Der neue Phosphoros beendet mit dieser Ausgabe seine
mehrmonatige Abwesenheit.
Er wird weiterhin an einem Freitag erscheinen,
jedoch nicht regelmäßig.
Die nächsten Ausgaben
sind für
den 13. Mai und den 27. Mai vorgesehen.
Lagebestimmung: Später Offenbarungseid
Wagemut, durch Not erpresst, gebiert bisweilen Hitzigkeit. In
Deutschland kommt das selten vor. Hier sitzt man die Not lieber
aus und lässt sich von ihr fressen. Darum konnten es die meisten
nicht recht fassen, dass der Vorsitzende der Sozialdemokratie sich
den Witz machte, das Kind zu spielen und des Kaisers neue Kleider
aufzudecken. Die neuen Kleider, an denen sein Vorgänger, der
Kanzler, seit sechs Jahren so eifrig wirkt und webt. Undenkbar,
dass Schröder, selber ein kühler Spieler, nicht mit in
der Verabredung gewesen war. Es muss ihm klar sein, dass er nichts
anhat und dass ihn vor der Enthüllung nur die Angst der politischen
Gegner bewahrt. Sie sind so nackt wie er. Die Volksmeinung, feige
wie so oft, ahnt es längst. Sie will es nur nicht deutlich
wissen. Auch die Verbandsfunktionäre der Unternehmer, die
diese Regierung bis an den Rand ihrer Kräfte ausgequetscht
haben, wollten es nicht genauer wahrhaben. Ihr obligatorischer
Protest fiel schwächlich und ratlos aus.
Der Kanzler weiß seit mindestens einem halben Jahr, dass
er nichts mehr zu verlieren hat. Noch vor ein paar Wochen hat sein
Renten- und Sozialberater wissen lassen, dass die Jobmisere weitere
anderthalb Jahrzehnte anhalten werde. Ende also mit der verzweifelten
Mär vom rettenden Wachstum, das doch irgendwann einmal eintreffen
muss. Kein Ende mit der weiteren Spaltung der Gesellschaft, der
Verdammung einer Mehrheit zur Untätigkeit.
Der Kanzler muss sich von nun an jeder Kopflosigkeit der Wählermassen
gewärtig sein. Da war es für ihn allemal klüger,
den Offenbarungseid selber zu leisten. Leisten zu lassen, weil
er geschickt genug gewesen war, sich zur rechten Zeit den rechten
Mann zu bestellen. Pokerface Müntefering kann die Doppelpass-Rolle
leichter spielen, als er die Sprache spricht, die dem Regierungschef
nicht zur Verfügung steht. Politker, die nicht das Zeug zum
Hasardeur haben, sind unter den heutigen Umständen schon halb
verloren. Schröder hat das Zeug dazu.
Wie schnell Kopflosigkeit in den Massen um sich greift und das
politische Personal mit in den Strudel zieht, erlebt soeben Frankreich.
Dort sind die beiden großen Parteiblöcke, getrieben
von Wut und diffuser Angst der Wähler, zerrissen und gelähmt.
Die Franzosen, orientierungslos und leichtsinnig wie nur je, benutzen
das Vehikel des Plebiszits über den europäischen Verfassungsentwurf
(am 29. Mai), um ihrer hilflosen Wut über den hemmungslosen
Liberalismus in Markteuropa Luft zu machen. Dabei kommt ihnen die
Brüsseler Direktive zur Liberalisierung des staatlichen Dienstleistungssektors,
eines geheiligten Gutes der Republik, gerade recht. In wenigen
Wochen ist der dafür verantwortliche Ex-Kommissar Bolkestein
zu einer Hassfigur geworden.
Noch vor drei Monaten waren die Führungskräfte in allen
Parteien sich gewiss, dass das Ja zur Europa-Verfassung obsiegen
würde. Mitte April ermittelten Meinungsumfragen bereits ein
Nein von 55 Prozent, getragen von einer unheiligen Allianz der
Technokraten wie dem ehemaligen Ministerpräsidenten Laurent
Fabius (stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokraten), Kommunisten,
dem erzrechten Front National von Le Pen, Spättrotzkisten,
konservativen Souverainisten etc., ein unübersehbares Gewimmel,
das sich politisch nicht mehr einfassen lässt. Nun tun es
den Franzosen die ebenso berechnenden wie berechenbaren Niederländer
nach, bislang unübertroffen in ihrer Europa-Vernünftigkeit.
Auch unter ihnen zeichnet sich ein Plebiszit-Nein zum Verfassungsentwurf
ab.
