| 19. Ausgabe - Freitag, den 19. Dezember 2003 |
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In dieser Ausgabe:
Lagebestimmung: Den Stillstand denken
Es wäre an der Zeit, etwas Phantasie für den Gedanken aufzuwenden,
wie ein anhaltendes Nicht-Wachstum in Deutschland aussehen könnte.
Anhaltend, das hiesse sechs, acht, zehn Jahre. Mit zehn Jahren ist im
Zeichen der rapiden Globalisierung bereits alles unbestimmbar und offen.
Die deutsch-europäische Gesellschaft wird dann einen anderen Aggregatzustand
erreicht haben, über den hinaus sich nicht mehr spekulieren lässt.
Den Stillstand denken sollte man schon deswegen, weil die fortwährenden
Vertröstungen der jeweiligen Staatsmanagements, der Umschwung, auf
den alle ihre Reformpläne projiziert sind, luge schon um die Ecke,
für alle unerträglich geworden sind.
Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass öffentlichen Sprechern
eine informierte Spekulation über die Zustände in einer Dauerstagnation
nicht erlaubt ist. Wenn sie sich dergleichen herausnähmen, würden
sie kaltgestellt. Auch den Medien kommt eine genaue Betrachtung eines
möglichen Dauerstillstands nicht in den Kopf. Nicht nur, weil sie
abhängig sind von einer Werbe-Industrie und ihren Auftraggebern,
denen eine solche Perspektive irrational und defaitistisch vorkommt. Sie
wüssten auch selber nicht, zu welchem Zweck sie sich darauf einlassen
sollten, Pessimismus zu verbreiten. Nur als Pessimismus aber können
sie, ebenso wie die Politiker in der repräsentativen Demokratie,
ein realistisches Zukunftspanorama aus gegenwärtiger Ortung begreifen.
Die Medien sind, auch wenn sie eine düstere Nah-Zukunft beschreiben,
prinzipiell aufs Positiv-Künftige gestimmt. Und man frage einmal
unter seinen Freunden herum, ob und wie sie sich eine wirtschaftliche
Dauer-Blockade, die unvermeidlich Depression bedeuten würde, vorstellen
können. Man wird für diese Frage wenig Verständnis finden.
Am wenigsten bei denen, die etwas von Wirtschaft verstehen.
Acht Jahre Nicht-Wachstum, das hiesse eine Senkung des Wohlstands um etwa
ein Drittel des heutigen Niveaus; hiesse anders ausgestattete Warenkörbe
für die Alltagsausgaben, die heute fast zur Hälfte mit Kommunikation
und Drumherum gefüllt sind; hiesse schwere Vernachlässigung
der öffentlichen Dienste von der Schule bis zum Verkehrs- und zum
Gesundheitswesen; hiesse einschneidende Verringerung des Tourismus und
der Tourismus-Kultur; hiesse vermehrtes Sparen und verminderter Wertpapierbesitz,
somit gedämpfter Investitionslust. Der anhaltende Stillstand legte
sich auf eine Gesellschaft mit noch immer hoher Lebenserwartung, auch
mit einem höheren Durchschnittsalter als heute, eine sich alt fühlende
und alt verhaltende Konsumgemeinschaft mit veralteten Lebensansprüchen.
Die zur erdrückenden Mehrheit gewordenen Inaktiven würden mit
einem schrumpfenden Anteil von Aktiven zusammenleben, in teilweise ausgedünnten
Räumen wie im deutschen Osten schon heute. Räumen, die auch
zivilisatorisch entleert wären. Alles in allem immer mehr Menschen,
die nicht mehr von einer Berufsmoral getragen und von anregenden Hoffnungen
belebt sind, sich aber noch auf herkömmlich gesittete Weise verhalten.
Würde, wäre? In einen solchen Zustand waten wir bereits hinein.
