Lagebestimmung: Warum Europa die Europäer
nichts mehr angeht
Wenn der politisch normalgebildete Deutsche über
dem Leitartikel seiner Morgenzeitung das Wort EUROPA liest, kommt
ihn schon das Gähnen an. Nicht anders der Franzose und der
Italiener, vom Briten nicht zu reden. Was man ehedem das Projekt
Europa nennen konnte, wird von den Volksstimmungen der Nationen
längst nicht mehr getragen. Die desaströsen Volksabstimmungen
in Frankreich und den Niederlanden im Frühsommer letzten Jahres
haben das nur bestätigt und akzentuiert.
Diese Indolenz herrscht vor allem unter den
Bevölkerungen der fünfzehn alten Mitgliedsländer.
Die zehn neuen, unvermeidlich aufgenommen, haben zur Erfrischung
des Projekts bis heute nichts beigetragen. Vom Westen aus gesehen,
ist es das schiere Wohlfahrtsinteresse, das sie getrieben hat,
keine Idee von Europa. Was die "acquis communautaires" bedeuten
und wie sie zustandekamen, brauchen sie nicht zu wissen. Dass diese
Errungenschaften der Freizügigkeit, der Marktöffnung
und der bürgerlichen Rechtsstellung errungen werden mussten,
oft gegen den zähen Widerstand nationaler Regierungen, Verwaltungen
und Interessengruppen, steht nicht mehr im Gedächtnis der
Massen. Aber auch den Eliten ist dies nicht gegenwärtig. Das
Gemeinschaftseuropa ist eine Gegebenheit, mehr nicht. Das heutige
Europa hat keine Erinnerung für sich. Das Projekt, so besagt
offensichtlich die Indolenz der Gemeinschaftseinwohner, die nicht
zu Bürgern werden können, gehört einer anderen Zeit
an.
Das Gemeinschaftseuropa erst der Sechs, dann
der Neun, dann der Fünfzehn, hatte schon mehrere Phasen der
Ermüdung und der Apathie durchlebt, vor allem in den 60er
und den 70er Jahren. Erst Mitte der 80er Jahre, verbunden mit dem
Namen von Jacques Delors und der völligen Öffnung des
Binnenmarkts, bekam auch das Projekt wieder einigen Schwung. Es
rückte näher ans Zentrum der nationalen Politiken. Den
Massen aber, die wohl den wirtschaftlichen Gewinn genossen, drang
es auch damals nicht in bewusste Gegenwart. Sie befürchteten
oder erhofften zwar einiges von der kommenden Gemeinschaftswährung,
sie konnten aber kaum begreifen, wie diese mit einem Projekt Europa
zusammenhängen sollte. Heute kann man den mühsam gezimmerten
Entwurf für eine politische Verfassung nur als letzten verzweifelten
Versuch sehen, noch einmal das Interesse der Europäer für
sich selbst, eben im Projekt, zu erwecken.
In diesem Jahr 2006 wird die Aussichtslosigkeit
dieser Hoffnung, der spes contra spem, den Europäern schonungslos
vor Augen gestellt. Die vielen, die durch die jüngsten Liberalisierungen
zu Kleinaktionären werden konnten, nehmen nun wahr, dass die
Auflösung der alten Staatskonzentrationen zu neuen Machtkonzentrationen
geführt hat, die den Zwecken der europäischen Integration
zuwiderlaufen. Am raschesten schreiten diese Machtballungen voran
in den Industrien der Energieproduktion und -verteilung, Telekommunikation,
des Bank- und Versicherungswesens, der Dienstleistungen, die Schritt
für Schritt entöffentlicht werden. Wenn ehemals staatliche
Postunternehmen sich vornehmen, zu global players zu werden - und
dafür nationale Gebührenerträge einsetzen -, so
wird das von den Regierungen begrüßt, ja gefeiert: Sicherung
und Geltung eines Standorts auf nationalem Boden.
