58. Ausgabe - Freitag, 3. März 2006 Druckversion aufrufen
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In dieser Ausgabe:

Warum Europa die Europäer
nichts mehr angeht
Wenn nun das Salz nicht mehr salzt... Gute Aussicht aufs Schlimmste
Gepflegter Pessimismus Freudlose Erkenntnis  
     

Lagebestimmung: Warum Europa die Europäer nichts mehr angeht

 

Wenn der politisch normalgebildete Deutsche über dem Leitartikel seiner Morgenzeitung das Wort EUROPA liest, kommt ihn schon das Gähnen an. Nicht anders der Franzose und der Italiener, vom Briten nicht zu reden. Was man ehedem das Projekt Europa nennen konnte, wird von den Volksstimmungen der Nationen längst nicht mehr getragen. Die desaströsen Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden im Frühsommer letzten Jahres haben das nur bestätigt und akzentuiert.

Diese Indolenz herrscht vor allem unter den Bevölkerungen der fünfzehn alten Mitgliedsländer. Die zehn neuen, unvermeidlich aufgenommen, haben zur Erfrischung des Projekts bis heute nichts beigetragen. Vom Westen aus gesehen, ist es das schiere Wohlfahrtsinteresse, das sie getrieben hat, keine Idee von Europa. Was die "acquis communautaires" bedeuten und wie sie zustandekamen, brauchen sie nicht zu wissen. Dass diese Errungenschaften der Freizügigkeit, der Marktöffnung und der bürgerlichen Rechtsstellung errungen werden mussten, oft gegen den zähen Widerstand nationaler Regierungen, Verwaltungen und Interessengruppen, steht nicht mehr im Gedächtnis der Massen. Aber auch den Eliten ist dies nicht gegenwärtig. Das Gemeinschaftseuropa ist eine Gegebenheit, mehr nicht. Das heutige Europa hat keine Erinnerung für sich. Das Projekt, so besagt offensichtlich die Indolenz der Gemeinschaftseinwohner, die nicht zu Bürgern werden können, gehört einer anderen Zeit an.

Das Gemeinschaftseuropa erst der Sechs, dann der Neun, dann der Fünfzehn, hatte schon mehrere Phasen der Ermüdung und der Apathie durchlebt, vor allem in den 60er und den 70er Jahren. Erst Mitte der 80er Jahre, verbunden mit dem Namen von Jacques Delors und der völligen Öffnung des Binnenmarkts, bekam auch das Projekt wieder einigen Schwung. Es rückte näher ans Zentrum der nationalen Politiken. Den Massen aber, die wohl den wirtschaftlichen Gewinn genossen, drang es auch damals nicht in bewusste Gegenwart. Sie befürchteten oder erhofften zwar einiges von der kommenden Gemeinschaftswährung, sie konnten aber kaum begreifen, wie diese mit einem Projekt Europa zusammenhängen sollte. Heute kann man den mühsam gezimmerten Entwurf für eine politische Verfassung nur als letzten verzweifelten Versuch sehen, noch einmal das Interesse der Europäer für sich selbst, eben im Projekt, zu erwecken.

In diesem Jahr 2006 wird die Aussichtslosigkeit dieser Hoffnung, der spes contra spem, den Europäern schonungslos vor Augen gestellt. Die vielen, die durch die jüngsten Liberalisierungen zu Kleinaktionären werden konnten, nehmen nun wahr, dass die Auflösung der alten Staatskonzentrationen zu neuen Machtkonzentrationen geführt hat, die den Zwecken der europäischen Integration zuwiderlaufen. Am raschesten schreiten diese Machtballungen voran in den Industrien der Energieproduktion und -verteilung, Telekommunikation, des Bank- und Versicherungswesens, der Dienstleistungen, die Schritt für Schritt entöffentlicht werden. Wenn ehemals staatliche Postunternehmen sich vornehmen, zu global players zu werden - und dafür nationale Gebührenerträge einsetzen -, so wird das von den Regierungen begrüßt, ja gefeiert: Sicherung und Geltung eines Standorts auf nationalem Boden.

Zur gleichen Zeit unterstützen oder behindern dieselben Regierungen übernationale Fusionen durch feindliche Übernahmen, je nach Interessenlage. Frankreich hat sich zum Meister solcher Paradoxien gemacht, aber auch der deutschen Regierung sind sie nicht fremd.

