49. Ausgabe – Freitag, den 23. September 2005 Druckversion aufrufen
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In dieser Ausgabe:

Keine Lagebestimmung Das große Marktversagen Weniger Natur
Molière
Unerbeten Taktlose Tugend

Keine Lagebestimmung

Eine Lagebestimmung gibt es diesmal nicht. Denn es gibt, was Deutschland angeht, keine Lage. Und man fragt sich, ob es zuvor eine gegeben hat. Weil so nachdrücklich die Lage fehlt, kann man auch keine für die nächste Zeit erwarten. Den Deutschen ist das kein unlieber Zustand. Wie konnte es zustande kommen, dass noch vor wenigen Jahrzehnten sich so viele Nationen ringsum vor ihnen fürchteten, dass die Besten vertrieben wurden, auswandern mussten? Das lässt sich vielleicht aus der Nicht-Lage erklären, vielleicht ein wenig aus unserem Hauptartikel (siehe Das große Marktversagen).
Diese überflüssige Bundestagswahl hat herzloser als je andere in den letzten drei Jahrzehnten vorgeführt, dass die politische Klasse in Deutschland sich aufgegeben hat. Das ist kein moralischer Vorwurf gegen irgendjemand. Parteienschelte ist seit längerem nicht mehr anzubringen, sie hätte keinen Adressaten. Lasst das die Medien machen, denen ohnehin wenig einfällt.
Wenn an diesen Parteien noch etwas zu beschädigen ist, so darf man annehmen, dass diesmal der Rest zum Restchen wurde, so klein, dass er für ein weiteresmal kaum noch zu brauchen ist. Und wenn diese Parteien noch um eine Restsubstanz fürchten können, dann müssen sie damit rechnen, dass ihnen die Instinktlosigkeit heimgezahlt wird, mit der sie anzutreten wagten. Denn dieser Wahlkampf, den sich die politische Klasse noch einmal geleistet hat, war eine einzige Wählerbeleidigung. Wo Partei vorhanden sein sollte, musste sie vorgetäuscht werden. Doch dies brachte erst recht zum Vorschein, dass diesen Gebilden jegliche Form abhanden gekommen ist, dass sie keine politischen Formationen bilden können. Sie merken es noch nicht einmal. Denn sie werden von den Medien bis zum kleinsten Wort so perfekt inszeniert, dass sie sich nicht im Spiegel betrachten können. Die Medien, die ihnen zur Verblendung verhelfen, gewinnen daraus ihre Legitimität.
Heimzahlen müssen sich die Parteien es mit eigener Hand. Sie werden nämlich wie alle, denen denen es um nichts geht, sich im Innern selbst zerreißen. Was sie in der Hand haben, ist allein noch die Chance, Ämter zu gewinnen oder zu verlieren. Auf mehr können sie nicht verpflichtet werden. Sie können eh mit der Nachsicht der Wähler rechnen, die von ihnen nichts Eigenes – das, was man hier Profil nennt – erwarten und sich mit Mienenspielen begnügen. Es war da nichts zu wählen, und es musste jemand schon reichlich unbedarft sein und unvertraut mit der Geschichte des Parlamentarismus der vergangenen fünfzig Jahre, wenn er darauf setzte, dass wenigstens der Kampf da und dort das Bedürfnis wecken würde, ein wenig Farbe anzunehmen. Wenn ein ordentlicher liberaler Bürger, der auf seine republikanische Ehre hält, sich nicht zur Wahl begab oder, ehrlicher, nur einen weißen Zettel abgab, muss sich der keine Skrupel machen.
Von dem Staat war nicht einmal die Rede, so wenig wie von Europa, von der raschen Vergreisung, von der biotechnischen Revolutionierung oder vom sozialen Verfall in neue Klassenverhältnisse. Der Wähler hat keine Ahnung davon mitbekommen, was dieses politische Personal von der Welt weiß. Warum und auf welche Weise sollte sich das ändern? Es wird sich also in der nächsten Legislaturperiode wahrscheinlich nichts ändern, gleichgültig, wie die Personalkonstellationen hin- und hergeschoben werden. Mehr Überwachungsapparate wird es natürlich geben, mehr Altersbeschädigte, ein wenig mehr Verarmung, weniger Wellness-Bäder, mehr ausgedünnte Gesundheitsdienste und mehr Geschwätz, um die Kommunikationsindustrie in Gang zu halten. Und auch nach vier Jahren werden wir keine Lage haben, die bestimmt werden müsste. Von wem auch und für wen?
Und dann? Wenn einen schon bei dieser politischen Klasse das große Gähnen überkommt, es kann doch nicht ewig weitergegähnt werden. Einmal, wenn man genügend Luft ins Hirn gekriegt hat, müsste man den Mund wieder zumachen und mit dem Denken anfangen. Dann werden in diesem jetzt so reinlichen und angenehmen Land noch mehr teure Angeber-Autos herumfahren, nur etwas langsamer; dann wird endlich die Lebenserwartung um ein paar Prozentpunkte verringert sein, freilich werden auch die Einzahlungen in die Sozialkassen abgenommen haben. Dann werden noch ein paar Bank- und Versicherungskonzerne in größeren Konzernen verschwunden sein, nun völlig internationalisiert. Mit der vom Staat energisch betriebenen Liberalisierung wird auch die Bürokratisierung zunehmen, ebenfalls internationalisiert. Weil Sparen angesagt ist, werden sich die Laufzeiten fürs Auto verlängert haben, dafür werden sich die Jahreskilometer vermindert haben (was als Fortschritt gewertet werden darf). Aber bei alledem wird nicht viel passiert sein. Es wird also wieder keine Lage geben, die bestimmt werden müsste. Denn der Geist des Kapitalismus wird seiner Erfüllung noch einen Schritt weiter nahegekommen sein. Die Erfüllung bringt auch den Augenblick des unumkehrbaren Untergangs, darauf wenigstens können wir uns verlassen. Glücklich, wer diese vier Jahre überleben kann, damit er sich in die verspätete Krise doch noch stürzen lassen darf. Vorher sollte man besser nichts erhoffen.