Zur gleichen Zeit unterstützen oder behindern
dieselben Regierungen übernationale Fusionen durch feindliche Übernahmen,
je nach Interessenlage. Frankreich hat sich zum Meister solcher
Paradoxien gemacht, aber auch der deutschen Regierung sind sie
nicht fremd.
Integration und gegenseitige Öffnung der
nationalen Märkte, um zu dem einen Markt Europa zu gelangen - das
war Ziel und Triebkraft des Projekts. Die ökonomische Integration,
so hoffte man einige Jahrzehnte lang, würde die politische
mit sich tragen können. Viele Chancen dazu nahmen sich die
Europäer selber, durch die Zulassung Großbritanniens
(1975). Dass die Integration, so wie sie unter französischer
und deutscher Federführung lange Zeit betrieben wurde, eines
Tages den Hauptschlüssel zur Desintegration liefern sollte,
konnte man sich noch 1990, also zur Maastricht-Zeit, nicht vorstellen.
[Der Maastricht-Vertrag wurde am 7.2.1992 unterschrieben.] Die
Festigung eines gemeinsamen Marktes, gar unter einer politischen
Verfassung, kann heute nur noch von Illusionisten erwartet werden.
Im Gegenteil: Markteuropa hat so viele Potenz angesammelt, nicht
zuletzt durch beständige Schwächung der Staatlichkeiten,
dass es nun das bevorzugte Feld für Auflösung und Trennung
wird. Die Regierungen können sich dagegen nicht wehren, einige
wollen es auch nicht. Die Aufrufe zum patriotischen ökonomischen
Verhalten, einstweilen noch von den globalisierungsgläubigen
Medien verlacht oder bekämpft, kommen nicht aus dem Ungefähr.
Sie sind Ausdruck der Hilflosigkeit, die durch das Scheitern des
Projekts in der Globalisierung bewirkt und genährt wird. Die übernationalen
Oligopole, die der kaum zu bändigende Fusionstrieb herstellt,
brauchen sich darum nicht zu scheren. Sie können der Indolenz
der Europäer, die an Europa nicht interessiert sind, sicher
sein.
Wenn nun das Salz nicht mehr salzt,
womit soll man salzen?
Der Titel über dem Zeitungsartikel spricht
an, macht neugierig: "Niedergang der Intelligenz - im 20. Jahrhundert
waren Kinder im Durchschnitt intelligenter als ihre Eltern. Nun
gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich der Trend umkehrt." ( Berliner
Zeitung , 7.7.05) Spontane Zustimmung, das ahnte man schon
länger. Die beständigen Auflagen der BILD-Zeitung bezeugen
es, ebenso wie die Einschaltquoten der TV-Ketten für die schlichteren
Gemüter. Und nun will man es wissenschaftlich erwiesen haben?
Doch Vorsicht. Das Thema steckt voller Fallen,
wie die Kritik der PISA-Befunde zeigt, wie andrerseits das törichte
Schlagwort von der Wissensgesellschaft vermuten lässt. Aktuell
aber ist es, auch im politischen Sinn. Zur Aktualität verhelfen
ihm nicht die Bildungs- und Erziehungswissenschaften, auch nicht
die Philosophie. Es sind die Biowissenschaften, vor allem in der
Form der Biomedizin, von denen die lange verpönte und gemiedene
Frage auf die Tagesordnung gesetzt wird. Der Stand der Technik
ist nun so weit getrieben, dass wieder über Selektion, bewusste
oder unbewusste, debattiert werden muss. Insbesondere die Fortpflanzungstechniken
von der In-vitro-Befruchtung über die präimplantatorische
Diagnose (PID) halten in ihren Falten Erwägungen über
eine mögliche Selektion nach der Qualität der Intelligenz
versteckt, und ganz nahe kommt ihr bereits die Genomik. Wenn demnächst
die Kognitionswissenschaften ein Stück weiter gekommen sind,
werden auch sie die Qualitätsmessung der Intelligenz und ihrer
Vergleichbarkeit nicht mehr neutral und "rein wissenschaftlich" behandeln
können.