Integration und gegenseitige Öffnung der nationalen Märkte, um zu dem einen Markt Europa zu gelangen - das war Ziel und Triebkraft des Projekts. Die ökonomische Integration, so hoffte man einige Jahrzehnte lang, würde die politische mit sich tragen können. Viele Chancen dazu nahmen sich die Europäer selber, durch die Zulassung Großbritanniens (1975). Dass die Integration, so wie sie unter französischer und deutscher Federführung lange Zeit betrieben wurde, eines Tages den Hauptschlüssel zur Desintegration liefern sollte, konnte man sich noch 1990, also zur Maastricht-Zeit, nicht vorstellen. [Der Maastricht-Vertrag wurde am 7.2.1992 unterschrieben.] Die Festigung eines gemeinsamen Marktes, gar unter einer politischen Verfassung, kann heute nur noch von Illusionisten erwartet werden. Im Gegenteil: Markteuropa hat so viele Potenz angesammelt, nicht zuletzt durch beständige Schwächung der Staatlichkeiten, dass es nun das bevorzugte Feld für Auflösung und Trennung wird. Die Regierungen können sich dagegen nicht wehren, einige wollen es auch nicht. Die Aufrufe zum patriotischen ökonomischen Verhalten, einstweilen noch von den globalisierungsgläubigen Medien verlacht oder bekämpft, kommen nicht aus dem Ungefähr. Sie sind Ausdruck der Hilflosigkeit, die durch das Scheitern des Projekts in der Globalisierung bewirkt und genährt wird. Die übernationalen Oligopole, die der kaum zu bändigende Fusionstrieb herstellt, brauchen sich darum nicht zu scheren. Sie können der Indolenz der Europäer, die an Europa nicht interessiert sind, sicher sein.

 

Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen?

 

Der Titel über dem Zeitungsartikel spricht an, macht neugierig: "Niedergang der Intelligenz - im 20. Jahrhundert waren Kinder im Durchschnitt intelligenter als ihre Eltern. Nun gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich der Trend umkehrt." ( Berliner Zeitung , 7.7.05) Spontane Zustimmung, das ahnte man schon länger. Die beständigen Auflagen der BILD-Zeitung bezeugen es, ebenso wie die Einschaltquoten der TV-Ketten für die schlichteren Gemüter. Und nun will man es wissenschaftlich erwiesen haben?

Doch Vorsicht. Das Thema steckt voller Fallen, wie die Kritik der PISA-Befunde zeigt, wie andrerseits das törichte Schlagwort von der Wissensgesellschaft vermuten lässt. Aktuell aber ist es, auch im politischen Sinn. Zur Aktualität verhelfen ihm nicht die Bildungs- und Erziehungswissenschaften, auch nicht die Philosophie. Es sind die Biowissenschaften, vor allem in der Form der Biomedizin, von denen die lange verpönte und gemiedene Frage auf die Tagesordnung gesetzt wird. Der Stand der Technik ist nun so weit getrieben, dass wieder über Selektion, bewusste oder unbewusste, debattiert werden muss. Insbesondere die Fortpflanzungstechniken von der In-vitro-Befruchtung über die präimplantatorische Diagnose (PID) halten in ihren Falten Erwägungen über eine mögliche Selektion nach der Qualität der Intelligenz versteckt, und ganz nahe kommt ihr bereits die Genomik. Wenn demnächst die Kognitionswissenschaften ein Stück weiter gekommen sind, werden auch sie die Qualitätsmessung der Intelligenz und ihrer Vergleichbarkeit nicht mehr neutral und "rein wissenschaftlich" behandeln können.

Also erst einmal anlesen, was die Zeitungsintelligenz daraus macht: "... Jahrzehntelang sind die Menschen im Durchschnitt intelligenter geworden, doch damit scheint es vorbei zu sein. Einige Psychologen beobachten sogar, dass die Intelligenz seit einigen Jahren wieder abnimmt. ... Nun geht der Höhenflug der Intelligenz womöglich zu Ende. Bei dänischen Rekruten war zwischen 1988 und 1998 nur noch eine geringe Zunahme zu verzeichnen. Die deutschen Wehrpflichtigen liefern seit einigen Jahren konstante Leistungen. Auch die deutschen Schulkinder scheinen sich nicht mehr zu steigern.

