Lagebestimmung: Frankreich – weiter
so!
Sollten die französischen Zustände
sich noch weiter hinziehen und sogar verschlimmern, so wäre
es nicht schlimm. Nicht schlimm für Frankreich und nicht schlimm
für Europa. Es könnte vielmehr zum Guten gereichen, wenn
diese Zustände sich zuspitzen würden – und wenn sich
auch das übrige Westeuropa davon anstecken ließe. Denn
für diesmal gilt das Wort, das der europäische Demokrat
sonst zu Recht verachtet: Es muss noch viel übler kommen,
ehe es besser werden kann.
Für das erstere, die Verschärfung
in Frankreich, bestehen gute Chancen, für eine Verbreiterung
des Flächenbrandes scheinen die Verdauungs- und ideenträgen
Unionseuropäer nicht reif. Überreif dagegen ist Frankreich,
dessen politische Anomalie, die Verfassung der V. Republik, eine
Hauptursache dafür ist, dass sich eine Panne des politischen
Managements in wenigen Wochen zur explosiven Situation entzünden
ließ. Es steht auch schon der schwarze Ritter bereit, der
das Land aus seinem Malaise reißen und und in eine vorrevolutionäre
Stimmung treiben könnte: Der Spät- und Neobonapartist
Nicolas Sarkozy, zur Zeit Innenminister und Präsident der
herrschenden Chirac-Partei, die jetzt in heller Verwirrung begriffen
ist und sich vermutlich bald selbst zersetzen wird. Chirac, der
allein das Recht zur Auflösung des Parlaments und zur Bestellung
der Regierung hat, ist seiner Partei schon seit einigen Jahren
nicht mehr Herr, ist von ihr als Integrator abgeschrieben, fast
alle wünschen seinen Abgang. Es wäre nunmehr ein Abgang
in Schande. Aber das Land muss ihn bis zum Ende seiner Amtszeit
in rund einem Jahr ertragen. Dabei kann er in inneren und in den
europäischen Dingen aufgrund seiner puren Schwäche noch
etwas Unheil anrichten.
In der Verfassung der V. Republik kann Frankreich
nicht geheilt und in Ordnung gebracht werden. Aber noch hält
die Mehrheit der politischen Klasse in allen Parteien an ihr fest,
aus Angst vor einem Fundamentalkonflikt, auf den sich niemand einstellen
mag. Auch den Sozialisten, die, ebenfalls aufgrund der Verfassung
mit ihrer plebiszitären Schilderhebung des Staatschefs, im
Parlament auf ein Fünftel der Sitze reduziert ist, bleibt
die alte Verfassung tabu. François Mitterrand, der sie in
seinen jüngeren Jahren bekämpft hatte, durfte in seiner
vierzehnjährigen Präsidialzeit reichlich davon profitieren.
Nun muss sie den verfallenden Greis Chirac aufrechterhalten, damit
das Malaise noch für eine Weile das System und die verwirrte
Regierungspartei UMP zusammenhält. Diese Lage ist nahezu eine
Garantie dafür, dass Frankreich aus seiner ziellosen Unruhe,
die keine Revolutionäre produzieren kann, so bald nicht herausfindet.
Die jetzige Wirrnis ist, wie bei Revolten des öfteren
der Fall, absichtslos und ohne aufständlerische Führung,
und von der Regierung Villepin selber ausgelöst worden. Aufgeschreckt
von der chaotischen Revolte in der Pariser Banlieue im vergangenen
Spätherbst, griff der Ministerpräsident, ein Mann aus
dem Technokraten-Serail und ohne Wählerbasis, mit einer unvorbereiteten
Maßnahmepolitik ein. Um Arbeitsplätze ohne große
Sozialkosten für schlecht qualifizierte Jugendliche, insbesondere
auch Immigrantenkinder, zu generieren, ließ er den Kündigungsschutz
für Berufseinsteiger auf zwei Jahre absenken. Der konnte die
Arbeitgeber, auch die industriellen, wenig begeistern; es wird,
auch wenn das in Panik abgestimmte Gesetz sogleich wieder revidiert
werden wird, auch nicht zu vielen Neueinstellungen führen.
