Lagebestimmung – Nach der Wahl ist vor der Wahl
Diese Bundestagswahl und ihre Ergebnisse werden die politische
Klasse weiter zerreiben. Diese Zermürbung ist nicht aufzuhalten,
sie kommt auch von weiterher. In den meisten Staaten Europas geht
es ähnlich zu. Die politische Klasse Frankreichs verrottet
schon seit zehn Jahren, sie ist noch immer nicht am Ende. Die Politiker-Politik
in Italien erscheint den übrigen Europäern unzurechnungsfähig
und wird vom eigenen Volk verachtet. Selbst in den Niederlanden
ist der Parteienstaat zerrüttet. Das Nein zum Verfassungsvertrag
dort und in Frankreich hat gezeigt, dass die Regierungen und die
Parteien keine Disziplin halten können und keine Loyalität
der kopflosen Wähler / Bürger mehr genießen.
Es ist das Verdienst des amtierenden Bundeskanzlers, dass er diesen
Prozess beschleunigt hat, auch wenn es nicht in seiner Absicht
lag. Er hat offengelegt, dass es ein gutes Regieren, an das allein
noch die FAZ-Wirtschaftsredaktion glaubt, in Deutschland heute
nicht möglich ist. Seine Nachfolger werden in Jahresfrist
beweisen, dass auch nur ein wenig besseres Regieren außerhalb
der Möglichkeiten liegt. Schon deswegen müsste man eine
konservative Einparteien-Mehrheitsregierung wünschen. Eine
große Koalition mit ihrer Lebenslüge würde den
Prozess des Zerfalls nur vorübergehend verschleiern und aufhalten.
Das Regierungspersonal, das aus diesen Wahlen hervorgehen kann,
wird noch mittelmäßiger sein als das noch amtierende,
das immerhin tüchtige Polit-Techniker enthielt. Deswegen wäre
auch der Auftritt der dürftig ausgestatteten Linkspartei kein
großer Schaden. Er würde allenfalls demonstrieren, wie
schwach die politisch-moralische Ausstattung der gesamten Klasse
ist. Die Talente reichen nicht einmal für eine aufregende
Bestechlichkeit. Hans Leyendecker überschrieb neulich einen
Artikel: “Die Korruption in Deutschland ist so spießig
wie das Land.” (Süddeutsche Zeitung, 16. / 17. Juli)
Aus ihrer Zerrüttung, die von ihrer Mittelmäßigkeit
genährt wird, ist der politischen Klasse kein Vorwurf zu machen,
es lässt sich nicht gegen sie polemisieren. Sie ist ganz vom
Fleische der deutschen Mehrheitsmittelklasse, die ihre Blockade
nicht auflösen kann und sie daher zu lieben gelernt hat. So
geht es den anderen Mehrheitsmittelklassen in Europa auch, Deutschland
bietet nur ein besonders kräftiges Muster auf. Es hatte das
Glück, sich bei der europäischen Verfassung keine Blöße
geben zu müssen. Ein Referendum hierzulande hätte gezeigt,
dass die Deutschen für Europa nichts zuwegebringen können,
weil sie politisch zu schwachatmig sind, weil auch ihnen keine
Alternativen einfallen, sie also zu schwach sind zum politischen
Streit. Warum und worin diese Mehrheitsmittelklassen hoffnungslos
feststecken, versuchen wir in unserem Hauptaufsatz zu zeigen.
Der jetzt schon beschämende Ausgang dieser Wahl ist kein
Grund, an ihr nicht teilzunehmen. In der Demokratie wählt
man ohnehin quia absurdum. Wer hofft, nach einem Regierungswechsel
besser regiert zu werden, ist schwach belichtet. Wer nicht für
eine andere Verfassung mit anderen Zielen kämpft, ist nur
feige, wenn er zuhause bleibt.
Also blamieren wir uns sehenden Auges mit dieser Bundestagswahl,
ertragen wir den Selbstvorwurf, in jedem Falle falsch zu wählen.
Und wünschen wir der nächsten Regierung ein rasches Scheitern.
Ignorante Wissensgesellschaft
Eine Maxime für das Erziehungswesen, die so selbstverständlich
ist, dass man sie nicht in einen Codex zu schreiben braucht: Es
sollte am Ende seines aktiven Lebens jedermann sich befragen können,
ob er Zeitgenosse war, sollte sich selbst in seiner Zeit sehen.
Dafür hat die Erziehung das Fundament zu legen. Allzu vielen
ist die Chance zu dieser Frage nicht gegönnt. Wer sie sich
jedoch stellen kann, hat sicherlich kein misslungenes oder vergebliches
Leben geführt.