Mit einer denkbaren Europa-Initiative haben diese Unmutsbewegungen
so wenig zu tun wie Münteferings Kapitalismus-Kritik mit einer
linken Reformidee. Für den Kanzler geht es erst einmal um
rhetorischen Spielraum, um die vorsichtige Rücknahme seiner
Parolen “Es gibt keine Alternative” und “Ich
kann keine andere Politik”. Er weiß mittlerweile Bescheid,
dass für ihn in der Mehrheitsmittelklasse, aus der er für
seine beiden letzten Wahlsiege geschöpft hat, nichts mehr
zu holen ist, nachdem er dort schon Beträchtliches verloren
hat. Er kann nur noch ein wenig an den Rändern holen – die
sich langsam verbreitern. Die noch immer umfängliche Mitte,
politisch unorganisierbar wie immer, kann ihm dabei wenig Widerstand
entgegensetzen. Sie ist ja selber zerrissen: Empört über
die arroganten Ackermanns und ihren Lustzwang zu den jährlichen
25 Prozent Shareholder value, die dem Überleben des Standorts
unentbehrlich sein sollen, fürchtet sie doch auch ihren Niedergang.
Sie hat, nach allen Verlusten durch das Platzen der Börse
vor fünf Jahren, noch immer einiges zu verlieren. Die Sozialdemokratie
muss sich vor einer radikalen Rhetorik weniger fürchten, seit
sich die Ackermann, Schrempp, Reuter und Middelhoffs selber als
Klasse geoutet haben. Sie können gerne und offen Kapitalisten
sein, sich auch so nennen lassen, weil sie wissen, dass sie einzige
Klasse sind. Gegen sie kann die Mehrheitsmittelklasse nicht aufstehen.
Deswegen kann sich die Sozialdemokratie einige Radikalität
ihrer Rhetorik leisten. Vielmehr, sie kann es sich jetzt nicht
mehr leisten, nicht radikal zu reden. Für eine ehrliche und
scharfe Kapitalismus-Debatte reicht das alles noch lange nicht.
Habt keine Angst, deutsche Intellektuelle.
Ohne Erbschaft – Entwurfskind und neue Sterilität
Eines sollte klar sein: Wenn es demnächst möglich sein
wird, bei der Zeugung seinem Kind bestimmte Dispositionen mitzugeben
oder zu entziehen, also Neigungen oder gar Eigenschaften einzusetzen,
wird die Folge sein, dass alle Weltankömmlinge Projekte sind.
Um sein Kind zum Projekt zu machen, genügt es bereits, alle
verfügbaren Mittel der In-vitro-Befruchtung und der PID, der
präimplantativen Diagnostik, auszuspielen. Es ist also nicht
nötig, ein vollständiges Konditionierungsprogramm vorzusehen,
um das erwünschte Individuum zu bestimmen. Es ist, wenn auch
fragmentarisch angelegt, von vornherein Artefakt, auch wenn es
die Wünsche der Erzeuger nicht erfüllt. Der französische
Philosoph Marcel Gauchet resumiert dies so: “Pour la première
fois dans l'aventure humaine, les nouveaux venus sont conçus,
dans tous les sens du terme, en tant qu'individus.” (In le
débat, Nr. 132, November / Dezember 2004) Das Entwurfskind
muss als Individuum, das mit bestimmten Eigenschaften oder Immunitäten
ausgestatten sein soll, im Vorhinein “verfasst” sein.
Auch wenn das meiste nicht nach Wunsch gelingen wird und ein unplanbarer
Eigensinn sich durchsetzen wird, ist es so oder so ein konditioniertes
Kind.
Dies wäre, da nur so, in dem Entwurf eines Neuen, mit dem
schmählichen Naturzwang der Fortpflanzung gebrochen werden
kann, die Erfüllung eines Traums der Aufklärung. Diderot
hat das schon ziemlich konkret phantasiert. Auch Freud hat spekuliert,
es wäre einer der größten Triumphe der Menschheit,
wenn es gelänge, den Fortpflanzungsakt zu einem gewollten
und absichtsvollen Handeln zu erheben und so vom Naturtrieb zu
lösen. Die Hoffnung auf eine Erlösung von der blinden
Natur lässt sich nur in die Tat umsetzen, indem man ein begreifbares,
lebensfähiges und einmaliges Menschenbild ins Auge fasst.
Das wird einige Mühe machen, zumal ja nichts schiefgehen darf.
Für Konstruktionsfehler wird der Erzeuger haften müssen.