Also erst einmal anlesen, was die Zeitungsintelligenz
daraus macht: "... Jahrzehntelang sind die Menschen im Durchschnitt
intelligenter geworden, doch damit scheint es vorbei zu sein. Einige
Psychologen beobachten sogar, dass die Intelligenz seit einigen
Jahren wieder abnimmt. ... Nun geht der Höhenflug der Intelligenz
womöglich zu Ende. Bei dänischen Rekruten war zwischen
1988 und 1998 nur noch eine geringe Zunahme zu verzeichnen. Die
deutschen Wehrpflichtigen liefern seit einigen Jahren konstante
Leistungen. Auch die deutschen Schulkinder scheinen sich nicht
mehr zu steigern.
Das reicht schon. Also ab damit in die Schublade.
Bis man bei nächster Gelegenheit an sich bemerkt, dass man,
ohne sich dabei etwas zu denken, des öfteren solche Vulgär-Urteile
ausspricht. Wer ein Alter erreicht hat, in dem er aus eigener Erfahrung
das Verhalten und die Sitten von drei Generationen vergleichen
kann, also um die fünfzig Jahre alt ist, kommt kaum umhin,
die Nachwachsenden zum großen Teil für denkfauler und
begriffsstutziger zu halten als die Alten: Ja, die Leute meiner
Zeit, die in der Erinnerung bis in Großmutters Tage zurückreicht,
sind wahrlich nicht klüger geworden. Eher im Gegenteil. Womit
heutzutage die jungen Leute - und auch viele Alte - ihre Zeit vertun,
das spricht gewiss nicht für eine Zunahme an Intelligenz.
Mit diesem Vor-Urteil, so plausibel es scheint,
bewegt man sich schon auf Glatteis. Dort kommen einem dann die
Intelligenz-Studien entgegen, die sich vornehmlich von Vergleichen
von Intelligenz-Quotienten nähren. Diese schwache Methode
ist ohnehin für Vergleiche über mehrere Jahrzehnte hinweg
kaum tauglich. Kollektive IQ-Vergleiche sind am meisten bei den
Alterskohorten junger Männer angestellt worden, also Rekruten,
die sich leicht in zählbare Ordnung bringen lassen.
Sie ließen sich zu früheren Zeiten
als die angeblichen Intelligenzträger begreifen, junge Frauen
sind denn auch oft unterrepräsentiert. Erst in den letzten
Jahrzehnten, da sich die Abgängerinnen von höheren Schulen
und Universitäten kräftig vermehrten und vergleichbare
Größen bildeten, konnte der Intelligenzvergleich zwischen
Generationen "gerechter" werden (wobei die Mädchen meist besser
abschneiden). Bei Älteren, Lebensgeprägten sind IQ-Messungen
ohnehin sinnlos und methodisch zu schwierig.
Wenn wie hier von Generationen die Rede ist,
müssen die Messbefunde erst recht mit allerlei Spekulationen,
Schein-Evidenzen und dergleichen aufgefüllt werden. Ideologisches
strömt unvermeidlich ein. Denn wer mit dem Intelligenzvergleich
in der Zeit umgeht, kommt nicht umhin, interessierte Erwartungen
zu hegen. Man entgeht nicht dem Zwang zur Prognose, also einer
sehr anfälligen Form der Orientierung in künftiger Zeit.
In den 20er und 30er Jahren zum Beispiel, da vielerlei Sozialbiologismus
umging, war die Vermutung vom Niedergang der Intelligenz eng verbunden
mit der Sorge um Dekadenz und Degeneration des Volkskörpers.