Das große Marktversagen– Adipositas

Die Opfer, die aus dem Desaster von New Orleans geborgen, im Stadion als Zwischenfracht gespeichert und später ausgeflogen wurden, erschreckten durch eine besondere Monstrosität: Die meisten von ihnen waren übergewichtig, adipös. Auch viele der uniformierten Helfer waren zu korpulent, ähnlich wie die Soldaten im Irak, unter ihnen viele halbalphabetische Latinos. Diese können schon deswegen das Zutrauen der Araber nicht gewinnen. Auch sie gehören, wie die aufgedunsenen Leichen in den Gewässern von New Orleans, zur Unterklasse, sind Underdogs ohne eigenes Gesicht.
Selten zeigt sich das amerikanische Klassenelend so deutlich wie hier, in der noch immer ansteigenden Pandemie der Adipositas. Die ihr ausgesetzt sind, sind stigmatisiert, haben wie keine andere Massenpathologie die soziale Unfähigkeit der Nation zu tragen. Der Adipöse macht auch seine Mitwelt wehrlos, dagegen hilft keine Bemühung bürgerlicher Toleranz.
Mit dem Adipösen, sagen wir gleich taktlos dem Fetten und Überfetten, kann man kaum richtig umgehen. Man kann ihn nicht als Kranken behandeln und therapieren, der besondere Pflege und Nachsicht verlangen, dafür nicht ganz verantwortungsfähig sein darf. Denn man muss mit ihm von Gleich zu Gleich sprechen, muss ihm die ganze Mündigkeit zumuten, damit er geheilt werden und selbst sich heilen kann. Man kann ihn aber auch nicht als zurechnungsfähig Gesunden behandeln, denn er ist ersichtlich zu schwach, um sich mit eigener Kraft herauszuarbeiten. Müßig, hier Zahlen zu nennen, 15, 20, 30 Prozent in Amerika. Adipositas scheint noch immer im Anwachsen, in seiner sozialen Verdichtung begriffen. Sie gehört schließlich, auch wenn man das schwer zugeben kann, zur amerikanischen Konstitution. Das macht sie der Volkskrankheit des anderen, nunmehr ehemaligen Imperiums vergleichbar, der Trunksucht. Ebenso wie der russische Alkoholismus eine autoritäre Gesellschaft prägt, in deren staatlichen Institutionen die Wodka-Ökonomie fest verankert ist, ist Adipositas die eingefressene Pathologie der amerikanischen Marktgesellschaft. Nur ist sie später und dafür umso gründlicher aufgebrochen. Freilich bleibt das Territorium des russisch-slawischen Alkoholismus umgrenzt und einigermaßen stabil, während Adipositas, mit einiger Verspätung, nun auch in Europa wütet.
Beide Pandemien treten als zunehmende Schwächung des Individuums auf, bis hin zu dessen Zerstörung. Beiden muss man wohl oder übel die prinzipielle Heilbarkeit zusprechen wie den meisten Suchtkrankheiten. Beide gedeihen in besonderen Milieus, aus denen man die Befallenen nur schwer herausziehen kann. Ihre Umwelten müssten mitgeändert werden, wenn die schwer defekten Opfer gerettet werden, wieder auf den eigenen Kopf, den eigenen Willen gestellt werden sollen. Was Russland angeht, so haben die Institutionen und das Gesundheitssystem vor dem Fluch der Trunksucht offensichtlich resigniert; das Land ist zu arm.