Auch wenn von den Experten eine Rezession nicht konstatiert wird, weil
sie das Abgleiten in Depression nahelegt: Die Mehrzahl dieser Symptome
liegt direkt vor uns ausgebreitet. Immerhin haben wir bereits drei Jahre
wirtschaftlicher Stagnation hinter uns. Immer schneller schlagen die Stimmungsbarometer
von Hoffnung und Resignation aus. Jeder Zeitungsleser, Lohnempfänger,
Sparer kann es wissen, könnte darüber nachdenken. Wissen kann
er auch, dass ein erneutes Normalwachstum von zweieinhalb Prozent nicht
mehr viele Arbeitsplätze einbringen wird, und damit Steuern und Sozialabgaben.
Der Staat muss überdies auf Jahre hinaus bluten, um seine heutigen
Defizite zu vermindern. Ganz schaffen wird er das wohl nie mehr.
Die Anfangsfrage war gewesen, ob die Zeitgenossen den Zustand, der ihnen
bereits vor Augen steht, auch auf eine weitere Zukunft denken, ihn gar
als Zukunft betrachten können. Darin ist die weitere Frage enthalten,
ob sie in der Lage sind, mit dem Begriff des Wachstums, der heute die
Zukunft dominiert, zu brechen - und sich anderswo umzusehen, wenigstens
Umgehungen zu erkunden. Können sie sich auf eine "Heuristik
der Furcht" einlassen, die, zum Zwecke der eigenen Aufklärung,
die ganze ökonomische Erwartung umfasste? Wenn Hans Jonas in seinem
Prinzip Verantwortung die Heuristik der Furcht auf den Impuls einer
pädagogischen Moral baute und sie am Beispiel umstürzender Grosstechnologien
wie der Biotechnik entwickelte, müsste man heute eine intellektuelle
Trainingstechnik daraus machen. Sie könnte teilweise ersetzen, was
mit der politischen Ökonomie verloren gegangen ist. Sie wäre
sowohl ein Entdeckungsverfahren in den Wirren des Markt-Staates wie auch
ein Instrument der moralischen Aufklärung.
Was die Heuristik der Furcht unter dem Prinzip Verantwortung gemeint hatte,
hat zu einem zweideutigen Ergebnis geführt. Einerseits beflügelte
sie die Diskussion um die moralischen Zwecke des technischen Fortschritts,
wie sich heute an ganzen Bibliotheken über die Bioethik ablesen lässt
und sich in zahllosen Gremien und Überwachungsapparaten verfestigt
hat. Andererseits geriet sie leicht in ein schräges Bündnis
mit antitechnischen Affekten, auch reaktionären apokalyptischen Strebungen.
Wenn das Denken des Stillstands diese Heuristik der Sorge in Dienst nehmen
will, muss er ihr die apokalyptischen Federn rupfen. Denn wenn der Stillstand
gedacht wird, will man sich damit enttäuschungsfest machen gegen
die immer lauernden Gefahren des grossen Absturzes. Dies aber verlangt
Kälte des Kalküls und erhebliche Anstrengung.
Das Denken des Stillstands erfordert nämlich mehr Mühe als das
Denken des Wachstums, das ja als "rationale Natur" dem Zivilisationsmenschen
eingewurzelt ist. Wer an Wachstum als Menschengesetz, als Conditio humana
glaubt, muss sich nicht übermässig anstrengen. Sein Glauben
hält ihn in den Fährnissen der Auf- und Abschwünge sicher
und warm, wenn er über hinreichende Kräfte des Fatalismus verfügt.
Und als Wachstumsgläubiger ist er von Natur aus Fatalist. Das darf
nicht sein, wer den Stillstand, das Nicht-Wachstum denken will. (Deswegen
kann man als Politiker nur überdauern, wenn man einigermassen fatalistisch
ist - was die heutigen Polit-Manager nicht wahrhaben wollen. Sie wollen
sich für unbedingt optimistische halten.)
Vom Denken des Stillstands wird verlangt, dass es nicht nur grosse Synopsen
der erwartbaren Regressionen und Armutslandschaften konstruieren kann,
sondern dass es auch erklärt, wie die Blindheit zustande kam, die
zu Wachstum führt und aus ihm auch wieder heraus führt. Dieses
Denken hätte nachzuzeichnen, warum der Markt soviel Überflüssiges
und Un-Nützliches produziert, das im Verfall abgestossen werden muss.