Die Europäer sind nur etwas wert, können nur auf ihr Überleben
hoffen, wenn es ihnen gelingt, sich als Zeitgenossen zu betrachten
und zu verhalten. Doch die Aussichten für die Erfüllung
des humanistischen Urgebots sind heute verdunkelt, sie verdunkeln
sich unter der Globalisierung mit jedem Tag mehr. Daher die Ratlosigkeit,
die Depression im Erziehungspersonal weithin. Die Bedingungen,
unter denen eine Erziehung zu leisten wäre, sind aus dem Blick
geraten. Der Zeithorizont für jedes Individuum, “Ende
des aktiven Lebens”, lässt sich ebenso schwer bestimmen
wie die Zeitgenossenschaft als eine Tugend. Aber es gibt einige
hinlänglich genaue Erwartungen, mit denen die Suche nach Orientierung
beginnen kann, ja beginnen muss. (Die Zweimonatsschrift le
débat hat dem Thema eine fundierte Ausgabe gewidmet, numéro 132,
novembre-décembre 2004)
In welcher Welt wird ein junger Europäer, der um die Jahrhundertmitte
aus dem aktiven Leben gleiten wird, sich bewegen und bewähren
müssen, sodass er dann von sich sagen kann, er sei ein Zeitgenosse
gewesen – und sei es damit weiterhin. Die erste Bedingung,
mit der sich eine gelebte Zeitgenossenschaft zurechtfinden muss,
ist die rasche Alterung der Gesellschaft, in der man erwachsen
und verantwortungsfähig werden muss. Rasche Alterung bedeutet
spürbare Verringerung der Lebensgeschwindigkeit für alle.
Man muss, damit alle einigermaßen mitkommen, sich langsamer
bewegen. Dem widerstrebt die Digitalisierung immer weiterer Tätigkeiten
und Lebensvollzüge.
Rasche Alterung bedeutet auch, auf die nächsten fünf
Jahrzehnte hinausgesehen, eine starke Vermehrung der Lebensbehinderten,
der Kranken, der Schwachen, also von Mitgliedern der Gesellschaft,
die sich nicht mehr als Zeitgenossen betrachten lassen und ernstgenommen
werden müssen. Nur ein Beispiel: Der Anteil der von Altersdemenz
und Alzheimer-Krankheit Geschlagenen nimmt mit der höheren
Lebenserwartung schnell und unwiderstehlich zu. Pharmakologische
und Verhaltenstherapien von Breitenwirkung stehen für die
nächsten zwei Jahrzehnte nicht in Aussicht. In Frankreich
beispielsweise, wo heute 855 000 Alte von diesen Demenzen erfasst
sind, wächst die Anzahl neuer Fälle jährlich um
225 000, nicht zuletzt aufgrund verbesserter Diagnostik und zunehmender
Lebenserwartung (Le Monde, 17.07.2005). Bezieht man die pflegenden
Familienangehörigen ein, so sind bereits drei von den sechzig
Millionen Franzosen teilweise gelähmt, können also nicht “ganz
für voll” genommen und belastet werden. Das ist nur
eine von vielen Bürden.
Die Medikalisierung der europäischen Gesellschaften, die jetzt
rasch voranschreitet, wird die soziale Behinderung schon dadurch
verstärken, dass während der nächsten zwei Jahrzehnte
die diagnostischen Fertigkeiten den therapeutischen weiterhin rasch
voraneilen werden. Und mögen auch die therapeutischen Fortschritte
sich beschleunigen, so können sie doch von einer reaktionsschwachen
Alten-Bevölkerung, die nicht mehr durch ihren Arbeits- und
Erfolgssinn angetrieben wird, nur unzureichend wahrgenommen und
angewendet werden. Durch die Medikalisierung, hinter der ein ökonomischer
Zwang steht, mag sich dies auf längere Frist zum Positiven
wenden, für die nächsten zwei oder drei Jahrzehnte kann
man es nicht erwarten.
Eine alternde, vermehrter Pflege bedürftige Gesellschaft wird
Reaktionsschwäche und Antriebsarmut mit sich bringen. Das
sind keine guten Bedingungen, um Zeitgenossenschaft zu erwerben,
sich zu seiner Zeit in seiner Gesellschaft zu sehen. Jedenfalls
sind es schlechtere Bedingungen als die einer Gesellschaft, die
sich dynamisch, fortschrittsfreudig und innovationstüchtig
versteht, heute freilich nur noch wähnt. Denn diese Formeln
der Lust zum Fortschritt, breitgetreten von Wirtschafts- und Politmanagern,
sind nur noch hilflose letzte Rufe aus einer Industriegesellschaft,
deren Offensivmoral nicht vergehen will, weil es an Kraft dazu
fehlt. Aus dieser Hilflosigkeit dann auch die Klage fehlender Konsumneigung,
worin fast alles zusammengefasst ist. Ist das schon ein dürftiger
Ausweis der herrschenden Angebotsökonomie, so würde doch
auch eine Nachfrageökonomie daran kaum etwas verbessern können.
