Lagebestimmung: Europa, unverfasst, braucht die Krise
Es ist ein erregender Gedanke, dass Europa wieder krisenfähig
werden könnte – und damit endlich politisch. Die Gelegenheit
sollte genutzt werden. Man sollte sich mit dem Gedanken vertraut
machen, dass Europa auch auseinanderfallen kann. Die Konstruktionsmechanik,
die jahrzehntelang das Institutionengebäude Stück für
Stück aufgeschichtet hatte, ist für den Moment stillgestellt,
Europa, ohne Richtung, schwimmt in Beliebigkeit. Zeit zu überlegen,
ob nicht die Nationen und ihre Eliten in einen neuen Zustand geraten,
in dem sie sich nicht mehr darin bestätigen müssen und
können, nach immer größeren Einheiten zu drängen – oder
durch die selbsterrichtete Bürokratie drängen zu lassen.
Oder auch so: ihre weitere Entdifferenzierung durch die bürokratische
Marktmaschine nicht mehr ertragen können. Es könnte der
Punkt erreicht sein, in dem die Wachstumsbegriffe Integration,
Harmonisierung, politische Gemeinschaft nur noch Widerwillen und
Abwehrlust erzeugen.
Zur Krisenunfähigkeit waren die Europäer durch dieselbe
technokratische Mechanik erzogen worden, die ihren mächtigen
Marktraum errichtet und den Marktbürger modelliert hatte.
Die Méthode Monnet, benannt nach dem großen internationalen
Organisator Jean Monnet, war bereits 1950, mit der Errichtung der
Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der Urzelle
für die spätere Union, erfolgreich erprobt worden. Mit
ihr wurden systematisch die großen Gründungsentscheidungen
und die demokratische Beteiligung der nationalen Volkswillen vermieden.
Das später lächerlicherweise so benannte “demokratische
Defizit” war von Anfang an gewollt. Stattdessen arbeitete
sich die Marktgemeinschaft mit Zwischenzielen und Verwaltungsprojekten
voran. Sie wurden von der Brüsseler Zentrale konzipiert und
vorformuliert, sodann in den Ministerräten aus den beteiligten
Ländern durchgeknetet und zur Beschlussreife weitergetrieben,
bis sie schließlich im Europäischen Rat der Regierungschefs
die letzte Weihe erhalten konnten. Oder auch nicht – was
gelegentlich passierte – wenn nationale Regierungen sich
nicht hinreichend entscheidungskräftig gemacht hatten oder
plötzlich ein anderes Spiel spielten. Damit wurden Gemeinschaft
und Kommission nicht im Fundament geschädigt. Der Apparat
wartete eben, bis alle Mitglieder so weit waren, formulierte die
Programme um, ließ den Gerichtshof für das Europäische
Recht walten. So kam man zur Einheitswährung auf langem Weg,
das erste Projekt dazu war schon in den 60er Jahren vorgelegt worden.
Das Unionseuropa, das nun auf der Kippe steht, konnte nur mit dieser
Methode der systematischen Nicht-Gründung, jenseits der Populardemokratie,
entstehen. Es war eingerichtet worden von gut geordneten, wohlfahrtsstaatlich
durchpulsten Staaten, die fast drei Jahrzehnte lang in keynesianischem
und rheinisch-kapitalistischem Geist blühen sollten. Vereinheitlichung
des Marktraums für seine Mitglieder war die erste Idee, damit
Interessenausgleich und Steuerung der Sozialkonflikte.
Gedankenspiele mit einer Weltrolle und entsprechendem Machtgewinn
kamen erst in den späten 80er und den 90er Jahren auf, als
der Binnenmarkt der Vollendung entgegenging, das zweite Imperium
zusammengebrochen war – und das lange Zeit sympathisierende
Amerika plötzlich argwöhnisch gegenüber dem möglichen
Rivalen geworden war. In dem Misstrauen gegenüber einem kommenden
Machtanspruch der Europäer kamen die Amerikanischen Regierungen
den Europäern sogar voraus.