Die Tourismus-Kultur böte sich da als Beispiel an. Sie gehört
ja zu den überflüssig wuchernden Bedürfnissen, die, weil
sie zum guten Teil abgestossen werden müssen, das Wachstumsversagen
markieren. Dieses Kulturbedürfnis trägt gewaltige "Nebenkosten"
mit sich, die im Aufschwung viel Profit sichern und Arbeitsplätze
schaffen, im Abschwung aber zur schweren Belastung werden. Plötzlich
kann man feststellen, dass es des meisten nicht bedurft hätte, um
ein vernünftiges und selbstsicheres Leben zu führen: Skilifte
und Skimoden, Chirurgiebetten für entbehrliche Knochenbrüche;
Polizeikohorten, um Fussballrowdies kleinzuhalten; gigantischen Massenstadien,
die zu füllen allein schon eine immer gefährdete Branche belebt;
Kraftwerke, um die Wellness-Bäder zu erwärmen; Rechtsanwälte,
die Kosten für missratene Urlaubsfreuden einklagen - kurz ein breiter
Fluss von Erwartungen des Gewinns und der Beschäftigung, der sich
vor unseren Augen ohnehin zurückbildet.
Die Blindgläubigen des Wachstums hoffen nun mit grosser Geduld, dass
sich alle diese Elemente wiederbeleben lassen, wenn sich endlich das Wollen
des Wachstums wieder durchsetzt und den erstarrten Mut anwärmt. Dagegen
hätte eine Heuristik, die vom Gedanken ans Nicht-Wachstum getragen
wäre, den Widersinn eines erneuten Aufschwungs zu zeigen, der auf
den alten Geleisen führe: Hinein in die nächste Krise, hinein
in einen Müll-Kapitalismus, der uns heute schon drohend einhüllt.
Eine solche Kritik hätte also dem Stillstand einen Sinn zu verleihen.
Damit müsste sie sich aber auch gegen die Klage über die Verschwörung
der Globalisierung stellen. Diese Klage, an der sich das Volk von Seattle
immer wieder aufrichtet, verhärtet vor allem den Widerwillen der
ratlosen Macher und Wachstumshoffer, die sich als Moralverächter
denunziert sehen. Auf sie kommt es letzten Endes an, wenn die lange Stagnation
genutzt werden soll. Denn sie müssen neue Marktchancen aufspüren
und eröffnen. Und dazu müssen auch sie lernen, den Stillstand
zu denken und damit die Gesellschaft zu begreifen, deren Unlust sie mit
ihrer eigenen Phantasielosigkeit gefördert haben.
Salz der Erde
Wie christlich und wie evangelisch ist ein Mitglied der Evangelischen
Kirche, das die Bibel nicht liest und nicht versteht? Wie kann diese Kirche
neue Mitglieder gewinnen und von ihrer Art des Christ-Seins überzeugen,
wenn sie dabei nicht die Bibel in der Hand halten und das Wort aus der
Schrift verkündigen kann? Anlässlich einer Synode in Trier berichtet
Heike Schmoll in der FAZ (vom 4. November): "Zuletzt hat es die Mitgliedsbefragung
der Evangelischen Kirche in Deutschland gezeigt: nur für 20 Prozent
der evangelischen Christen gehört die Bibellektüre zum evangelischsein."
Das ist ein bestürzender Befund. Wie soll die evangelisch-kirchliche
Gemeinde noch entstehen und bestehen, wenn sich nicht alle ihre Mitglieder
ums Wort der Schrift scharen und sich gegenseitig ums Wort verpflichten
können? Wenn die katholische Kirche eine gewisse Bibelignoranz ihrer
Mitglieder ertragen, ja lange Zeit sogar fördern konnte, weil sie
über andere Glaubensfundamente und Bindemittel verfügte, so
bestand die Glaubenskraft der Evangelischen doch immer zuerst aus dem
Wort der Bibel, das sie zu verteidigen hatten, um das sie gemeinsam ringen
konnten. Wie kann es noch Predigt geben, wenn ihr Sinn nicht aus dem Wort,
das alle gemeinsam haben, geschöpft werden kann? In welcher Sprache
verständigen sich die Bibelanalphabeten, wenn sie sich als Christen
verständigen wollen? Und wie kann man andrerseits das Deutsche noch
lieben und verstehen, wenn ihm das evangelisch-christliche Wort entschwindet?