Für die Amerikaner jedoch, die ihr National-Leiden erst seit zwei Jahrzehnten, einigermaßen unwillig, wahrnehmen, ist es heute geradezu zum Paradigma biopolitischer Ökonomie und ihrer Unheilskreisläufe geworden. Das zu erkennen und damit zu umgehen, wollen sich die meisten Amerikaner nicht zumuten. Die notwendigen Mittel zur Beherrschung und gar Ausrottung der Adipositas gehen so sehr wider den heutigen Wirtschaftsgeist, dass die wissenschaftlichen Befunde, ja der klare Augenschein, nicht zur Kenntnis genommen werden (siehe dazu den Kommentar des ehemaligen Harvard-Ökonomen und Publizisten Paul Krugman, “Free to choose obesity – Free-market logic and the fattening of America” in New York Times, Europa-Ausgabe, 18.7.05).

Das Eingeständnis, dass Adipositas eine sowohl nationale als auch internationale Zivilisations- oder Kulturkrankheit ist, fällt den Amerikanern und ihrer Regierung, zumal unter Bush II, aus ideologischen Gründen schwer. Gäbe man dies zu, müsste man in der Konsequenz politisches Handeln, Intervention des Staates verlangen. Staatliche Intervention bestünde in Markteingriffen, dem Verbot bestimmter Produkte und der Einschränkung der Reklame. Damit müsste man sich in besonderem Maße gegen Fastfood oder Junkfood wenden, die zur typischen Ernährungsweise der Adipösen gehören, aber auch der Mehrheit ihrer Landsleute lieb sind. Solche Einschränkungen ließen sich schwerlich instrumentieren. Die Pandemie ist umfassender als das Suchtverhalten an lokalisierbaren Giften, z. B. des Tabagismus. Gegen diesen kann man hinlänglich gezielt vorgehen, mit Sanktionen, Verboten, medizinisch argumentierender Aufklärung, generell mit Drohung und Belohnung. Dieser Kampf, der in der Tabak-Industrie mächtige und korruptionsbereite Gegner hat, lässt sich immerhin politisch und moralisch zuspitzen, er dehnt sich seit Jahrzehnten. Gleichwohl lassen sich in ihm Bodengewinne verzeichnen. Aber er ist noch lange nicht gewonnen. Und wenn sich Sucht und Konsum langsam abschwächen, so ist dies auch einem Kulturwandel zuzuschreiben. Der aber lässt sich schwer in Ursache und Wirkung erklären.
Der Verweigerung der Einsicht, dass Adipositas ein umgreifender sozialer Defekt ist, der nicht kurativ behandelt, therapiert werden kann, kommt nunmehr eine neue Erwartung zu Hilfe: Es handle sich um ererbtes Leiden, dem man mit gentherapeutischen Mitteln begegnen könne. Es geht dabei vornehmlich um den Austausch von Zellkernen, wie ihn die Stammzellenforschung an vielen Fronten der regenerativen Medizin vornimmt. Zwar gehört zu Adipositas höchstwahrscheinlich ein genetischer Faktor. Doch ist ein Adipositas-Gen nicht klar bestimmt, noch wüsste man, in welchen Zusammenhang einer Therapie es zu stellen wäre. Es macht heute also wenig Sinn, auf die künftige Entdeckung eines Genfaktors zu spekulieren und sich der Einsicht zu verweigern, dass die Pandemie eine Zivilisationserscheinung ist. Sie muss, welche Rolle der genetische Faktor dabei auch spielt, zu allererst auf dem sozialen Feld angegangen werden. Das aber ist weithin blockiert.

