40. Ausgabe - Freitag, 29. April 2005 Druckversion aufrufen
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In dieser Ausgabe:

Später Offenbarungseid Ohne Erbschaft – Entwurfskind
und neue Sterilität
Verlorene Standards
Unbezahlbar
Unerlösbar Weniger Muskeln, bitte

 

Der neue Phosphoros beendet mit dieser Ausgabe seine mehrmonatige Abwesenheit.
Er wird weiterhin an einem Freitag erscheinen, jedoch nicht regelmäßig.
Die nächsten Ausgaben sind für den 13. Mai und den 27. Mai vorgesehen.
 

Lagebestimmung: Später Offenbarungseid

Wagemut, durch Not erpresst, gebiert bisweilen Hitzigkeit. In Deutschland kommt das selten vor. Hier sitzt man die Not lieber aus und lässt sich von ihr fressen. Darum konnten es die meisten nicht recht fassen, dass der Vorsitzende der Sozialdemokratie sich den Witz machte, das Kind zu spielen und des Kaisers neue Kleider aufzudecken. Die neuen Kleider, an denen sein Vorgänger, der Kanzler, seit sechs Jahren so eifrig wirkt und webt. Undenkbar, dass Schröder, selber ein kühler Spieler, nicht mit in der Verabredung gewesen war. Es muss ihm klar sein, dass er nichts anhat und dass ihn vor der Enthüllung nur die Angst der politischen Gegner bewahrt. Sie sind so nackt wie er. Die Volksmeinung, feige wie so oft, ahnt es längst. Sie will es nur nicht deutlich wissen. Auch die Verbandsfunktionäre der Unternehmer, die diese Regierung bis an den Rand ihrer Kräfte ausgequetscht haben, wollten es nicht genauer wahrhaben. Ihr obligatorischer Protest fiel schwächlich und ratlos aus.
Der Kanzler weiß seit mindestens einem halben Jahr, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Noch vor ein paar Wochen hat sein Renten- und Sozialberater wissen lassen, dass die Jobmisere weitere anderthalb Jahrzehnte anhalten werde. Ende also mit der verzweifelten Mär vom rettenden Wachstum, das doch irgendwann einmal eintreffen muss. Kein Ende mit der weiteren Spaltung der Gesellschaft, der Verdammung einer Mehrheit zur Untätigkeit.
Der Kanzler muss sich von nun an jeder Kopflosigkeit der Wählermassen gewärtig sein. Da war es für ihn allemal klüger, den Offenbarungseid selber zu leisten. Leisten zu lassen, weil er geschickt genug gewesen war, sich zur rechten Zeit den rechten Mann zu bestellen. Pokerface Müntefering kann die Doppelpass-Rolle leichter spielen, als er die Sprache spricht, die dem Regierungschef nicht zur Verfügung steht. Politker, die nicht das Zeug zum Hasardeur haben, sind unter den heutigen Umständen schon halb verloren. Schröder hat das Zeug dazu.
