Keine Lagebestimmung
Eine Lagebestimmung gibt es diesmal nicht. Denn es gibt, was Deutschland
angeht, keine Lage. Und man fragt sich, ob es zuvor eine gegeben
hat. Weil so nachdrücklich die Lage fehlt, kann man auch keine
für die nächste Zeit erwarten. Den Deutschen ist das
kein unlieber Zustand. Wie konnte es zustande kommen, dass noch
vor wenigen Jahrzehnten sich so viele Nationen ringsum vor ihnen
fürchteten, dass die Besten vertrieben wurden, auswandern
mussten? Das lässt sich vielleicht aus der Nicht-Lage erklären,
vielleicht ein wenig aus unserem Hauptartikel (siehe Das
große
Marktversagen).
Diese überflüssige Bundestagswahl hat herzloser als je
andere in den letzten drei Jahrzehnten vorgeführt, dass die
politische Klasse in Deutschland sich aufgegeben hat. Das ist kein
moralischer Vorwurf gegen irgendjemand. Parteienschelte ist seit
längerem nicht mehr anzubringen, sie hätte keinen Adressaten.
Lasst das die Medien machen, denen ohnehin wenig einfällt.
Wenn an diesen Parteien noch etwas zu beschädigen ist, so
darf man annehmen, dass diesmal der Rest zum Restchen wurde, so
klein, dass er für ein weiteresmal kaum noch zu brauchen ist.
Und wenn diese Parteien noch um eine Restsubstanz fürchten
können, dann müssen sie damit rechnen, dass ihnen die
Instinktlosigkeit heimgezahlt wird, mit der sie anzutreten wagten.
Denn dieser Wahlkampf, den sich die politische Klasse noch einmal
geleistet hat, war eine einzige Wählerbeleidigung. Wo Partei
vorhanden sein sollte, musste sie vorgetäuscht werden. Doch
dies brachte erst recht zum Vorschein, dass diesen Gebilden jegliche
Form abhanden gekommen ist, dass sie keine politischen Formationen
bilden können. Sie merken es noch nicht einmal. Denn sie werden
von den Medien bis zum kleinsten Wort so perfekt inszeniert, dass
sie sich nicht im Spiegel betrachten können. Die Medien, die
ihnen zur Verblendung verhelfen, gewinnen daraus ihre Legitimität.
Heimzahlen müssen sich die Parteien es mit eigener Hand. Sie
werden nämlich wie alle, denen denen es um nichts geht, sich
im Innern selbst zerreißen. Was sie in der Hand haben, ist
allein noch die Chance, Ämter zu gewinnen oder zu verlieren.
Auf mehr können sie nicht verpflichtet werden. Sie können
eh mit der Nachsicht der Wähler rechnen, die von ihnen nichts
Eigenes – das, was man hier Profil nennt – erwarten
und sich mit Mienenspielen begnügen. Es war da nichts zu wählen,
und es musste jemand schon reichlich unbedarft sein und unvertraut
mit der Geschichte des Parlamentarismus der vergangenen fünfzig
Jahre, wenn er darauf setzte, dass wenigstens der Kampf da und
dort das Bedürfnis wecken würde, ein wenig Farbe anzunehmen.
Wenn ein ordentlicher liberaler Bürger, der auf seine republikanische
Ehre hält, sich nicht zur Wahl begab oder, ehrlicher, nur
einen weißen Zettel abgab, muss sich der keine Skrupel machen.
Von dem Staat war nicht einmal die Rede, so wenig wie von Europa,
von der raschen Vergreisung, von der biotechnischen Revolutionierung
oder vom sozialen Verfall in neue Klassenverhältnisse. Der
Wähler hat keine Ahnung davon mitbekommen, was dieses politische
Personal von der Welt weiß. Warum und auf welche Weise sollte
sich das ändern? Es wird sich also in der nächsten Legislaturperiode
wahrscheinlich nichts ändern, gleichgültig, wie die Personalkonstellationen
hin- und hergeschoben werden. Mehr Überwachungsapparate wird
es natürlich geben, mehr Altersbeschädigte, ein wenig
mehr Verarmung, weniger Wellness-Bäder, mehr ausgedünnte
Gesundheitsdienste und mehr Geschwätz, um die Kommunikationsindustrie
in Gang zu halten. Und auch nach vier Jahren werden wir keine Lage
haben, die bestimmt werden müsste. Von wem auch und für
wen?
