um Irritationen beim Gegner gar nicht erst aufkommen zu lassen,
ging den soeben noch siegesstolzen Insulanern, als die sie sich fühlten,
wider die Natur. Die politischen Manager, die nach der Schule von arms
control und der McNamara-Doktrin das Drohgebäude umbauten, argumentierten
auch nicht lange mit langfristigen Spareffekten, etwa durch die Verminderung
der Raketen-Arsenale. Sie wussten, dass das neue System zusätzliche
Kosten und Investitionen erfordern würde. Da die Dynamik des Rüstens
nicht einfach zu dämpfen war, da auch der Rüstungswettlauf mit
dem Gegenimperium nicht einfach zurückgeschraubt werden konnte, musste
man erst einmal viel Geld in die Kommunikations- und Steuerungsanlagen
stecken. Das sollte sich auch bald auszahlen, nämlich in der Cuba-Krise
(1962). Die Brüder Kennedy und ihr Stab hätten dieses unbedachte
Abenteuer Chrustschows nicht so glänzend meistern können, wären
sie nicht zur Disziplin fähig gewesen, die sie sich mit den Ideen
von arms control angeeignet hatten. Bush / Rumsfeld / Rice möchte
man nicht gerne einer solchen Situation ausgesetzt sehen.
Die strategische Philosophie der sowjetischen Führung konnte der
Idee von arms control nicht folgen, sich gar zu ihr bekennen. Das ging
gegen den Geist ihrer Weltrevolution, die intellektuelle Konstruktion
atmete ihr zu sehr den Geist von Kapitalismus pur. Aber wenn sie sich
offiziell auf arms control nicht einliess, in der Sache musste
sie mehr und mehr mitmachen. Auch der militärisch-industriell-politische
Komplex des Warschauer Paktes konnte seine Eigendynamik im Rüstungswettlauf
nicht von heute auf morgen zurückdämmen und sich auf ein Weiterrüsten
in gegenseitigem Einvernehmen einrichten. Aber die sowjetische Führung
konnte sich der ständigen Signalgebung Amerikas nicht entziehen und
sie ignorieren. Sie profitierte schliesslich auch davon, dass Amerika
aus strategischem Kalkül nicht intervenierte, als sich mit den Unruhen
in Polen, Ungarn, der CSSR und der Berlin-Krise legitime Chancen dazu
anboten. Ob Truman oder Eisenhower so gehandelt hätten?
Auf lange Sicht brachte arms control, das den Amerikanern viel
Selbstbeherrschung abverlangte und auch Verachtung, vor allem von den
Osteuropäern eintrug, doch den Erfolg. Damit man zu den Helsinki-Abkommen
und zur fortschreitenden Rüstungsbegrenzung kommen konnte, war dieser
Prozess der Selbstbeherrschung und der politischen Gewalt-Ökonomisierung
die notwendige Voraussetzung. Auch die deutsche Wiedervereinigung hätte
sich nicht so leicht, wie es gegen die Erwartungen der meisten Europäer
geschah, arrangieren lassen.
In der Bonner Republik, die noch tief in kalten Gräben der Adenauer-
und Dulles-Zeit verharrte, wurde arms control in jener Zeit nur
von Wenigen verstanden. Helmut Schmidt, Egon Bahr und der SPD-Wehrexperte
Fritz Erler zählten zu ihnen. Den Parteien selber und den Medien
blieb der Prozess, den arms control einleiten wollte und zugleich
überhöhte, noch lange fremd. Auch die pazifistischen und antiautoritären
Strömungen, die zum Beispiel den Kampf gegen die Notstandsgesetze
trugen, konnten den technokratischen Pazifismus, der schliesslich eine
Welle der Modernisierung im Gewaltverkehr darstellte, nicht wahrnehmen
und nicht verstehen. Diesen Provinzialismus teilten die deutschen Intellektuellen.