Dies ist einstweilen Utopie, und sowohl die Sitten wie die wissenschaftliche
Empirie können ihr heute noch den Weg verlegen. Doch ist diese
Utopie aus dem Zivilisationsdrang nicht zu tilgen. Und die letzten
Jahrzehnte haben gezeigt, dass ihr die Wirklichkeit immer mehr
entgegenkommt.
Der als Entwurf geborene Mensch muss also, um Individuum zu werden
und frei sein zu können, schon ab ovo begriffen, also auch
konditioniert werden. Die Erzeuger, die ihren Willen haben wollen,
erwarten damit, Freiheit zu gewinnen, erwarten Emanzipation. Doch
sie unterwerfen sich damit auch der unabweisbaren Aufforderung,
ihren Sprössling zu präformieren und ihm Kontur zu geben.
Man kann, ist mithilfe der Genomdiagnose die PID technisch entfaltet,
nicht hinter ihren jeweiligen Stand, den state of the art, zurückgehen.
Sich die Qual der Wahl zu ersparen und einen Teil der Angebotspalette
bei der Modellierung des Kindes auszublenden, wird kaum möglich
sein. Je vielfältigere Eigenschaften oder Immunitäten
man dem künftigen Individuum einpflanzen will, desto größer
wird die Verlegenheit der auswählenden Wunschkind-Eltern.
Im selben Maß wächst ihre Verantwortlichkeit für
jedes biologische Fehlverhalten des Kindes. Wenn sie gewähnt
hatten, für das Kind und seine Eltern / Autoren nehme Sicherheit
zu, so nimmt sie vielmehr ab. Es vermehren sich Angst und Sorge
für das verantwortete Kind. Die Last der Schuldigkeit, die
man mit seiner bewussten Entscheidung auf sich genommen hatte,
könnte unerträglich werden.
Je genauer sich also die Wunschkind-Eltern ihren Wunsch erfüllen
können – und auch müssen, weil die Technik es hergibt –,
desto mehr setzen sie sich der Drohung aus, das Böse in die
Welt zu schaffen, und zwar aus eigenemWillen, wenn auch absichtslos.
Ebenso wie seinerzeit der Schöpfergott, der mit der Frage
der Theodizee seines Dilettantismus überführt werden
konnte, wenn nicht gar des üblen Willens, womit er sein Recht
als lenkender Weltautor verlor. Damit, im Nachhall des Erdbebens
von Lissabon im Jahr 1755, hatte das Zeitalter der militanten Aufklärung
begonnen. Also mit der impertinenten Frage an die Christenreligion,
wie das Böse in die Welt gekommen sei, Leibniz hatte die Frage
bereits vorkonstruiert. Mit der Erfüllbarkeit des Wunschkinds
und der Aussicht auf seine Perfektibilität beschließt
sich nun die Epoche.
Die Emanzipationshoffnung von Freud erweist sich heute als höchst
unbedacht. Die aufgeklärte Menschheit hat sich ihrer selbst über
die Maßen bemächtigt. Sie kann den Schöpfergeist
nicht mehr denunzieren, weil sie selber das Böse hervorbringen
muss und diesem Zwang nicht entgehen kann – sie müsste
sich denn entschließen, sich überhaupt nicht mehr fortzusetzen.
Dies macht ihr freilich der Befehl der zur neuen Religion gewordenen
Evolution schwer. Aus der Entwicklung bewusst auszusteigen scheint
nahezu unmöglich. Die staatsbildenden Mehrheiten sind fest
entschlossen, immer so weiter zu machen, auch wenn es kaum noch
zu ertragen ist.
Doch gedacht werden kann und muss es immerhin: Der Verzweiflungswunsch
der Jüngeren in einer rasch vergreisenden Gesellschaft könnte
darauf hinauslaufen: Wenn es für uns ohnehin aussichtslos
ist, unsere Generationsschuld an die allzu leichtsinnigen und verantwortungslosen
Vorerzeuger abzuzahlen, so lasst uns die Schuld ganz und ein- für
allemal abwerfen! Nämlich dadurch, dass wir das Fortpflanzungsgeschäft
unsererseits restlos einstellen. Wir sollten uns mit einem gedankenlosen
Weitermachen schließlich nicht an unseren Kindern verschulden,
die ja noch schlechtere Bedingungen als wir selber vorfinden werden.
Damit wäre also der verhängnisvolle Generationenvertrag
mit seinen unsinnigen Verpflichtungen verworfen. Die Herstellung
von Humanität könnte sich dieses Zwangsmittels, dessen
Notwendigkeit nicht mehr gegeben und nicht einzusehen ist, entledigen.