Es spürt jetzt schon jeder, der im Deutschen zuhause ist und sich
im Deutschen gut ausdrücken kann, dass die Mehrheit befremdet ist,
wenn er in der Öffentlichkeit wortbewusst auftritt. Wer das überhaupt
noch wagt, weiss, dass er ohne die Bibel, ohne die Schrift der Verkündigung
über seine Sprache nicht verfügte. Die Bibel-Unfähigkeit
zeigt auch die Unfähigkeit zur Nation. Die Offiziellen, die Sprecher
der Kirche werden sich nicht länger der Einsicht sperren können,
dass die bibellesenden Träger des evangelischen Geistes sich bereits
in einer Diaspora befinden. Sie sind umgeben von einem gutwilligen Volk,
das gläubig dabeisein will, aber nicht recht weiss warum - weil ihm
der Buchstabe fremd ist (siehe auch Liturgiereform
in unserer letzten Ausgabe). Ihre Gemeinsamkeit mit der Mehrheit der Gemeinde
bleibt auf das Milieu beschränkt. Den Katholiken geht es ähnlich.
Und wenn sie, um der Un-Gemeinsamkeit in der Kirche ein Symbol entgegenzusetzen,
den Friedensgruss einführten, so drückt dies mehr Verlegenheit
als Gewissheit aus. Hätten sie, noch oder wieder, das Lateinische
gemeinsam, also weltumspannende Autorität der einen Sprache, sie
könnten sich als Gläubige manches leichter machen. Doch zu spät.
Gewiss kann man, soll man sogar die Bibel alleine lesen. Will man aber,
und darauf muss es hinausgehen, das Evangelium in Gemeinsamkeit lesen,
das heisst immer aufs neue annehmen, dann muss es in Abgeschiedenheit
geschehen. Wenn man nämlich weiss, dass im allgemeinen Gottesdienst
der Geistliche seine Predigt und Gebet einer Wortzensur unterwerfen muss,
die Mehrzahl der Mitglieder also als Unkundige und Unmündige behandelt,
weil sie sonst nicht verstünden, dann kann man nicht mehr mit ganzem
Herzen dabei sein.
Die Fähigkeit zum Zweifel, die sich aus der Schrift und aus dem Buchstaben
ergibt, ist die Voraussetzung für jede Glaubensform, die sich christlich
nennen will. Und wer diesen Zweifel verweigert, weil er sich der Anstrengung
nicht gewachsen fühlt, wird kein lebendiges Element der Gemeinde
sein können. Nicht von ungefähr wecken die Triumphe vieler Kirchentage
auch bei Sympathisanten immer wieder Unbehagen. Denn zu leicht wird dort
im Wohlgefühl der Gemeinschaft die Schwierigkeit des Evangeliums
überspült. Diese Feiern im Warmen bleiben halb-heidnische Rituale,
wenn nur eine kleine Minderheit "das Wort angenommen" hat, wie
man einmal verlangen konnte.
Eine fromme Vereinigung von Bibellosen ist keine Kirche.
Fundamentalismus der Toleranten: Laizismus in Frankreich
Es ist kein grosses Gespenst, das zur Zeit umgeht in Europa. Aber es
irritiert, weil es böse Erinnerungen weckt, politische Freunde auseinander
treibt und eine mittlere Immunschwäche anzeigt. Anlass ist das Kopftuch,
das bekennende junge Musulmaninnen in den öffentlichen Bildungsanstalten
tragen oder tragen möchten. In der deutschen Öffentlichkeit
hat die Frage bislang nicht zu grösserer Unruhe geführt. Wenn
Bundesländer wie Baden-Württemberg und Bayern Verbotsgesetze
einführen, so debattiert man darüber in der Lehrerschaft und
in den Medien, aber kaum ein Intellektueller steigt deswegen auf die Barrikaden.