Die Gewerkschaften konnten sich nicht gleich in Kampfstellung dagegen
ordnen, mussten das aber wenig später nachholen. Sie mussten
in die Rolle der Ordnungskraft eintreten. Hier nun beginnt ein
politischer als ein pseudopolitischer Prozess, wie ihn niemand
so gut inszenieren kann wie die Franzosen. Die Familien der marginalisierten
Jugendlichen, die im vergangenen Jahr das Chaos anstifteten, waren
zum Teil schon vor dreißig und vierzig Jahren in den Massenquartieren
der Cités genannten Vorstädte um Paris herum
angesiedelt worden. Damals wollte man die Kernstadt, die heute
nur noch rund zwei Millionen Einwohner beherbergt, von den arbeitenden,
armen und potentiell gefährlichen Unterklassen entleeren,
um Platz für das Personal der Wirtschaftsmetropole zu schaffen.
Dieses Personal hat sich im Zuge von Europäisierung und Globalisierung
stark vermehrt und verdichtet. Die classe laborieuse ,
immer der Revolution verdächtig, sollte der classe aisée ,
den oberen und mittleren Klassen der meritokratischen Gesellschaft,
Platz machen und zugleich neutralisiert werden.
Doch wenn nun die Arbeitsjugend der Banlieue
mit blinder Revolte die Krise ausgelöst hatte, war es die
Gymnasiasten- und Studentenjugend, die nun die Entzündung
in der Stadt weiter trug und damit auch der schnell reagierenden
Provinz die Signale setzte. Die wütenden Jungen der Banlieue
traten bald in der Schatten der Mittelklassen, die von der Durchlöcherung
des Kündigungsschutzes einstweilen weniger betroffen sind.
Für viele draußen in den cités ist
das Regierungsprojekt nicht uninteressant, sie nehmen lieber einen
prekären Job, als auf der Straße zu bleiben.
Die Studenten und die Gymnasiasten, erst einmal
von der jährlich wiederkehrenden Protestlust getrieben, wurden
sich zum guten Teil erst im Verlauf ihres Protests klar darüber,
dass es hier auch um ihre Lebensperspektive geht. Das Baccalauréat
ist längst kein Diplom mehr, mit dem sich eine sichere Aussicht
verbindet. Und die meisten Eltern, die es sich leisten können,
schicken ihre Kinder nicht mehr auf die Universität. Dort
kann man heute nicht mehr die Qualifikation zu den Berufen der
leitenden Schichten erwerben, allzuviele werden nach dem ersten
Jahr ausgesiebt, ohne einen Ausweis ihrer Berufsbefähigung.
Wer oben bleiben oder nach oben kommen will, muss in die Elite-Akademien
gelangen. Nicht von ungefähr blieben auch die Schüler
der Pariser Elite-Gymnasien zuhause und bereiteten die fälligen
Prüfungen vor, die von einem Teil der Protestierenden abgeschrieben
werden müssen.
Ziellos und halb informiert, bekam der Protest
erst mit seiner Dauer das Problem dieser Jugend ins Visier. Mit
der Globalisierung, die die französische Wirtschaft dem raschen
Strategiewechsel der internationalen Finanzmärkte unterwirft,
geraten auch die Mittelklassen ins Rutschen. Die weiterhin stabile
Oberklasse, die bei der Internationalisierung des Kapitals gut
mitspielen kann, fügt sich mühelos der globalen classe
dirigente ein, hält deswegen wenig vom ökonomischen
Patriotismus und von einem protektionistischen Europa. Hier lässt
sich denn auch eine symbolische Verbindungslinie zwischen der Ablehnung
des europäischen Verfassungsentwurfs im Mai 2005 und den heutigen
Jugendprotesten ziehen. Und vermutlich müssen das auch die übrigen
Europäer demnächst schärfer reflektieren: Wenn die
Marktgemeinschaft, entstanden aus der Zusammenfügung der wohlfahrtsstaatlichen
Ordnungen, viel zur Aufhebung der nationalen Klassenkonflikte beigetragen
hat, so muss es widersinnig erscheinen, dass sie nun die Bildung
einer globalen Herrschaftsklasse unterstützt. Denn darauf
läuft die gemeinsame EU-Politik mit ihren Entstaatlichungen
und ihren internationalen Neuvermachtungen hinaus. Damit dies ganz
begriffen wird, braucht es noch etwas Lernzeit. Den jungen Franzosen
ist weitere Ausdauer zu wünschen.