In einer geschwächten Wirtschaftsgesellschaft, deren Konsumgier
nicht ausreicht, um neue Bedürfnisse auszudrücken, versagt
offensichtlich auch die Angebotsphantasie der Unternehmer. Der
Markt insgesamt wird dümmer, und dümmer wird auch der
Staat. Der nun fast vergangene Wohlfahrtsstaat war jedenfalls klüger
als der kupierte Staat von heute, den die Liberalisierung übrig
gelassen hat. So ist es auch nicht mehr möglich, als Bürger,
der Zeitgenosse sein will, dem Staat gegenüberzutreten. (Nicht
von ungefähr ist das Universitäts- und Ausbildungsfach
der Politischen Wissenschaft bis zur Unkenntlichkeit verblasst.)
Die sozialökonomische Antriebsschwäche, die von den Fachökonomen
und den Wirtschaftspolitikern begriffslos bejammert wird, wird
verstärkt durch den zunehmenden Verlust an Lebenserfahrung,
die in der alten Industriegesellschaft vor allem durch die berufliche
Arbeit gewonnen werden konnte. Auch aus diesem Verlust kommt der
Mangel an Konsumfreude, der die Westeuropäer plagt. Erfahrung,
im Beruf, in der Lebenspraxis errungen, lässt Ansprüche
wachsen. Denn der possesive Individualist gewinnt damit einen Horizont
der Erwartungen, die er ausfüllen kann. Welterfahrung treibt.
Für einen zunehmenden Anteil der westeuropäischen Bevölkerungen,
nicht nur die Arbeitslosen, lohnt es nicht, Ansprüche auszubilden,
wenn diese nur mit banalen Gebrauchsgütern und sinnloser Kommunikation
erfüllt werden können. Somit verlischt die Neigung zu
einer Erziehung, die den Zeitgenossen, den aktiven Menschen in
seiner Zeit, formen und fordern soll. Das Zerrbild auf der anderen
Seite: Es wird immer mehr Altersgebrechliche geben, die ihre dementen
achtzigjährigen Eltern pflegen müssen.
Die Medikalisierung, wichtige ökonomische Antriebsquelle,
verspricht in einem tieferen Zeithorizont, viele dieser Sozialdefekte
zu beheben oder zu mildern. In den nächsten zwei Jahrzehnten
jedoch wird sie die Zermürbung der alten europäischen
Industriegesellschaften vorantreiben. Der biomedizinische Fortschritt
ist zu schnell für die Individuen und ihre veralteten Institutionen
geworden. Dieser Fortschritt ist auf die Erwartung von Konditionen
des Lebens gesetzt, in denen jeder “seines Glückes Schmied” sein
kann – wenn er klug und diszipliniert dazu ist.
Dafür zu sorgen, war einmal hohe Aufgabe des Staates, durch
Gesetz und Regelsetzung, durch Erziehung. Doch er hat die Marktkräfte,
einschließlich die Gewerkschaften, gegen sich, die auf jedes
Prozent Konsumwachstum angewiesen sind, ebenfalls aus Einfallslosigkeit.
Ob sie wollen oder nicht, sie verhindern die Ausbreitung einer
Konsumdisziplin, wie sie der Staat wünschen müsste. Der
Staat aber kann nicht vorbeugend Konsumententugenden fördern,
er kann höchstens für eine bestimmte Zeit verbieten oder
subventionieren, also eine unproduktive Haltung einnehmen. Dies
wäre, nach der biopolitischen, die zweite Sphäre, die
vor sich sehen muss, wer Zeitgenosse sein will. Erziehung soll
ihn darauf vorbereiten. Was der Markt ist, muss jeder an sich begreifen
können, im schmerzhaften wie im affirmativen Sinne. Und der
Markt ist mit den biologischen Entscheidungen jeden Tages verwoben.
Die dritte Lebenssphäre, in der sich der europäische
Lebenslehrling bewähren muss, lässt sich noch schwerer
bestimmen als die beiden ersten – und ist doch unvermeidbar,
man kann sie allenfalls leugnen, kann man ihr aber nicht entgehen.
Es ist die Sphäre der Gewalt, der organisierten, permanenten,
im Innern der Gesellschaften, und die ordnungslose, unberechenbare,
die immer wieder von außen einbricht. Die erstere hat sich
von den Europäern in den vergangenen sechzig Jahren rationalisieren
und dämpfen lassen, im Recht, aber auch vom Markt, mit seinen
geregelten Kampfordnungen in der Konkurrenz darum, wer welche Güter
produzieren und konsumieren darf.
Dazu verhalf nicht zuletzt die übernationale Abschreckungsdisziplin
durch Selbstmorddrohung auf Gegenseitigkeit – eine Gewaltherrschaft,
die längst wieder vergessen ist, wenn sie denn überhaupt
ins Bewusstsein der Völker gedrungen war. Auch die heutigen
Politiker wissen nichts mehr davon. Unter dem Dach der “organisierten
Friedlosigkeit” durfte sich eine demokratische Friedlichkeit
in Handel und Wandel ausbreiten, die für die Europäer
nach einem Jahrhundert des Weltbürgerkriegs unerhört
war. Nur einmal, in der Folge der entgleisten Jugendproteste in
den siebziger Jahren, flammte Gewalt auf, die aus dem Innern der
wohlfahrtsstaatlichen Gesellschaften kam. Als “irrationale” Ordnungsstörung
konnte sie bald wieder vergessen werden.