Das reicht schon. Also ab damit in die Schublade. Bis man bei nächster Gelegenheit an sich bemerkt, dass man, ohne sich dabei etwas zu denken, des öfteren solche Vulgär-Urteile ausspricht. Wer ein Alter erreicht hat, in dem er aus eigener Erfahrung das Verhalten und die Sitten von drei Generationen vergleichen kann, also um die fünfzig Jahre alt ist, kommt kaum umhin, die Nachwachsenden zum großen Teil für denkfauler und begriffsstutziger zu halten als die Alten: Ja, die Leute meiner Zeit, die in der Erinnerung bis in Großmutters Tage zurückreicht, sind wahrlich nicht klüger geworden. Eher im Gegenteil. Womit heutzutage die jungen Leute - und auch viele Alte - ihre Zeit vertun, das spricht gewiss nicht für eine Zunahme an Intelligenz.

Mit diesem Vor-Urteil, so plausibel es scheint, bewegt man sich schon auf Glatteis. Dort kommen einem dann die Intelligenz-Studien entgegen, die sich vornehmlich von Vergleichen von Intelligenz-Quotienten nähren. Diese schwache Methode ist ohnehin für Vergleiche über mehrere Jahrzehnte hinweg kaum tauglich. Kollektive IQ-Vergleiche sind am meisten bei den Alterskohorten junger Männer angestellt worden, also Rekruten, die sich leicht in zählbare Ordnung bringen lassen.

Sie ließen sich zu früheren Zeiten als die angeblichen Intelligenzträger begreifen, junge Frauen sind denn auch oft unterrepräsentiert. Erst in den letzten Jahrzehnten, da sich die Abgängerinnen von höheren Schulen und Universitäten kräftig vermehrten und vergleichbare Größen bildeten, konnte der Intelligenzvergleich zwischen Generationen "gerechter" werden (wobei die Mädchen meist besser abschneiden). Bei Älteren, Lebensgeprägten sind IQ-Messungen ohnehin sinnlos und methodisch zu schwierig.

Wenn wie hier von Generationen die Rede ist, müssen die Messbefunde erst recht mit allerlei Spekulationen, Schein-Evidenzen und dergleichen aufgefüllt werden. Ideologisches strömt unvermeidlich ein. Denn wer mit dem Intelligenzvergleich in der Zeit umgeht, kommt nicht umhin, interessierte Erwartungen zu hegen. Man entgeht nicht dem Zwang zur Prognose, also einer sehr anfälligen Form der Orientierung in künftiger Zeit. In den 20er und 30er Jahren zum Beispiel, da vielerlei Sozialbiologismus umging, war die Vermutung vom Niedergang der Intelligenz eng verbunden mit der Sorge um Dekadenz und Degeneration des Volkskörpers. Diesem Verfall meinte man entgegensteuern zu können. Leider ist bereits die Intelligenzmessung im historischen Vergleich selber ein Symptom der Intelligenzverminderung. Wer sich daran wagt, hat offensichtlich keine Ahnung davon, dass er sich hoffnungslos darin verfangen wird.

Die Projektion auf den Schwund oder die Zunahme von Intelligenzquanten kann der orientierungslosen Bildungspolitik von keinem Nutzen sein. Allenfalls die Konsumforscher könnten bei der Beratung von Investoren etwas damit anfangen. Aber auch sie machen davon keinen Gebrauch. Investoren und Konsumgüterproduzenten setzen ja nicht auf die mögliche Intelligenz, also Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit ihrer Klienten, sondern eher auf deren Anspruchslosigkeit und Inkompetenz.

Sind Messung und Vergleich von Intelligenz also müßig und können allenfalls einer simplistischen politischen Rhetorik dienen, so sind auch die PISA-Vergleiche des Bildungsstandes und der Bildungskompetenz zwischen Nationen und Regionen kaum von größerem Nutzen. Es stimmt zwar leider, dass die europäischen Nationalbürger und ihre Politiker nur noch durch Zahlen, die sie für Wirklichkeit nehmen, zum Erschrecken über ihre eigene Unbildung gebracht werden können. Dieses Erschrecken hält freilich selbst bei den Funktionären, wie sie sich etwa in der Rektorenkonferenz zusammenfinden, nicht lange vor. So kommt denn auch kaum mehr heraus als das Marktbedürfnis einer Vermehrung von ansehnlichen Bildungsquanten. Das beste deutsche Beispiel bietet das kulturstolze Bayern, das einst über eine kluge Technokratie verfügte. Seine heutige Regierungsequipe, angefangen beim bildungsfernen Chef, verplant seine Universitäten und seine Schulen in Geist und Sprache technischer Innovation. Der ebenfalls bildungsfremde Kanzler-Boss Schröder hätte es nicht besser verstanden. Es sind nicht zuletzt die PISA-Zahlen, mit denen Stoiber seine Bildungspolitik munitioniert - ebenso wie auch sonst die Landesregierungen landauf und landab.