Es wird, wenn sich die Plankindschaft mit ihren Konsquenzen durchgesetzt
hat, unmoralisch.
Die Generationensolidarität musste nicht zuletzt deswegen
hochgehalten werden, weil es an Gewissheiten der Zukunft fehlte,
weil die Menschen ihrem Schicksal nicht planend begegnen konnten
und daher nicht in Verantwortung für ihren Lebenslauf zu zwingen
waren. Man musste die Kosten für die Hinfälligkeit im
Alter den kommenden Generationen aufbürden, sie in Zukunftshaft
nehmen, weil man selbst zu unwissend und zu schwach war. Damit
verhält es sich im Prinzip wie mit der Solidarität der
staatlich organisierten Kranken- und Sozialversicherung. Ihre Notwendigkeit
schwindet und damit ihre moralischen Ansprüche. Wenn man hinlänglich
genaue Prognosen über die Zukunft aus seiner biologischen
Konstitution anstellen kann und wenn die Mittel zur Schadensabwehr
zur Verfügung stehen, entfällt das Recht auf die Solidarität
der Mitversicherten. Wer sein Kind konzipiert und ihm seine Verfassung
aufdrückt, erhofft vermehrte Sicherheit für seine Zukunft,
also auch die Verminderung von Ungewissheit. Er erwartet damit
auch mehr Autonomie und Lebenskraft: Der neugeschaffene Mensch
soll weniger auf die erzwungene Solidarität der anderen angewiesen
sein. Er soll sie, so das mächtige liberale Credo, von Verpflichtungen
zur Hilfe entlasten. Die Ausübung der Mitmenschlichkeit, die
Humanität, müsste sich, da sie sich nicht mehr auf den
sittlichen Zwang zur biologischen Fortsetzung und die ständige
Ausbreitung des Samens stützen kann, nun andere Hauptwege
suchen. Wir könnten, da wir uns aus dem Generationenkorsett
befreit haben und die Sozialität nicht mehr durch die Blutsbande
hergestellt werden können, endlich die Liebesgebote des Christus-Gottessohnes
zur Geltung bringen. Sie waren einst, in den Gründungszeiten
der verfassten Religion, in Solidaritätsbefehle umgewandelt,
im Staat sozialisiert worden. Ihre Geltung, also die Herrschaft
der Kirche als einer sozialen Solidargemeinschaft, hat sich über
zweitausend Jahre hin erstreckt. Nun scheint sie an ihr Ende gelangt.
Zugespitzt: Die Christen brauchen die Familie und ihren Moralzwang
nicht mehr, um die Kirche zu bilden und in ihr gläubig zu
leben.
Das Wunschkind kann jedoch nicht frei von Ordnung in die Welt
gesetzt werden. Es wird ihm ohnehin, wie es im Prozess seiner Planung
liegt, ein Verfassungsrahmen, eine Konstitution auferlegt werden
müssen. Grenzen müssen ihm, damit es überleben kann,
gesetzt werden. Sie wären aber nicht, wie bisher notwendig,
durch trial and error und törichte Umwege zu erfahren, sondern
könnten bewusst gezogen und ins Bewusstsein des Individuums
gestellt sein. “Verfasst” wären in einer Welt
der Projektkinder auch alle anderen Menschheitsgenossen ab ovo.
Zumindest denkbar wird dann auch, dass die jeweilige Verfassung
der Individuen in ihrem Eröffnungsinventar aufgezeichnet wird,
in seiner biologischen Kapitalausstattung. Ist dies möglich,
muss die Konstitution auch für ihren Träger lesbar sein:
Er wird damit zu seiner ständigen Selbsterklärung aufgefordert.
Wer das künftige Individuum entwirft, muss sich darüber
klar sein, dass er es in unaufhörliche Risikobereitschaft
zwingt, ihm das bewusstlos freie Spiel verbaut.