Anders in Frankreich. Der Streit um den foulard, wie die verschiedenen
Verschleierungen der Musulmaninnen volkstümlich genannt werden, glimmt
zwar schon seit Jahren, Schulbehörden und Schuldirektorien konnten
sein Aufflammen immer wieder verhindern. Nun ist das Projekt eines Gesetzes
in die öffentliche Arena geworfen worden, und auf einmal bricht das
Fieber, das in Frankreich so bekannt ist, wieder aus. 57 Prozent der Franzosen
sprechen sich für ein Verbotsgesetz aus. Jeder, der in der Öffentlichkeit
etwas gilt oder zu gelten meint, muss sich dazu äussern. Die Medien
machen sich fett an einer etwas künstlichen Aufregung, die man in
Frankreich sonst gerne als "une querelle d' Allemand" bezeichnet,
ein künstlich aufgebauschter Kampf um Begriffe oder um des Kaisers
Bart, wie ihn die Deutschen lieben. Aber es brauchte nicht zum Konflikt
zu kommen, wenn die Franzosen sich an ihre Fähigkeit erinnerten,
mit der sie Verbotsgesetze häufig behandeln: durch Ignorieren, Wegschauen,
Achselzucken. Wenn zwar jeder Bürger der Republik dazu angehalten
ist, alle erlassenen Gesetze zu kennen, so sind diese oft genug so schlecht
formuliert oder ferne der Realität, dass ihre Einhaltung nicht zu
kontrollieren ist. Das gilt zum Beispiel für die Umweltgesetze, deren
Beachtung fast nie ernst genommen wird, bis es zu einer grösseren
Katastrophe kommt. Das gälte auch für ein Gesetz gegen den Foulard.
Würde es landesweit respektiert, würde es zu vielen unnötigen
Streitereien führen - oder auch unterlaufen werden. Denn die heutige
französische Jugend, die so gerne Zeichen aller Art auf sich trägt
wie die Jugend überall in der Welt, hat kaum Verständnis für
derartige Edikte. Sie würde sich auch nicht, wie die Gesetzesfreunde
raunen, in ihren Toleranzgefühlen verletzt sehen, wenn die Klassenkameradin
oder Kommilitonin mit einem Fetzen ein Stück Kopf verhüllt.
Und die Jungen würden bald ihre Wege finden, die stur republikanischen
Alten auf ihre Weise zu blamieren. Das weiss auch die Polizei. Aber solcher
Realismus ist zur Zeit, da so viele dieses Fieber lieben, nicht gefragt.
Staatsmoralische Unruhen in Frankreich sollte man jedoch im übrigen
Europa immer ernst nehmen, weil auf die eine oder andere Weise mit ihnen
die Fähigkeit der politischen Klasse zusammenhängt, die politische
Federführung zu halten. Zur Zeit ist das Volk wenig eingenommen von
der Union, hält auch nichts vom gemeinsamen Verfassungsprojekt. Alle
Parteien sind in sich zerstritten, zumindest ungefestigt. Einheitliche
Parteimeinungen über ein Foulard-Gesetz sind nicht herzustellen.
Die Regierung taumelt ein wenig, die Diadochen-Kämpfe um das Amt
des Staatspräsidenten haben bereits begonnen. Ein Streit um die Grundsätze
des laizistischen Staates käme sehr ungelegen in einem Moment, da
die Nation wieder einmal nicht weiss, ob und wie sich ihr republikanischer
Geist in den Stürmen der Globalisierung bewähren wird.
Wenige Tugenden sprechen so sehr für die politische Gemeinschaft
der Europäer wie die Immunität gegen Fundamentalismen jeglicher
Art. Im letzten Halbjahrhundert sind fundamentalistische Verkrampfungen,
politisch oder religiös inspiriert, zwar immer wieder eingetreten.
Aber sie waren nie von langer Dauer, konnten keine bemerkenswerte Krisen
auslösen. Die Evangelikalen in den protestantischen Kirchen, die
katholischen Integristen nach dem II. Vaticanum, die gelegentlichen Nachgeburten
des Faschismus: Die Resistenz dagegen erwies sich immer als stärker.