Die Staatsgewalt als eine ordnende Ruhigstellung der stets lauernden
Bürgerrebellion ist in den meisten europäischen Ländern,
nachdem die letzten faschistoiden oder sowjetisierenden Regimes
verschwunden sind, kein öffentliches Thema mehr. Selbst der
ETA-Terror und der Halb-Bürgerkrieg in Ulster konnten nicht
zu Konfliktstoffen geraten, in denen sich tiefer Bürgerzwist
hätte entfalten können. Auch die deutsche RAF und die
gleichzeitigen anarchistischen Zuckungen in Italien blieben marginale
Irredenta und konnten mit den üblichen Polizeimitteln niedergehalten
werden. Die beiden jüngsten Generationen der Europäer
wissen, auch wenn einige sich auf die Geleise der Atomzüge
geworfen hatten, nichts mehr vom Staat und seinen Gewaltmitteln.
Dass dieses friedliche Markteuropa, das sich vom Terror fanatisierter
Orientalen nur vorübergehend aufstören lässt, ein
weiteres Halbjahrhundert der Friedlichkeit erwarten darf, ist nicht
wahrscheinlich. Zu viele Entwicklungswege, die Aggressitivität
nähren, werden in den nächsten Jahren zusammentreffen
und sich zum Gewaltpotential massieren. Unabänderlich vor
allem die Konzentration der Vermögen und der Einkommen und
damit die Vermachtung aller Märkte. Was vor fünfundzwanzig
Jahren noch als die sich immer weiter öffnende Schere der
Geldeinkommen betrachtet werden konnte, ist nunmehr keine Schere
mehr. Ein Ende der Spaltung ist nicht abzusehen. Sie scheint ein
allgemein herrschendes Gesetz, Schicksal der Globalisierung zu
sein. Nahezu alle Reformversuche in nahezu allen Ländern,
diese Drift aufzuhalten, haben sie nur vertieft: in den USA sowieso,
in Frankreich, in Großbritannien, in Italien etc. In Deutschland,
wo das Hartz-Programm, ob es gelingt oder nicht, nur diesen Effekt
haben kann, wird man die Vertiefung der Spaltung demnächst
bilanzieren. Kann sich das noch weitere zwei Jahrzehnte fortsetzen?
Diese kontraproduktive Marktvermachtung hat viele weitere Schwächungen
im Gefolge: Die anhaltende Jugendarbeitslosigkeit, der Verfall
der sozialen Sicherungssysteme, also der Renten- und Krankenversicherungssäulen,
der zunehmende Konflikt zwischen den bisher sozialstaatlich integrierten
Leistungsgenerationen und Leistungsgruppen, die erneute Privilegierung
von Bildungskapital ... Zu schweigen von den bisher nicht wahrnehmbaren
Ungleichheiten in der Folge der Medikalisierung.
Die friedensverwöhnten Europäer konnten während
der letzten Jahrzehnte diese anwachsenden Bedrohungen als notwendige
Konsequenzen von Fortschritt und Wachstum betrachten, ihre Eliten
haben auch daran geglaubt. Nun sind die ordnungshaltenden Kräfte
der Staaten erschöpft. Zugleich dementiert die legitime Erhaltungslüge
des Staates sich selbst, die Lüge des ewigen Wachstumsversprechens.
Mit dieser Lüge ist immer auch Gewalt gebannt worden. Kanzler
Schröder wird vermutlich ein Opfer dieser Selbsttäuschung
sein, ebenso wie seine Nachfolger und viele seiner Kollegen.
In den siebziger Jahren war im akademischen Politjargon das Wort
von der strukturellen Gewalt aufgekommen. Es erwies sich bald als
zu blutarm, wurde zerrieben zwischen dem RAF-Anarchismus und dem
neuen Reformsozialdemokratismus. Analytisch scharf wie bei Michel
Foucault konnte der Begriff nie werden. Nun blüht der offenen,
der manifesten Gewalt eine neue Aktualität. Die fürs
politische Auge aufgelöste Gewaltstruktur könnte sich
demnächst ballen, es könnte sich wieder einmal die Wirklichkeit
zum Gedanken drängen. Wer Zeitgenosse sein, als Zeitgenosse
handeln will, kann für die nächsten Jahre klarer sehen.
Die Lage normalisiert sich.
Krücken der Evolution
Instability of family life, the estrangement of the generations,
and the shallowness of human communication are more prevalent and
cumulatively more serious diseases than violent crimes, and must
be given equal account in any effort to define the “good
man”, or in any lament of human deterioration ... Will not
boredom be the most pernicious disease, and a zest of life without
the compulsion of labor the rare essential for the species?