Und dann? Wenn einen schon bei dieser politischen Klasse das große
Gähnen überkommt, es kann doch nicht ewig weitergegähnt
werden. Einmal, wenn man genügend Luft ins Hirn gekriegt hat,
müsste man den Mund wieder zumachen und mit dem Denken anfangen.
Dann werden in diesem jetzt so reinlichen und angenehmen Land noch
mehr teure Angeber-Autos herumfahren, nur etwas langsamer; dann
wird endlich die Lebenserwartung um ein paar Prozentpunkte verringert
sein, freilich werden auch die Einzahlungen in die Sozialkassen
abgenommen haben. Dann werden noch ein paar Bank- und Versicherungskonzerne
in größeren Konzernen verschwunden sein, nun völlig
internationalisiert. Mit der vom Staat energisch betriebenen Liberalisierung
wird auch die Bürokratisierung zunehmen, ebenfalls internationalisiert.
Weil Sparen angesagt ist, werden sich die Laufzeiten fürs
Auto verlängert haben, dafür werden sich die Jahreskilometer
vermindert haben (was als Fortschritt gewertet werden darf). Aber
bei alledem wird nicht viel passiert sein. Es wird also wieder
keine Lage geben, die bestimmt werden müsste. Denn der Geist
des Kapitalismus wird seiner Erfüllung noch einen Schritt
weiter nahegekommen sein. Die Erfüllung bringt auch den Augenblick
des unumkehrbaren Untergangs, darauf wenigstens können wir
uns verlassen. Glücklich, wer diese vier Jahre überleben
kann, damit er sich in die verspätete Krise doch noch stürzen
lassen darf. Vorher sollte man besser nichts erhoffen.
Das große Marktversagen– Adipositas
Die Opfer, die aus dem Desaster von New Orleans geborgen, im Stadion
als Zwischenfracht gespeichert und später ausgeflogen wurden,
erschreckten durch eine besondere Monstrosität: Die meisten
von ihnen waren übergewichtig, adipös. Auch viele der
uniformierten Helfer waren zu korpulent, ähnlich wie die Soldaten
im Irak, unter ihnen viele halbalphabetische Latinos. Diese können
schon deswegen das Zutrauen der Araber nicht gewinnen. Auch sie
gehören, wie die aufgedunsenen Leichen in den Gewässern
von New Orleans, zur Unterklasse, sind Underdogs ohne eigenes Gesicht.
Selten zeigt sich das amerikanische Klassenelend so deutlich wie
hier, in der noch immer ansteigenden Pandemie der Adipositas. Die
ihr ausgesetzt sind, sind stigmatisiert, haben wie keine andere
Massenpathologie die soziale Unfähigkeit der Nation zu tragen.
Der Adipöse macht auch seine Mitwelt wehrlos, dagegen hilft
keine Bemühung bürgerlicher Toleranz.
Mit dem Adipösen, sagen wir gleich taktlos dem Fetten und Überfetten,
kann man kaum richtig umgehen. Man kann ihn nicht als Kranken behandeln
und therapieren, der besondere Pflege und Nachsicht verlangen,
dafür nicht ganz verantwortungsfähig sein darf. Denn
man muss mit ihm von Gleich zu Gleich sprechen, muss ihm die ganze
Mündigkeit zumuten, damit er geheilt werden und selbst sich
heilen kann. Man kann ihn aber auch nicht als zurechnungsfähig
Gesunden behandeln, denn er ist ersichtlich zu schwach, um sich
mit eigener Kraft herauszuarbeiten. Müßig, hier Zahlen
zu nennen, 15, 20, 30 Prozent in Amerika. Adipositas scheint noch
immer im Anwachsen, in seiner sozialen Verdichtung begriffen. Sie
gehört schließlich, auch wenn man das schwer zugeben
kann, zur amerikanischen Konstitution. Das macht sie der Volkskrankheit
des anderen, nunmehr ehemaligen Imperiums vergleichbar, der Trunksucht.