Es waren vor allem Intellektuelle und Medienangestellte, die bisweilen
einen Fundamentalismus oder Integrismus das Haupt erheben sahen und prompt
das Wort vom "Schoss ist fruchtbar noch ..." einsetzten. Verständlicherweise,
nach der schrecklichen jüngeren Geschichte, die erfüllt ist
von fundamentalistischen Religionskriegen, Ausschliessungen, Aberkennungen
von Menschenrechten. Und wenn auch die Mehrheit der Europäer unfähig
geworden ist, sich daran zu erinnern, so bleibt die Erinnerung daran doch
Intellektuellenpflicht. Dabei geraten sie leicht, wie soeben wieder in
Frankreich, in selbstgestellte Fallen. Dazu zählt in Frankreich der
Laizismus.
Für den laizistischen, militant weltlichen und insoferne radikalen
Staat wird in Frankreich seit der Grossen Revolution von 1789 gestritten.
Die endgültige Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905, mit der
die völlig säkularisierte Schule die Kirche aus ihren Räumen
verbannte, brachte einen Religionsfrieden. In der Affaire Dreyfus, in
der die Nation zerrissen war, wurden auch viele Verfechter des konfessionstoleranten
Laizismus zu intoleranten Religionsfeinden. Der katholische Fundamentalismus,
mit dem sich Napoleon III. verbündete, blieb bis ins 20. Jahrhundert
hinein für Linke und Liberale ein Schreckgespenst. Nach dem kurzen
Rückfall des Petainismus, 1940-1944, beruhigte sich das Verhältnis
rasch. Katholische Priester und rechte Reaktionäre hatten gemeinsam
mit Kommunisten und Liberalen in der Résistance gekämpft,
der modernisierte Nationalismus des Generals de Gaulle setzte dann ein
Ende. Die Kirche, durch die rasche Entchristlichung Frankreichs ohnehin
geschwächt, machte mit dem laizistischen Staat ihren Frieden - und
durfte nicht ohne Genugtuung zusehen, wie auch die politische Elite ihre
Kinder in katholisch geführten Privatschulen schickt, da die Staatsschulen
vielerorts verwahrlost sind.
In den frühen neunziger Jahren bereitete sich für den Laizismus
ein Frontwechsel vor. Vor allem in den Armutsquartieren um Paris, Lyon
und Marseille breitete sich unter der orientierungslosen Jugend der Immigranten
aus dem Maghreb und Schwarzafrika ein Ohnmachtsradikalismus aus, der sich
seine Ziele ziemlich beliebig suchte. Der Palästina-Konflikt und
damit die französischen Juden, meist gut situiert lebend, boten sich
an. Antisemitismus mischte sich in den Fundamentalismus - von dem sich
die Mehrheit der vier Millionen Musulmanen in Frankreich fernhält.
Doch, wie so oft in labilen Zuständen, genügen relativ wenige
Zwischenfälle, um Glaubenseifer zu einem grösseren oder kleineren
Flächenbrand werden zu lassen.
Solche Konflikte mit fundamentalistischem Hintergrund haben sich in den
letzten Jahren gemehrt, etwa 1.200 vermelden die Behörden. Doch die
allermeisten konnten gelöst und beruhigt werden. Sie waren breit
gestreut, die Schule ist nur der grösste Austragungsort. Krankenhäuser
sind mit Patienten wie mit Personal betroffen, andere öffentliche
Dienste und Unternehmen auch. Da es um Glaubensüberzeugungen geht,
bieten die Streitereien in dieser modernen Gesellschaft ein verwirrendes
Bild. Da verbietet ein Schuldirektor im Namen der Gleichberechtigung Schülerinnen,
die den Foulard tragen wollen, das Haus. Nebenan sehen Direktion und Lehrer
im Namen desselben Toleranzgebots über den Foulard hinweg. In dem
einen Krankenhaus tobt ein fundamentalistisch rabiater Ehemann gegen die
männlichen Gynäkologen, die seine Frau untersuchen wollen. Sie
hat kein Wort zu sagen. In der nächsten Geburtsklinik weiss man Derartiges
zu vermeiden, indem sie auch für den Notfall weibliches Personal
bereitstellt. Wobei es passieren kann, dass musulmanische Arzthelferinnen,
die ihre maghrebinische Heimat verlassen haben, um der Frauenunterdrückung
zu entgehen, über solche Toleranz entrüstet sind.