Nicht geplant hatten die hohen Verwaltungen, die letztlich Europa
zusammengefügt hatten, dessen Funktion als Türöffner
oder Durchlauferhitzer zur Globalisierung. Dazu aber ist die Realverfassung
Europas praktisch geworden, nachdem der Binnenmarkt mit seinen
umfassenden Liberalisierungen die nationalen Wirtschaftsräume
reif gemacht und die Staaten hinreichend mürbe geklopft hatte.
Reifgemacht hatte für ihre Überwältigung durch die
Finanzmärkte, denen politische Einheiten und Sozialmodelle
egal sind. Die Exekutive der Brüsseler Kommission, ein von
den Völkern nicht belangbares Machtgebilde auf wohlfahrtsstaatlichem
Fundament, ist auf den Kurs eingeschwenkt, den letztlich die Konditionen
der Weltfinanzmärkte vorgeben. Der Verfassungsentwurf, der
auf technokratische Weise Volksmitsprache und Mitverantwortung
einbauen wollte, hätte die Konsequenzen aus der Übermächtigung
der Marktgemeinschaft durch die Globalisierung dämpfen, abmildern
können. Deswegen mussten dem JA in französischen Referendum
die politischen Klassen und die europavernünftigen Kräfte
folgen. Sie sind, wie die Wählergeographie zeigt, in den großen
Städten und dort vor allem in den wohlhabenden Vierteln angesiedelt,
so in Paris, in Lyon, in Bordeaux, in Strassburg.
Das französische Nein zum Verfassungsentwurf entstand zwar
auch aus der Verkettung von bornierten Gruppeninteressen, die keinen
anderen Ausdruck finden und von den Regierungen nicht auf politische
Weise geregelt werden können. Diese Schwäche ist ebenso
ein Resultat unfähigen Regierens, das der korrupte Staatspräsident
seit mehr als einem Jahrzehnt seinem Land zumutet. Vor allem aber
ist dieses Nein ein Aufschrei aus der Hilflosigkeit, in die sich
Frankreich mit dieser Verfassung für einen Markt, eben eine
Marktverfassung, getrieben fühlt. Gerade dass sich ganz heterogene
Belange und Interessen in diesem Aufschrei zusammenfanden, macht
die Stärke in dieser Schwäche aus. Mag darüber auch
die eine oder die andere Regierung zum Teufel gehen: Wenn ein europäisches
Europa noch zur Debatte stehen soll, kann für eine Weile ein
kräftiges Chaos nicht schaden. Frankreich selber braucht eine
neue Verfassung, die es europatauglich macht. Schwer erträglich
wäre schließlich die Vorstellung, dass Europa nur eine
Hegemonialmacht würde, die mit drei oder vier anderen um wirtschaftliche
Dominanz konkurrieren müsste. Das wäre ebenso unzeitgemäß wie
uneuropäisch. Frankreich war es, das als erstes diese Illusion
hochkommen ließ und pflegte. Gut, dass dort jetzt die große
Verwirrung ihren Anfang nimmt.
Klonierung und gelungenes Leben
Die Häufung zufälliger Anlässe wollte es, dass
das europäische Publikum in diesen Monaten des Jahres 2005
ganz nahe an die Schlachtbank der Geschichte, Abschnitt 20. Jahrhundert,
geführt wurde.Da man dem Publikum nur die bebilderten Szenen
vorführen kann, sind die beiden letzten Schlachtbank-Szenen,
Kambodscha und Ruanda mit jeweils siebenstelligen Opferzahlen,
von der Geschichtsbühne weitgehend ausgeschlossen. Doch darauf
kommt es nicht mehr an. Drei oder vier Völkermorde und Großkriege
hin oder her würden an der Unerträglichkeit der übervollen
Schlachtbank nichts ändern. Daher die Häufung “zufälliger
Anlässe”: Es ist kein Sinn-Faden herzustellen, der von
den Kriegserklärungen des Jahres 1914 über Hiroshima
bis zu Srebrenica reichte. Es lässt sich aus diesem blinden
Geschehen keine Moral und keine Heilsahnung gewinnen. Erfahrungen,
in denen nichts erfahren wurde.