Dadurch, dass die Verfassung des Individuums hinlänglich fixiert
und “begriffen” werden kann, muss freilich die Willensfreiheit
nicht geknebelt, unterbunden sein. Die Individuation, die immer
ein gewisses Maß an Unbestimmtheit, an freiem Spiel und Abenteuer
voraussetzt, wäre durch die Bewusstheit der eigenen Konstitution
nicht entscheidend eingeengt. Wenn bisher der Kampf um die Selbstbildung
der Person, eben die Individuation, die Überschreitung von
Grenzen, von Sitten bedeutete, so vollzog sie sich doch in Blindheit
vor den eigenen Möglichkeiten. Die Befreiungs- und die Bindungsakte,
in denen sich die Person formte und ihre Fundamente schuf, bewegten
sich in Bewusstlosigkeit, ohne Kenntnis von Richtung und möglichem
Ziel. Das meiste, was einen zur Person machte, war nicht klar gewollt,
es stieß einem einfach zu. Allenfalls hinterher, wenn man
gereift war, konnte man sich über die Bestimmtheit seines
Schicksals den Kopf zerbrechen und ihm einen Sinn unterlegen. Warum
und auf welche Weise man etwas wurde, etwas aus sich gemacht hatte
und damit von anderen anerkannt werden musste, geschah in Dunkelheit,
ohne eine Strategie der Perfektion. Man war auf seine Begehrlichkeit
angewiesen und auf die Kraft der Neugier, die dann auch die Neugier
der anderen erwecken konnte. Darüber verfügten nicht
alle, vielen wurde sie mit Gewalt ausgetrieben.
Dies sollte sich mit dem gewollten Kind ändern. Es muss, als
ein Projekt der Wünschenden, eine Konstitution in die Wiege
gelegt bekommen, deren es sich, sowohl durch die Kontrolle der
anderen wie durch wachsende Eigenkraft, bewusst werden muss. Seiner
Grenzüberschreitung wird, so weit wie möglich, die Kenntnis
der Grenzen zugemutet. Es kann über den ungefähren Verlauf
seiner Grenzen, zumal der biologischen, Bescheid wissen und kann
ihn nicht ignorieren.
Noch kann die In-vitro-Fertilisation, mit der heute Wunschkind-Eltern
ihre Fruchtbarkeitsstörung als eine Krankheit kurieren, in
relativer Unschuld vollzogen werden. Die Erzeuger können einstweilen
nicht wissen, welche Last an Existenzbedingungen sie ihrem Kind
aufladen. Sie genießen bei ihrem Tun die entlastende Vermutung
des Nichtwissens. Doch mit jedem Schritt, den die Reproduktionsmedizin
in Richtung PID nimmt und damit von den Eltern bewusste Entscheidungen
verlangt, vermehrt sich deren Verantwortlichkeit für die biologische
Verfassung und die Gestalt ihres Erzeugnisses. Und es wird keinen
Weg zurück in die Natur-Unschuld, in die prinzipielle Unverantwortlichkeit
geben. Wer zeugt, wird wissen können, was er erzeugt.
Dies wird das Entwurfskind, das ja von vornherein konstruiert
sein muss, um zustandezukommen, wissen müssen, es kann sich
seinerseits nicht entlasten, indem es die Zeugungstat großzügig
ignoriert, weil es mit sich zufrieden ist und für Konstruktionsmängel
niemand anklagen möchte. Verantwortlichkeit gilt nun für
die Elternschaft als solche. Man kann sich bei der Zeugung irren,
was verziehen werden kann, aber man kann der bewussten und verantwortbaren
Urheberschaft nicht entkommen. Auch wer auf eine Kontrolle der
Zeugung verzichten möchte, entkommt in der Lebenssphäre,
in der die Kontrollierbarkeit unaufhaltsam und überall zunimmt,
nicht dem Zwang zum bestimmten Handeln. Werden die Behinderung
der Fruchtbarkeit oder die “Urkraft der Lenden” einmal
als Pathologie begriffen und somit der Therapie zugänglich,
wird unter dem biotechnischen Fortschrittszwang jegliche Zeugung
prinzipiell schuldhaft. Es muss eine Zeugung als solche verantwortet
werden, sie kann sich nicht auf dritte Instanzen, etwa der Religion
oder der Kultur, berufen.
Die Erzeuger des Entwurfskindes können dies nicht unbestimmt
lassen.Sie müssen es prägen, ihm bestimmte Chancen und
biologische Risiken zumuten, und zwar, so weit das technische Angebot
reicht. Sie können sich also nicht damit begnügen, nur
ein paar Charakteristiken anzulegen, auf andere Bestimmungen aber
zu verzichten. Dieser Notwendigkeit der Entscheidung können
sie nicht entkommen.. Auch wenn sie ihre Verschuldung am gewünschten
Kind in Liebe und achtsamer Fürsorge ausüben, es ist
doch ihr Wille, ist Herrschaft, unerlässliche Autorität.
Das Wunschkind, selbst wenn es in bester humaner, moralischer Absicht
gelingen sollte, also Freude für die Mitmenschen brächte,
bliebe doch das Produkt eines Zwangsverhältnisses. Dem kann
auf Dauer durch staatliche Verbote und bioethische Imperative nicht
vorgebeugt werden. Es wird auch kaum möglich sein, sich vor
dieser Konsequenz der westlichen Kultur zu drücken. Es geht
wohl nicht anders, der Masterplan muss nach dem Grundentwurf weitergeführt
werden.