Wie schnell Kopflosigkeit in den Massen um sich greift und das politische Personal mit in den Strudel zieht, erlebt soeben Frankreich. Dort sind die beiden großen Parteiblöcke, getrieben von Wut und diffuser Angst der Wähler, zerrissen und gelähmt. Die Franzosen, orientierungslos und leichtsinnig wie nur je, benutzen das Vehikel des Plebiszits über den europäischen Verfassungsentwurf (am 29. Mai), um ihrer hilflosen Wut über den hemmungslosen Liberalismus in Markteuropa Luft zu machen. Dabei kommt ihnen die Brüsseler Direktive zur Liberalisierung des staatlichen Dienstleistungssektors, eines geheiligten Gutes der Republik, gerade recht. In wenigen Wochen ist der dafür verantwortliche Ex-Kommissar Bolkestein zu einer Hassfigur geworden.
Noch vor drei Monaten waren die Führungskräfte in allen Parteien sich gewiss, dass das Ja zur Europa-Verfassung obsiegen würde. Mitte April ermittelten Meinungsumfragen bereits ein Nein von 55 Prozent, getragen von einer unheiligen Allianz der Technokraten wie dem ehemaligen Ministerpräsidenten Laurent Fabius (stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokraten), Kommunisten, dem erzrechten Front National von Le Pen, Spättrotzkisten, konservativen Souverainisten etc., ein unübersehbares Gewimmel, das sich politisch nicht mehr einfassen lässt. Nun tun es den Franzosen die ebenso berechnenden wie berechenbaren Niederländer nach, bislang unübertroffen in ihrer Europa-Vernünftigkeit. Auch unter ihnen zeichnet sich ein Plebiszit-Nein zum Verfassungsentwurf ab.
Mit einer denkbaren Europa-Initiative haben diese Unmutsbewegungen so wenig zu tun wie Münteferings Kapitalismus-Kritik mit einer linken Reformidee. Für den Kanzler geht es erst einmal um rhetorischen Spielraum, um die vorsichtige Rücknahme seiner Parolen “Es gibt keine Alternative” und “Ich kann keine andere Politik”. Er weiß mittlerweile Bescheid, dass für ihn in der Mehrheitsmittelklasse, aus der er für seine beiden letzten Wahlsiege geschöpft hat, nichts mehr zu holen ist, nachdem er dort schon Beträchtliches verloren hat. Er kann nur noch ein wenig an den Rändern holen – die sich langsam verbreitern. Die noch immer umfängliche Mitte, politisch unorganisierbar wie immer, kann ihm dabei wenig Widerstand entgegensetzen. Sie ist ja selber zerrissen: Empört über die arroganten Ackermanns und ihren Lustzwang zu den jährlichen 25 Prozent Shareholder value, die dem Überleben des Standorts unentbehrlich sein sollen, fürchtet sie doch auch ihren Niedergang. Sie hat, nach allen Verlusten durch das Platzen der Börse vor fünf Jahren, noch immer einiges zu verlieren. Die Sozialdemokratie muss sich vor einer radikalen Rhetorik weniger fürchten, seit sich die Ackermann, Schrempp, Reuter und Middelhoffs selber als Klasse geoutet haben. Sie können gerne und offen Kapitalisten sein, sich auch so nennen lassen, weil sie wissen, dass sie einzige Klasse sind. Gegen sie kann die Mehrheitsmittelklasse nicht aufstehen. Deswegen kann sich die Sozialdemokratie einige Radikalität ihrer Rhetorik leisten. Vielmehr, sie kann es sich jetzt nicht mehr leisten, nicht radikal zu reden. Für eine ehrliche und scharfe Kapitalismus-Debatte reicht das alles noch lange nicht. Habt keine Angst, deutsche Intellektuelle.
 