Das ändert nichts daran, dass das europäische Publikum,
längst jeden Sinnes müde, sich ohne größere
Schmerzreizung täglich zur Vorführung der grauenhaften
Leere seiner jüngeren Vergangenheit vor die Monitore begibt.
Es will offenbar noch immer etwas wissen – wovon es nichts
zu wissen gibt. Es ist nicht das Grauen, von dem es angezogen wird.
Hauptsache, es geschah etwas, damit eine Gewissheit entsteht, dass
etwas geschieht. Woher, wohin? Diese Frage lässt die heutigen
Europäer, die doch einmal Geschichte als ein Heilsgeschehen
erfunden hatten, mittlerweile kalt. “Als Heilsgeschehen” heißt,
dass sowohl die christliche Erlösertat wie späterhin
die Aufklärung in der Geschichte ein Ziel, eine Überwindung
der Zeit vor sich sehen konnten. Damit ist es vorbei. Alle wissen
es, aber niemand will es eingestehen. Man fürchtet die Konsequenzen
des Eingeständnisses. Es könnte, wäre es ehrlich
und hart genug, den modernen Besitzindividualisten in seinem Fortschrittsglauben
beirren. Diese Lage lässt sich als ein Umbruchpunkt bestimmen.
(Siehe auch Tabula rasa in Sicht in unserer 41. Ausgabe)
Eine Feststellung wie diese kann den verschütteten Geschichts-
und Zukunftssinn der meisten Zeitgenossen kaum noch reizen. Man
könnte mit ihm nicht viel mehr anfangen, würde die gegenwärtige
Erdbewohnerschaft, die wir einst hoffnungsfroh “das Menschengeschlecht” nannten,
nicht soeben in eine Lage geraten, in der dieser Nullpunkt noch
einmal zu überdenken ist. Es gibt nämlich wiederum eine
Erwartung, die nicht die ausdruckslose und blinde Erwartung des
Fortschritts ist: Die zunehmende Selbstverfertigung des Menschen
hat offensichtlich eine neue Phase erreicht, eine Etappenschwelle überschritten.
Technoide Verfassungsformen des Individuum, die man bis jüngst
nur für möglich und also nicht dringlich gehalten hatte,
sind rasch ins Reich des Wahrscheinlichen eingetreten. Das bedeutet
vor allem, dass jedes Individuum mit höchstmöglicher
Genauigkeit bestimmt werden kann und daher bestimmt werden muss.
Das verlangt Privatisierung der eigenen Natur – bei der es
wenig Orientierung und Hilfe gibt. Denn der rasche Umbau des menschlichen
Bios durch die Technik steht zunächst unter keiner Orientierung,
unter keinem Sinn. Es gibt auch keine Theorie der biologischen
Wissenschaften, an der diese sich selber fassen, sich kritisieren
könnten. Der Fortschritt der Biologie bleibt ein so genannter,
weil die reine Empirie herrscht, ob in der biomedizinisch gesteuerten
Fortpflanzung oder der individuellen und der massenhaft veranlassten
Genomdiagnose oder im Cloning. Alles wird versucht und gemacht,
wie es eben kommt und gelingt. Die erhoffte Heilung und die vorbeugende
Beseitigung von Körperdefekten, die zu erwarten sind, muss
als hinreichende Begründung genügen.
Nur auf diese Weise, planlos und ohne Richtungsangabe, gar eine
politische, kann die Biotechnik industrialisiert, also verallgemeinert
werden. Ob etwas erforscht und entwickelt wird, richtet sich nicht
nach seinem Problemgehalt, sondern nach Größen erwartbarer
Therapiefälle und damit nach Umsätzen, die eine Investition
lohnend erscheinen lassen. Im besten Falle werden “verwaiste” Krankheiten
oder Erbdefekte in die Obhut öffentlich finanzierter Forschung
genommen – was auch die Chancen ihrer Vermarktung definiert.