Ebenso unübersichtlich ist der Meinungskampf um die Notwendigkeit
eines Gesetzes. Die katholische Kirche ist aus Toleranzgründen dagegen,
ebenso wie der xenophobe rechtsradikale Front National von Le Pen. Die
Kommunisten, sonst laizistisch bis in die Knochen, raten vom Gesetz ebenso
ab wie die Grünen, während die Mehrheit des sozialistischen
Fussvolks ein Verbotsgesetz gegen den Foulard haben möchte. Auch
die Mehrheit der UMP, der konservativen Chirac-Partei, verlangt ein Gesetz.
Das war zwar dem Staatspräsidenten, der aus Erfahrung von luftigen
und nur neuen Zwist erregenden Staatsregelungen wenig hält, unangenehm.
Schliesslich musste er sich beugen, da die von ihm eingesetzte Kommission
unter dem Abgeordneten Stasi dazu drängte, und kündigte ein
Gesetzeswerk an - dessen Erstellung neuen Ärger machen wird. Man
wird Kautschuk-Bestimmungen und Normlöcher einbauen müssen,
weil man das auffallende Tragen von grossen Kreuzen, Kippah und Foulard
nicht auf den Quadratzentimenter festlegen kann. So bleibt es an den Lehrern
und den Schuldirektoren hängen ... die schon nach bisheriger Regelung
die Probleme lösen oder umgehen mussten.
Bei dieser Gelegenheit stellt sich heraus, wie brüchig der französische
Staatslaizismus ist, auf den sich die Idee der Republik stützt, geworden
ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass seine stärksten Bataillone,
das Personal der Bildungseinrichtungen vom Universitätsprofessor
bis zum Grundschullehrer, seine Orientierung verliert. Bildung und Demokratie,
sie waren immer auf die laizistische Republik gestützt. Diese politisch-moralische
Stütze ist heute durch die Europäisierung und Globalisierung
erschüttert. Und dies betrifft wiederum die Rolle der Intellektuellen,
die sich in der populistischen Medien-Demokratie nur schlecht zurechtfinden
können. Viele Intellektuelle, die bisher als Wächter des Toleranzstaats
galten, wenden sich nun im Namen der laizistischen Rechsstaatlichkeit
gegen die eigenen Ideale, indem sie das Gesetz fordern: Sie unterstützen
mit ihrer Verteidigung der Republik die Exklusion von Minderheiten aus
religiösen Gründen. Ein böses Gift für die europäische
Verfassung, an deren mühevoller Konstruktion doch Frankreich einen
grossen Anteil hat.
Miszellen
Thanksgiving: Wenn das kein Untergangsbild ist: Präsident
Bush, zu heimlichem Blitzbesuch bei seinen Kriegern, mit leerem Showbiz-Schmunzeln
der Welt seinen Pappmaché-Truthahn servierend. Die Mehrheit der
Nation soll der neronischen Szene Beifall gespendet haben (Kaiser Nero
wollte, wie der Historiker Sueton überliefert, vor dem brennenden
Rom als Kitharöde bewundert werden, als Sänger zur Kithara,
von der die heutige Guitarre herkommt).
Den Europäern sollte der Hohn darüber im Gesicht gefrieren.
Denn sie erkennen daran die Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Das Katastrophische
in dieser Komödie erkennend, können sie doch nicht wünschen,
dass im Zweistromland der tönende Niedergang des Imperiums endgültig
beginnt. Jede weitere Demütigung Amerikas kostet neues Blut. Und
ein Narr, wer als rechtzeitiger Warner nun Recht behalten wollte. Ein
Narr aber auch, wer nicht sehen will, dass der blutige Dilettantismus
seiner Führer Amerika noch endlos viel kosten kann. Und mit jeder
neuen Pose, die seine Repräsentanten stellen, zieht es weitere Verachtung
in der übrigen Welt auf sich. Der Truthahn, früher Indian genannt,
ist das neueste Symbol für die gestikulierende Ohnmacht des Imperiums.