Schliesslich spielte Amerika, verbissen in den schon unter Eisenhower
aufgeflammten Vietnam-Krieg, eine schlimme Rolle. Aber die Deutschen,
deren Demokratie so viel dem Kalten Krieg verdankte, indem sie in weltpolitischer
Unmündigkeit verbleiben durfte, waren der Situation der Abschreckungsgleichgewichte
intellektuell zu keiner Zeit gewachsen.
Der Verfall der Arms-control-Disziplin, der bereits in den 80er
Jahren unter Reagan begann, stellt auch einen Verfall der amerikanischen
Herrschaftsintelligenz dar. Henry Kissinger, der ebenfalls zu den DAEDALUS-Autoren
gehörte, hielt sich noch, wenn auch mehr aus konservativem Machtkalkül,
an die Gebote der Gleichgewichte der kontrollierten Abschreckung. Er brachte
sogar Richard Nixon, die finsterste Präsidentengestalt des letzten
Halbjahrhunderts, dazu, die Verbindung mit Rot-China wieder aufzunehmen
und zugleich die Sowjetunion bei Laune zu halten. Aber er leitete auch
die Gegenbewegung ein.
Die Europäer sind heute gezwungen, sich antiamerikanisch zu verhalten.
Doch es ist zumeist ein leichtgewichtiger Anti-Amerikanismus, der politisch
vom Massenpublikum wenig verlangt - weil er gegen Bush gerichtet sein
darf. Und weil es Bush ist, braucht man sich auch nicht klarzumachen,
welch schwerer Niedergang an Macht und Politik sich hier vollzieht. Die
Erinnerung an arms control und DAEDALUS liefert einen Masstab für
diese Regression.
Fürchtet Euch nicht
Im Bewusstsein der heutigen Europäer hat sich die Globalisierung
ganz rasch, im vergangenen Jahrzehnt vollzogen. Sie vollzog sich so schnell,
dass sie kaum erlebt werden konnte, dass keine Zeit blieb, sich für
sie zu begeistern. Aber auch denen, die sie gewünscht hatten, musste
sie das Gemüt erkälten. Wer die eine Welt als die geeinte Welt
noch vor kurzem hoffnungsvoll erwartet hatte, muss sie nun aus kühlem
Abstand betrachten. Mit Empathie, so muss er erfahren, kann er sie nicht
erfüllen. Das war unvermeidlich.
Man weiss nun, dass man in einem Ganzen lebt. Das hämmert schon
das Endlosband mit den Börsennachrichten auf dem Bildschirm ein,
das den allmächtigen Zusammenhang des Finanzmarktes wiedergibt. Wer
etwas ist, etwas hat und behalten will, darf es nicht aus dem Auge lassen.
Das geht deswegen leichter, weil auch die Nachrichten, die obendrüber
laufen, mehr und mehr ein Endlosband darstellen: Ununterbrochene Gegenwart
von Gewalt, Krieg, Aufschwüngen, Zusammenbrüchen, eintönig
aneinandergereiht von den Sprechern und begleitet von den sprachverarmten,
sprachlosen Kommentaren der Repräsentanten. Wo welche Naturkatastrophe,
welche Gewalttat, welcher Krieg aufbricht, verlernt man zu unterscheiden.
Da man aber das Ganze, weil man irgendwo doch am Finanzmarkt beteiligt
ist, nicht aus dem Auge verlieren darf, stellt man sich auf höheren
Überblick, auf Distanz ein. Man gewöhnt sich daran, das Gewimmel
der Kriege und Völkermorde, das schnelle Aufsteigen und das schnelle
Absteigen von demokratischen Regierungen wie von Tyrannen aus der Höhe
zu sehen: Wie arrangieren sich dort unten die Strömungen, wo trennen
sie sich, laufen wieder in eins? Man kann, auch wenn man ein warmes Herz
hat, nicht anders, als in der globalisierten Welt das Ewiggleiche zu erblicken,
die bewegte Unbewegtheit. Man kann sich dafür auf Dauer nicht interessieren,
im Wortsinne, Dazwischen-sein. Der Agierende, der vom Gewinnergeist Getriebene,
ist dabei besser daran als der zur Reflexion Gezwungene. Dieser spürt,
dass ihm in der Globalisierung der Richtungssinn abhanden kommt. Und er
muss feststellen, dass die Mehrheitsgesellschaft, auch wenn ihr dabei
nicht ganz behaglich ist, ohne einen Richtungssinn durchaus leben kann.