Ebenso wie der russische Alkoholismus eine autoritäre Gesellschaft
prägt, in deren staatlichen Institutionen die Wodka-Ökonomie
fest verankert ist, ist Adipositas die eingefressene Pathologie
der amerikanischen Marktgesellschaft. Nur ist sie später und
dafür umso gründlicher aufgebrochen. Freilich bleibt
das Territorium des russisch-slawischen Alkoholismus umgrenzt und
einigermaßen stabil, während Adipositas, mit einiger
Verspätung, nun auch in Europa wütet.
Beide Pandemien treten als zunehmende Schwächung des Individuums
auf, bis hin zu dessen Zerstörung. Beiden muss man wohl oder übel
die prinzipielle Heilbarkeit zusprechen wie den meisten Suchtkrankheiten.
Beide gedeihen in besonderen Milieus, aus denen man die Befallenen
nur schwer herausziehen kann. Ihre Umwelten müssten mitgeändert
werden, wenn die schwer defekten Opfer gerettet werden, wieder
auf den eigenen Kopf, den eigenen Willen gestellt werden sollen.
Was Russland angeht, so haben die Institutionen und das Gesundheitssystem
vor dem Fluch der Trunksucht offensichtlich resigniert; das Land
ist zu arm.
Für die Amerikaner jedoch, die ihr National-Leiden erst seit
zwei Jahrzehnten, einigermaßen unwillig, wahrnehmen, ist
es heute geradezu zum Paradigma biopolitischer Ökonomie und
ihrer Unheilskreisläufe geworden. Das zu erkennen und damit
zu umgehen, wollen sich die meisten Amerikaner nicht zumuten. Die
notwendigen Mittel zur Beherrschung und gar Ausrottung der Adipositas
gehen so sehr wider den heutigen Wirtschaftsgeist, dass die wissenschaftlichen
Befunde, ja der klare Augenschein, nicht zur Kenntnis genommen
werden (siehe dazu den Kommentar des ehemaligen Harvard-Ökonomen
und Publizisten Paul Krugman, “Free to choose obesity – Free-market
logic and the fattening of America” in New
York Times, Europa-Ausgabe,
18.7.05).
Das Eingeständnis, dass Adipositas eine sowohl nationale
als auch internationale Zivilisations- oder Kulturkrankheit ist,
fällt den Amerikanern und ihrer Regierung, zumal unter Bush
II, aus ideologischen Gründen schwer. Gäbe man dies zu,
müsste man in der Konsequenz politisches Handeln, Intervention
des Staates verlangen. Staatliche Intervention bestünde in
Markteingriffen, dem Verbot bestimmter Produkte und der Einschränkung
der Reklame. Damit müsste man sich in besonderem Maße
gegen Fastfood oder Junkfood wenden, die zur typischen Ernährungsweise
der Adipösen gehören, aber auch der Mehrheit ihrer Landsleute
lieb sind. Solche Einschränkungen ließen sich schwerlich
instrumentieren. Die Pandemie ist umfassender als das Suchtverhalten
an lokalisierbaren Giften, z. B. des Tabagismus. Gegen diesen kann
man hinlänglich gezielt vorgehen, mit Sanktionen, Verboten,
medizinisch argumentierender Aufklärung, generell mit Drohung
und Belohnung. Dieser Kampf, der in der Tabak-Industrie mächtige
und korruptionsbereite Gegner hat, lässt sich immerhin politisch
und moralisch zuspitzen, er dehnt sich seit Jahrzehnten. Gleichwohl
lassen sich in ihm Bodengewinne verzeichnen. Aber er ist noch lange
nicht gewonnen. Und wenn sich Sucht und Konsum langsam abschwächen,
so ist dies auch einem Kulturwandel zuzuschreiben. Der aber lässt
sich schwer in Ursache und Wirkung erklären.