Paul Krugman zitiert einen Artikel in der Zeitschrift Amber Wave, die vom US Department of Agriculture herausgegeben wird. Unter dem Titel “Obesity Policy and the Law of Unintended Consequences” heißt es dort: “Americans rapid weight gain may have nothing to do with with market failures. It may be a rational response to changing technology and prices. If consumers willingly trade off increased adiposity for working indoors and spending less time in the kitchen as well as for manageable weight-related problems, then markets are not failing.” Bemühungen der Regierungen zur Eindämmung von Adipositas “are likely to be conterproductive.”
Schon vor Jahrzehnten, in der Kennedy-Ära, wurde das Wort geprägt “A nation of fatties, run by slimmies.” An dieser Kennzeichnung hat sich seither nichts geändert, der Befund hat sich vielmehr verschärft – auch wenn mit den Slimmies nicht mehr hauptsächlich die Männer der Ostküsten-Wasp-Elite gemeint sind. Eine Klassentrennung der dominierenden und der dominierten Leiber lässt sich übrigens mehr und mehr in Europa beobachten, etwa bei britischen, deutschen, österreichischen und holländischen Managern. Das Wirtschaftsmanagement geht dabei voran, das politische folgt mit einiger Verzögerung. Gewählte Volksvertreter werden eher der Körperverfassung der Wähler gleichen als Wirtschaftsfunktionäre, die heute weithin auf einen Einheitstyp getrimmt sind. Korpulente Bankherrn wie J. H. Abs und körperschwere Industrielle wie die Bergassessoren der Ruhr-Industrien kommen kaum noch vor, auch dicke Gewerkschafter sind selten geworden. Dafür sammelt sich unterhalb der Facharbeiterschicht das sozialschwache Reservoir für Adipositas, zu dem auch die wachsende Masse der zur Untätigkeit Verurteilten gehört.
Dass die Renten-Alten viel zu schwer sind und damit anfällig für Folge-Defekte wie Diabetes, hält man fast für selbstverständlich und kaum änderbar. Unbehagen, ja Schrecken erregt dagegen die rasche Vermehrung adipöser Kinder und Jugendlicher. Man erklärt sie zumeist mit einer sozial-moralischen Verwahrlosung der Elternhäuser und mit dem Mangel an informierter Selbstdisziplin, sich vernünftig zu ernähren. Der typische Adipöse wird auf dem Couchtisch-Sofa oder am Currywurst-Stand abgebildet, nicht am Familien-Esstisch mit Messer und Gabel.
Damit ist auch eine spezifische Schwäche der Adipösen angezeigt: Sie haben Mühe, sich untereinander zu solidarisieren, um für ihre Anerkennung zu kämpfen. Sie haben nicht die Kraft, sich selber ernstzunehmen, wie es die AIDS-Befallenen konnten, und erliegen dem Selbstbild des Komischen und des Lächerlichen. Lassen sich mehrere Dicke zusammenspannen, löst das leicht Heiterkeit bei den anderen und bei ihnen selber aus. Doch es ist ein peinliches Palliativ für die geheime Selbstverachtung, die ihnen auferlegt ist.
Adipositas hat sich in während der drei vergangenen Jahrzehnte in den reichen Gesellschaften, vor allem den protestantisch vorgeprägten, so rasch ausgebreitet, dass sie eine politische Frage ersten Ranges sein müsste. Nur, wie, in welchen Institutionen wäre sie zu stellen? Erwiesen sollte mittlerweile sein, dass es nicht einfach die Gesundheitspolitik mit ihren Diensten sein kann, in deren Kompetenz die Pandemie zu behandeln wäre. Die Gesundheitsministerien, auch das deutsche, haben sich als unfähig erwiesen, die Pathologie richtig zu erfassen und den Umgang mit ihr zu organisieren. Die Pandemie ist zwar “entdeckt”, aber es fallen den Ämtern meist nur Aufklärungskampagnen ein, für die man ein paar Dutzend Millionen Dollar oder Euro ausgibt, um das Publikum zu beruhigen. Doch das sind nur Palliative an der Oberfläche, die nichts bewirken. Die soziologisierende Aufklärung über den Massendefekt stößt sich an einem Widerspruch, dem auch die Selbstverachtung der Befallenen entspringt: Dem Widerspruch zwischen einem Konsumgebot und und der ihm folgenden Selbstschwächung durch Anpassung, und dem Imperativ, sich gesund zu halten, um entscheidungsfähiger Arbeitsbürger sein zu können. Nur wer sich gesund hält, kann Geltung unter den Zeitgenossen erwerben, wie es negativ an erster Stelle der Sport demonstriert. Er lässt für den Ruhm die Körper bezahlen, und wird damit zwangsläufig zur Betrugs- und Selbstbetrugsmaschinerie.
