43. Ausgabe – Freitag, den 10. Juni 2005 Druckversion aufrufen
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In dieser Ausgabe:

Europa, unverfasst, braucht die Krise Klonierung und gelungenes Leben Zwang und Lust der Selbsterfindung
Künftige Anthropologie
   

Lagebestimmung: Europa, unverfasst, braucht die Krise

Es ist ein erregender Gedanke, dass Europa wieder krisenfähig werden könnte – und damit endlich politisch. Die Gelegenheit sollte genutzt werden. Man sollte sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass Europa auch auseinanderfallen kann. Die Konstruktionsmechanik, die jahrzehntelang das Institutionengebäude Stück für Stück aufgeschichtet hatte, ist für den Moment stillgestellt, Europa, ohne Richtung, schwimmt in Beliebigkeit. Zeit zu überlegen, ob nicht die Nationen und ihre Eliten in einen neuen Zustand geraten, in dem sie sich nicht mehr darin bestätigen müssen und können, nach immer größeren Einheiten zu drängen – oder durch die selbsterrichtete Bürokratie drängen zu lassen. Oder auch so: ihre weitere Entdifferenzierung durch die bürokratische Marktmaschine nicht mehr ertragen können. Es könnte der Punkt erreicht sein, in dem die Wachstumsbegriffe Integration, Harmonisierung, politische Gemeinschaft nur noch Widerwillen und Abwehrlust erzeugen.
Zur Krisenunfähigkeit waren die Europäer durch dieselbe technokratische Mechanik erzogen worden, die ihren mächtigen Marktraum errichtet und den Marktbürger modelliert hatte. Die Méthode Monnet, benannt nach dem großen internationalen Organisator Jean Monnet, war bereits 1950, mit der Errichtung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der Urzelle für die spätere Union, erfolgreich erprobt worden. Mit ihr wurden systematisch die großen Gründungsentscheidungen und die demokratische Beteiligung der nationalen Volkswillen vermieden. Das später lächerlicherweise so benannte “demokratische Defizit” war von Anfang an gewollt. Stattdessen arbeitete sich die Marktgemeinschaft mit Zwischenzielen und Verwaltungsprojekten voran. Sie wurden von der Brüsseler Zentrale konzipiert und vorformuliert, sodann in den Ministerräten aus den beteiligten Ländern durchgeknetet und zur Beschlussreife weitergetrieben, bis sie schließlich im Europäischen Rat der Regierungschefs die letzte Weihe erhalten konnten. Oder auch nicht – was gelegentlich passierte – wenn nationale Regierungen sich nicht hinreichend entscheidungskräftig gemacht hatten oder plötzlich ein anderes Spiel spielten. Damit wurden Gemeinschaft und Kommission nicht im Fundament geschädigt. Der Apparat wartete eben, bis alle Mitglieder so weit waren, formulierte die Programme um, ließ den Gerichtshof für das Europäische Recht walten. So kam man zur Einheitswährung auf langem Weg, das erste Projekt dazu war schon in den 60er Jahren vorgelegt worden.
Das Unionseuropa, das nun auf der Kippe steht, konnte nur mit dieser Methode der systematischen Nicht-Gründung, jenseits der Populardemokratie, entstehen. Es war eingerichtet worden von gut geordneten, wohlfahrtsstaatlich durchpulsten Staaten, die fast drei Jahrzehnte lang in keynesianischem und rheinisch-kapitalistischem Geist blühen sollten. Vereinheitlichung des Marktraums für seine Mitglieder war die erste Idee, damit Interessenausgleich und Steuerung der Sozialkonflikte.