Mit dem geplanten Wunschkind wird die Grenze erreicht, an der
die göttlichen Gebote der Offenbarungsreligionen zur ständigen
Fortzeugung in die Fatalität der totalisierten Aufklärung
umzuschlagen drohen. Beherrschen die Menschen einmal die Prokreation
und können sie in ihrer Verantwortung als Autoren angeklagt
werden, kann man sich nicht damit herausreden, dass man die auferlegte
Erbschuld überwinden wollte. Eine Erbunschuld ist damit nicht
zu erwerben. Erbschaft als solche ist das Übel. Sie ist immer
herrschaftsgierig. Der Schöpfergott selbst ist es, der aus
der Kultur ausgetrieben werden müsste. Das hätte die
heilsame Konsequenz, dass der Christ seinem Gott ganz frei, ohne
den erzwungenen Respekt vor dem Ur-Autor, gegenübertreten
dürfte.
Aus dem Tagebuch - Werkstatt-Texte - Miszellen
Verlorene Standards
Im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm geben sie seit Anfang
März wieder einmal “Andorra” von Max Frisch, in
neuer Inszenierung. In Erinnerung an die Frankfurter Aufführung
von Harry Buckwitz (1962) ein etwas starres, dialektisch überdrehtes
Lehrstück. Es reizte zu fiebriger Debatte über moralische
Logik, wie sie zur Brecht-Zeit üblich war, fruchtlos und doch
notwendig. Einmal nachsehen, was damals darüber geschrieben
wurde. Zuerst finden lässt sich ein Aufsatz “Andorra
mit anderen Augen” von Karl August Horst im MERKUR, Heft
170 vom April 1962. Ausgehende Adenauer-Zeit also, demnächst
wird Erhard regieren, der Intellektuellenverächter, ein passender
Repräsentant der BRD-deutschen Stimmungs- und Verdrängungslage.
1967, der Anfang der Studentenrevolte, lag noch ein gutes Stück
entfernt. Die Antisemitismus-Kritik blieb abgedichtet in engem
Umkreis. Auch Andorra, respektvoll anerkannt, konnte da wenig bewegen.
Es war der Tiefpunkt der westdeutschen Lähmung in den Nachkriegsjahrzehnten.
Horst, der das Stück nicht schätzen kann, stellt seine
Konstruktion mit der bewussten Identitätsfälschung des
Sohnes Andri in Parallele zu Calderons Leben
ein Traum. Hier wie
dort findet der Kritiker eine Zwangsdialektik, die sich ausweglos
aus der Identitätsvertauschung ergebe und zur vorausbestellten
Erfüllung im tragischen Dilemma finde – das darum nicht
tragisch sein könne. Die Figuren hätten keine Freiheit
der Wahl. Dazu die expressionistische Gestik des Büchnerschen
Wozzek, die im Widerspruch zum kalten Modell des im Grunde fatalistischen
Identitätsspielers Frisch stehen. Der letzte Akt flach, er
verwandle das Drama in eine “Show”.
Auch wenn der Kritiker den ganzen Autor Frisch nicht recht mag,
es ist eine seriöse Arbeit, mit ihr muss sich Horst selber
der Kritik stellen – wie es sich gehört. Wie ernst doch
damals die Schreibenden ihren Gegenstand, sich selbst und ihr Publikum
nehmen konnten! Schon dieses eine MERKUR-Heft, unter den zwölfen
des Jahrgangs, lässt die Qualität der damaligen Standards
sehen. Neben Gedichten von Jorge Luis Borges, Aphorismen von Max
Rychner, eine Erzählung von Johannes Urzidil über die
Pest-Tauben von New York, eine Skizze von Werner Kraft über
Wolken und ein schonungsloser Essay des Publizisten Rolf Schroers über
die Abwendung der Westdeutschen von der DDR, kaum ein Jahr nach
dem Mauerbau: “Aufstand für die Wiedervereinigung?”.
Er schließt mit der Forderung nach einem bundesdeutschen
Vorschlag, “die DDR anzuerkennen, an Bedingungen gebunden,
die nach den realen Möglichkeiten der Zonenbürger entwickelt
sind – das wäre die Weise einer revolutionären
Anwesenheit bei den Deutschen, die bisher alle Last trugen – und
lästig waren obendrein.” Das war mitten im Kalten Krieg
fast waghalsig. Das vorsichtige Programm “Wandel durch Annäherung” sollte
erst 1968 in Tutzing von Egon Bahr vorgetragen werden.