Weil die Adipösen, aus welchen Gründen auch immer, diesem Widerspruch nicht gewachsen sind, spricht man ihnen gerne mangelnde Willenskraft und mangelnde Intelligenz zu. Darauf, dass es ein Mangel an Eigensucht sein kann, wird der Sozialtherapeut nicht leicht kommen. Daher hat er auch kein geeignetes Vokabular für die Diagnose.
Der Widerspruch, dem der Adipöse begegnen müsste, liegt in dem umfangreichen Angebot an medizinischer, generell Biotechnik, das die Industrien einer medikalisierten Gesellschaft vorlegen, und dem geradezu konstitutionellen Unwissen des “Gesamtpatienten”, der Bevölkerung. Die Mehrheit der kranken oder gesunden Nachfrager nach medizinischen Leistungen ist nicht in der Lage, die Beipackzettel hinreichend zu lesen und sich selbst auf die Eignung zu prüfen. Auch eine Anamnese ihrer Leiden ist der Mehrheit nicht zuzumuten. Die Unkundigkeit baut sich besonders dort auf, wo eine fundamentale Verhaltensänderung zu verlangen wäre. Diese kann sich im Fall von Adipositas nicht auf die Ernährung beschränken, also auf Gebote und Verbote. Die gesamte Lebensführung wäre zu therapieren.
Eine interessante Probe darauf wird zu machen sein, wenn Senofi-Aventis, der größte europäische Pharmakonzern, seinen nächsten Blockbuster auf den Markt bringen wird, ein Wundermittel gegen Adipositas und Tabagismus. Es baut auf dem neuen Molekül Ribonabant auf und soll im Jahr 2007 verfügbar sein. Sanofi-Aventis sieht allein in den entwickelten Ländern einen Adipositas-Markt von zehn Milliarden Dollar (8,3 Milliarden Euro). Es wird ein verschreibungspflichtiges Mittel sein, also eingebettet in eine begleitende Therapie. Hat es Erfolg, wäre es noch einmal ein Sieg der palliativ kurativen Medizin – die das Übel nicht an seiner Wurzel packen muss.
Um sich über seine eigene Konstitution kundig zu machen, gehört auch, dass man ihren “Geist” erfassen kann. Man müsste sich also auch in seiner Gestalt, als eine einmalige Person in ihrer Sozialität begreifen. Darin ist auf besondere Weise der Adipöse gehindert, der allzu häufig “sich nicht ausstehen” kann. Auch in einer Gesellschaft der vielen Dicken hört die Selbstverachtung der Adipösen nicht auf. Der Adipöse weiß, dass ihm die Selbstbefreiung von seinem Übel zugemutet wird und erkennt diese Zumutung an. Aber immer wieder muss er erleben, dass er nicht kräftig genug dazu ist. Er müsste sich zugleich von seiner Umgebung befreien, die ihm einigen Schutz bietet, sei es unter anderen Adipösen. Am Ende empfindet er sich als ständig Schuldigen – und ist doch ein Abfall-Ergebnis der Wirtschaftsprozesse in der Marktgesellschaft.
Die Adipösen werden nur in seltenen Fällen als solche geboren. Die meisten werden geschaffen, geformt. Anders lässt sich auch ihre rasche Vermehrung, die an allen Gliedern der reichen Marktgesellschaften hochkriecht, nicht erklären. Zu prüfen ist also die Vermutung, dass es der Markt selber ist, der die Marktbürger schwächt, sie zu unfähigen Konsumenten macht. Denn die Adipösen, in der Mehrzahl in einer Umwelt des schlechten Konsums lebend, lähmen mit ihren niedergedrückten Konsumkraft den Fortschritt der kapitalistischen Gesellschaft. Weil sie sich von ihren Leiden nicht lösen können, können sie auch keine größeren Ansprüche an den Markt stellen. Nicht zuletzt lähmen sie die Entwicklung der Gebrauchsgütermärkte, die davon leben, dass sie den gierigen und den neugierigen Konsumenten auffordern können. Es ist in der Tat ein Marktversagen, wenn die Marktkräfte selbst es sind, die die Entfaltung der Konsumenten, ihre phantasievolle Gier blockieren.
Adipositas zeigt eine schlechte Gesellung, die Störung von Sozialität an. Das verfettete Amerika weist der Welt kein heiteres und energisches Gesicht wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Wenn es sich noch immer im dünnen, hakennasigen Uncle Sam der Karikatur repräsentieren lässt, wirkt das wie blanker Hohn. Im Zustand des letzten Imperiums, den die Nation einnehmen muss, scheint sie in Adipositas zu versinken.