Stammten diese Behauptungen von einem literarischen Kulturkritiker,
könnte man sie mit halber Zustimmung wegstecken. Irgendwie
hat der Autor ja Recht. Vor allem die Flachheit der Kommunikation
kann man heute als eine Pathologie sehen, die als ein sozialer
Schaden sogar das Gewaltverbrechen überbietet. Wenn man die
Wahrnehmung des gegenwärtigen Terrors durch die Massenmedien
betrachtet, kann man über die Oberflächlichkeit dieser
Gesellschaft nur erschrecken. Und man muss argwöhnen, dass
sie noch viel Ärgeres hinnimmt, ohne aus ihrer Langeweile
und ihrer Langweiligkeit gerissen zu werden. Aber wenn das hier
auf ganz originelle Weise gesagt wird, allzu neu ist das nicht.
Interessanter werden diese Sätze in ihrem Zusammenhang mit
dem Essay, der sie umgibt. Vor fast vierzig Jahren wurde er geschrieben:
Experimental Genetics und Human Evolution von Joshua Lederberg
im Bulletin of the Atomic Scientists, October 1966. Bei dieser
Gelegenheit eine Erinnerung an die jahrzehntelang bedeutendste
Monatszeitschrift in der amerikanischen Diskussion über Nuklearstrategie,
Rüstungspolitik und Rüstungskontrolle, Friedensordnungen
und Programme der wissenschaftlich-technischen Zukunft. Gegründet
von Wissenschaftlern im Umkreis des Manhattan-Projekts, also Kernphysikern,
Chemikern, Forschungspolitikern etc., versammelte das Bulletin
viele erlauchte Namen aus den Leitwissenschaften, darunter Bethe,
Einstein, Oppenheimer, Inglis, Wiesner, Franck, Compton, Teller,
Weisskopf, Muller – und damit viele Nobelpreisträger.
Aufgeklärt kritisch gegenüber der atomaren Drohpolitik
der damaligen Regierungen in Washington, war das BAS mit seiner überragenden
Kompetenz auch ein moralisches Schwergewicht. In der Bonner Republik,
die sich während des Kalten Krieges ganz in der Hallstein-Doktrin
gefesselt hatte, wurde das BAS nicht zur Kenntnis genommen. Wenn
es hoch kommt, wurde es von hundert oder zweihundert engagierten
Naturwissenschaftlern und Politologen gelesen. Helmut Schmidt dürfte
der einzige lebende Politiker sein, der damit vertraut war, dazu
auch Egon Bahr.
Joshua Lederberg, Genetiker und Molekularmediziner, bekam 1958
den Nobelpreis für seine Forschungen über den Austausch
von Genen in Bakterien und die gezielte Veränderung von Erbmasse.
Er war damals bereits nahe an den Techniken, die einige Jahrzehnte
später zum Klonschaf Dolly führen sollten. Lederberg
galt zusammen mit J. B. S. Haldane, Julian Huxley und H. J. Muller
als ein unbeirrbarer Verfechter einer positiven Eugenik aus humanitärer
Absicht. Sozialwissenschaftlich und politisch naiv, wie diese eminenten
Forscher waren, eiferten sie in der Mehrzahl doch nicht einer Rassenzüchtung
im Sinne des NS nach. Sie waren vor allem erschreckt durch den
sozialen Verfall, der sich nach dem großen Krieg in der Hässlichkeit
und der Borniertheit ihrer Zeitgenossen zeigte. Sie sahen den Fortgang
der Evolution nach darwinschem Gesetz gefährdet durch eine
rücksichtslose Zivilisation, die eine Auslese der Minderwertigen
und Untalentierten besorgte. In der Denaturalisierung durch die
Kultur sahen sie eine Entstellung der Evolution und damit ihres
Fortschrittsglaubens und ihrer Fortschrittsmoral. Dem suchten sie
mit wissenschaftlich-technischen Mitteln, voran der Gentechnik,
entgegenzuwirken. Damit wiesen sie sich eine höhere Moral
zu als ihre Nachfolger, die Dolly-Züchter, es taten, die ihr
wissenschaftliches Interesse vor allem mit Therapie-Versprechen
und ökonomischem Nutzen begründen, aber das Heil der
Menschheit nicht weiter bedenken.
Joshua Lederberg war sich der Zweideutigkeit der Eugenik bewusst
und war auch nicht unsensibel gegenüber den Einwänden,
die aus den Erfahrungen der dreißiger und der vierziger Jahre
kamen. So suchte er vor allem nach möglichen Verbesserungen
am Phänotyp, die in freier Entscheidung des Individuums standen – in
der Erwartung, dass sich die Therapien an adulten Zellen zu einer
Verbesserung der Gattung summieren würden. Er stellte neben
die Eugenik eine Forschungs- und Therapiestrategie, die er euphenics
nannte, “... which means all the alleviation of genotypic
maladjustment that could be brought about by treatment of the affected
individual, more efficiously, earlier in his development.” Das
alles geht, wie man heute weiß, viel langsamer voran als
Lederberg und seine Kollegen es sich erhofft hatten. Zwar bringen
Organaustausch und eine erfindungsreiche Prothetik vielerlei von
jenen Erleichterung, aber die Gentherapie und damit das Kernstück
einer guten Korrektur der schlechten Korrektur am Wege der Evolution
steht noch in einiger Ferne.