Ohne Erbschaft – Entwurfskind und neue Sterilität

Eines sollte klar sein: Wenn es demnächst möglich sein wird, bei der Zeugung seinem Kind bestimmte Dispositionen mitzugeben oder zu entziehen, also Neigungen oder gar Eigenschaften einzusetzen, wird die Folge sein, dass alle Weltankömmlinge Projekte sind. Um sein Kind zum Projekt zu machen, genügt es bereits, alle verfügbaren Mittel der In-vitro-Befruchtung und der PID, der präimplantativen Diagnostik, auszuspielen. Es ist also nicht nötig, ein vollständiges Konditionierungsprogramm vorzusehen, um das erwünschte Individuum zu bestimmen. Es ist, wenn auch fragmentarisch angelegt, von vornherein Artefakt, auch wenn es die Wünsche der Erzeuger nicht erfüllt. Der französische Philosoph Marcel Gauchet resumiert dies so: “Pour la première fois dans l'aventure humaine, les nouveaux venus sont conçus, dans tous les sens du terme, en tant qu'individus.” (In le débat, Nr. 132, November / Dezember 2004) Das Entwurfskind muss als Individuum, das mit bestimmten Eigenschaften oder Immunitäten ausgestatten sein soll, im Vorhinein “verfasst” sein. Auch wenn das meiste nicht nach Wunsch gelingen wird und ein unplanbarer Eigensinn sich durchsetzen wird, ist es so oder so ein konditioniertes Kind.
Dies wäre, da nur so, in dem Entwurf eines Neuen, mit dem schmählichen Naturzwang der Fortpflanzung gebrochen werden kann, die Erfüllung eines Traums der Aufklärung. Diderot hat das schon ziemlich konkret phantasiert. Auch Freud hat spekuliert, es wäre einer der größten Triumphe der Menschheit, wenn es gelänge, den Fortpflanzungsakt zu einem gewollten und absichtsvollen Handeln zu erheben und so vom Naturtrieb zu lösen. Die Hoffnung auf eine Erlösung von der blinden Natur lässt sich nur in die Tat umsetzen, indem man ein begreifbares, lebensfähiges und einmaliges Menschenbild ins Auge fasst. Das wird einige Mühe machen, zumal ja nichts schiefgehen darf. Für Konstruktionsfehler wird der Erzeuger haften müssen.
Dies ist einstweilen Utopie, und sowohl die Sitten wie die wissenschaftliche Empirie können ihr heute noch den Weg verlegen. Doch ist diese Utopie aus dem Zivilisationsdrang nicht zu tilgen. Und die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass ihr die Wirklichkeit immer mehr entgegenkommt.
Der als Entwurf geborene Mensch muss also, um Individuum zu werden und frei sein zu können, schon ab ovo begriffen, also auch konditioniert werden. Die Erzeuger, die ihren Willen haben wollen, erwarten damit, Freiheit zu gewinnen, erwarten Emanzipation. Doch sie unterwerfen sich damit auch der unabweisbaren Aufforderung, ihren Sprössling zu präformieren und ihm Kontur zu geben. Man kann, ist mithilfe der Genomdiagnose die PID technisch entfaltet, nicht hinter ihren jeweiligen Stand, den state of the art, zurückgehen. Sich die Qual der Wahl zu ersparen und einen Teil der Angebotspalette bei der Modellierung des Kindes auszublenden, wird kaum möglich sein. Je vielfältigere Eigenschaften oder Immunitäten man dem künftigen Individuum einpflanzen will, desto größer wird die Verlegenheit der auswählenden Wunschkind-Eltern. Im selben Maß wächst ihre Verantwortlichkeit für jedes biologische Fehlverhalten des Kindes. Wenn sie gewähnt hatten, für das Kind und seine Eltern / Autoren nehme Sicherheit zu, so nimmt sie vielmehr ab. Es vermehren sich Angst und Sorge für das verantwortete Kind. Die Last der Schuldigkeit, die man mit seiner bewussten Entscheidung auf sich genommen hatte, könnte unerträglich werden.
Je genauer sich also die Wunschkind-Eltern ihren Wunsch erfüllen können – und auch müssen, weil die Technik es hergibt –, desto mehr setzen sie sich der Drohung aus, das Böse in die Welt zu schaffen, und zwar aus eigenemWillen, wenn auch absichtslos. Ebenso wie seinerzeit der Schöpfergott, der mit der Frage der Theodizee seines Dilettantismus überführt werden konnte, wenn nicht gar des üblen Willens, womit er sein Recht als lenkender Weltautor verlor. Damit, im Nachhall des Erdbebens von Lissabon im Jahr 1755, hatte das Zeitalter der militanten Aufklärung begonnen. Also mit der impertinenten Frage an die Christenreligion, wie das Böse in die Welt gekommen sei, Leibniz hatte die Frage bereits vorkonstruiert. Mit der Erfüllbarkeit des Wunschkinds und der Aussicht auf seine Perfektibilität beschließt sich nun die Epoche.

