Warum Wachstum ? (II)

Was wäre, wenn in unseren alten und reich gewordenen Gesellschaften die Disposition zum wirtschaftlichen Handeln und damit zum Wachstum unaufhaltsam versickerte? Wenn unsere Kraft und die Fähigkeit zur Erzeugung stets neuer Bedürfnisse abhanden käme? Wenn wir es nicht mehr für rational hielten, uns zu ständiger Regsamkeit und wachsamer Disziplin anzuhalten? Und wenn schliesslich die Nachfrage nach Gütern derart unstet, beliebig und unvorsehbar wäre, dass sich darauf keine Angebote, kein unternehmerisches und staatliches Planen ausrichten könnte?
Das hiesse alles in allem, dass der homo oeconomicus als ein immer berechnender und somit berechenbarer sich auflöst. Ein Albtraum für die ökonomische Theorie und für die Wirtschaftspraktiker. Aber man sollte dieser Spekulation nachgehen, sie ist heute aktuell. Nicht nur, weil die Unlust zum Konsumieren sich beängstigend lange hält und weil sich die Lust zum Bedürfnis auch mit vielen schlauen Tricks kaum noch erwecken lässt. Sondern auch, weil die leitenden und regulierenden Einrichtungen dieser kapitalistischen Welt, voran die Börse, ihrem Besteckkasten der Steuerung nicht mehr trauen mögen. Wenn die gewohnten, immerwährenden Reaktionen in den Konjunkturverläufen ausbleiben und wenn man auf die naturgegebenen Antriebe von Angebot und Nachfrage nicht mehr bauen kann, scheint die Welt vernunftlos geworden zu sein. Man verliert den Kompass. Anarchie droht, wenn der Wunsch nach Sicherheit durch unermüdliche Verbesserung der Wohlfahrtsmaschine verblasst. Man kann sich dann auf gar nichts mehr verlassen.
Dass sich für gewisse Zeit keine Erwartungen aufs Mehr und aufs Bessere wecken lassen, wie es bisweilen vorgekommen ist, kann man ertragen. Denn man kann es erklären, vor allem mit Enttäuschungen, die ja nie lange vorhalten. Enttäuschung ist immerhin eine Reaktion, der man mit wirtschaftlicher Vernunft begegnen kann. Man muss das Angebot und den Preis ändern, sich etwas Neues einfallen lassen. Wenn aber die Leute immung gegen jede Erwartung sind - weil sie es leid sind, immer erwarten zu müssen und den Zwang zur Erwartung menschenunwürdig finden?
Dazu findet sich eine starke Hypothese, eine einleuchtende Vermutung: Unter den Lebensbedingungen des Hyperkonsums schwindet die Fähigkeit zum Konsum (Gilles Lipovetsky, in le débat no. 124, März-April 2003). Dass der Hyperkonsum den Konsum erschlägt, könnte man moralisch verstehen, etwa so: Der Zwang zum Überkonsum, der vom Zwang zur Überkommunikation unterstützt wird, führt zur Lähmung des Bedürfnis- und Konsumvermögens. Das wäre eine marxisierende Erklärung, nicht uninteressant, weil sie die Selbstzerstörungskräfte des Kapitalismus an der Wurzel zu fassen suchte und damit die alten Verelendungstheorien erübrigen würde. Aber so ist es nicht gemeint.
Die Hyperkonsum, so die Vermutung, durchdringt eine Gesellschaft, die keine Gesellschaft mehr ist. Es wäre ein soziales Konglomerat, in dem die Beziehungen der atomisierten auf ihre Selbstverfügung versessenen Individuen nicht mehr an erster Stelle durch Güter und durch Berufsarbeit geregelt würden. Es gäbe keine notwendigen Gemeinsamkeiten des Produzierens und des Wohlfahrtsgenusses: in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, also dem Fortschrittsmotor, wäre keine integrative Kraft mehr enthalten.