Sie richtet sich darauf ein, indem sie den Blickwinkel einschränkt,
auf die nächstliegende Landschaft. (Le Monde RADIO-TELEVISION
beklagte soeben, dass sich die grossen französischen Sender immer
mehr auf das in der Nähe Erlebte und Erlebbare zurück entwickeln,
die proximité, die zu einem hohen politischen Wert geworden
ist - auf Kosten der internationalen Berichterstattung. 20. bis 26.10.)
Die Globalisierung, die buchstäblich nicht zu fassen ist, scheint
also bei den Europäern, die zwei Jahrhunderte lang vom internationalistischen
Feuer bewegt waren, eben das hervorzurufen, das sie überwinden sollte:
Gefühllosen Attentismus, Nicht-Erwartung, weil Raum und Geschichte
das Signum GESCHLOSSEN tragen. Dies ist es auch, was die stets positiv
fatalistischen Amerikaner an den verweichlichten Europäern unter
dem Venus-Zeichen verachten. Das Bush-Amerika, das freilich das ganze
Amerika nicht ist, erlebt noch einen Geschichtsverlauf, der von Gewinnern
und Verlierern erfüllt wird. Die Europäer sehen nach einem Jahrzehnt
Globalisierung nur Nicht-Gewinner, die keine Chance haben, das Geschichtsruder
in die Hand zu nehmen. Sie selber haben das hinter sich und befinden sich
dabei besser als das kampf- und fortschrittsdurstige Amerika.
Eine sehr feine Haltung ist das nicht. Denn sie ist von jener Gemütskälte
eingehüllt, die sich mit der Globalisierung über Europa gelegt
hat. Auch Europa hat seinen satten Profit an der Aufteilung der Welt,
die Amerika voranzieht. Für die einträgliche Beteiligung an
dem Welt-Skandalon, dessen Hauptschuld Amerika einstweilen noch ziemlich
unbekümmert auf sich nimmt, wird auch Europa seine Strafe zu tragen
haben - es hat bereits begonnen.
Zu büssen haben das auch die politischen Manager, die man eine politische
Klasse schwerlich noch nennen kann. So gross und ehrlich ihre Anstrengungen
auch sein mögen, ihre abgebrühten Wähler und die zynischen
Medien erleben sie vornehmlich als Ohnmächtige - die sie auch sind.
Diese Wähler nehmen ihnen daher ihr leeres Kraftvokabular nicht übel.
Sie wissen ja, dass sie in ihrer ohnmächtigen Rolle nicht anders
können. Und nur Provinzredakteure werden den Parteipolitikern ihre
nichteingelösten Versprechen und ihre fehlgeschlagenen Pläne
vorhalten. Die Massen kennen die Ohnmacht der Politiker und wissen, woraus
sie kommt, denn dies haben sie immerhin von der Globalisierung begriffen.
Aber wenn die Politiker alle miteinander ohnmächtig sind, so sollen
sie doch gute Darsteller sein: Gladiatoren, die sich inszenieren. Die
Medien tun das ihre dazu, die Politiker als Gladiatoren zu fordern, schweissnass,
erschöpft mit brechendem oder siegerischen Blick.
Die Semiologin Mariette Darrigand prognostiziert (in Libération
vom 15.10.), dass die nächsten französischen Wahlkämpfe
im Zeichen der überall präsenten Ohnmacht geführt werden
müssen. Das werde dann den Rechtsextremen Le Pens zugute kommen.
Dafür spricht im Moment die lähmende Grau-Stimmung, die sich
über das ganze Land erstreckt. Aber es ist wohl mehr als eine vorübergehende
Stimmung, und der französische Defaitismus herrscht nicht nur dort,
sondern ebenso in Deutschland, Italien und England. Er ist eine Konsequenz
der Globalisierung, die über die Europäer in ganz anderer Gestalt
gekommen ist, als sie einst erhofft worden war. Denn sie hatten schliesslich
mit dieser Idee, menschenrechtlich durchtränkt, den Anfang gemacht.