Die Emanzipationshoffnung von Freud erweist sich heute als höchst unbedacht. Die aufgeklärte Menschheit hat sich ihrer selbst über die Maßen bemächtigt. Sie kann den Schöpfergeist nicht mehr denunzieren, weil sie selber das Böse hervorbringen muss und diesem Zwang nicht entgehen kann – sie müsste sich denn entschließen, sich überhaupt nicht mehr fortzusetzen. Dies macht ihr freilich der Befehl der zur neuen Religion gewordenen Evolution schwer. Aus der Entwicklung bewusst auszusteigen scheint nahezu unmöglich. Die staatsbildenden Mehrheiten sind fest entschlossen, immer so weiter zu machen, auch wenn es kaum noch zu ertragen ist.
Doch gedacht werden kann und muss es immerhin: Der Verzweiflungswunsch der Jüngeren in einer rasch vergreisenden Gesellschaft könnte darauf hinauslaufen: Wenn es für uns ohnehin aussichtslos ist, unsere Generationsschuld an die allzu leichtsinnigen und verantwortungslosen Vorerzeuger abzuzahlen, so lasst uns die Schuld ganz und ein- für allemal abwerfen! Nämlich dadurch, dass wir das Fortpflanzungsgeschäft unsererseits restlos einstellen. Wir sollten uns mit einem gedankenlosen Weitermachen schließlich nicht an unseren Kindern verschulden, die ja noch schlechtere Bedingungen als wir selber vorfinden werden. Damit wäre also der verhängnisvolle Generationenvertrag mit seinen unsinnigen Verpflichtungen verworfen. Die Herstellung von Humanität könnte sich dieses Zwangsmittels, dessen Notwendigkeit nicht mehr gegeben und nicht einzusehen ist, entledigen. Es wird, wenn sich die Plankindschaft mit ihren Konsquenzen durchgesetzt hat, unmoralisch.
Die Generationensolidarität musste nicht zuletzt deswegen hochgehalten werden, weil es an Gewissheiten der Zukunft fehlte, weil die Menschen ihrem Schicksal nicht planend begegnen konnten und daher nicht in Verantwortung für ihren Lebenslauf zu zwingen waren. Man musste die Kosten für die Hinfälligkeit im Alter den kommenden Generationen aufbürden, sie in Zukunftshaft nehmen, weil man selbst zu unwissend und zu schwach war. Damit verhält es sich im Prinzip wie mit der Solidarität der staatlich organisierten Kranken- und Sozialversicherung. Ihre Notwendigkeit schwindet und damit ihre moralischen Ansprüche. Wenn man hinlänglich genaue Prognosen über die Zukunft aus seiner biologischen Konstitution anstellen kann und wenn die Mittel zur Schadensabwehr zur Verfügung stehen, entfällt das Recht auf die Solidarität der Mitversicherten. Wer sein Kind konzipiert und ihm seine Verfassung aufdrückt, erhofft vermehrte Sicherheit für seine Zukunft, also auch die Verminderung von Ungewissheit. Er erwartet damit auch mehr Autonomie und Lebenskraft: Der neugeschaffene Mensch soll weniger auf die erzwungene Solidarität der anderen angewiesen sein. Er soll sie, so das mächtige liberale Credo, von Verpflichtungen zur Hilfe entlasten. Die Ausübung der Mitmenschlichkeit, die Humanität, müsste sich, da sie sich nicht mehr auf den sittlichen Zwang zur biologischen Fortsetzung und die ständige Ausbreitung des Samens stützen kann, nun andere Hauptwege suchen. Wir könnten, da wir uns aus dem Generationenkorsett befreit haben und die Sozialität nicht mehr durch die Blutsbande hergestellt werden können, endlich die Liebesgebote des Christus-Gottessohnes zur Geltung bringen. Sie waren einst, in den Gründungszeiten der verfassten Religion, in Solidaritätsbefehle umgewandelt, im Staat sozialisiert worden. Ihre Geltung, also die Herrschaft der Kirche als einer sozialen Solidargemeinschaft, hat sich über zweitausend Jahre hin erstreckt. Nun scheint sie an ihr Ende gelangt. Zugespitzt: Die Christen brauchen die Familie und ihren Moralzwang nicht mehr, um die Kirche zu bilden und in ihr gläubig zu leben.