Der eigentliche Grund, aus dem an diese Konstellation erinnert
wird, ist der ideologiepolitische Pfad der Aufklärung, der
hier eingeschlagen wurde. Darauf weist Henri Atlan in seinem Buch
L'utérus artificiel hin (siehe Es
ist bald so weit – Ektogenese in unserer 45. Ausgabe). Lederberg hatte in seinem BAS-Aufsatz
vorausgesagt, das reproduktive Klonen warte gewissermaßen,
dass sich die Ektogenese als eine sozial legitimierte Methode durchsetzen
werde, damit es in ihrem Gefolge mit geringerem Widerstand zu kämpfen
habe. Es handelt sich ja, wie Atlan feststellt, um zwei unterschiedliche
Methoden der “Denaturalisierung” der Fortpflanzung
durch eine Abkopplung von der Sexualität. Damit geht es um
unterschiedliche Schwellen des Vorurteils und der Beängstigung,
die zu überwinden wären, zum gleichen Ziel. Wie das zugehen
könnte, ist auch heute offen und mancherlei Spekulation zugänglich.
Gleichviel, wie eine solche friedliche Konkurrenz um den schnelleren
Erfolgsweg aussehen könnte, es stellt sich hier ein neues
Thema für Planung und Ideologie des Fortschritts. In jedem
Fall bleibt die feste Annahme, dass sich eine artifiziell-technische
Form der Fortpflanzung über kurz oder lang durch setzen wird.
Dafür spricht vor allem der verbreitete Kinderwunsch steriler
Männer und Frauen, die legitime Heilung erwarten dürfen.
Zu erinnern ist dabei an die Durchsetzung der In-vitro-Fertilisation
vor rund einem Vierteljahrhundert. Lange mit Skrupel beäugt,
gewann sie nach plötzlichen Erfolgen in England und in Frankreich
schnell eine Zustimmung durch eine Nachfrage-Klientel, hinter die
sich sogleich eine IvF-Industrie stellen konnte. Diese ist ohnehin
Voraussetzung für Meinungsgewinne sowohl für die Ektogenese
wie das reproduktive Klonen. Sogenannte “ethische” Barrieren
fallen schnell, wenn sich auf Nebenwegen Fortschritte einstellen,
die zu gleichen Zielen führen. Daran können auch Gesetze,
wie sie in den meisten Ländern gegen die Ektogenese ebenso
wie gegen das reproduktive Klonen gegeben sind, nur vorübergehende
Korrekturen errichten. Der Preis ist, da der lang hinhaltende Widerstand
eines Tages doch zusammenbricht, allzu hoch. Ob und wie die politischen
Strategien umzukehren wären, soll das nächste Thema sein.
Aus dem Tagebuch – Werkstatt-Texte – Miszellen
Umgang mit dem Futur
Wer auf die Zukunft begierig ist, sie “wissen will”,
wird aus dem Volke nur wenige mitreißen können. Für
die meisten ist es zu anstrengend, die denkbare Zukunft zu bedenken.
Sie schrecken vor dem Wissbaren zurück, weil es zweideutig
ist – und deswegen gedeutet werden muss. Um das Wissbare
zu deuten, muss man sich eine Utopie machen. Von Utopie aber wollen
die Leute heute erst recht nichts wissen. Sie wollen nicht einsehen,
dass die Utopie notwendiges Mittel zum Zweck ist. Denn sie haben
keine Lust, mithilfe der Utopie die gegebenen Umstände zu
kritisieren, und sich selbst für ihre Feigheit kritisieren
zu lassen. Für den immer ängstlichen Spießer ist
Utopie eine Beleidigung. Darin wird er von den Scharen der journalistischen
Intelligenz unterstützt, die schon seit zwanzig Jahren ständig
wiederholen: Die Zeit der Utopien ist vorbei.
Das Publikum macht sich jedoch nichts daraus, kopfnickend den Politikern
zuzuhören, die ja permanent “Zukunft, unsere Zukunft” rufen.
Man darf sicher sein, dass sie damit nur festgetretene Gegenwart
meinen. Ihnen ist Zukunft die Immunisierung gegen die Kenntnis
der gegenwärtigen Zeit. Die Utopie dagegen hat immer den möglichen
Absturz im Auge, deswegen wird sie das Apokalyptische meiden. Denn
wer Apokalyptisches, das ja jeder moderne Mensch in sich trägt,
bestätigen will, kann sich für das Künftige nicht
ernsthaft interessieren. Der Normalbürger fürchtet die
Kunstfähigkeit zur Utopie. Er fürchtet nämlich die
realistische Lebenshaltung, die aus Selbsterhaltungstrieb nach
Utopien verlangt. Diese aber muss man sich selber machen.