Die Prioritäten für die medikalisierte Gesellschaft aber
werden von der Blockbuster-Produktion gesetzt, die von den Ertragserwartungen
und in letzter Instanz von den Erwartungen der Großinvestoren
angeleitet wird. Hier herrscht keine unsichtbare Hand, die durch
Wettbewerb und eine informierte Nachfrage der Leidenden auf eine
gerechte, zumindest eine ausgewogene Verteilung von Heilungschancen
abzielte. Was sich öffentliches Gesundheitssystem nennt, ist
immer auch auf Ungleichheit gebaut, nicht auf das Ziel größtmöglicher
Gleichheit im Leiden und im Verzicht. Damit gibt sich auch fast überall
das Massenpublikum zufrieden. In ihm fühlt sich jeder als
Patient, sei es nur als potentieller. Eben in dieser Ungleichheit,
die als solche nur schwach empfunden wird, stabilisiert sich die
medikalisierte Gesellschaft.
Nach einer Theorie der biologischen Wissenschaften verlangen auch
die Biologen und die Ärzte nicht. Als Praktiker müssten
sie sich behindert und verunsichert fühlen, wenn es eine solche
Theorie gäbe. Die Kritisierbarkeit ihrer Wissenschaften, die
meist auch Erfahrungs- und Kunsthandwerk sind, kann nicht ihr erstes
Anliegen sein. Sie müsste immer auch eine Theorie der sozialen
Ungleichheit sein, ein Feld, auf dem sich Naturwissenschaftler
und Ärzte in ihrer Profession nicht behaupten können.
Sie würden auch bald wieder auf die Geschichte ohne Sinn zurückgeworfen
werden. Also müssen sie resignieren und die Abspaltung des
verantwortlichen Staatsbürgers dulden, der sich mit spekulativen,
also professionell nicht belangbaren Gerechtigkeitsforderungen
abgeben darf. Als Ersatz dafür ist die medizinische und die
Bioethik eingerichtet. Sie bildet sich und bildet sich fort auf
occasionelle Weise, aus gegebenen Anlässen, und aus den Aporien
der Praxis. Sie darf sich aber nicht zu einem Moralsystem, einer
Theorie aufschwingen wollen.
Wenn die Individuen mehr und mehr sich selbst konstruieren und
reparieren müssen, teils aus eigenem Willen, teils aus sozialem
Zwang, wird es vermutlich zu einer neuen Denkordnung, einer neuen
Sozialgrammatik bedürfen. In der heutigen Sprache der Wissenschaften
und der Sozialmoral kann man nämlich nicht mehr von der Zukunft
als einer sinnbestimmten Erwartung und von der Vergangenheit als
Geschichtlichkeit sprechen. Eines kann man schon voraussehen: Die
revolutionäre Umwertung aller Werte – die freilich nicht
mit revolutionärer Plötzlichkeit auftreten kann – wird
eine absolute Verständnislosigkeit für alles, was wir
noch als Geschichte im Gepäck tragen, mit sich bringen. Wir
befinden uns schon auf dem Weg dazu. Die Massenkultur arbeitet
am radikalen Vergessen aller bisher geltenden Kategorien ebenso
mit wie die künstlerischen Solitärleistungen.
In das Jahr 2005 sind bereits mehrere starke Merkzeichen gesetzt,
die eine bevorstehende Gewissheit vom selbstverfertigten Individuum
ankündigen. Ein besonderes Signal war im Mai die Mitteilung
in der Zeitschrift Science, dass es einer Forschergruppe in Seoul
gelungen ist, elf embryonale Stammzellenlinien zu züchten,
die mithilfe nur einer Ovozyte erzeugt und totipotent für
vielerlei Zwecke der regenerativen Therapie verwendet werden können.
In der Experimentserie führten nur zwei von elf zum Misserfolg.
Zur selben Zeit meldete auch eine Forschungseinheit in Newcastle,
die mit überschüssigen Embryonen umgeht, ähnliche
Erfolge. Und in Shanghai waren schon im Frühsommer 2004 embryonale
Stammzellen hergestellt worden.