Aus dem Tagebuch – Werkstatt-Texte – Miszellen

Weniger Natur, bitte Ruhe

Der gesittete Mensch wird auch ein ruhiger Mensch sein. Er weiß sich zu beherrschen. So bislang die europäische Idee von der souveränen Persönlichkeit. Laut durfte der Sklave sein. Schon aus diesem Grund empfiehlt sich, unter gleichen Bedingungen von technisch organisierter und sogenannter natürlicher Fortpflanzung, die Ektogenese. Sie vollzieht sich in der Stille. Im Leibesraum der Mutter jedoch, der nicht einfach Geborgenheit gewährt, herrscht ein Heidenlärm. Die Uterushülle, die den Embryo umfängt, kann man in christlicher Symbolik als Vorausbild zur Vorhölle betrachten, durch die man nach seinem Ende hindurchmuss.
Schon die Stimme der Mutter könnte manchem das künftige Leben verleiden. Ist man das erste Kind, hat man vermutlich bessere Chancen als die jüngeren Geschwister. Mit jedem neuen Sprössling, erst recht in der großen Familie, wird das mütterliche Organ schriller. Es muss die Unbequemlichkeit des Daseins übertönen. Auch ist später nicht jedem die Vorstellung angenehm, dass er unterm Liebesschrei der Mutter und unterm Stöhnen des Erzeugers, unter animalischen Lauten also, ins Leben gestoßen worden ist.
Die Ektogenese im künstlichen Uterus könnte dem Embryo vergönnen, dass er in aller Ruhe sein Lebenswerk beginnt. Kein langes Ächzen im Kreißsaal, wenn man endlich ins Freie entkommen darf. Weniger Baby-Geschrei, um auf sich aufmerksam zu machen und damit die Mutter beschuldigt und die Mitwelt peinigt. Mit diesem Geschrei fängt das spätere Sündenregister an. Man will, weil man ohnmächtig ist, bedauert werden. So denken wenigstens die Erwachsenen und Mächtigen. Schon hier wird Sklavenmoral angesetzt. Nichts davon in der Ektogenese. Sie verspricht – Eltern denkt daran! – mehr kommende Freiheit fürs Kind als die eigensüchtige Naturmutterschaft.