Der Verweigerung der Einsicht, dass Adipositas ein umgreifender
sozialer Defekt ist, der nicht kurativ behandelt, therapiert werden
kann, kommt nunmehr eine neue Erwartung zu Hilfe: Es handle sich
um ererbtes Leiden, dem man mit gentherapeutischen Mitteln begegnen
könne. Es geht dabei vornehmlich um den Austausch von Zellkernen,
wie ihn die Stammzellenforschung an vielen Fronten der regenerativen
Medizin vornimmt. Zwar gehört zu Adipositas höchstwahrscheinlich
ein genetischer Faktor. Doch ist ein Adipositas-Gen nicht klar
bestimmt, noch wüsste man, in welchen Zusammenhang einer Therapie
es zu stellen wäre. Es macht heute also wenig Sinn, auf die
künftige Entdeckung eines Genfaktors zu spekulieren und sich
der Einsicht zu verweigern, dass die Pandemie eine Zivilisationserscheinung
ist. Sie muss, welche Rolle der genetische Faktor dabei auch spielt,
zu allererst auf dem sozialen Feld angegangen werden. Das aber
ist weithin blockiert.
Paul Krugman zitiert einen Artikel in der Zeitschrift Amber
Wave,
die vom US Department of Agriculture herausgegeben wird. Unter
dem Titel “Obesity Policy and the Law of Unintended Consequences” heißt
es dort: “Americans rapid weight gain may have nothing to
do with with market failures. It may be a rational response to
changing technology and prices. If consumers willingly trade off
increased adiposity for working indoors and spending less time
in the kitchen as well as for manageable weight-related problems,
then markets are not failing.” Bemühungen der Regierungen
zur Eindämmung von Adipositas “are likely to be conterproductive.”
Schon vor Jahrzehnten, in der Kennedy-Ära, wurde das Wort
geprägt “A nation of fatties, run by slimmies.” An
dieser Kennzeichnung hat sich seither nichts geändert, der
Befund hat sich vielmehr verschärft – auch wenn mit
den Slimmies nicht mehr hauptsächlich die Männer der
Ostküsten-Wasp-Elite gemeint sind. Eine Klassentrennung der
dominierenden und der dominierten Leiber lässt sich übrigens
mehr und mehr in Europa beobachten, etwa bei britischen, deutschen, österreichischen
und holländischen Managern. Das Wirtschaftsmanagement geht
dabei voran, das politische folgt mit einiger Verzögerung.
Gewählte Volksvertreter werden eher der Körperverfassung
der Wähler gleichen als Wirtschaftsfunktionäre, die heute
weithin auf einen Einheitstyp getrimmt sind. Korpulente Bankherrn
wie J. H. Abs und körperschwere Industrielle wie die Bergassessoren
der Ruhr-Industrien kommen kaum noch vor, auch dicke Gewerkschafter
sind selten geworden. Dafür sammelt sich unterhalb der Facharbeiterschicht
das sozialschwache Reservoir für Adipositas, zu dem auch die
wachsende Masse der zur Untätigkeit Verurteilten gehört.
Dass die Renten-Alten viel zu schwer sind und damit anfällig
für Folge-Defekte wie Diabetes, hält man fast für
selbstverständlich und kaum änderbar. Unbehagen, ja Schrecken
erregt dagegen die rasche Vermehrung adipöser Kinder und Jugendlicher.
Man erklärt sie zumeist mit einer sozial-moralischen Verwahrlosung
der Elternhäuser und mit dem Mangel an informierter Selbstdisziplin,
sich vernünftig zu ernähren. Der typische Adipöse
wird auf dem Couchtisch-Sofa oder am Currywurst-Stand abgebildet,
nicht am Familien-Esstisch mit Messer und Gabel.
Damit ist auch eine spezifische Schwäche der Adipösen
angezeigt: Sie haben Mühe, sich untereinander zu solidarisieren,
um für ihre Anerkennung zu kämpfen. Sie haben nicht die
Kraft, sich selber ernstzunehmen, wie es die AIDS-Befallenen konnten,
und erliegen dem Selbstbild des Komischen und des Lächerlichen.
Lassen sich mehrere Dicke zusammenspannen, löst das leicht
Heiterkeit bei den anderen und bei ihnen selber aus. Doch es ist
ein peinliches Palliativ für die geheime Selbstverachtung,
die ihnen auferlegt ist.