Diesem Verfall meinte man entgegensteuern zu können. Leider
ist bereits die Intelligenzmessung im historischen Vergleich selber
ein Symptom der Intelligenzverminderung. Wer sich daran wagt, hat
offensichtlich keine Ahnung davon, dass er sich hoffnungslos darin
verfangen wird.
Die Projektion auf den Schwund oder die Zunahme
von Intelligenzquanten kann der orientierungslosen Bildungspolitik
von keinem Nutzen sein. Allenfalls die Konsumforscher könnten
bei der Beratung von Investoren etwas damit anfangen. Aber auch
sie machen davon keinen Gebrauch. Investoren und Konsumgüterproduzenten
setzen ja nicht auf die mögliche Intelligenz, also Kompetenz
und Entscheidungsfähigkeit ihrer Klienten, sondern eher auf
deren Anspruchslosigkeit und Inkompetenz.
Sind Messung und Vergleich von Intelligenz also
müßig und können allenfalls einer simplistischen
politischen Rhetorik dienen, so sind auch die PISA-Vergleiche des
Bildungsstandes und der Bildungskompetenz zwischen Nationen und
Regionen kaum von größerem Nutzen. Es stimmt zwar leider,
dass die europäischen Nationalbürger und ihre Politiker
nur noch durch Zahlen, die sie für Wirklichkeit nehmen, zum
Erschrecken über ihre eigene Unbildung gebracht werden können.
Dieses Erschrecken hält freilich selbst bei den Funktionären,
wie sie sich etwa in der Rektorenkonferenz zusammenfinden, nicht
lange vor. So kommt denn auch kaum mehr heraus als das Marktbedürfnis
einer Vermehrung von ansehnlichen Bildungsquanten. Das beste deutsche
Beispiel bietet das kulturstolze Bayern, das einst über eine
kluge Technokratie verfügte. Seine heutige Regierungsequipe,
angefangen beim bildungsfernen Chef, verplant seine Universitäten
und seine Schulen in Geist und Sprache technischer Innovation.
Der ebenfalls bildungsfremde Kanzler-Boss Schröder hätte
es nicht besser verstanden. Es sind nicht zuletzt die PISA-Zahlen,
mit denen Stoiber seine Bildungspolitik munitioniert - ebenso wie
auch sonst die Landesregierungen landauf und landab.
Gleichwohl: Wer noch in der Lage ist, sich über
den Mangel an Lebenskompetenz seiner Zeitgenossen zu ängstigen,
wer auch die zunehmende Infantilisierung der Konsumentengesellschaft
wahrnehmen kann, darf sich nicht scheuen, Prognosen anzustellen.
Prophezeiungen waren schon immer ein Hilfsmittel der Aufklärung,
wenn auch ein riskantes. Umso besser, wenn sie sich durch Empirie
einigermaßen härten lassen. IQ-Vergleiche und PISA-Untersuchungen
taugen dazu nicht. Sie können nämlich nichts zu einer
Aufklärung beitragen, einer Überzeugung, die immer am
Anfang stehen muss.
Eines aber wird man, in aller Allgemeinheit,
aussprechen müssen: Ein Skandal dieser späten kapitalistischen
Marktgesellschaften ist die mangelnde Nutzung der gewaltigen Ressourcen,
die durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt und machtkonzentrierte
Weltökonomie angehäuft worden sind - und nun deren Verderben
in verwirrenden Sozialkrisen bewirken. Diese Ressourcenballung
verlangte nach intelligenteren Menschen, als sie diese Zivilisation
hervorbringen konnte. Und die reichen Gesellschaften des Westens
sind zu beschränkt und unbeherrscht, das Potential, das sie
selbst hervorgebracht haben, vernünftig anzuwenden. Mit jedem
Fortschritt, den sie nunmehr machen, scheinen sie ihre zivilisierende
Kraft zu vermindern. Die Europäer sind zu unintelligent, das
gute Leben, dessen Versprechen durch die Aufklärung sie früher
ernstnahmen, überhaupt noch zu begehren. Sie sind zu dumm,
um krank zu sein. Und sie sind zu dumm, um auf ihre persönliche
Weise zu sterben. Das alles kann die IQ-Messung nicht zeigen.