Gedankenspiele mit einer Weltrolle und entsprechendem Machtgewinn kamen erst in den späten 80er und den 90er Jahren auf, als der Binnenmarkt der Vollendung entgegenging, das zweite Imperium zusammengebrochen war – und das lange Zeit sympathisierende Amerika plötzlich argwöhnisch gegenüber dem möglichen Rivalen geworden war. In dem Misstrauen gegenüber einem kommenden Machtanspruch der Europäer kamen die Amerikanischen Regierungen den Europäern sogar voraus.
Nicht geplant hatten die hohen Verwaltungen, die letztlich Europa zusammengefügt hatten, dessen Funktion als Türöffner oder Durchlauferhitzer zur Globalisierung. Dazu aber ist die Realverfassung Europas praktisch geworden, nachdem der Binnenmarkt mit seinen umfassenden Liberalisierungen die nationalen Wirtschaftsräume reif gemacht und die Staaten hinreichend mürbe geklopft hatte. Reifgemacht hatte für ihre Überwältigung durch die Finanzmärkte, denen politische Einheiten und Sozialmodelle egal sind. Die Exekutive der Brüsseler Kommission, ein von den Völkern nicht belangbares Machtgebilde auf wohlfahrtsstaatlichem Fundament, ist auf den Kurs eingeschwenkt, den letztlich die Konditionen der Weltfinanzmärkte vorgeben. Der Verfassungsentwurf, der auf technokratische Weise Volksmitsprache und Mitverantwortung einbauen wollte, hätte die Konsequenzen aus der Übermächtigung der Marktgemeinschaft durch die Globalisierung dämpfen, abmildern können. Deswegen mussten dem JA in französischen Referendum die politischen Klassen und die europavernünftigen Kräfte folgen. Sie sind, wie die Wählergeographie zeigt, in den großen Städten und dort vor allem in den wohlhabenden Vierteln angesiedelt, so in Paris, in Lyon, in Bordeaux, in Strassburg.
Das französische Nein zum Verfassungsentwurf entstand zwar auch aus der Verkettung von bornierten Gruppeninteressen, die keinen anderen Ausdruck finden und von den Regierungen nicht auf politische Weise geregelt werden können. Diese Schwäche ist ebenso ein Resultat unfähigen Regierens, das der korrupte Staatspräsident seit mehr als einem Jahrzehnt seinem Land zumutet. Vor allem aber ist dieses Nein ein Aufschrei aus der Hilflosigkeit, in die sich Frankreich mit dieser Verfassung für einen Markt, eben eine Marktverfassung, getrieben fühlt. Gerade dass sich ganz heterogene Belange und Interessen in diesem Aufschrei zusammenfanden, macht die Stärke in dieser Schwäche aus. Mag darüber auch die eine oder die andere Regierung zum Teufel gehen: Wenn ein europäisches Europa noch zur Debatte stehen soll, kann für eine Weile ein kräftiges Chaos nicht schaden. Frankreich selber braucht eine neue Verfassung, die es europatauglich macht. Schwer erträglich wäre schließlich die Vorstellung, dass Europa nur eine Hegemonialmacht würde, die mit drei oder vier anderen um wirtschaftliche Dominanz konkurrieren müsste. Das wäre ebenso unzeitgemäß wie uneuropäisch. Frankreich war es, das als erstes diese Illusion hochkommen ließ und pflegte. Gut, dass dort jetzt die große Verwirrung ihren Anfang nimmt.