Warum Molière nicht mehr gespielt werden kann

Uneitelkeit ist keine bemerkenswerte Tugend, wo Geltungssucht zum wichtigsten und allgemein anerkannten Lebenstrieb geworden ist, wichtiger noch als Besitzgier. Wer anderen Eitelkeit nachsagt, macht sich leicht lächerlich, zumindest erscheint er als altmodisch prüde. Daher ist auch die Heuchelei veraltet, man kann aus ihr keinen Vorwurf machen. Weil Heuchelei und Eitelkeit als Untugenden ausrangiert sind und es höchstens Intellektuelle sind, die sich über die political correctness aufhalten, ist das gesellschaftliche Leben heute so grenzenlos langweilig. Auch ist dies ein Grund dafür, dass Moralismen wie dieser nicht mehr geschrieben werden.
Der Aphorismus hatte seine höchste Blüte in einer Zeit, da Geltungssucht, aufs Feinste organisiert, geradezu hohe Staatskunst geworden war: In Versailles, wie es der Herzog von Saint-Simon beschrieben hat. Weil es mit Tugend und Laster, mit Lüge und mit Wahrheitssinn eine große Variation von Charakteren gab, war das Gesellschaftsleben, wenn auch nicht ohne Grausamkeit, sehr unterhaltsam und abwechslungsreich. Andrerseits stand der Jansenismus dafür, dass auch Uneitelkeit Geltung hatte. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die wir in den drei Jahrhunderten seither zu durchstehen hatten, waren auch eine Riesenanstrengung der Regression.

Unerbeten

Es ist für die Deutschen nicht angenehm, wenn sie unbußfertigen Türken und Japanern, die von ihren längst verdrängten Genoziden nichts wissen wollen, als Musterland für tätige Reue und Trauerarbeit vorgehalten werden. Erstens ist es mit der Bereuung so weit nicht her, damit man sie besonders loben sollte. Es ist Peinlichkeit dabei. Zweitens ist es kleinkariert und obendrein erfolglos, Selbstvorwürfe hervorzurufen, indem man dem trotzigen Jungen den brav gewordenen Nachbarsjungen als leuchtendes Beispiel zeigt. Das bringt dem Gelobten Abneigung ein. Drittens erregt man bei den Getadelten neue Solidarisierung im Trotz, wenn man sie beim ohnehin brüchigen Portepee der Nation packt, um sie zu Geständnissen zu erpressen. Es war ja, auf der einen wie auf der anderen Seite, die Nation, die sich der Übeltat ergeben hatte. Auch wenn es in Buße ist, man sollte die Nationen nicht wieder übers Gewissen zusammenleimen. Bei den Deutschen ist das ja auch eher schlecht als recht gelungen. Die Schilde, die reinzuwaschen wären, werden nur noch von Leitartiklern und Politikern zweiten Ranges hochgehalten. Man sollte sie ruhig beschmutzt lassen, sie aber ins Eck stellen.
Im übrigen könnten sich deutsche Politiker einmal ganz freimütig das Lob verbitten, das sie auf Kosten anderer einsammeln. Dabei gewönnen sie sogar. Freilich wäre auch dabei Erschlichenes. Kurz, Du sollst nicht unter Benutzung Dritter tadeln, ob Personen oder Nationen.