Wer auf Wissen von der Zukunft neugierig ist, wird sich nicht davon
beirren lassen, dass das Volk und die Politiker es vorziehen, unwissend
ihrem Untergang entgegenzugehen. Er will, wenn schon Unter- oder
Niedergang angesagt ist, lieber sehend daran beteiligt sein. Damit
rettet er zwar nichts, aber er hält wenigstens einen Fetzen
der Ehre des Menschengeschlechts hoch.
Nur nichts Neues
Wenn ältere Leute etwas Bemerkenswertes aus ihrem Leben oder
aus ihrer Lebenszeit zu berichten haben, gebrauchen sie dafür
gerne die Anekdote. Damit fängt schon ihre Unglaubwürdigkeit
an. Verkürzung und Pointierung lassen vermuten, dass sie ihre
Geschichte gar nicht gelebt haben. Die Anekdote will gewohnte,
eingeübte Reflexe reizen, sie verhüllt das Neue. Was
wahrhaft aufregend im Leben ist, lässt sich schwerlich in
die Anekdote bringen. Nicht von ungefähr weigern sich zu allen
Zeiten “Kriegsteilnehmer”, über ihre Teilnahme
zu erzählen. Sie waren im Krieg gewesen, das macht schamhaft.
Leuten, die voll der Anekdoten sind, sollte man misstrauen, es
sei denn, sie wollen als ausgemachte Lügenbeutel nur die Leute
amüsieren. Da weiß man, woran man ist, man soll nur
die Kunst bewundern, aber nichts glauben. Dass so viele Menschen
ihr Leben nur in Anekdoten fassen können, macht die eine Zeitlang
sehr beliebte oral history fragwürdig. Diese wurde vor allem
von naiven Identitätssuchern geschätzt, die gerne zu
den Graswurzeln gehen. Die Journalisten andererseits, zur Oberfläche
verdammt, verlangen nach der Anekdote, weil sie Originalität
und Geistesgegenwart ihrer Interviewpartner vortäuscht, also
das, was Medienmenschen gerne hätten. Ohne diese Vortäuschung
könnten die Zeitungen gar nicht leben.
In der Anekdote kommen die meisten gut, wenigstens mit dem Leben
davon. In der Wirklichkeit ist das unwahrscheinlich. Wer ganz in
seiner Geschichte steckt, müsste das helle Grauen bekommen.
Gelänge es ihm, das Grauen in eine witzige Form zu bringen,
liefen die Leute gleich davon. Sie nennen dann den Witzigen einen
Zyniker.
Im Wal: der lustlose Prophet
Über nötige Vorsicht im Umgang mit apokalyptischen Prophezeiungen
lässt sich einiges aus der biblischen Fabel von Jonas lernen.
Jonas, der zu den kleinen Propheten gezählt wird, machte sich
auf fatale Weise zu klein. Als der Herr ihn aufforderte, seinen
Fluch auf die lasterhafte Stadt Ninive zu schleudern, flüchtete
er und machte sich zu Schiff davon, von Jaffa nach Tarsis am westlichen
Ende der Welt. Er hatte, wie sich hinterher herausstellen sollte,
zurecht vermutet, dass es sich um eine schlechte Laune des Herrn
handle, die man besser nicht allzu wörtlich nehmen sollte.
Doch auf der Überfahrt ließ der Herr einen furchtbaren
Sturm aufkommen, die Besatzung bangte um ihr Leben, während
Jonas unter Deck arglos schlief. Gefragt, ob er vielleicht schuld
sei am Zorn Gottes, bekannte er dies freimütig und ließ sich
widerstandslos über Bord werfen. Das Meer beruhigte sich denn
auch gleich. Jonas wurde vom Wal verschlungen, in dessen Bauch
er drei Tage und Nächte schöne Gebete sprach: “Meine
Gelübde will ich erfüllen dem Herrn, der mir geholfen
hat.” Jehova ließ Jonas vom Wal ausspucken und wiederholte
seinen Auftrag. Noch vierzig Tage sollten Ninive gegeben sein.