Klonierung und gelungenes Leben

Die Häufung zufälliger Anlässe wollte es, dass das europäische Publikum in diesen Monaten des Jahres 2005 ganz nahe an die Schlachtbank der Geschichte, Abschnitt 20. Jahrhundert, geführt wurde.Da man dem Publikum nur die bebilderten Szenen vorführen kann, sind die beiden letzten Schlachtbank-Szenen, Kambodscha und Ruanda mit jeweils siebenstelligen Opferzahlen, von der Geschichtsbühne weitgehend ausgeschlossen. Doch darauf kommt es nicht mehr an. Drei oder vier Völkermorde und Großkriege hin oder her würden an der Unerträglichkeit der übervollen Schlachtbank nichts ändern. Daher die Häufung “zufälliger Anlässe”: Es ist kein Sinn-Faden herzustellen, der von den Kriegserklärungen des Jahres 1914 über Hiroshima bis zu Srebrenica reichte. Es lässt sich aus diesem blinden Geschehen keine Moral und keine Heilsahnung gewinnen. Erfahrungen, in denen nichts erfahren wurde.
Das ändert nichts daran, dass das europäische Publikum, längst jeden Sinnes müde, sich ohne größere Schmerzreizung täglich zur Vorführung der grauenhaften Leere seiner jüngeren Vergangenheit vor die Monitore begibt. Es will offenbar noch immer etwas wissen – wovon es nichts zu wissen gibt. Es ist nicht das Grauen, von dem es angezogen wird. Hauptsache, es geschah etwas, damit eine Gewissheit entsteht, dass etwas geschieht. Woher, wohin? Diese Frage lässt die heutigen Europäer, die doch einmal Geschichte als ein Heilsgeschehen erfunden hatten, mittlerweile kalt. “Als Heilsgeschehen” heißt, dass sowohl die christliche Erlösertat wie späterhin die Aufklärung in der Geschichte ein Ziel, eine Überwindung der Zeit vor sich sehen konnten. Damit ist es vorbei. Alle wissen es, aber niemand will es eingestehen. Man fürchtet die Konsequenzen des Eingeständnisses. Es könnte, wäre es ehrlich und hart genug, den modernen Besitzindividualisten in seinem Fortschrittsglauben beirren. Diese Lage lässt sich als ein Umbruchpunkt bestimmen. (Siehe auch Tabula rasa in Sicht in unserer 41. Ausgabe)
Eine Feststellung wie diese kann den verschütteten Geschichts- und Zukunftssinn der meisten Zeitgenossen kaum noch reizen. Man könnte mit ihm nicht viel mehr anfangen, würde die gegenwärtige Erdbewohnerschaft, die wir einst hoffnungsfroh “das Menschengeschlecht” nannten, nicht soeben in eine Lage geraten, in der dieser Nullpunkt noch einmal zu überdenken ist. Es gibt nämlich wiederum eine Erwartung, die nicht die ausdruckslose und blinde Erwartung des Fortschritts ist: Die zunehmende Selbstverfertigung des Menschen hat offensichtlich eine neue Phase erreicht, eine Etappenschwelle überschritten. Technoide Verfassungsformen des Individuum, die man bis jüngst nur für möglich und also nicht dringlich gehalten hatte, sind rasch ins Reich des Wahrscheinlichen eingetreten. Das bedeutet vor allem, dass jedes Individuum mit höchstmöglicher Genauigkeit bestimmt werden kann und daher bestimmt werden muss.
Das verlangt Privatisierung der eigenen Natur – bei der es wenig Orientierung und Hilfe gibt. Denn der rasche Umbau des menschlichen Bios durch die Technik steht zunächst unter keiner Orientierung, unter keinem Sinn. Es gibt auch keine Theorie der biologischen Wissenschaften, an der diese sich selber fassen, sich kritisieren könnten. Der Fortschritt der Biologie bleibt ein so genannter, weil die reine Empirie herrscht, ob in der biomedizinisch gesteuerten Fortpflanzung oder der individuellen und der massenhaft veranlassten Genomdiagnose oder im Cloning. Alles wird versucht und gemacht, wie es eben kommt und gelingt. Die erhoffte Heilung und die vorbeugende Beseitigung von Körperdefekten, die zu erwarten sind, muss als hinreichende Begründung genügen.