Da vermutlich nicht alle Leser des neuen
Phosphoros den Umgang mit der Bibel pflegen, hier ein Quellenhinweis:
Das Zitat stammt aus dem Matthäus-Evangelium 5,13.
Aus dem Tagebuch - Werkstatt-Notizen - Miszellen
Gute Aussicht aufs Schlimmste
Es kann durchaus ehrenwert sein, weiterhin an
den Fortschritt zu glauben, auch wenn es nicht realistisch ist.
Und zu respektieren ist, wer gegen die eigene Meinung sich den
Glauben an den Fortschritt zur Pflicht macht. Es gehört übrigens
zur Berufsmoral einer guten Beamtenschaft, sich immer wieder zum
Fortschrittsglauben zu überwinden, mag es auch gegen die eigene
Natur sein. Das konnte man im einstigen Preußen antreffen.
Will man noch immer auf den Fortschritt setzen,
so muss man sich freilich den Optimismus aneignen, das Schlimmste
mit allem Ernst zu erwarten. Erst nämlich muss der Glauben
an den bisherigen und heutigen Fortschritt, der zu viele Siege
und zu viele Unterworfene gekostet hat, ausgerottet werden. Das
wird nicht ohne Gewaltsamkeit abgehen. Schließlich geht es
um die moderne Form des Religionskrieges. Das wollen und können
die noch immer herrschenden Progressisten nicht zugeben.
Zum Optimismus der Erwartung des Schlimmsten
besteht nun immer mehr Anlass. Die unbeherrschten Marktkräfte
und die mutlose Politik tun alles Mögliche dazu, um radikale
Umstürze in wachsenden Ketten auszulösen. Um einen bekannten
Spruch abzuwandeln: Wer die Revolution nicht denken will, soll
vom Fortschritt schweigen.
Gepflegter Pessimismus
In Deutschland gibt es schon lange keinen gestandenen
Konservatismus mehr, auch keinen romantischen. Man merkt es unter
anderem daran, dass es hier an einem intelligenten Untergangsprophetismus
fehlt. Eine nennenswerte Nachfolge von Oswald Spengler hat sich
nach dem letzten Weltkrieg nicht eingefunden. In dieser egalitären
Gesellschaft kommen die Personen und die Gruppen gar nicht vor,
die der konservative Prophet braucht, um sie verachten zu können.
Am Übel des Korporatismus, den die Niedergangspropheten stets
anklagen, haben alle Teil, auch die freien Unternehmer. Der Fernsichtige
aber kann sich nicht ausdrücken ohne die vielen Kurzsichtigen,
die er überragt. Die beständigen Warnungen von liberalen Ökonomen
und Kleinpolitikern vor den Übeln des Wachstumsschwundes gehören
zu ihrem Geschäft, sind sterile Aufgeregtheit. Ernstgenommen
werden sie nur von ihresgleichen.
Vielleicht ist es eine Schwäche der unbeirrt
rotbackigen Deutschen, dass sie von Dekadenz nichts wissen, sich
von ihr nicht beeindrucken lassen. Dekadenz aber war unentbehrlich
im rhetorischen Hintergrund der Spengler-Zeit, die auch Thomas-Mann-Zeit
war. Mangelnde Dekadenz lässt auf mangelnde Vitalität
schließen. Aber das ist eine andere Kategorie, ist ein anderes
Kapitel.