Das Tabu der Klonierung, das von adulten, auf Vererbung spezialisierten
Körperzellen ausging, ist also durch die Rückzüchtung
auf Blastozysten gebrochen. Diese vorembryonalen, nur wenige Tage
unaktiven und noch unspezialisierten Zellbündel bilden, wenigstens
nach der angelsächsischen Vorstellung, noch keinen Persönlichkeitskern,
der im nachfolgenden Embryo missbraucht, in der Menschenwürde
verletzt werden könnte.
Es dauerte nur Tage nach der Information in Science, bis Parlamentarier,
Regierungsmitglieder und Forschungsinstitute in den USA, in Deutschland
und in Frankreich die bioethische und die gesetzliche Freigabe
der therapeutischen Stammzellenforschung forderten. Es lässt
sich nach den Erfolgen in Seoul, Newcastle und Shanghai nicht mehr
einsehen, dass sich die Forschung mit der Verwendung von überschüssigen,
gefrorenen Körperzellen aus der in-vitro-Befruchtung begnügen
soll, wie es zum Beispiel in Frankreich und, noch enger, in Deutschland
der Fall ist. Noch vor eineinhalb Jahren hatte man den Aufwand
für die Herstellung von präembryonalen Klonzellen für
prohibitiv aufwendig gehalten. Nun kann man damit rechnen, dass
binnen Jahresfrist der Bann über dieser “auto-regenerativen
Klonierung” aufgehoben wird. Es muss keinen Missbrauch erzeugten
Lebens mehr geben. Und die Perspektiven für die Stammzellenforschung
zu therapeutischen Zwecken sind nach vielen Richtungen geöffnet,
ob für Zelltherapie und Organersatz oder ob für die Herstellung
von Impfstoffen wie für die Prognose toxischer Wirkungen von
Nahrungsmitteln und Medikamenten.
Voraussehen lässt sich auch, dass sich der Mythennebel über
der Figur des Klonmenschen bald auflösen wird. Das aus der
Romantik stammende Phantasma wurde von Aldous Huxley und George
Orwell nach dem derzeitigen Wissensstand neu aufbereitet und schließlich
in der Angstphilosophie von Hans Jonas in den siebziger Jahren
wiederum aktiviert. In die Volksmeinung eingegangen, hat das Klon-Gespenst
die Gesetzgebungen in vielen Ländern beeinflusst. Schon sein
Verdunsten, bewirkt von der Forschungstechnik, wird einen kleinen
Kultursprung bedeuten. Bald wird sich zeigen, dass die ängstliche
Beschwörung des geklonten Menschen ad acta gelegt werden kann,
als das verzerrte Gegenbild vom spontan erschaffenen, von Natur
aus gesund und schon gedachten Norm-Menschen. Auch das Drohwort
von der Instrumentalisierung des Menschen durch die Gentechnik
wird sich demnächst verflüchtigt haben. Man wird sich
also den Fragen des menschlichen Erschaffenseins neu zuwenden können.
Zwischenschritt: Zwang und Lust der Selbsterfindung
Die Perfektibilität des Menschengeschlechts, an die schon
lange niemand mehr glauben wollte, kommt noch einmal auf die Tagesordnung.
Die Möglichkeit eines von Dummheit aus Angst und Schmerz nicht
allzu geplagten Lebens, das auf andere Rücksicht nehmen kann,
muss wiederum diskutiert werden. Dazu führt nicht nur die
Notwendigkeit für jedes Individuum, in der Fülle der
biologischen Chancen Prioritäten zur eigenen Glückssuche
zu setzen. Auf den Trieb zur Vervollkommnung müssen auch die
politischen Kollektive, muss der Staat setzen. Wenn die Institutionen
das nicht mehr zustande bringen, weil sie sich auf die Verteidigung
von Besitzständen beschränken, werden sie verachtet.
Die Individuen müssen mehr und mehr selber entscheiden, wie
sie sich gestalten wollen. Sie können mehr denn je informiert entscheiden, weil sie über sich informiert sein müssen.