Nur auf diese Weise, planlos und ohne Richtungsangabe, gar eine politische, kann die Biotechnik industrialisiert, also verallgemeinert werden. Ob etwas erforscht und entwickelt wird, richtet sich nicht nach seinem Problemgehalt, sondern nach Größen erwartbarer Therapiefälle und damit nach Umsätzen, die eine Investition lohnend erscheinen lassen. Im besten Falle werden “verwaiste” Krankheiten oder Erbdefekte in die Obhut öffentlich finanzierter Forschung genommen – was auch die Chancen ihrer Vermarktung definiert. Die Prioritäten für die medikalisierte Gesellschaft aber werden von der Blockbuster-Produktion gesetzt, die von den Ertragserwartungen und in letzter Instanz von den Erwartungen der Großinvestoren angeleitet wird. Hier herrscht keine unsichtbare Hand, die durch Wettbewerb und eine informierte Nachfrage der Leidenden auf eine gerechte, zumindest eine ausgewogene Verteilung von Heilungschancen abzielte. Was sich öffentliches Gesundheitssystem nennt, ist immer auch auf Ungleichheit gebaut, nicht auf das Ziel größtmöglicher Gleichheit im Leiden und im Verzicht. Damit gibt sich auch fast überall das Massenpublikum zufrieden. In ihm fühlt sich jeder als Patient, sei es nur als potentieller. Eben in dieser Ungleichheit, die als solche nur schwach empfunden wird, stabilisiert sich die medikalisierte Gesellschaft.
Nach einer Theorie der biologischen Wissenschaften verlangen auch die Biologen und die Ärzte nicht. Als Praktiker müssten sie sich behindert und verunsichert fühlen, wenn es eine solche Theorie gäbe. Die Kritisierbarkeit ihrer Wissenschaften, die meist auch Erfahrungs- und Kunsthandwerk sind, kann nicht ihr erstes Anliegen sein. Sie müsste immer auch eine Theorie der sozialen Ungleichheit sein, ein Feld, auf dem sich Naturwissenschaftler und Ärzte in ihrer Profession nicht behaupten können. Sie würden auch bald wieder auf die Geschichte ohne Sinn zurückgeworfen werden. Also müssen sie resignieren und die Abspaltung des verantwortlichen Staatsbürgers dulden, der sich mit spekulativen, also professionell nicht belangbaren Gerechtigkeitsforderungen abgeben darf. Als Ersatz dafür ist die medizinische und die Bioethik eingerichtet. Sie bildet sich und bildet sich fort auf occasionelle Weise, aus gegebenen Anlässen, und aus den Aporien der Praxis. Sie darf sich aber nicht zu einem Moralsystem, einer Theorie aufschwingen wollen.
Wenn die Individuen mehr und mehr sich selbst konstruieren und reparieren müssen, teils aus eigenem Willen, teils aus sozialem Zwang, wird es vermutlich zu einer neuen Denkordnung, einer neuen Sozialgrammatik bedürfen. In der heutigen Sprache der Wissenschaften und der Sozialmoral kann man nämlich nicht mehr von der Zukunft als einer sinnbestimmten Erwartung und von der Vergangenheit als Geschichtlichkeit sprechen. Eines kann man schon voraussehen: Die revolutionäre Umwertung aller Werte – die freilich nicht mit revolutionärer Plötzlichkeit auftreten kann – wird eine absolute Verständnislosigkeit für alles, was wir noch als Geschichte im Gepäck tragen, mit sich bringen. Wir befinden uns schon auf dem Weg dazu. Die Massenkultur arbeitet am radikalen Vergessen aller bisher geltenden Kategorien ebenso mit wie die künstlerischen Solitärleistungen.