Das Wunschkind kann jedoch nicht frei von Ordnung in die Welt gesetzt werden. Es wird ihm ohnehin, wie es im Prozess seiner Planung liegt, ein Verfassungsrahmen, eine Konstitution auferlegt werden müssen. Grenzen müssen ihm, damit es überleben kann, gesetzt werden. Sie wären aber nicht, wie bisher notwendig, durch trial and error und törichte Umwege zu erfahren, sondern könnten bewusst gezogen und ins Bewusstsein des Individuums gestellt sein. “Verfasst” wären in einer Welt der Projektkinder auch alle anderen Menschheitsgenossen ab ovo. Zumindest denkbar wird dann auch, dass die jeweilige Verfassung der Individuen in ihrem Eröffnungsinventar aufgezeichnet wird, in seiner biologischen Kapitalausstattung. Ist dies möglich, muss die Konstitution auch für ihren Träger lesbar sein: Er wird damit zu seiner ständigen Selbsterklärung aufgefordert. Wer das künftige Individuum entwirft, muss sich darüber klar sein, dass er es in unaufhörliche Risikobereitschaft zwingt, ihm das bewusstlos freie Spiel verbaut.
Dadurch, dass die Verfassung des Individuums hinlänglich fixiert und “begriffen” werden kann, muss freilich die Willensfreiheit nicht geknebelt, unterbunden sein. Die Individuation, die immer ein gewisses Maß an Unbestimmtheit, an freiem Spiel und Abenteuer voraussetzt, wäre durch die Bewusstheit der eigenen Konstitution nicht entscheidend eingeengt. Wenn bisher der Kampf um die Selbstbildung der Person, eben die Individuation, die Überschreitung von Grenzen, von Sitten bedeutete, so vollzog sie sich doch in Blindheit vor den eigenen Möglichkeiten. Die Befreiungs- und die Bindungsakte, in denen sich die Person formte und ihre Fundamente schuf, bewegten sich in Bewusstlosigkeit, ohne Kenntnis von Richtung und möglichem Ziel. Das meiste, was einen zur Person machte, war nicht klar gewollt, es stieß einem einfach zu. Allenfalls hinterher, wenn man gereift war, konnte man sich über die Bestimmtheit seines Schicksals den Kopf zerbrechen und ihm einen Sinn unterlegen. Warum und auf welche Weise man etwas wurde, etwas aus sich gemacht hatte und damit von anderen anerkannt werden musste, geschah in Dunkelheit, ohne eine Strategie der Perfektion. Man war auf seine Begehrlichkeit angewiesen und auf die Kraft der Neugier, die dann auch die Neugier der anderen erwecken konnte. Darüber verfügten nicht alle, vielen wurde sie mit Gewalt ausgetrieben.
Dies sollte sich mit dem gewollten Kind ändern. Es muss, als ein Projekt der Wünschenden, eine Konstitution in die Wiege gelegt bekommen, deren es sich, sowohl durch die Kontrolle der anderen wie durch wachsende Eigenkraft, bewusst werden muss. Seiner Grenzüberschreitung wird, so weit wie möglich, die Kenntnis der Grenzen zugemutet. Es kann über den ungefähren Verlauf seiner Grenzen, zumal der biologischen, Bescheid wissen und kann ihn nicht ignorieren.
Noch kann die In-vitro-Fertilisation, mit der heute Wunschkind-Eltern ihre Fruchtbarkeitsstörung als eine Krankheit kurieren, in relativer Unschuld vollzogen werden. Die Erzeuger können einstweilen nicht wissen, welche Last an Existenzbedingungen sie ihrem Kind aufladen. Sie genießen bei ihrem Tun die entlastende Vermutung des Nichtwissens. Doch mit jedem Schritt, den die Reproduktionsmedizin in Richtung PID nimmt und damit von den Eltern bewusste Entscheidungen verlangt, vermehrt sich deren Verantwortlichkeit für die biologische Verfassung und die Gestalt ihres Erzeugnisses. Und es wird keinen Weg zurück in die Natur-Unschuld, in die prinzipielle Unverantwortlichkeit geben. Wer zeugt, wird wissen können, was er erzeugt.

Dies wird das Entwurfskind, das ja von vornherein konstruiert sein muss, um zustandezukommen, wissen müssen, es kann sich seinerseits nicht entlasten, indem es die Zeugungstat großzügig ignoriert, weil es mit sich zufrieden ist und für Konstruktionsmängel niemand anklagen möchte. Verantwortlichkeit gilt nun für die Elternschaft als solche. Man kann sich bei der Zeugung irren, was verziehen werden kann, aber man kann der bewussten und verantwortbaren Urheberschaft nicht entkommen. Auch wer auf eine Kontrolle der Zeugung verzichten möchte, entkommt in der Lebenssphäre, in der die Kontrollierbarkeit unaufhaltsam und überall zunimmt, nicht dem Zwang zum bestimmten Handeln. Werden die Behinderung der Fruchtbarkeit oder die “Urkraft der Lenden” einmal als Pathologie begriffen und somit der Therapie zugänglich, wird unter dem biotechnischen Fortschrittszwang jegliche Zeugung prinzipiell schuldhaft. Es muss eine Zeugung als solche verantwortet werden, sie kann sich nicht auf dritte Instanzen, etwa der Religion oder der Kultur, berufen.
Die Erzeuger des Entwurfskindes können dies nicht unbestimmt lassen.Sie müssen es prägen, ihm bestimmte Chancen und biologische Risiken zumuten, und zwar, so weit das technische Angebot reicht. Sie können sich also nicht damit begnügen, nur ein paar Charakteristiken anzulegen, auf andere Bestimmungen aber zu verzichten. Dieser Notwendigkeit der Entscheidung können sie nicht entkommen.. Auch wenn sie ihre Verschuldung am gewünschten Kind in Liebe und achtsamer Fürsorge ausüben, es ist doch ihr Wille, ist Herrschaft, unerlässliche Autorität. Das Wunschkind, selbst wenn es in bester humaner, moralischer Absicht gelingen sollte, also Freude für die Mitmenschen brächte, bliebe doch das Produkt eines Zwangsverhältnisses. Dem kann auf Dauer durch staatliche Verbote und bioethische Imperative nicht vorgebeugt werden. Es wird auch kaum möglich sein, sich vor dieser Konsequenz der westlichen Kultur zu drücken. Es geht wohl nicht anders, der Masterplan muss nach dem Grundentwurf weitergeführt werden.