Gleichwohl: Wer noch in der Lage ist, sich über den Mangel an Lebenskompetenz seiner Zeitgenossen zu ängstigen, wer auch die zunehmende Infantilisierung der Konsumentengesellschaft wahrnehmen kann, darf sich nicht scheuen, Prognosen anzustellen. Prophezeiungen waren schon immer ein Hilfsmittel der Aufklärung, wenn auch ein riskantes. Umso besser, wenn sie sich durch Empirie einigermaßen härten lassen. IQ-Vergleiche und PISA-Untersuchungen taugen dazu nicht. Sie können nämlich nichts zu einer Aufklärung beitragen, einer Überzeugung, die immer am Anfang stehen muss.

Eines aber wird man, in aller Allgemeinheit, aussprechen müssen: Ein Skandal dieser späten kapitalistischen Marktgesellschaften ist die mangelnde Nutzung der gewaltigen Ressourcen, die durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt und machtkonzentrierte Weltökonomie angehäuft worden sind - und nun deren Verderben in verwirrenden Sozialkrisen bewirken. Diese Ressourcenballung verlangte nach intelligenteren Menschen, als sie diese Zivilisation hervorbringen konnte. Und die reichen Gesellschaften des Westens sind zu beschränkt und unbeherrscht, das Potential, das sie selbst hervorgebracht haben, vernünftig anzuwenden. Mit jedem Fortschritt, den sie nunmehr machen, scheinen sie ihre zivilisierende Kraft zu vermindern. Die Europäer sind zu unintelligent, das gute Leben, dessen Versprechen durch die Aufklärung sie früher ernstnahmen, überhaupt noch zu begehren. Sie sind zu dumm, um krank zu sein. Und sie sind zu dumm, um auf ihre persönliche Weise zu sterben. Das alles kann die IQ-Messung nicht zeigen.

 

Da vermutlich nicht alle Leser des neuen Phosphoros den Umgang mit der Bibel pflegen, hier ein Quellenhinweis: Das Zitat stammt aus dem Matthäus-Evangelium 5,13.

 

Aus dem Tagebuch - Werkstatt-Notizen - Miszellen

 

Gute Aussicht aufs Schlimmste

 

Es kann durchaus ehrenwert sein, weiterhin an den Fortschritt zu glauben, auch wenn es nicht realistisch ist. Und zu respektieren ist, wer gegen die eigene Meinung sich den Glauben an den Fortschritt zur Pflicht macht. Es gehört übrigens zur Berufsmoral einer guten Beamtenschaft, sich immer wieder zum Fortschrittsglauben zu überwinden, mag es auch gegen die eigene Natur sein. Das konnte man im einstigen Preußen antreffen.

Will man noch immer auf den Fortschritt setzen, so muss man sich freilich den Optimismus aneignen, das Schlimmste mit allem Ernst zu erwarten. Erst nämlich muss der Glauben an den bisherigen und heutigen Fortschritt, der zu viele Siege und zu viele Unterworfene gekostet hat, ausgerottet werden. Das wird nicht ohne Gewaltsamkeit abgehen. Schließlich geht es um die moderne Form des Religionskrieges. Das wollen und können die noch immer herrschenden Progressisten nicht zugeben.

Zum Optimismus der Erwartung des Schlimmsten besteht nun immer mehr Anlass. Die unbeherrschten Marktkräfte und die mutlose Politik tun alles Mögliche dazu, um radikale Umstürze in wachsenden Ketten auszulösen. Um einen bekannten Spruch abzuwandeln: Wer die Revolution nicht denken will, soll vom Fortschritt schweigen.