Bei den Franzosen hat die Warnung vor der Dekadenz
und vom Verfall der Nation eine stabilere Tradition. Sie reicht
bis zur Großen Revolution (von 1789) zurück. Freilich,
sie haben auch im Unterschied zu den Deutschen eine Nation, die
sie untergehen sehen - damit dann ein charismatischer Retter gerufen
werden kann. Der letzte war de Gaulle. Auch Giscard d'Estaing hat
nach seiner Abwahl 1981 lange darauf gewartet, diese Rolle einzunehmen.
Er wurde darüber zum Dauerfeind des zähen Jacques Chirac,
der sich mit allen Tücken und Listen oben halten konnte, jetzt
aber am Ende ist und von niemandem im eigenen Land noch ernstgenommen
wird. Es werden noch quälende vierzehn Monate vergehen, ehe
der Nachfolger gewählt werden kann.
Die neue Liga der französischen Niedergangspropheten
verfügt nicht über einen de Gaulle, nicht einmal über
einen ehemaligen Regierungschef im Wartestand. (Auf der Linken
versucht sich soeben noch einmal Lionel Jospin als kommender Geburtshelfer
der neu erstehenden Nation. Er wird nicht weit kommen.) Die neuen
Propheten vom Verfall Frankreichs inmitten eines verfallenden Europa
werden vom Premierminister de Villepin, dem Günstling von
Chirac, die "déclinologues" genannt (nach déclin,
Verfall, Niedergang). Sie vertreten alle Schattierungen des heutigen
Liberalkonservatismus und wollen, mit fragwürdigem Recht,
die Erben des bedeutenden politischen Denkers Raymond Aron sein,
dem Studienfreund und Gegner von Sartre.
Ihr lautstärkster Sprecher ist der junge
Historiker und Ökonom Nicolas Baverez, der mit seinem Bestseller La
France qui tombe vor zwei Jahren eine heftige Debatte auslösen
konnte. In die gleiche Kerbe wie dieser Bewunderer der Thatcher-Revolution
schlagen Michel Camdessus, ehemaliger Präsident des Internationalen
Währungsfonds, und Alain Minc, vielseitiger Wirtschaftsfunktionär
und Verfasser zahlreicher, schnell verblühter Pamphlete, überdies
Vorsitzender des Aufsichtsrates von Le Monde , der ihm
täglich wider den Strich schreibt. Der sozialdemokratische
Nationalist Chevènement gehört zum Umkreis ebenso wie
zahlreiche Unternehmer und Verbandsfunktionäre der besseren
Klasse. (Siehe dazu Le Monde vom 25.1.06)
Dutzende von Büchern und Schriften liegen
nun vor, die fast alle mit einer ausführlichen Klage über
die morose Stimmung im Lande, gar der moralischen Agonie einsetzen,
um sodann den tödlichen Mangel an wirtschaftlicher Dynamik
und die verkrusteten Strukturen des Staates (siehe unsere Glosse Denken
in freudloser Erkenntnis - Ökonomie ) auszumalen.
Die Hauptschuld daran geben sie dem wetterwendischen Staatschef
Chirac, der in der Tat in dem guten Virteljahrhundert seiner Amtszeit
auf verschiedenen Staatsstühlen seine Ideologien und Programme
so häufig wie sein Hemd gewechselt hat. Die Déclinologen,
die mit vielen ihrer Befunde den richtigen Punkt treffen, vertreten
kein gemeinsames Programm, sie organisieren sich kaum in festen
Zirkeln. Darin den amerikanischen Neoconservatives ähnlich,
wollen sie zwar in ihrer Mehrheit das französisch-westeuropäische
Staatsmodell abschaffen, wollen aber nicht frontal die Verfassung
der V. République angreifen. Doch diese ist in Vielem die
Wurzel des französischen Malaise. Zum Kampf um eine neue Verfassung
will noch kaum jemand in Frankreich antreten. Daher bleiben die
Beschwörungen der Niedergangschöre fruchtlos, bleiben
selber Symptome für die politische Sterilität des Landes.