Mit dem geplanten Wunschkind wird die Grenze erreicht, an der die göttlichen Gebote der Offenbarungsreligionen zur ständigen Fortzeugung in die Fatalität der totalisierten Aufklärung umzuschlagen drohen. Beherrschen die Menschen einmal die Prokreation und können sie in ihrer Verantwortung als Autoren angeklagt werden, kann man sich nicht damit herausreden, dass man die auferlegte Erbschuld überwinden wollte. Eine Erbunschuld ist damit nicht zu erwerben. Erbschaft als solche ist das Übel. Sie ist immer herrschaftsgierig. Der Schöpfergott selbst ist es, der aus der Kultur ausgetrieben werden müsste. Das hätte die heilsame Konsequenz, dass der Christ seinem Gott ganz frei, ohne den erzwungenen Respekt vor dem Ur-Autor, gegenübertreten dürfte.
 

Aus dem Tagebuch - Werkstatt-Texte - Miszellen

Verlorene Standards

Im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm geben sie seit Anfang März wieder einmal “Andorra” von Max Frisch, in neuer Inszenierung. In Erinnerung an die Frankfurter Aufführung von Harry Buckwitz (1962) ein etwas starres, dialektisch überdrehtes Lehrstück. Es reizte zu fiebriger Debatte über moralische Logik, wie sie zur Brecht-Zeit üblich war, fruchtlos und doch notwendig. Einmal nachsehen, was damals darüber geschrieben wurde. Zuerst finden lässt sich ein Aufsatz “Andorra mit anderen Augen” von Karl August Horst im MERKUR, Heft 170 vom April 1962. Ausgehende Adenauer-Zeit also, demnächst wird Erhard regieren, der Intellektuellenverächter, ein passender Repräsentant der BRD-deutschen Stimmungs- und Verdrängungslage. 1967, der Anfang der Studentenrevolte, lag noch ein gutes Stück entfernt. Die Antisemitismus-Kritik blieb abgedichtet in engem Umkreis. Auch Andorra, respektvoll anerkannt, konnte da wenig bewegen. Es war der Tiefpunkt der westdeutschen Lähmung in den Nachkriegsjahrzehnten.
Horst, der das Stück nicht schätzen kann, stellt seine Konstruktion mit der bewussten Identitätsfälschung des Sohnes Andri in Parallele zu Calderons Leben ein Traum. Hier wie dort findet der Kritiker eine Zwangsdialektik, die sich ausweglos aus der Identitätsvertauschung ergebe und zur vorausbestellten Erfüllung im tragischen Dilemma finde – das darum nicht tragisch sein könne. Die Figuren hätten keine Freiheit der Wahl. Dazu die expressionistische Gestik des Büchnerschen Wozzek, die im Widerspruch zum kalten Modell des im Grunde fatalistischen Identitätsspielers Frisch stehen. Der letzte Akt flach, er verwandle das Drama in eine “Show”.

Auch wenn der Kritiker den ganzen Autor Frisch nicht recht mag, es ist eine seriöse Arbeit, mit ihr muss sich Horst selber der Kritik stellen – wie es sich gehört. Wie ernst doch damals die Schreibenden ihren Gegenstand, sich selbst und ihr Publikum nehmen konnten! Schon dieses eine MERKUR-Heft, unter den zwölfen des Jahrgangs, lässt die Qualität der damaligen Standards sehen. Neben Gedichten von Jorge Luis Borges, Aphorismen von Max Rychner, eine Erzählung von Johannes Urzidil über die Pest-Tauben von New York, eine Skizze von Werner Kraft über Wolken und ein schonungsloser Essay des Publizisten Rolf Schroers über die Abwendung der Westdeutschen von der DDR, kaum ein Jahr nach dem Mauerbau: “Aufstand für die Wiedervereinigung?”. Er schließt mit der Forderung nach einem bundesdeutschen Vorschlag, “die DDR anzuerkennen, an Bedingungen gebunden, die nach den realen Möglichkeiten der Zonenbürger entwickelt sind – das wäre die Weise einer revolutionären Anwesenheit bei den Deutschen, die bisher alle Last trugen – und lästig waren obendrein.” Das war mitten im Kalten Krieg fast waghalsig. Das vorsichtige Programm “Wandel durch Annäherung” sollte erst 1968 in Tutzing von Egon Bahr vorgetragen werden.
Schließlich Huldigungen des großen Schweizer Konservativen Max Rychner von Hans Holthusen und dem Diplomaten / Historiker Carl J. Burckhardt, Rezensionen von Alfred Andersch und Hans Magnus Enzensberger. Fast alle sind heute von der Bühne verschwunden, bis auf den letzten. TAZ- oder Kursbuchleser und - redakteure, die im verlotterten intellektuellen Raum des Landes ihre kleinen Bocksprünge der Befindlichkeit verrichten müssen, würden das Schreibwerk von damals als elitär und ungenießbar ansehen. Sie können nicht wissen, dass man in jener Bundesrepublik, die sicherlich so hässlich war wie die heutige, keine Tabus brechen musste, um gut und zeitgemäß zu schreiben.
 