Taktlose Tugend

Die Theoretiker und die Praktiker, die sich der Ökonomie ergeben und von ihr leben, können sich mit Feinsinnigkeiten wie den oben geschilderten nicht abgeben. Die Ökonomie ist bekanntlich als Moralwissenschaft entstanden, die Scheidung von Tugend und Laster ist ihr Geschäft, und nichts, was ökonomisch zu betreiben ist, kann frei von Moral sein. Objektive Urteile, die frei wären von moralischer Ermahnung, kann es in der Ökonomie nicht geben. Diese muss immer mit Vergleichen arbeiten, muss ökonomisches Handeln bewerten. Das geht nicht ohne Abwertung anderen Handelns, und darüber ist die Ökonomie so grobianisch geworden, dass der wohlerzogene Adam Smith erschrocken wäre. In seiner feinen und transparenten Konstruktion wären die auftrumpfenden Rechthabereien, die heute die ökonomische Debatte erfüllen, schwer denkbar.
Auch hier stehen die Amerikaner, die ihre Ökonomie, die amerikanische Weltökonomie, zur Tugendreligion erhoben haben, an erster Stelle. Wenn sie ihr so genanntes Modell vom ökonomischen Staat, dem die meisten Theoretiker auch folgen, als den Weg zum wahren Leben preisen, ziehen sie sich allerdings Hass und Verachtung zu – wie es gerade wieder geschieht. Jeder Fehler, den sie in ihrer Gewissheit von der wahren Ordnung machen, ruft dann bei den Schwächeren Schadenfreude hervor. Schadenfreude hinwiederum kommt im amerikanischen Charakter nicht vor, anders als bei vielen Europäern, auch bei den Deutschen oder den Franzosen. Man kämpft ja in der Ökonomie immer um das Wahre und Richtige, daher kann man den Unverständigen und Ungeschickten eher verzeihen. Schadenfreude, darin sind die Amerikaner angenehm sensibel, ist ein schäbiger, selbstzerstörerischer Zug. Sie ahnen nicht, dass sie sie durch ihre Ökonomiefrömmigkeit selber hervorrufen.

Widerruf

Zu früh resigniert. Goya wurde doch noch zugänglich (siehe unsere 48. Ausgabe). Die einsichtige Museumsleitung lässt für die letzten Wochen die Alte Nationalgalerie in Berlin schon um acht öffnen. Wer sich pünktlich einstellt, hat die Chance auf zwei unbewimmelte Stunden. Die Jugend steht nicht früh auf, sie läuft ohnehin blicklos durch, versteht das Wenigste. Die Touristen aus der Provinz wollen ihr Hotelfrühstück nicht versäumen. Zwei Besuchergruppen, auf die man gerne verzichtet. Früh am Morgen sieht man vor allem die Berliner der angenehmeren Sorte.
Auch hier kann man gelegentlich die winzigen Szenen beobachten, wie sie in europäischen Museen noch vorkommen: Frauen jüngeren und mittleren Alters beleben sich bei der Betrachtung von interessanten Porträts, straffen unmerklich ihr eigenes Gesicht, ihre Gestalt. Dazu fordert besonders Goya auf, der seinen nicht sehr heiteren Marquesas und sonstigen Gesellschaftsdamen immer einen Charakter verschafft. Vor Holbein oder Hals mögen die Besucherinnen anders reagieren. Schon deswegen lohnt es, die Museen offen zu halten.

Nachtrag

Gedenkfeier zum Jahrestag von nine / eleven: Aus der Tiefe des Trauer-Raumes schreiten in einer Reihe die Präsidentenpaare, die zwei Damen wohlkonserviert und schlank (leider kann man sich ihre Gesichter nicht merken), die Herren gestreckt und gemessen. Sie scheinen auf ihr tränenfeuchtes Volk zuzuschreiten, die Angehörigen, die Freunde, die Feuerwehrleute, die Polizisten. Die meisten von ihnen sind schwerleibig, fettwulstig. Noch vor zwei Generationen sahen die fixen, lauten und beweglichen New Yorker anders aus. Man hätte sich einen ansehnlicheren Niedergang der Nation gewünscht.

mail@claus-koch.com

Die nächste Ausgabe erscheint am Freitag, den 14. Oktober.

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