Schließlich Huldigungen des großen Schweizer Konservativen
Max Rychner von Hans Holthusen und dem Diplomaten / Historiker
Carl J. Burckhardt, Rezensionen von Alfred Andersch und Hans Magnus
Enzensberger. Fast alle sind heute von der Bühne verschwunden,
bis auf den letzten. TAZ- oder Kursbuchleser und - redakteure,
die im verlotterten intellektuellen Raum des Landes ihre kleinen
Bocksprünge der Befindlichkeit verrichten müssen, würden
das Schreibwerk von damals als elitär und ungenießbar
ansehen. Sie können nicht wissen, dass man in jener Bundesrepublik,
die sicherlich so hässlich war wie die heutige, keine Tabus
brechen musste, um gut und zeitgemäß zu schreiben.
Unbezahlbar
Unter den vielen Verwüstungen, die von der Globalisierung
in den westlichen Kulturnationen angerichtet werden, hier eine,
die besonders zum Himmel schreit: Den Strafgefangenen in den französischen
Gefängnissen wird immer häufiger die Arbeit entzogen,
die sie bisher genießen durften. Von den rund 60 000 Häftlingen
konnte noch im Jahr 2001 rund die Hälfte die schlecht bezahlte,
aber begehrte Teilzeitarbeit erhalten (mehr als Teilzeit erlaubt
das Gesetz nicht). In diesem Jahr sind es nur noch 35 Prozent.
Immer mehr Unternehmen, die sich bislang der billigen Arbeitskraft
bedient hatten, verlegen ihre Produktion oder bestimmte Produktionslinien
ins Ausland, vor allem nach Asien. Die Häftlinge, unter ihnen
20 Prozent Analphabeten, haben somit keine Hoffnung auch auf unqualifizierte
Arbeit mehr. Sie sind jedoch darauf angewiesen, weil in den Zellen
von der Seife bis zum Fernsehen alles bezahlt werden muss. Das
sind im Monat mindestens 200 Euro. Ohnedies sind die Verhältnisse
im französischen Strafvollug skandalös – was alle
paar Jahre in großen Prüfberichten der Öffentlichkeit
mitgeteilt wird, aber folgenlos bleibt. (Siehe Le Monde vom 10.
April)
Der Gefängnisaufenthalt, so besagt das französische Gesetz,
soll der Reintegration dienen. Ihr vorzügliches Mittel war,
wenn auch bei geringem Lohn, die Arbeit. Der Staat kann aber in
einer Zeit der Liberalisierung und der Massenarbeitslosigkeit schwerlich öffentliche
Werkstätten für Häftlinge einrichten. Bei dieser
Gelegenheit erinnert man sich eines anderen Programms zur Rehabilitation
in der Strafhaft, das zum nationalen Skandal geriet: In den 80er
Jahren waren die Strafgefangenen vom französischen Justizministerium
aufgefordert worden, freiwillig Blut zu spenden, um damit ihre
staatsbürgerliche Rehabilitierung zu fördern. In Frankreich
ist die Blutspende gratis, anonym und freiwillig, wird daher als
Bürgerpflicht geachtet. Die Aktion hatte auch den Zweck, die
amerikanische Plasma-Industrie von den französischen Blut-Empfängern
fernzuhalten. Die Gefängnisse wurden jedoch zu Herden der
Verbreitung von AIDS-Viren, da die Seuche unter dieser Population
in besonders hohem Maße wütet. Einige Blutsammelstellen
hatten dann versäumt, die Spenden durch Hocherhitzung zu reinigen,
mehr als 5000 neue AIDS-Kranke, unter ihnen vor allem Bluter, waren
das Resultat. Minister mussten gehen, noch heute sind Schadensersatzprozesse
gegen den Staat anhängig.
Die Strafanstalten, in denen die Elendesten unter Elenden gesammelt
werden, um zu sühnen und sich zugleich zu läutern, sind
ein barbarisches Relikt der Staatsgesellschaft. Doppelt gemein,
weil die Ausgeschlossenen hier von ihren Mitmenschen nicht wahrgenommen
werden müssen. Sie lassen sich, wie das Beispiel zeigt, auch
nicht sinnvoll organisieren. Solange es den Strafhäftling
gibt, kann es die Zivilgesellschaft, von der die aufgeklärte
Romantik schwärmt, nicht geben.