Adipositas hat sich in während der drei vergangenen Jahrzehnte
in den reichen Gesellschaften, vor allem den protestantisch vorgeprägten,
so rasch ausgebreitet, dass sie eine politische Frage ersten Ranges
sein müsste. Nur, wie, in welchen Institutionen wäre
sie zu stellen? Erwiesen sollte mittlerweile sein, dass es nicht
einfach die Gesundheitspolitik mit ihren Diensten sein kann, in
deren Kompetenz die Pandemie zu behandeln wäre. Die Gesundheitsministerien,
auch das deutsche, haben sich als unfähig erwiesen, die Pathologie
richtig zu erfassen und den Umgang mit ihr zu organisieren. Die
Pandemie ist zwar “entdeckt”, aber es fallen den Ämtern
meist nur Aufklärungskampagnen ein, für die man ein paar
Dutzend Millionen Dollar oder Euro ausgibt, um das Publikum zu
beruhigen. Doch das sind nur Palliative an der Oberfläche,
die nichts bewirken. Die soziologisierende Aufklärung über
den Massendefekt stößt sich an einem Widerspruch, dem
auch die Selbstverachtung der Befallenen entspringt: Dem Widerspruch
zwischen einem Konsumgebot und und der ihm folgenden Selbstschwächung
durch Anpassung, und dem Imperativ, sich gesund zu halten, um entscheidungsfähiger
Arbeitsbürger sein zu können. Nur wer sich gesund hält,
kann Geltung unter den Zeitgenossen erwerben, wie es negativ an
erster Stelle der Sport demonstriert. Er lässt für den
Ruhm die Körper bezahlen, und wird damit zwangsläufig
zur Betrugs- und Selbstbetrugsmaschinerie.
Weil die Adipösen, aus welchen Gründen auch immer, diesem
Widerspruch nicht gewachsen sind, spricht man ihnen gerne mangelnde
Willenskraft und mangelnde Intelligenz zu. Darauf, dass es ein
Mangel an Eigensucht sein kann, wird der Sozialtherapeut nicht
leicht kommen. Daher hat er auch kein geeignetes Vokabular für
die Diagnose.
Der Widerspruch, dem der Adipöse begegnen müsste, liegt
in dem umfangreichen Angebot an medizinischer, generell Biotechnik,
das die Industrien einer medikalisierten Gesellschaft vorlegen,
und dem geradezu konstitutionellen Unwissen des “Gesamtpatienten”,
der Bevölkerung. Die Mehrheit der kranken oder gesunden Nachfrager
nach medizinischen Leistungen ist nicht in der Lage, die Beipackzettel
hinreichend zu lesen und sich selbst auf die Eignung zu prüfen.
Auch eine Anamnese ihrer Leiden ist der Mehrheit nicht zuzumuten.
Die Unkundigkeit baut sich besonders dort auf, wo eine fundamentale
Verhaltensänderung zu verlangen wäre. Diese kann sich
im Fall von Adipositas nicht auf die Ernährung beschränken,
also auf Gebote und Verbote. Die gesamte Lebensführung wäre
zu therapieren.
Eine interessante Probe darauf wird zu machen sein, wenn Senofi-Aventis,
der größte europäische Pharmakonzern, seinen nächsten
Blockbuster auf den Markt bringen wird, ein Wundermittel gegen
Adipositas und Tabagismus. Es baut auf dem neuen Molekül Ribonabant
auf und soll im Jahr 2007 verfügbar sein. Sanofi-Aventis sieht
allein in den entwickelten Ländern einen Adipositas-Markt
von zehn Milliarden Dollar (8,3 Milliarden Euro). Es wird ein verschreibungspflichtiges
Mittel sein, also eingebettet in eine begleitende Therapie. Hat
es Erfolg, wäre es noch einmal ein Sieg der palliativ kurativen
Medizin – die das Übel nicht an seiner Wurzel packen
muss.