Gepflegter Pessimismus

 

In Deutschland gibt es schon lange keinen gestandenen Konservatismus mehr, auch keinen romantischen. Man merkt es unter anderem daran, dass es hier an einem intelligenten Untergangsprophetismus fehlt. Eine nennenswerte Nachfolge von Oswald Spengler hat sich nach dem letzten Weltkrieg nicht eingefunden. In dieser egalitären Gesellschaft kommen die Personen und die Gruppen gar nicht vor, die der konservative Prophet braucht, um sie verachten zu können. Am Übel des Korporatismus, den die Niedergangspropheten stets anklagen, haben alle Teil, auch die freien Unternehmer. Der Fernsichtige aber kann sich nicht ausdrücken ohne die vielen Kurzsichtigen, die er überragt. Die beständigen Warnungen von liberalen Ökonomen und Kleinpolitikern vor den Übeln des Wachstumsschwundes gehören zu ihrem Geschäft, sind sterile Aufgeregtheit. Ernstgenommen werden sie nur von ihresgleichen.

Vielleicht ist es eine Schwäche der unbeirrt rotbackigen Deutschen, dass sie von Dekadenz nichts wissen, sich von ihr nicht beeindrucken lassen. Dekadenz aber war unentbehrlich im rhetorischen Hintergrund der Spengler-Zeit, die auch Thomas-Mann-Zeit war. Mangelnde Dekadenz lässt auf mangelnde Vitalität schließen. Aber das ist eine andere Kategorie, ist ein anderes Kapitel.

Bei den Franzosen hat die Warnung vor der Dekadenz und vom Verfall der Nation eine stabilere Tradition. Sie reicht bis zur Großen Revolution (von 1789) zurück. Freilich, sie haben auch im Unterschied zu den Deutschen eine Nation, die sie untergehen sehen - damit dann ein charismatischer Retter gerufen werden kann. Der letzte war de Gaulle. Auch Giscard d'Estaing hat nach seiner Abwahl 1981 lange darauf gewartet, diese Rolle einzunehmen. Er wurde darüber zum Dauerfeind des zähen Jacques Chirac, der sich mit allen Tücken und Listen oben halten konnte, jetzt aber am Ende ist und von niemandem im eigenen Land noch ernstgenommen wird. Es werden noch quälende vierzehn Monate vergehen, ehe der Nachfolger gewählt werden kann.

Die neue Liga der französischen Niedergangspropheten verfügt nicht über einen de Gaulle, nicht einmal über einen ehemaligen Regierungschef im Wartestand. (Auf der Linken versucht sich soeben noch einmal Lionel Jospin als kommender Geburtshelfer der neu erstehenden Nation. Er wird nicht weit kommen.) Die neuen Propheten vom Verfall Frankreichs inmitten eines verfallenden Europa werden vom Premierminister de Villepin, dem Günstling von Chirac, die "déclinologues" genannt (nach déclin, Verfall, Niedergang). Sie vertreten alle Schattierungen des heutigen Liberalkonservatismus und wollen, mit fragwürdigem Recht, die Erben des bedeutenden politischen Denkers Raymond Aron sein, dem Studienfreund und Gegner von Sartre.

Ihr lautstärkster Sprecher ist der junge Historiker und Ökonom Nicolas Baverez, der mit seinem Bestseller La France qui tombe vor zwei Jahren eine heftige Debatte auslösen konnte. In die gleiche Kerbe wie dieser Bewunderer der Thatcher-Revolution schlagen Michel Camdessus, ehemaliger Präsident des Internationalen Währungsfonds, und Alain Minc, vielseitiger Wirtschaftsfunktionär und Verfasser zahlreicher, schnell verblühter Pamphlete, überdies Vorsitzender des Aufsichtsrates von Le Monde , der ihm täglich wider den Strich schreibt. Der sozialdemokratische Nationalist Chevènement gehört zum Umkreis ebenso wie zahlreiche Unternehmer und Verbandsfunktionäre der besseren Klasse. (Siehe dazu Le Monde vom 25.1.06)

Dutzende von Büchern und Schriften liegen nun vor, die fast alle mit einer ausführlichen Klage über die morose Stimmung im Lande, gar der moralischen Agonie einsetzen, um sodann den tödlichen Mangel an wirtschaftlicher Dynamik und die verkrusteten Strukturen des Staates (siehe unsere Glosse Denken in freudloser Erkenntnis - Ökonomie ) auszumalen. Die Hauptschuld daran geben sie dem wetterwendischen Staatschef Chirac, der in der Tat in dem guten Virteljahrhundert seiner Amtszeit auf verschiedenen Staatsstühlen seine Ideologien und Programme so häufig wie sein Hemd gewechselt hat. Die Déclinologen, die mit vielen ihrer Befunde den richtigen Punkt treffen, vertreten kein gemeinsames Programm, sie organisieren sich kaum in festen Zirkeln. Darin den amerikanischen Neoconservatives ähnlich, wollen sie zwar in ihrer Mehrheit das französisch-westeuropäische Staatsmodell abschaffen, wollen aber nicht frontal die Verfassung der V. République angreifen. Doch diese ist in Vielem die Wurzel des französischen Malaise. Zum Kampf um eine neue Verfassung will noch kaum jemand in Frankreich antreten. Daher bleiben die Beschwörungen der Niedergangschöre fruchtlos, bleiben selber Symptome für die politische Sterilität des Landes. Die Linke, die ja selber oft Sprecherin für die Inszenierung von Untergängen gewesen war, meldet sich kaum zu Wort, sie ist zur Zeit eine négligeable Größe.