Unbezahlbar

Unter den vielen Verwüstungen, die von der Globalisierung in den westlichen Kulturnationen angerichtet werden, hier eine, die besonders zum Himmel schreit: Den Strafgefangenen in den französischen Gefängnissen wird immer häufiger die Arbeit entzogen, die sie bisher genießen durften. Von den rund 60 000 Häftlingen konnte noch im Jahr 2001 rund die Hälfte die schlecht bezahlte, aber begehrte Teilzeitarbeit erhalten (mehr als Teilzeit erlaubt das Gesetz nicht). In diesem Jahr sind es nur noch 35 Prozent. Immer mehr Unternehmen, die sich bislang der billigen Arbeitskraft bedient hatten, verlegen ihre Produktion oder bestimmte Produktionslinien ins Ausland, vor allem nach Asien. Die Häftlinge, unter ihnen 20 Prozent Analphabeten, haben somit keine Hoffnung auch auf unqualifizierte Arbeit mehr. Sie sind jedoch darauf angewiesen, weil in den Zellen von der Seife bis zum Fernsehen alles bezahlt werden muss. Das sind im Monat mindestens 200 Euro. Ohnedies sind die Verhältnisse im französischen Strafvollug skandalös – was alle paar Jahre in großen Prüfberichten der Öffentlichkeit mitgeteilt wird, aber folgenlos bleibt. (Siehe Le Monde vom 10. April)
Der Gefängnisaufenthalt, so besagt das französische Gesetz, soll der Reintegration dienen. Ihr vorzügliches Mittel war, wenn auch bei geringem Lohn, die Arbeit. Der Staat kann aber in einer Zeit der Liberalisierung und der Massenarbeitslosigkeit schwerlich öffentliche Werkstätten für Häftlinge einrichten. Bei dieser Gelegenheit erinnert man sich eines anderen Programms zur Rehabilitation in der Strafhaft, das zum nationalen Skandal geriet: In den 80er Jahren waren die Strafgefangenen vom französischen Justizministerium aufgefordert worden, freiwillig Blut zu spenden, um damit ihre staatsbürgerliche Rehabilitierung zu fördern. In Frankreich ist die Blutspende gratis, anonym und freiwillig, wird daher als Bürgerpflicht geachtet. Die Aktion hatte auch den Zweck, die amerikanische Plasma-Industrie von den französischen Blut-Empfängern fernzuhalten. Die Gefängnisse wurden jedoch zu Herden der Verbreitung von AIDS-Viren, da die Seuche unter dieser Population in besonders hohem Maße wütet. Einige Blutsammelstellen hatten dann versäumt, die Spenden durch Hocherhitzung zu reinigen, mehr als 5000 neue AIDS-Kranke, unter ihnen vor allem Bluter, waren das Resultat. Minister mussten gehen, noch heute sind Schadensersatzprozesse gegen den Staat anhängig.
Die Strafanstalten, in denen die Elendesten unter Elenden gesammelt werden, um zu sühnen und sich zugleich zu läutern, sind ein barbarisches Relikt der Staatsgesellschaft. Doppelt gemein, weil die Ausgeschlossenen hier von ihren Mitmenschen nicht wahrgenommen werden müssen. Sie lassen sich, wie das Beispiel zeigt, auch nicht sinnvoll organisieren. Solange es den Strafhäftling gibt, kann es die Zivilgesellschaft, von der die aufgeklärte Romantik schwärmt, nicht geben.
 