Um sich über seine eigene Konstitution kundig zu machen, gehört
auch, dass man ihren “Geist” erfassen kann. Man müsste
sich also auch in seiner Gestalt, als eine einmalige Person in
ihrer Sozialität begreifen. Darin ist auf besondere Weise
der Adipöse gehindert, der allzu häufig “sich nicht
ausstehen” kann. Auch in einer Gesellschaft der vielen Dicken
hört die Selbstverachtung der Adipösen nicht auf. Der
Adipöse weiß, dass ihm die Selbstbefreiung von seinem Übel
zugemutet wird und erkennt diese Zumutung an. Aber immer wieder
muss er erleben, dass er nicht kräftig genug dazu ist. Er
müsste sich zugleich von seiner Umgebung befreien, die ihm
einigen Schutz bietet, sei es unter anderen Adipösen. Am Ende
empfindet er sich als ständig Schuldigen – und ist doch
ein Abfall-Ergebnis der Wirtschaftsprozesse in der Marktgesellschaft.
Die Adipösen werden nur in seltenen Fällen als solche
geboren. Die meisten werden geschaffen, geformt. Anders lässt
sich auch ihre rasche Vermehrung, die an allen Gliedern der reichen
Marktgesellschaften hochkriecht, nicht erklären. Zu prüfen
ist also die Vermutung, dass es der Markt selber ist, der die Marktbürger
schwächt, sie zu unfähigen Konsumenten macht. Denn die
Adipösen, in der Mehrzahl in einer Umwelt des schlechten Konsums
lebend, lähmen mit ihren niedergedrückten Konsumkraft
den Fortschritt der kapitalistischen Gesellschaft. Weil sie sich
von ihren Leiden nicht lösen können, können sie
auch keine größeren Ansprüche an den Markt stellen.
Nicht zuletzt lähmen sie die Entwicklung der Gebrauchsgütermärkte,
die davon leben, dass sie den gierigen und den neugierigen Konsumenten
auffordern können. Es ist in der Tat ein Marktversagen, wenn
die Marktkräfte selbst es sind, die die Entfaltung der Konsumenten,
ihre phantasievolle Gier blockieren.
Adipositas zeigt eine schlechte Gesellung, die Störung von
Sozialität an. Das verfettete Amerika weist der Welt kein
heiteres und energisches Gesicht wie vor fünfzig oder hundert
Jahren. Wenn es sich noch immer im dünnen, hakennasigen Uncle
Sam der Karikatur repräsentieren lässt, wirkt das wie
blanker Hohn. Im Zustand des letzten Imperiums, den die Nation
einnehmen muss, scheint sie in Adipositas zu versinken.
Aus dem Tagebuch – Werkstatt-Texte – Miszellen
Weniger Natur, bitte Ruhe
Der gesittete Mensch wird auch ein ruhiger Mensch sein. Er weiß sich
zu beherrschen. So bislang die europäische Idee von der souveränen
Persönlichkeit. Laut durfte der Sklave sein. Schon aus diesem
Grund empfiehlt sich, unter gleichen Bedingungen von technisch
organisierter und sogenannter natürlicher Fortpflanzung, die
Ektogenese. Sie vollzieht sich in der Stille. Im Leibesraum der
Mutter jedoch, der nicht einfach Geborgenheit gewährt, herrscht
ein Heidenlärm. Die Uterushülle, die den Embryo umfängt,
kann man in christlicher Symbolik als Vorausbild zur Vorhölle
betrachten, durch die man nach seinem Ende hindurchmuss.
Schon die Stimme der Mutter könnte manchem das künftige
Leben verleiden. Ist man das erste Kind, hat man vermutlich bessere
Chancen als die jüngeren Geschwister. Mit jedem neuen Sprössling,
erst recht in der großen Familie, wird das mütterliche
Organ schriller. Es muss die Unbequemlichkeit des Daseins übertönen.
Auch ist später nicht jedem die Vorstellung angenehm, dass
er unterm Liebesschrei der Mutter und unterm Stöhnen des Erzeugers,
unter animalischen Lauten also, ins Leben gestoßen worden
ist.
Die Ektogenese im künstlichen Uterus könnte dem Embryo
vergönnen, dass er in aller Ruhe sein Lebenswerk beginnt.