Nun sind sie die Düpierten. Seid gnädig mit den Politikern!
Wenn Ihr sie, aus früher einmal guten Gründen, wieder einmal
wählen müsst, verlangt und erwartet wenig von ihnen. Sie werden
ihre Arbeit schon recht und schlecht machen. Aber wenn man sie als ohnmächtig
verachtet, verliebt man sich leicht in die eigene Ohnmacht. Es gibt besseres
zu tun. Die Zukunft gehört diesen Parteien und Politikern ohnehin
nicht. Morituri te salutant.
Miszellen
Realfaschistisch, modern: Die Briefträgerin verabschiedet
sich, mit einem Seufzer. Man hat ihr diesen Bezirk genommen, in dem sie
ein paar Jahre zur allgemeinen Zufriedenheit gearbeitet hat. Sie ist in
der Freizeit Basketballerin, war schon Schiedsrichterin bei Spielen in
Amerika. Man kennt sich ein wenig. Ein neuer Bezirk ist ihr nicht zugewiesen,
sie soll Springerin sein, eine Degradierung. Sie sagt, sie verliert uns.
Man hat ihr von oben nicht erklärt, warum.
In der Bank-Filiale ist plötzlich der Auskunftsschalter weg, nachdem
schon im letzten Jahr die Kasse abgeschafft und durch einen Apparat ersetzt
worden war. Die Bank-Angestellte, mit der man seit langem vertraut ist,
winkt aus dem Hintergrund. Auch für Bagatell-Auskünfte soll
man jetzt die persönliche Beraterin fragen, die jedoch immer von
Kunden abgehalten ist. Im Raum steht der stillschweigende Vorwurf, warum
man nicht online abfragt, warum man überhaupt noch nach lebendigem
Personal verlangt. Das Tele-Banking, mit dem es ein paar Jahre gutging,
ist ebenfalls digitalisiert und anonymisiert. Alles das kostet mehr Zeit
als früher, bringt mehr Pannen mit sich.
Die Briefträgerin findet selber, dass sich der Service der Post verschlechtert
hat. "Und ich damals so stolz, dass ich als Lehrling bei der Post
anfangen durfte." Sie hat eine ungefähre Vorstellung davon,
wie das zusammenhängt: Das Outsourcing, die kommende Privatisierung,
die Reduzierung und das Hin- und Herschubsen des Personals, die Expansion
der Post, die sich als global player verkauft und dafür das
Geld der deutschen Kunden braucht - und die Jobs ihrer Angestellten. Sie
ahnt es, aber sie will es nicht genau erklärt haben. Sie hat auch
keine Aktien.
Die Bankfrau weiss schon genauer, was der Hauptgrund für die fast
panikartige Rationalisierung des Instituts ist, sie bekommt fast täglich
als erste die Unzufriedenheit der Kunden mit. Das Haus hat in den Spekulationsjahren
durch liederliches Management Enormes verloren, mehrmals wurden Manager
gefeuert, wurden gerichtlich verfolgt. Es erhält öffentliche
Stützung, aber es muss mit allen Kräften aus dem Sumpf kommen
- damit es von einem grösseren Konzern gekauft werden kann. Das geht
auf Kosten des Personals und auf Kosten der Kunden, die jahrelang der
Bank die Treue hielten, jetzt aber davonzulaufen drohen. Zugleich werden
sie überschüttet mit Kauf-Kauf-Kauf-Kauf-Angeboten dieser und
anderer Banken, in deren Fonds man einsteigen soll.
Die Bankfrau muss Angst um ihren Job haben, eine Reihe von Filialen in
der Nähe ist geschlossen worden, sie ist nicht mehr die Jüngste.