Dabei verschlägt es nichts, dass vor allem die Technik es
ist, die diesen Zwang verordnet. Es muss nunmehr, da das Spektrum
der Möglichkeiten sich ständig erweitert, auf dem vollen
Besitz und dem vollen Genuss des eigenen Lebens bestanden werden.
Man muss sich also sein Leben ganz aneignen, um nach seiner Vervollkommnung
zu streben.
Die Aneignung seines Lebens ist für das Individuum fortan
nicht nur Angebot, sondern Gebot, ist Pflicht. Es geht um ein Gut,
das zu bewahren ist. Auch kann die Technik, die durch ihre Erfolge
zur Aneignung zwingt, nicht exklusiv sein. Sie muss alle, ob sie
wollen oder nicht, zu ihrem Lebenseigentum bringen. So kann man
denn auch die dringliche Aufforderung zur Aneignung nicht nach
Belieben annehmen oder ablehnen – stets weil sich das angeeignete
Leben nur unter erheblicher Anstrengung erhalten und pfleglich
ausstatten lässt. Man kann seiner Lebensprognose, auch wenn
sie nicht angenehm ist, nicht entkommen. Sieht sie sich ungünstig
an, bitte, hier sind die Mittel, das zu ändern, daran zu arbeiten.
Wenn der ganze Sinn des Lebens das Leben ist, muss man ein neues
eisernes Zeitalter erwarten. Angesichts der immer sichereren Biotechnik,
die ständig Wahl und Entscheidung verlangt, kann den Individuen
nicht der Wunsch erlaubt werden, auf ein hohes Lebensalter, wenn
in ihm hinlängliche Gesundheit und Heiterkeit geboten werden
können, zu verzichten. Weil alle leben müssen, kann die
Weisheit eines Verzichts aufs Weiterleben nicht hingenommen werden,
egal wie stumpf der Kopf ist, der auf der Lebensmaschine sitzt.
Vom Lebenwollen aller, auch wenn wenig Sinn und wenig Vergnügen
darin liegen, hängt ab, ob es den Fortschrittstrieb gibt,
den auch die bescheidenste Ökonomie braucht.
Zu betrachten ist freilich nicht nur die schwarze Seite der Verurteilung
zum Leben, auf der Bioökonomie und Biotechnik bestehen und
sich zu Zwangsgehäusen machen. Es ist darin auch eine Verurteilung
zur Freiheit enthalten, die jedes Individuum wahrnehmen und entfalten
muss. In neuer Technik steckt immer auch ein Kern der Emanzipation.
Gäbe es nicht die Verurteilung zur Freiheit der Wahl, würde
die Biotechnik ins Stocken kommen. Wählen zu müssen aber
ist höchster Lebensgenuss, macht das Leben lebenswert. Technik
ist nicht nur Gehäuse der Hörigkeit.
Die Verurteilung zur Freiheit, die in der Verurteilung zum Leben
und zur Aneignung seiner selbst enthalten ist, wird demnächst
auf einem Feld zu diskutieren sein, das sich jetzt eröffnet,
genauer, wiedereröffnet: Der Ektogenese, der extrakorporalen
Zeugung, Reifung und Geburt in einem technisch konstruierten Milieu.
Wenn die Frage der Verurteilung zum Leben an der auto-regenerativen
Konservierung des Prothesen-Menschen abzuhandeln ist, so die Frage
der Verurteilung zur Freiheit an der Ektogenese, am künstlichen
Uterus. Ein bedeutender Essay des französischen Biologen und
Anthropologen Henri Atlan: L'utérus artificiel (Le Seuil,
2005) schließt dieses Thema, das in der bioethischen Debatte
und den Gesetzgebungen ebenfalls als Tabu eingekapselt war, erneut
auf. Auch Atlan, der sein Buch geschrieben hatte, ehe die Erfolgsmeldung
der Gruppe Wook Suk-hwang aus Seoul kam, hält schon seit längerem
die enttabuisierte Klonierung für unvermeidlich, ja imminent.