Kein langes Ächzen im Kreißsaal, wenn man endlich ins
Freie entkommen darf. Weniger Baby-Geschrei, um auf sich aufmerksam
zu machen und damit die Mutter beschuldigt und die Mitwelt peinigt.
Mit diesem Geschrei fängt das spätere Sündenregister
an. Man will, weil man ohnmächtig ist, bedauert werden. So
denken wenigstens die Erwachsenen und Mächtigen. Schon hier
wird Sklavenmoral angesetzt. Nichts davon in der Ektogenese. Sie
verspricht – Eltern denkt daran! – mehr kommende Freiheit
fürs Kind als die eigensüchtige Naturmutterschaft.
Warum Molière nicht mehr gespielt werden kann
Uneitelkeit ist keine bemerkenswerte Tugend, wo Geltungssucht
zum wichtigsten und allgemein anerkannten Lebenstrieb geworden
ist, wichtiger noch als Besitzgier. Wer anderen Eitelkeit nachsagt,
macht sich leicht lächerlich, zumindest erscheint er als altmodisch
prüde. Daher ist auch die Heuchelei veraltet, man kann aus
ihr keinen Vorwurf machen. Weil Heuchelei und Eitelkeit als Untugenden
ausrangiert sind und es höchstens Intellektuelle sind, die
sich über die political correctness aufhalten, ist das gesellschaftliche
Leben heute so grenzenlos langweilig. Auch ist dies ein Grund dafür,
dass Moralismen wie dieser nicht mehr geschrieben werden.
Der Aphorismus hatte seine höchste Blüte in einer Zeit,
da Geltungssucht, aufs Feinste organisiert, geradezu hohe Staatskunst
geworden war: In Versailles, wie es der Herzog von Saint-Simon
beschrieben hat. Weil es mit Tugend und Laster, mit Lüge und
mit Wahrheitssinn eine große Variation von Charakteren gab,
war das Gesellschaftsleben, wenn auch nicht ohne Grausamkeit, sehr
unterhaltsam und abwechslungsreich. Andrerseits stand der Jansenismus
dafür, dass auch Uneitelkeit Geltung hatte. Die freie Entfaltung
der Persönlichkeit, die wir in den drei Jahrhunderten seither
zu durchstehen hatten, waren auch eine Riesenanstrengung der Regression.
Unerbeten
Es ist für die Deutschen nicht angenehm, wenn sie unbußfertigen
Türken und Japanern, die von ihren längst verdrängten
Genoziden nichts wissen wollen, als Musterland für tätige
Reue und Trauerarbeit vorgehalten werden. Erstens ist es mit der
Bereuung so weit nicht her, damit man sie besonders loben sollte.
Es ist Peinlichkeit dabei. Zweitens ist es kleinkariert und obendrein
erfolglos, Selbstvorwürfe hervorzurufen, indem man dem trotzigen
Jungen den brav gewordenen Nachbarsjungen als leuchtendes Beispiel
zeigt. Das bringt dem Gelobten Abneigung ein. Drittens erregt man
bei den Getadelten neue Solidarisierung im Trotz, wenn man sie
beim ohnehin brüchigen Portepee der Nation packt, um sie zu
Geständnissen zu erpressen. Es war ja, auf der einen wie auf
der anderen Seite, die Nation, die sich der Übeltat ergeben
hatte. Auch wenn es in Buße ist, man sollte die Nationen
nicht wieder übers Gewissen zusammenleimen. Bei den Deutschen
ist das ja auch eher schlecht als recht gelungen. Die Schilde,
die reinzuwaschen wären, werden nur noch von Leitartiklern
und Politikern zweiten Ranges hochgehalten. Man sollte sie ruhig
beschmutzt lassen, sie aber ins Eck stellen.
Im übrigen könnten sich deutsche Politiker einmal ganz
freimütig das Lob verbitten, das sie auf Kosten anderer einsammeln.
Dabei gewönnen sie sogar. Freilich wäre auch dabei Erschlichenes.
Kurz, Du sollst nicht unter Benutzung Dritter tadeln, ob Personen
oder Nationen.