Die Linke, die ja selber oft Sprecherin für die Inszenierung
von Untergängen gewesen war, meldet sich kaum zu Wort, sie
ist zur Zeit eine négligeable Größe.
Das konservative und strukturell katholische
Land gleitet in diesem Jahr in die schwere Krise, die schon seit
längerem vorauszusehen war. Ein irgend tauglicher Konservatismus
wird dabei nicht wieder auf die Beine kommen. Die Niedergangspropheten
werden die kommenden Wirren als krächzende Raben nur begleiten.
Neues zu melden haben sie nicht.
Denken in freudloser Erkenntnis: Ökonomie
Strukturen - Mathematikern, Geologen, Chemikern,
Biologen bedeutet dieser Grundbegriff für das dynamische Gefüge
einer komplexen Einheit hohe Erkenntnislust, Reinheit der Anschauung.
Nicht so den Ökonomen. Sie benennen Strukturen fast immer
als verkrustete, die die reinen Beziehungen der an sich reinen
Marktkräfte und -subjekte an ihrer freien Entfaltung hindern.
Unverkrustete, saubere Strukturen kommen in der Sprache der Ökonomen
und ihrer Medien nicht vor. Die verkrusteten Strukturen enthalten,
da lebensfeindlich, in sich die Aufforderung, sie zu reinigen oder
gar abzuschaffen. Befallen und aufrechterhalten wird die Verkrustung
der Strukturen an erster Stelle vom Sozialstaat. Aber auch die
Organisation des Steuerwesens und das Justizsystem sind im Prinzip
verkrustet. Das ist allerdings in allen modernen Staaten seit jeher
der Fall, von der Verkrustung gibt es keine Ausnahme. Warum und
wieso, bedenken die Ökonomen nur ungerne. Für sie müssen
die verkrusteten Strukturen festgestellt und unermüdlich denunziert
werden, damit "die Politik" sie endlich abschaffe und säubere.
Großmeister in der Anklage der v. S. in
Deutschland ist der Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung, Hans
D. Barbier. Lange Zeit in der Frankfurter Allgemeinen wirtschaftspolitischer
Redakteur und glänzender liberaler Agitator, hat er die v.
S. als das große Staatsübel angeschuldigt. Der liberale
Kämpfer ist ohne seinen Lieblingsbegriff nicht zu denken.
Erst neulich wieder, in der FAZ vom 17. Februar: "... Die Altmitglieder
der EU mit ihren verkrusteten Sozialstrukturen und mit ihren vermachteten
Arbeitsmärkten..."
Der Sozialstaat wird von Barbier und auf den
FAZ-Wirtschaftsseiten kaum je anders denn als Wucherung aufgefasst,
als lebensfremder Befall: "... Vielleicht wächst in Deutschland
eines Tages wieder ein politisches Temperament von charismatischem
Format heran, dem es gelingt, große Mehrheiten für ein
beherztes Zurückschneiden sozialstaatlicher Wucherungen zu
mobilisieren..." (23.2.06)
Wie weit das Zurückschneiden der verkrusteten
sozialstaatlichen Strukturen gehen, wo es seine Grenze haben soll,
geben die Ökonomen und ihre Leitartikler nie an. Es dürfte,
da die reale Marktgesellschaft immer unrein ist, an kein Ende kommen.
Die Ökonomen sind im Grunde ihres Herzens Reinheitsfanatiker,
Utopisten, die nicht anerkennen können, dass sich die Welt
seit jeher in Verkrustung und Unsauberkeit aufrechterhält.
Dafür werden sie bestraft. Wenn Naturwissenschaftler und Mathematiker
sich am Betrachten der Struktur erfreuen können, sind die
traurigen Ökonomen dazu verurteilt, auf Ewigkeit die Verkrustungen
wegzunagen, ohne ans Ziel zu gelangen. Sie sind vom Weltgeist immer
schon ins Purgatorium verstoßen.
mail@claus-koch.com
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