Deutscher Klang: Ein Musikstück, unvergleichlich deutsch:
Klavierquartett in C-Dur, opus 60, von Brahms, vollendet 1875. Gespielt
von Isaac Stern, Jaime Laredo, Yo-Yo Ma, Emanuel Ax, aufgenommen 1986
in Tokio. Nur als Deutscher, so fällt einem dabei ein, kann man sich
davon ganz ergreifen lassen - weil man nun den Verlust des deutschen Klangs
erspürt. Das konnte einmal aus Deutschland der Welt gegeben werden.
Und was haben wir in den letzten fünfzig Jahren gegeben? Ein paar
Gedichte vielleicht, von Celan und von Benn. Aber sonst? Einen deutschen
Ton, der nicht auch seinen Verlust anklingen liesse, können wir in
den eignen Ohren nicht mehr vernehmen.
Mit den Waffen der Frauen: Es müsste nur einer der englischen
Modemacher, die jetzt die Pariser Szene beherrschen, beim nächsten
prêt-à-porter alle seine Mädchen im Foulard. Zara H&M
wären mit bei der Sache, und das Problem wäre im Nu gelöst.
Hatten nicht schon alle ihre Grossmütter in den 40er und 50er Jahren
das Kopftuch getragen oder den Turban? Manche, die sich morgens die Haare
nicht waschen kann, wäre froh, es auch im Büro so zu machen
wie die Berufsfrauen von damals. Und hatten nicht die Dietrich und die
Signoret, die Knef ihre starken Rollen im Foulard?
Man kann die strengen Imame und die orthodoxen Laizisten in Frankreich
am besten mit der Demonstration niederschlagen, dass es nunmehr unmöglich
ist, den Symbolgehalt der Zeichen in den Zeichen selber retten zu wollen.
Die Sitten rennen nun einmal das Gesetz über den Haufen - und das
ist gut so.
Keine Zeitgenossen: Man hört jetzt nur selten jemanden sagen,
wir lebten in einer grossen Zeit. Es werde einmal ein Glück sein,
an ihr teilgenommen zu haben. Andrerseits wird auch nicht oft geklagt,
wir seien in einer elendigen Zeit gefangen, wohl dem, der nicht mehr in
ihr leben müsse oder noch nicht gelebt habe. Wie ältere Leute
halt so dahinreden. Die Arbeitslosen haben ohnehin nichts dazu zu sagen.
Sie sind aus der Zeit gestellt, können sich daher über sie nicht
beklagen.
Wie kommt es, dass so viele Teilnehmer an dieser Gegenwart ihre Zeit nicht
empfinden können, in ihr keine grossen Aufschwünge der Gesamtheit
als Zeugen wahrnehmen oder sich in den Abgrund gezogen fühlen? Lange
Zeit war das ja anders gewesen, wie man schon bei den Klassikern aus der
Zeit Napoleons und der Grossen Revolution nachlesen kann. Sie erlebten
"Epoche" und sich mittendrin. Sie konnten das auch ausdrücken.
Doch was ist Epoche, wenn nicht unsere Zeit? Soeben ein Imperium lautlos
versunken - das nächste bereits in der schrillen Ouvertüre seiner
eigenen Götterdämmerung - mitten in der gewaltsamen Transformation
des Genotyps und damit des Phänotyps - die Auffüllung der letzten
leeren Zivilisationsräume - und dies alles in zwei Jahrzehnten mitzuerleben.
Wie kann man da nicht jeden Tag beeindruckt, bewegt sein?
Vermutlich ist für viele, die Zeuge sein könnten, die Zeugenschaft
zu anstrengend, zu beschwerlich. Sie müssen fürchten, jede Orientierung
zu verlieren, da sie doch für ihr Normalleben ihre Leitseile nicht
entbehren können. Sie dürfen sich das Pathos der Zeitgenossenschaft
nicht zutrauen, weil sie dabei einiges zu verlieren hätten, nichts
zu gewinnen. Emphatisch in der Gegenwart zu sein, ist ein Luxus für
die Wenigen. Das ist ein grosser Jammer.
PS: Wenn es sich so verhält, wie hier vermutet, können die deutschen
Kultusminister die Hälfte ihres Katalogs der Bildungsreformen getrost
wieder einpacken. Sie konnten ja auch selber nicht angeben, in welcher
Zeit, also in einer Zeit ohne Epoche, sie sich ihre Mühe machten.
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