Aber sie ist immer freundlich, ebenso wie die frustrierte Briefträgerin
und heute die meisten ihrer Kollegen. Es ist in Deutschland in den letzten
Jahrzehnten viel angenehmer geworden, mit den Leuten der öffentlichen
Dienste, der Sparkassen und der kleinen Bankfilialen umzugehen. Sie sind
hilfswillig, wo nicht die Barrieren der Digitalisierung und der oft unverstandenen
Rationalisierung stehen. Aber sie sind gefügig, und sie können
darauf setzen, dass der Kunde sie in ihrer Gefügigkeit schont.
So weit stehen solche Geschichten auch in den Feuilletons. Und manchmal
fällt das sogar in den konformistischen Wirtschaftsredaktionen der
Mainstream-Presse auf, am ehesten, wenn es eine wissenschaftliche Studie
oder eine Umfrage zum Thema gibt. Dabei bleibt es. Die freundliche Gefügigkeit,
mit der die fortwährende Vernichtung ihrer Kompetenz von den Leuten
hingenommen wird, fällt niemandem auf, sie gibt kein Thema her.
Noch interessanter wäre die beunruhigende Gefügigkeit von ihnen
allen, wenn man sich das mittlere Management von Nahem ansehen könnte.
Es führt ja alle diese Rationalisierungen und die Vernichtungen von
Humankapital aus. Es sollte wissen, was damit für das eigene Unternehmen
und für die nationale Wirtschaft verloren geht. Und es kann täglich
in den Wirtschafts- und Finanzseiten lesen, wie wenig damit gewonnen wird.
Die meisten von ihnen haben in der new economy mitspekuliert und
Beträchtliches verloren. Sie sind trotzdem in der Lage, auf die Vernünftigkeit
des Systems zu bauen, sich ihm weiter anzuvertrauen, auch wenn sie ahnen,
wie weh das tut. Auch sie fügen sich klaglos. Sie sind nicht ganz
so freundlich wie die Kleinen drunten im Aussen- und im Schalterdienst,
gebrauchen mehr kühle Höflichkeit. Auch sie haben es nicht leicht,
weil sie von oben wie von unten gedrückt werden und dafür sorgen
müssen, dass der Betrieb läuft. Sie fügen sich eben, wie
sie sich alle fügen. Mit diesen Menschen wird man noch sehr viel
mehr anfangen können.
Anempfindung: Auch eines der fast ausgestorbenen Wörter der
deutschen Bildungssprache, die in zwanzig Jahren nur noch Philologen verstehen
werden. Die Anempfindung ist mit dem Charakter verschwunden, den sie benannte.
Es war ein bürgerliches Ersatzgefühl im Streben nach höheren
Werten, das sich ans Authentische anklebte. Das Streben ging aufs Schöne
und Edle, das man aus eigener Person nicht darstellen konnte, aus Impotenz
des Gemüts.
Friedrich Schlegel hat in seiner berühmten Besprechung von Goethes
Wilhelm Meisters Lehrjahre (1798) den Typus bezeichnet, es ist
eine Mme. Melina, eine zweitklassige Schauspielerin in der lustigen Truppe,
mit der Meister reist. "Die schwerfällige Eitelkeit der Anempfinderin
kontrastirt artig genug gegen die Leichtigkeit der zierlichen Sünderin."
Die Sünderin ist Philine, der verkörperte, sündlose Eros.
Keiner, der ihr nicht, wenn auch für kurze Zeit, verfiele. Noch vor
fünfzig Jahren kokettierten bisweilen bürgerliche Damen mit
dem Namen, nannten eine andere so oder wollten selber ein wenig Philine
sein - auch dies eine Anempfindung.
Die Anempfindung gibt es nicht mehr, wie übrigens auch die Empfindelei,
die man in jener Zeit pflegte oder rügte. Für die tüchtigen
Sports- oder Berufsfrauen von heute, die man früher Amazone oder
Diana genannt hätte, kann man solch poetische Schmückungen nicht
mehr finden. Auf den Charakter der Anempfindung, der Anempfinderin, kann
man gerne verzichten. Das Wort, das noch ein wenig nachklingt, darf man
betrauern.
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