In das Jahr 2005 sind bereits mehrere starke Merkzeichen gesetzt, die eine bevorstehende Gewissheit vom selbstverfertigten Individuum ankündigen. Ein besonderes Signal war im Mai die Mitteilung in der Zeitschrift Science, dass es einer Forschergruppe in Seoul gelungen ist, elf embryonale Stammzellenlinien zu züchten, die mithilfe nur einer Ovozyte erzeugt und totipotent für vielerlei Zwecke der regenerativen Therapie verwendet werden können. In der Experimentserie führten nur zwei von elf zum Misserfolg. Zur selben Zeit meldete auch eine Forschungseinheit in Newcastle, die mit überschüssigen Embryonen umgeht, ähnliche Erfolge. Und in Shanghai waren schon im Frühsommer 2004 embryonale Stammzellen hergestellt worden.
Das Tabu der Klonierung, das von adulten, auf Vererbung spezialisierten Körperzellen ausging, ist also durch die Rückzüchtung auf Blastozysten gebrochen. Diese vorembryonalen, nur wenige Tage unaktiven und noch unspezialisierten Zellbündel bilden, wenigstens nach der angelsächsischen Vorstellung, noch keinen Persönlichkeitskern, der im nachfolgenden Embryo missbraucht, in der Menschenwürde verletzt werden könnte.
Es dauerte nur Tage nach der Information in Science, bis Parlamentarier, Regierungsmitglieder und Forschungsinstitute in den USA, in Deutschland und in Frankreich die bioethische und die gesetzliche Freigabe der therapeutischen Stammzellenforschung forderten. Es lässt sich nach den Erfolgen in Seoul, Newcastle und Shanghai nicht mehr einsehen, dass sich die Forschung mit der Verwendung von überschüssigen, gefrorenen Körperzellen aus der in-vitro-Befruchtung begnügen soll, wie es zum Beispiel in Frankreich und, noch enger, in Deutschland der Fall ist. Noch vor eineinhalb Jahren hatte man den Aufwand für die Herstellung von präembryonalen Klonzellen für prohibitiv aufwendig gehalten. Nun kann man damit rechnen, dass binnen Jahresfrist der Bann über dieser “auto-regenerativen Klonierung” aufgehoben wird. Es muss keinen Missbrauch erzeugten Lebens mehr geben. Und die Perspektiven für die Stammzellenforschung zu therapeutischen Zwecken sind nach vielen Richtungen geöffnet, ob für Zelltherapie und Organersatz oder ob für die Herstellung von Impfstoffen wie für die Prognose toxischer Wirkungen von Nahrungsmitteln und Medikamenten.
Voraussehen lässt sich auch, dass sich der Mythennebel über der Figur des Klonmenschen bald auflösen wird. Das aus der Romantik stammende Phantasma wurde von Aldous Huxley und George Orwell nach dem derzeitigen Wissensstand neu aufbereitet und schließlich in der Angstphilosophie von Hans Jonas in den siebziger Jahren wiederum aktiviert. In die Volksmeinung eingegangen, hat das Klon-Gespenst die Gesetzgebungen in vielen Ländern beeinflusst. Schon sein Verdunsten, bewirkt von der Forschungstechnik, wird einen kleinen Kultursprung bedeuten. Bald wird sich zeigen, dass die ängstliche Beschwörung des geklonten Menschen ad acta gelegt werden kann, als das verzerrte Gegenbild vom spontan erschaffenen, von Natur aus gesund und schon gedachten Norm-Menschen. Auch das Drohwort von der Instrumentalisierung des Menschen durch die Gentechnik wird sich demnächst verflüchtigt haben. Man wird sich also den Fragen des menschlichen Erschaffenseins neu zuwenden können.