Das konservative und strukturell katholische Land gleitet in diesem Jahr in die schwere Krise, die schon seit längerem vorauszusehen war. Ein irgend tauglicher Konservatismus wird dabei nicht wieder auf die Beine kommen. Die Niedergangspropheten werden die kommenden Wirren als krächzende Raben nur begleiten. Neues zu melden haben sie nicht.

Denken in freudloser Erkenntnis: Ökonomie

 

Strukturen - Mathematikern, Geologen, Chemikern, Biologen bedeutet dieser Grundbegriff für das dynamische Gefüge einer komplexen Einheit hohe Erkenntnislust, Reinheit der Anschauung. Nicht so den Ökonomen. Sie benennen Strukturen fast immer als verkrustete, die die reinen Beziehungen der an sich reinen Marktkräfte und -subjekte an ihrer freien Entfaltung hindern. Unverkrustete, saubere Strukturen kommen in der Sprache der Ökonomen und ihrer Medien nicht vor. Die verkrusteten Strukturen enthalten, da lebensfeindlich, in sich die Aufforderung, sie zu reinigen oder gar abzuschaffen. Befallen und aufrechterhalten wird die Verkrustung der Strukturen an erster Stelle vom Sozialstaat. Aber auch die Organisation des Steuerwesens und das Justizsystem sind im Prinzip verkrustet. Das ist allerdings in allen modernen Staaten seit jeher der Fall, von der Verkrustung gibt es keine Ausnahme. Warum und wieso, bedenken die Ökonomen nur ungerne. Für sie müssen die verkrusteten Strukturen festgestellt und unermüdlich denunziert werden, damit "die Politik" sie endlich abschaffe und säubere.

Großmeister in der Anklage der v. S. in Deutschland ist der Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung, Hans D. Barbier. Lange Zeit in der Frankfurter Allgemeinen wirtschaftspolitischer Redakteur und glänzender liberaler Agitator, hat er die v. S. als das große Staatsübel angeschuldigt. Der liberale Kämpfer ist ohne seinen Lieblingsbegriff nicht zu denken. Erst neulich wieder, in der FAZ vom 17. Februar: "... Die Altmitglieder der EU mit ihren verkrusteten Sozialstrukturen und mit ihren vermachteten Arbeitsmärkten..."

Der Sozialstaat wird von Barbier und auf den FAZ-Wirtschaftsseiten kaum je anders denn als Wucherung aufgefasst, als lebensfremder Befall: "... Vielleicht wächst in Deutschland eines Tages wieder ein politisches Temperament von charismatischem Format heran, dem es gelingt, große Mehrheiten für ein beherztes Zurückschneiden sozialstaatlicher Wucherungen zu mobilisieren..." (23.2.06)

Wie weit das Zurückschneiden der verkrusteten sozialstaatlichen Strukturen gehen, wo es seine Grenze haben soll, geben die Ökonomen und ihre Leitartikler nie an. Es dürfte, da die reale Marktgesellschaft immer unrein ist, an kein Ende kommen. Die Ökonomen sind im Grunde ihres Herzens Reinheitsfanatiker, Utopisten, die nicht anerkennen können, dass sich die Welt seit jeher in Verkrustung und Unsauberkeit aufrechterhält. Dafür werden sie bestraft. Wenn Naturwissenschaftler und Mathematiker sich am Betrachten der Struktur erfreuen können, sind die traurigen Ökonomen dazu verurteilt, auf Ewigkeit die Verkrustungen wegzunagen, ohne ans Ziel zu gelangen. Sie sind vom Weltgeist immer schon ins Purgatorium verstoßen.


mail@claus-koch.com

Die nächste Ausgabe erscheint am Freitag, den 24. März.

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