Das macht seine vorsichtige Prognose, die Ektogenese werde in fünfzig
bis spätestens hundert Jahren gelungen und allgemein anwendbar
sein, umso glaubwürdiger. Man kann nun, wenn die Regierungen
die Stammzellenforschung legitimieren müssen, auch beträchtliche
Investitionen der Industrien in die Bio-Industrien erwarten. Dies
wird der Ektogenese-Forschung zugutekommen. Man wird dem heiklen,
wenn auch nicht dringlichen Thema nicht länger aus dem Wege
gehen können. Es liegt auf dem Wege der Perfektibilität
der Gattung.
Dazu mehr in unserer nächsten Ausgabe.
Aus dem Tagebuch – Werkstatt-Texte – Miszellen
Zur künftigen Anthropologie der medikalisierten Gesellschaft
I.
Zum Schiller-Jahr: Nein Schiller, das Leben ist der Güter
höchstes, neben ihm darf kein anderes gelten. Denn die Güter
sind das Leben. Wer das nicht wahrhaben will – allzuviele
sind dies ja nicht – , den wird der Fortschritt schon noch
Mores lehren. Ehre, Gottvertrauen und dergleichen, sie können
vor dem höchsten Gut des Lebens nicht bestehen, werden auch
nur selten noch begehrt.
Schiller, Sie konnten zu Ihrer Zeit noch nicht sehen, was Güter
sind und was das Leben als ein Gut ist, das dem Eigentümer
aufgezwungen wird und ihn zur Gewaltsamkeit verurteilt, zuerst
gegen sich selbst.
Der immer misslaunig blickende Elias Canetti, der den Tod um jeden
Preis bekämpft hat, hätte von der Aufnötigung des
Lebens um seiner selbst willen bereits mehr wissen müssen.
Schließlich lebte er unter einem entfalteten Kapitalismus,
der Leib-Eigentum zur Pflicht macht. Davon wollte er nichts wissen.
Deswegen wirkt er bisweilen peinlich.
II.
“Und Isaak wurde hundertachtzig Jahre alt, verschied und
starb und wurde versammelt zu seinen Vätern, alt und lebenssatt.” So
steht zu lesen im ersten Buch Mose. Auch sein Vater Abraham war “in
einem guten Alter” gestorben, mit hundertfünfundsiebzig
Jahren, “als er alt und lebenssatt war.”
Der sagenhaften Lebensdauer dieser Urväter, Hirten und Patriarchen,
rücken wir Heutigen bedrohlich näher. Es wird damit gerechnet,
dass bis in fünfzig Jahren sich in unseren reichen Zonen die
Zahl der Hundertjährigen bis zu einer fassbaren Gruppe, einem
sozialen Segment vermehren wird. Gott bewahre uns davor, werden
die meisten Vierzigjährigen sagen. Denn die Hoffnung, lebenserfüllt
zu solch spätem Ende zu kommen, sind, wenn die Welt beim jetzigen
Zustand bleibt, minimal. Schon die Siebzigjährigen müssen
befürchten, dass ihr langer Lebensrest ziemlich ausdruckslos
und bei kleiner Flamme dahinglimmen wird. Wer noch einen klaren
Kopf besitzt, wird für später wenig erwarten. Die geistige
Unabhängigkeit, die er gewinnen könnte, kann er bald
nicht mehr nutzen. Statt mit dem Preisen der hohen Jahre fortzufahren,
wäre es sinnvoller, sich eine kleine Lebensrevolution einfallen
zu lassen.
III.
Für die christliche Religion in ihren Kirchen wird die Last
immer schwerer, die gläubigen Greise, die im Innersten auf
eine Erlösung von ihrem schwachen Leben hoffen, noch länger
zu trösten. Die Tröstung mit der Erwartung des Erlösers
wird zur Vertröstung, wenn die Lebenskraft zu gering geworden
ist. Und der Vertröster macht sich im Angesicht des Elends
zum Feigling. “Ich bin die Wahrheit und das Leben” – das
bleibt in der Tat die überwältigende christliche Botschaft.
Es gibt dagegen kein vernünftiges Widerwort. Das Wort hat
einen Beiklang angenommen, der die Kirche das Fürchten lehren
müsste.
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