Zwischenschritt: Zwang und Lust der Selbsterfindung

Die Perfektibilität des Menschengeschlechts, an die schon lange niemand mehr glauben wollte, kommt noch einmal auf die Tagesordnung. Die Möglichkeit eines von Dummheit aus Angst und Schmerz nicht allzu geplagten Lebens, das auf andere Rücksicht nehmen kann, muss wiederum diskutiert werden. Dazu führt nicht nur die Notwendigkeit für jedes Individuum, in der Fülle der biologischen Chancen Prioritäten zur eigenen Glückssuche zu setzen. Auf den Trieb zur Vervollkommnung müssen auch die politischen Kollektive, muss der Staat setzen. Wenn die Institutionen das nicht mehr zustande bringen, weil sie sich auf die Verteidigung von Besitzständen beschränken, werden sie verachtet.
Die Individuen müssen mehr und mehr selber entscheiden, wie sie sich gestalten wollen. Sie können mehr denn je informiert entscheiden, weil sie über sich informiert sein müssen. Dabei verschlägt es nichts, dass vor allem die Technik es ist, die diesen Zwang verordnet. Es muss nunmehr, da das Spektrum der Möglichkeiten sich ständig erweitert, auf dem vollen Besitz und dem vollen Genuss des eigenen Lebens bestanden werden. Man muss sich also sein Leben ganz aneignen, um nach seiner Vervollkommnung zu streben.
Die Aneignung seines Lebens ist für das Individuum fortan nicht nur Angebot, sondern Gebot, ist Pflicht. Es geht um ein Gut, das zu bewahren ist. Auch kann die Technik, die durch ihre Erfolge zur Aneignung zwingt, nicht exklusiv sein. Sie muss alle, ob sie wollen oder nicht, zu ihrem Lebenseigentum bringen. So kann man denn auch die dringliche Aufforderung zur Aneignung nicht nach Belieben annehmen oder ablehnen – stets weil sich das angeeignete Leben nur unter erheblicher Anstrengung erhalten und pfleglich ausstatten lässt. Man kann seiner Lebensprognose, auch wenn sie nicht angenehm ist, nicht entkommen. Sieht sie sich ungünstig an, bitte, hier sind die Mittel, das zu ändern, daran zu arbeiten.

Wenn der ganze Sinn des Lebens das Leben ist, muss man ein neues eisernes Zeitalter erwarten. Angesichts der immer sichereren Biotechnik, die ständig Wahl und Entscheidung verlangt, kann den Individuen nicht der Wunsch erlaubt werden, auf ein hohes Lebensalter, wenn in ihm hinlängliche Gesundheit und Heiterkeit geboten werden können, zu verzichten. Weil alle leben müssen, kann die Weisheit eines Verzichts aufs Weiterleben nicht hingenommen werden, egal wie stumpf der Kopf ist, der auf der Lebensmaschine sitzt. Vom Lebenwollen aller, auch wenn wenig Sinn und wenig Vergnügen darin liegen, hängt ab, ob es den Fortschrittstrieb gibt, den auch die bescheidenste Ökonomie braucht.
Zu betrachten ist freilich nicht nur die schwarze Seite der Verurteilung zum Leben, auf der Bioökonomie und Biotechnik bestehen und sich zu Zwangsgehäusen machen. Es ist darin auch eine Verurteilung zur Freiheit enthalten, die jedes Individuum wahrnehmen und entfalten muss. In neuer Technik steckt immer auch ein Kern der Emanzipation. Gäbe es nicht die Verurteilung zur Freiheit der Wahl, würde die Biotechnik ins Stocken kommen. Wählen zu müssen aber ist höchster Lebensgenuss, macht das Leben lebenswert. Technik ist nicht nur Gehäuse der Hörigkeit.
Die Verurteilung zur Freiheit, die in der Verurteilung zum Leben und zur Aneignung seiner selbst enthalten ist, wird demnächst auf einem Feld zu diskutieren sein, das sich jetzt eröffnet, genauer, wiedereröffnet: Der Ektogenese, der extrakorporalen Zeugung, Reifung und Geburt in einem technisch konstruierten Milieu. Wenn die Frage der Verurteilung zum Leben an der auto-regenerativen Konservierung des Prothesen-Menschen abzuhandeln ist, so die Frage der Verurteilung zur Freiheit an der Ektogenese, am künstlichen Uterus. Ein bedeutender Essay des französischen Biologen und Anthropologen Henri Atlan: L'utérus artificiel (Le Seuil, 2005) schließt dieses Thema, das in der bioethischen Debatte und den Gesetzgebungen ebenfalls als Tabu eingekapselt war, erneut auf. Auch Atlan, der sein Buch geschrieben hatte, ehe die Erfolgsmeldung der Gruppe Wook Suk-hwang aus Seoul kam, hält schon seit längerem die enttabuisierte Klonierung für unvermeidlich, ja imminent. Das macht seine vorsichtige Prognose, die Ektogenese werde in fünfzig bis spätestens hundert Jahren gelungen und allgemein anwendbar sein, umso glaubwürdiger. Man kann nun, wenn die Regierungen die Stammzellenforschung legitimieren müssen, auch beträchtliche Investitionen der Industrien in die Bio-Industrien erwarten. Dies wird der Ektogenese-Forschung zugutekommen. Man wird dem heiklen, wenn auch nicht dringlichen Thema nicht länger aus dem Wege gehen können. Es liegt auf dem Wege der Perfektibilität der Gattung.