Unerlösbar
Weniger als die Hälfte der Briten weiß einen Zusammenhang
zwischen dem Osterfest und der Auferstehung des Herrn zu sehen.
Le Monde berichtete (am 27. März) über diesen Befund
einer Untersuchung. Ehe man darüber erschrickt, könnte
man sich die Mitteilung etwas anders zurechtlegen: Immerhin können
noch knapp fünfzig Prozent der Briten eine Verbindung zwischen
Fest und Auferstehung herstellen. In Deutschland, das vor kurzem
mit der Wiedervereinigung einen kräftigen Schub hin zu heidnischer
Ignoranz erlebt hat, wird sich ein ähnliches Bild bieten.
Für die christlichen Kirchen interessanter dürfte eine
Auskunft darüber sein, wieviel von den Bescheidwissenden auf
irgendeine Weise vom höchsten Christenfest berührt werden.
Und wissen müsste man schließlich, wieviel von den Uninformierten
bekunden, sie hätten durchaus religiöse Bedürfnisse,
könnten sie aber im christlichen Raum nicht unterbringen.
Es geht um die Behauptung des Feuilletons, aber auch von Klerikern,
wenn zwar die Religion von Vielen verlassen werde, so nehme doch
die Religiosität unter den europäischen Massen zu und
ergehe sich in vielerlei Surrogaten, symbolischen Ersatzbefriedigungen.
Noch grausamer: Auch für einen erheblichen Teil der heutigen
Gläubigen müssten die christlichen Feste und Symbole
als Surrogate dienen. Denn Authentizität des Glaubens, das
sagt die Alltagserfahrung, kann nur von kleinen Minderheiten gelebt
und aufrechterhalten werden.
Es ist zuzugeben, dass die Eucharistie, deren Bedeutung sowohl
gewusst wie geglaubt wie bekannt werden muss, ihre einzigartige
Erhabenheit auch daraus erhält, dass sie die schwierigste
unter allen Manifestationen der Religion ist. Und wenn der Papst
auf dem St. Petersplatz die Gläubigen segnet, müsste
er wissen und darunter leiden, dass er zum größten Teil
nur oberflächlich gefirnisste Halbgläubige beschenken
kann. Papst Woytila freilich wollte davon wenig wahrhaben und nahm,
in Gottes Namen, mit der Mehrheit der Feier-Konsumenten vorlieb.
Alles in allem in schwacher Papst, nur gerade ebenso stark, wie
es die jubelsüchtigen, autoritätsgläubigen Massen
es zuließen.
Weniger Muskeln, bitte
Wer sich noch daran erinnern kann: Nach dem letzten Weltkrieg,
bis in die sechziger Jahre, war der Typ des männlichen Kraftprotzes
in der Öffentlichkeit kaum zu sehen, weder in Amerika noch
in Europa. Die amerikanischen Krieger-Sieger, ob schon zuhause
oder noch in Übersee stationiert, hätten bei ihren Frauen
mit Muskelangeberei keinen Anklang gefunden, über einen Schwarzenegger
hätte man gelacht. Unter den Europäern, die allesamt
den Krieg verloren hatten, waren Mann-Männer nicht geschätzt,
dafür hatte die NS-Kultur vorgesorgt. Auch die schneidigsten
Flieger- oder Marineleutnants traten nicht mit starkem Muskelfleisch
auf. Weil die Männer wieder zivile Bürger sein wollten,
hielten sie sich bedeckt, was den Frauen wohl gefiel. Diese hätten
sich die misslaunigen, fleischbepackten Männer mit Drei-Tagebart
und schlechten Manieren, wie sie heute von der Werbe-Industrie
modelliert werden, nicht gefallen lassen.
Mit Marlon Brando und Burt Lancaster kam der Typ wieder hoch. Aber
welch tumbe Persönlichkeiten steckten in diesen Kraftleibern.
John F. Kennedy, wohlproportioniert, brauchte sich nicht aufzublähen
wie der jüngere Bush, der sich wie ein Vorstadt-Proll stark
macht und vor Kraft kaum laufen kann. Wer sich an das schlanke,
höfliche und zurückhaltende Amerika erinnern kann, das
es einmal gab, das wir auch als Befreier Deutschlands erlebten,
muss an den heutigen Amerikanerinnen verzweifeln. Die einstigen
Kino-Göttinnen, die von europäischen Frauen wie Männern
angeschwärmt werden konnten, haben sich in den Wolken verborgen.
Möchten doch ihre Töchter bald auftreten und sich neue
Männer züchten – wir würden uns gerne etwas
amerikanisieren lassen.
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