Taktlose Tugend
Die Theoretiker und die Praktiker, die sich der Ökonomie
ergeben und von ihr leben, können sich mit Feinsinnigkeiten
wie den oben geschilderten nicht abgeben. Die Ökonomie ist
bekanntlich als Moralwissenschaft entstanden, die Scheidung von
Tugend und Laster ist ihr Geschäft, und nichts, was ökonomisch
zu betreiben ist, kann frei von Moral sein. Objektive Urteile,
die frei wären von moralischer Ermahnung, kann es in der Ökonomie
nicht geben. Diese muss immer mit Vergleichen arbeiten, muss ökonomisches
Handeln bewerten. Das geht nicht ohne Abwertung anderen Handelns,
und darüber ist die Ökonomie so grobianisch geworden,
dass der wohlerzogene Adam Smith erschrocken wäre. In seiner
feinen und transparenten Konstruktion wären die auftrumpfenden
Rechthabereien, die heute die ökonomische Debatte erfüllen,
schwer denkbar.
Auch hier stehen die Amerikaner, die ihre Ökonomie, die amerikanische
Weltökonomie, zur Tugendreligion erhoben haben, an erster
Stelle. Wenn sie ihr so genanntes Modell vom ökonomischen
Staat, dem die meisten Theoretiker auch folgen, als den Weg zum
wahren Leben preisen, ziehen sie sich allerdings Hass und Verachtung
zu – wie es gerade wieder geschieht. Jeder Fehler, den sie
in ihrer Gewissheit von der wahren Ordnung machen, ruft dann bei
den Schwächeren Schadenfreude hervor. Schadenfreude hinwiederum
kommt im amerikanischen Charakter nicht vor, anders als bei vielen
Europäern, auch bei den Deutschen oder den Franzosen. Man
kämpft ja in der Ökonomie immer um das Wahre und Richtige,
daher kann man den Unverständigen und Ungeschickten eher verzeihen.
Schadenfreude, darin sind die Amerikaner angenehm sensibel, ist
ein schäbiger, selbstzerstörerischer Zug. Sie ahnen nicht,
dass sie sie durch ihre Ökonomiefrömmigkeit selber hervorrufen.
Widerruf
Zu früh resigniert. Goya wurde doch noch zugänglich
(siehe unsere 48. Ausgabe). Die einsichtige Museumsleitung lässt
für die letzten Wochen die Alte Nationalgalerie in Berlin
schon um acht öffnen. Wer sich pünktlich einstellt, hat
die Chance auf zwei unbewimmelte Stunden. Die Jugend steht nicht
früh auf, sie läuft ohnehin blicklos durch, versteht
das Wenigste. Die Touristen aus der Provinz wollen ihr Hotelfrühstück
nicht versäumen. Zwei Besuchergruppen, auf die man gerne verzichtet.
Früh am Morgen sieht man vor allem die Berliner der angenehmeren
Sorte.
Auch hier kann man gelegentlich die winzigen Szenen beobachten,
wie sie in europäischen Museen noch vorkommen: Frauen jüngeren
und mittleren Alters beleben sich bei der Betrachtung von interessanten
Porträts, straffen unmerklich ihr eigenes Gesicht, ihre Gestalt.
Dazu fordert besonders Goya auf, der seinen nicht sehr heiteren
Marquesas und sonstigen Gesellschaftsdamen immer einen Charakter
verschafft. Vor Holbein oder Hals mögen die Besucherinnen
anders reagieren. Schon deswegen lohnt es, die Museen offen zu
halten.
Nachtrag
Gedenkfeier zum Jahrestag von nine / eleven: Aus der Tiefe des
Trauer-Raumes schreiten in einer Reihe die Präsidentenpaare,
die zwei Damen wohlkonserviert und schlank (leider kann man sich
ihre Gesichter nicht merken), die Herren gestreckt und gemessen.
Sie scheinen auf ihr tränenfeuchtes Volk zuzuschreiten, die
Angehörigen, die Freunde, die Feuerwehrleute, die Polizisten.
Die meisten von ihnen sind schwerleibig, fettwulstig. Noch vor
zwei Generationen sahen die fixen, lauten und beweglichen New Yorker
anders aus. Man hätte sich einen ansehnlicheren Niedergang
der Nation gewünscht.
mail@claus-koch.com
|