Da geschah das Unerwartete. Kaum war Jonas in der Stadt, da taten
König und Volk Buße und gelobten Umkehr. Der Herr setzte
die Strafe aus, ihn “reute das Übel, das er ihnen angekündigt
hatte, und tat's nicht.” “Das verdross Jonas sehr,
und er war zornig.” Dafür hat Arthur Koestler Verständnis
(Der göttliche Funke, Bern und München, 1966). “Für
diesen ganz gewöhnlichen Mann” war der Auftrag Gottes “immerhin
eine beträchtliche Zumutung, denn Jonas war von Beruf weder
Priester noch Prophet. Man kann deshalb verstehen, dass er es vorzog,
sein banales, zufriedenes Leben weiterzuführen.” Er
reagierte nicht auf den “Ruf des Tragischen.” Und eben
darin lag seine Schuld, die zur Krise führte, “zur Nachtreise
im Bauch des Wales, im Bauch der Hölle”. Die Theologen
sehen in der Legende eine Vorausschau auf Christi Höllenfahrt
vor der endgültigen Auffahrt in den Himmel. Koestler dagegen
psychologisiert die Frustration des Propheten, der umsonst gearbeitet
hat und dem der achselzuckende Gott dann gleichermaßen sagt: “Vergiss
es, es war nur so eine Idee von mir” ... “und mich
sollte nicht jammern eine so große Stadt, in der mehr als
hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts
oder links ist, dazu auch viele Tiere?”
Das ist die Nebengeschichte: Als Prophet solltest Du Dich freuen,
wenn die von Dir Gewarnten der Erfüllung zuvorkommen und Dich
gewissermaßen blamieren, auch wenn Du dabei Beruf und Status
verlierst. In der Futurologie war das freilich die große
Ausnahme. Als Regel gilt nach wie vor: Je umfassender eine Vorausschau
ist – im Griechischen nennt man das Theoria, im Gegensatz
zur Praxis – , desto sicherer kann man sein, dass sie nicht
akzeptiert, weil nicht begriffen werden kann. Jonas hatte Recht,
wenn er sich drücken wollte, weil er sich vom Herrn missbraucht
fühlte. Der Wüstengott macht denn auch in der Geschichte
nicht die beste Figur.
Ein Brief
Heiliger Vater,
Sie in nachfolgender Sache mit einem Offenen Brief anzusprechen,
ist gewiss eine Verletzung der Distanz, die zu Ihrem Amt geboten
ist. Diese Verletzung, die hoffentlich eine lässliche ist,
ergibt sich aus der Angelegenheit selbst. Indem Sie als private
Person in privater Kleidung öffentlich aufgetreten sind, haben
Sie sich auch zur öffentlichen Person gemacht. Sie trugen,
wenn auch würdig gemäßigt, Freizeitkleidung. Damit
aber kennzeichneten Sie Ihr Amtshabit, das uns alle erfreut, als
Berufskleidung. Für den Papst gibt es keine Freizeit. Und
das Oberhaupt der Kirche kann sich nicht mit einer Baseball-Mütze
bedecken, die noch die klügste Stirn entstellt.
Auch Sie, so darf man annehmen, waren zusammen mit vielen Gläubigen
leicht erschrocken über die Welle der Massenemotionen, die
anlässlich Ihrer Amtseinführung und bei den Beisetzungsfeiern
für Ihren Vorgänger über sie hereinschlug. Allzuviel
daran war Verehrungsbedürfnis als solches, das sich ziellos
an die Persönlichkeit und ihre Autorität heften konnte.
Diese Massen vertreten kaum den Glauben an die unam sanctam catholicam
et apostolicam ecclesiam, den uns das Credo vorschreibt. Sie suchten
mehr das Bild der Persönlichkeit als das schwer begreifliche
Zeichen des Kreuzes. Sie, Heiliger Vater, sind als Erster Bischof
Person in Fleisch und Bein, Sie sind aber mehr noch ein Zeichen
des Glaubens, einer Entrücktheit.
Ich erlaube mir, eine Vermutung anzufügen, die Ihnen nicht
zu nahe treten kann. Als Sie den Namen des Heiligen Benedikt annahmen,
waren Ihnen gewiss die vielen Versuchungen und die immer wieder
neuen Reformversuche seines Ordens gegenwärtig. Und gegenwärtig
war Ihnen wohl auch das schwarze Ordensgewand, da so viel selbstsichere
Bescheidenheit und Ruhe ausstrahlt. Es hätte, da treten wir
Ihnen hoffentlich nicht zu nahe, Ihnen besser gestanden als das
majestätische Weiß, das Ihnen eine herrscherliche Tradition
zuweist.
Die bild- und fetischsüchtige Mediengesellschaft hat in den
europäischen Nationen der Kirche die Volksfrömmigkeit
weggespült. Diese ist nicht zurückzuholen. Der Geistlichkeit
gelingt es kaum noch, die Heilssymbole hochzuhalten und zu erklären.
Als Sie das Amt auf sich nahmen, erwarteten viele Gläubige
in der Kirche, aber auch viele Nichtgläubige, dass Sie als
erster Träger des Kreuzes deutlicher hervortreten würden,
als es Ihrem Vorgänger, der so viel Wärme zu wecken vermochte,
gegönnt war. Der Papst muss in der Welt sein, aber kann nicht
von dieser Welt sein. Das macht Ihr Amt in einer Welt, die gegenwartslos
dem bloßen Bild verfallen ist, unendlich schwer. Die Gläubigen
in Ihrer Kirche verlangen gerade heute von Ihnen, dass Sie der
Papst und nichts als der Papst sind.
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