Unerlösbar

Weniger als die Hälfte der Briten weiß einen Zusammenhang zwischen dem Osterfest und der Auferstehung des Herrn zu sehen. Le Monde berichtete (am 27. März) über diesen Befund einer Untersuchung. Ehe man darüber erschrickt, könnte man sich die Mitteilung etwas anders zurechtlegen: Immerhin können noch knapp fünfzig Prozent der Briten eine Verbindung zwischen Fest und Auferstehung herstellen. In Deutschland, das vor kurzem mit der Wiedervereinigung einen kräftigen Schub hin zu heidnischer Ignoranz erlebt hat, wird sich ein ähnliches Bild bieten.
Für die christlichen Kirchen interessanter dürfte eine Auskunft darüber sein, wieviel von den Bescheidwissenden auf irgendeine Weise vom höchsten Christenfest berührt werden. Und wissen müsste man schließlich, wieviel von den Uninformierten bekunden, sie hätten durchaus religiöse Bedürfnisse, könnten sie aber im christlichen Raum nicht unterbringen. Es geht um die Behauptung des Feuilletons, aber auch von Klerikern, wenn zwar die Religion von Vielen verlassen werde, so nehme doch die Religiosität unter den europäischen Massen zu und ergehe sich in vielerlei Surrogaten, symbolischen Ersatzbefriedigungen. Noch grausamer: Auch für einen erheblichen Teil der heutigen Gläubigen müssten die christlichen Feste und Symbole als Surrogate dienen. Denn Authentizität des Glaubens, das sagt die Alltagserfahrung, kann nur von kleinen Minderheiten gelebt und aufrechterhalten werden.
Es ist zuzugeben, dass die Eucharistie, deren Bedeutung sowohl gewusst wie geglaubt wie bekannt werden muss, ihre einzigartige Erhabenheit auch daraus erhält, dass sie die schwierigste unter allen Manifestationen der Religion ist. Und wenn der Papst auf dem St. Petersplatz die Gläubigen segnet, müsste er wissen und darunter leiden, dass er zum größten Teil nur oberflächlich gefirnisste Halbgläubige beschenken kann. Papst Woytila freilich wollte davon wenig wahrhaben und nahm, in Gottes Namen, mit der Mehrheit der Feier-Konsumenten vorlieb. Alles in allem in schwacher Papst, nur gerade ebenso stark, wie es die jubelsüchtigen, autoritätsgläubigen Massen es zuließen.
 

Weniger Muskeln, bitte

Wer sich noch daran erinnern kann: Nach dem letzten Weltkrieg, bis in die sechziger Jahre, war der Typ des männlichen Kraftprotzes in der Öffentlichkeit kaum zu sehen, weder in Amerika noch in Europa. Die amerikanischen Krieger-Sieger, ob schon zuhause oder noch in Übersee stationiert, hätten bei ihren Frauen mit Muskelangeberei keinen Anklang gefunden, über einen Schwarzenegger hätte man gelacht. Unter den Europäern, die allesamt den Krieg verloren hatten, waren Mann-Männer nicht geschätzt, dafür hatte die NS-Kultur vorgesorgt. Auch die schneidigsten Flieger- oder Marineleutnants traten nicht mit starkem Muskelfleisch auf. Weil die Männer wieder zivile Bürger sein wollten, hielten sie sich bedeckt, was den Frauen wohl gefiel. Diese hätten sich die misslaunigen, fleischbepackten Männer mit Drei-Tagebart und schlechten Manieren, wie sie heute von der Werbe-Industrie modelliert werden, nicht gefallen lassen.
Mit Marlon Brando und Burt Lancaster kam der Typ wieder hoch. Aber welch tumbe Persönlichkeiten steckten in diesen Kraftleibern. John F. Kennedy, wohlproportioniert, brauchte sich nicht aufzublähen wie der jüngere Bush, der sich wie ein Vorstadt-Proll stark macht und vor Kraft kaum laufen kann. Wer sich an das schlanke, höfliche und zurückhaltende Amerika erinnern kann, das es einmal gab, das wir auch als Befreier Deutschlands erlebten, muss an den heutigen Amerikanerinnen verzweifeln. Die einstigen Kino-Göttinnen, die von europäischen Frauen wie Männern angeschwärmt werden konnten, haben sich in den Wolken verborgen. Möchten doch ihre Töchter bald auftreten und sich neue Männer züchten – wir würden uns gerne etwas amerikanisieren lassen.

 

Die nächste Ausgabe erscheint am Freitag, den 6. Mai.

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