Zwar käme auch die Nicht-mehr-Gesellschaft des Hyperkonsumierens nicht ohne staatliche Gewalt und ohne Routinen der Verwaltung aus. Aber es steckte keine Moral mehr in den Beziehungen über den Austausch und die Produktion von Gütern. In den Konflikten über produzierende Arbeit und über Berechtigung zu Einkommen und Güterbesitz liessen sich keine Solidaritäten, wie einst im Lohnkonflikt, mobilisieren.
Mit anderen Worten: Die unsichtbare Hand der Marktvernunft, die das wölfische Verhalten durch den Zwang zum Markt dämpft und niederhält, könnte sich zurückziehen. Denn es fehlten den Individuen, die sich auch ohne viel Hab und Gut und anstrengende Arbeit wichtig finden möchten, die Antriebe zum Wachstum, zum ständigen Mehren. In der Gesellschaft des Hyperkonsums fände man Anerkennung, eben weil der kleinkarierte Geltungskonsum der leisure class kein unentbehrlicher Stachel mehr, ausrangiert wäre.
Die Bedrohung der Konsumfähigkeit durch Überkonsumtion wird weniger im Wirtschaftsteil als im Feuilleton abgehandelt. Zum Beispiel das Unverständnis einer Generation von jüngeren Musikverbrauchern für Eigentumsrechte und Urheberschaft. Zum Beispiel die Verwahrlosung der Speise, indem eine ordnungslose Zuführung von Lebensmitteln die notwendigen Sitten gegenstandslos macht, durch die erst Bedürfnisse geformt und Ansprüche gefestigt werden. Der agroindustrielle Markt in Europa mit seinen uniformen Angebotspaletten ist in wenigen Jahrzehnten verwahrlost, indem er den Überkonsum von faden Nahrungsgütern, die nicht mehr zur Speise veredelt werden konnten, praktisch erzwungen hat. Dem kam die nomadisierende Lebensweise der jüngeren Generationen entgegen, die sich den billigen Hyperkonsum von energieverschwendenden Bewegungsmaschinen aller Art leisten konnten, ja aufgezwungen bekamen. Also entstand ein unstetes und anfälliges Bedürfnisgeflecht, wie sich zur Zeit in der Krise der Tourismusindustrie zeigt. Wenn man von Jugend an gewohnt ist, nur mit Plaste und Elaste zu hantieren, kann man sich schwer die taktilen Empfindlichkeiten aneignen, um den Umgang mit Samt und Seide zum Bedürfnis zu machen, es sei denn, die leisure class könnte durch Geschmacksherrschaft einen hinreichend starken Snobismus erzeugen und auferlegen. Das aber ist heute nicht mehr möglich. Auch die Reichen gebrauchen ihren Luxus auf plebejische Weise, konsumieren nur teurer, nicht besser.
Die Knappheit, die der Markt und damit das Wachstum als Lebensessenz brauchen, ist allzu rar geworden. Wenn ein Grossteil der Güter des Alltagsverbrauchs praktisch preislos geworden, so zeigt das die Zerstörung von Bedürfnissen und damit die Zerstörung des Verbrauchs an. Der Wirtschaftsteil, der von den Aktionären für ihre Marktorientierung gelesen werden muss, kann das jedoch nicht zum Thema machen. Wenn er es täte, bekäme der Anzeigenteil sogleich die Macht der Werbe-Industrie zu spüren. Diese hat besonders die Marktkräfte zu repräsentieren, die für Überkonsumption und Zerstörung der Konsumbedürfnisse sorgen.
Am Zerfall von Bedürfnis und Konsum ändern Rezessionen und Minderung der Masseneinkommen nur wenig. Der Überkonsum bleibt auch in einer etwas ärmeren Gesellschaft bestimmend. Und es könnten, indem man bei knapper Kasse mancherlei Überflüssigkeiten abwürfe, nicht die Bedürfnisse gereinigt und damit eine präzisere Nachfrage erzeugt werden, damit am Markt wieder Übersicht und klare Preisrelationen einziehen. Es lässt sich nämlich im Turbo-Kapitalismus nicht unterscheiden zwischen den Bedürfnissen aus Lebensnotwendigkeit, wie sie im Bedürfniskorb der Sozialhilfe-Empfänger ausgewiesen werden, und den Entbehrlichkeiten, auf die man in kargen Zeiten verzichten, sie aber als Anspruch in besseren Zeiten sofort wieder aufnehmen kann.
Es scheint eine kulturideologische Geschmacksache, ob man der Produktionsweise des Turbo-Kapitalismus die Schuld daran gibt, dass die Ansprüche auf die Qualität von Gütern verkommen und die Formlosigkeit der Bedürfnisse Konsum und Markt ruinieren. Oder ob man dem Wandel der Sitten, der verschlampten Leistungs- und Entgeltmoral und dem massendemokratischen Egalitarismus zur Last legt, dass die Rationalität des Marktes gesprengt wird. Dass also die Leute nicht mehr wissen müssen, was sie wollen, weil sie kein Interesse mehr zustande bringen.

Nein, das ist nicht nur eine ideologische Geschmackssache. Es ist, heute weit mehr als zu wohlfahrtsökonomischen Zeiten, eine politische Frage. Denn solange noch von den Regierungen verlangt wird, dass sie ihr nationales Arbeitskapital durch ständige Sozialreform in Ordnung und konkurrenzfähig halten - unter den Bedingungen der Globalisierung eigentlich unsittliches Verlangen -, solange muss auch nach der Modernität des nationalen Konsums und nach der Kompetenz der Konsumenten gefragt werden. Denn wenn er schon unter schweren politischen Kosten die Leistungsentgelte, die Renten und gar die Steuern senken soll, so muss der Staat auch dafür verantwortlich sein können, dass die Konsumkompetenz der Bürger erhalten und gesteigert wird. Denn die Unfähigkeit der Bürger zu vernünftigem Konsum bedrückt auch den Staat. Er ist auch der Hauptleidtragende am Überkonsum, der sich aus internationalisierten Angeboten von Unternehmen speist - die ihrerseits keinem nationalen Interesse an Arbeitsplätzen verantwortlich sind.
Die Unternehmerwirtschaft, die am Ende ihrerseits die Folgen von Hyperkonsumismus und den Niedergang der Konsumkompetenz zu spüren bekommt, ist jedoch nicht in der Lage, die Bedürfnisvernunft der Nachfrager zu pflegen und zu fördern. Sie muss zwar an unterscheidungsfähigen, wählerischen und zugleich auf richtige Weise sparenden Konsumenten interessiert sein, aber sie kann ihr Interesse nicht organisieren. Sie ist auch grundsätzlich internationalisiert und kann nur auf die nationalen Regierungen Druck ausüben, um Lohnkosten zu senken und staatliche Interventionen zu unterbinden. Damit trägt sie bei zur Verhinderung eines Wachstums, das durch Konsumrationalität getragen wird.

Wird fortgesetzt.