Dazu mehr in unserer nächsten Ausgabe.

Aus dem Tagebuch – Werkstatt-Texte – Miszellen

Zur künftigen Anthropologie der medikalisierten Gesellschaft

I.

Zum Schiller-Jahr: Nein Schiller, das Leben ist der Güter höchstes, neben ihm darf kein anderes gelten. Denn die Güter sind das Leben. Wer das nicht wahrhaben will – allzuviele sind dies ja nicht – , den wird der Fortschritt schon noch Mores lehren. Ehre, Gottvertrauen und dergleichen, sie können vor dem höchsten Gut des Lebens nicht bestehen, werden auch nur selten noch begehrt.
Schiller, Sie konnten zu Ihrer Zeit noch nicht sehen, was Güter sind und was das Leben als ein Gut ist, das dem Eigentümer aufgezwungen wird und ihn zur Gewaltsamkeit verurteilt, zuerst gegen sich selbst.
Der immer misslaunig blickende Elias Canetti, der den Tod um jeden Preis bekämpft hat, hätte von der Aufnötigung des Lebens um seiner selbst willen bereits mehr wissen müssen. Schließlich lebte er unter einem entfalteten Kapitalismus, der Leib-Eigentum zur Pflicht macht. Davon wollte er nichts wissen. Deswegen wirkt er bisweilen peinlich.

II.

“Und Isaak wurde hundertachtzig Jahre alt, verschied und starb und wurde versammelt zu seinen Vätern, alt und lebenssatt.” So steht zu lesen im ersten Buch Mose. Auch sein Vater Abraham war “in einem guten Alter” gestorben, mit hundertfünfundsiebzig Jahren, “als er alt und lebenssatt war.”
Der sagenhaften Lebensdauer dieser Urväter, Hirten und Patriarchen, rücken wir Heutigen bedrohlich näher. Es wird damit gerechnet, dass bis in fünfzig Jahren sich in unseren reichen Zonen die Zahl der Hundertjährigen bis zu einer fassbaren Gruppe, einem sozialen Segment vermehren wird. Gott bewahre uns davor, werden die meisten Vierzigjährigen sagen. Denn die Hoffnung, lebenserfüllt zu solch spätem Ende zu kommen, sind, wenn die Welt beim jetzigen Zustand bleibt, minimal. Schon die Siebzigjährigen müssen befürchten, dass ihr langer Lebensrest ziemlich ausdruckslos und bei kleiner Flamme dahinglimmen wird. Wer noch einen klaren Kopf besitzt, wird für später wenig erwarten. Die geistige Unabhängigkeit, die er gewinnen könnte, kann er bald nicht mehr nutzen. Statt mit dem Preisen der hohen Jahre fortzufahren, wäre es sinnvoller, sich eine kleine Lebensrevolution einfallen zu lassen.

III.

Für die christliche Religion in ihren Kirchen wird die Last immer schwerer, die gläubigen Greise, die im Innersten auf eine Erlösung von ihrem schwachen Leben hoffen, noch länger zu trösten. Die Tröstung mit der Erwartung des Erlösers wird zur Vertröstung, wenn die Lebenskraft zu gering geworden ist. Und der Vertröster macht sich im Angesicht des Elends zum Feigling. “Ich bin die Wahrheit und das Leben” – das bleibt in der Tat die überwältigende christliche Botschaft. Es gibt dagegen kein vernünftiges Widerwort. Das Wort hat einen Beiklang angenommen, der die Kirche das Fürchten lehren müsste.


Die nächste Ausgabe erscheint am Freitag, den 1. Juli

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