Geplant veraltet: der Selbstruin des
Staates
Zwei Problemskizzen, die in den vergangenen
Monaten an dieser Stelle erschienen, endeten mit der Ankündigung: “Wird
fortgesetzt.” Zuerst in der 54. Ausgabe vom 16.12.05 “Der Staat
als sein Eigentum – und wie er es loswird”. Sodann “Vom guten und
vom schlechten Leben” in der 57. Ausgabe vom 19. Februar 2006.
Die Versprechen wurden nicht sogleich eingelöst, anderes hatte
sich vorgedrängt, so in der letzten (der 59. Ausgabe) der
Essay “Anwachsende Bedrohung – Lebensdauer” – der ebenfalls mit
dem Verweis auf eine Fortführung beschlossen wurde. Das wird
eingehalten werden.
Jene beiden Skizzen sind eingeflochten in zwei
Problemstränge, die in dieser Zeitschrift von Anfang an gepflegt
worden sind. Zum einen die prekäre Fortdauer des europäischen
Staates, dem sein Standgrund weggleitet, der aber noch immer überall
anwesend sein muss und unersetzlich ist. Auch eine institutionenfeindliche
Marktgesellschaft kann ohne ihn und seine umständlichen Ordnungen
nicht bestehen. Hier geht es insbesondere um die Legitimität
und die Moral eines still weiterwuchernden Gefüges, das gegen
sich selbst blind ist. Gleichwohl genießt es als Steuerstaat
wie als Rechtsordnung weiterhin Loyalität – und wird zugleich
verachtet. Dieser Staat besteht fort im beständigen Verfall
seiner Autorität. Er ist gefesselt in eine dynamische Blockade,
weil er unfähig ist zu seiner Reformierung, die ihm neue Autorität
verschaffte. Er ist mit seinen Bürgern in gegenseitiger Ausbeutung
verbunden. Unfähig, eine bestimmte Richtung zu bezeichnen
und einzuschlagen, trägt er selber zur Orientierungslosigkeit
seiner Bewohner bei.
Der zweite Diskussionsstrang, den der neue Phosphoros
pflegt, ist mit dem Stichwort der medikalisierten Gesellschaft
bezeichnet. Das soll heißen, dass die Individuen, die in
den zweieinhalb Jahrhunderten der Industriegesellschaft vor allem
durch organisierte Arbeitsteilung gesellschaftsfähig gemacht
worden waren, mehr und mehr mithilfe der biotechnischen Steuerung
ihres Lebens auch ihre sozialen Beziehungen ordnen müssen.
Vergesellschaftung setzt eine “Biologisierung” voraus, die jeder
Mensch, zumindest in der westlichen Zivilisation, selber in die
Hand nehmen muss. Die Biotechnik treibt die Individuen zu einer
bewussten Kontrolle ihres einmaligen Lebens, damit sie eine kollektive
Organisation, also Gesellschaft, aufrechterhalten können.
Gelingt dies nicht, führt die Technik zum Absturz in eine
neue Barbarei, in Un-Gesellschaft. Wie sie aussehen könnte,
lassen heute die chaotischen Situationen der kommunikationssozialen
Ordnungslosigkeit ahnen. Medikalisierung bedeutet also nicht einfach
Prothesenwelt von der Zeugung bis zur Lebensauflösung, sondern
auch den Zwang zu einer Gemeinschaft, die durch ständige Bewegung
und durch die Verbesserung ihrer Kunstmittel die Bürger /
Konsumenten aneinander bindet. Sich, mit einem altmodischen Terminus
zu reden, “gesund zu erhalten”, kann in der medikalisierten Gesellschaft
nicht ins Belieben der Einzelnen gestellt bleiben. Wenn man dem
Fortschritt einen Sinn, einer Richtung in der Zeit zuspricht, so
wäre die Medikalisierung eine bedeutsame Etappe.
Die beiden Diskussionsstränge werden für
diesmal ineinander geführt, um damit neue Themenkonstellationen
zu gewinnen. Die Gelegenheit dazu ist günstig, ja unumgänglich.
Die verwirrte Selbstruinierung des europäischen Sozialstaats
trifft zusammen mit dem mächtigen Sog der Biotechnik, die
sich anschickt, zur Leitökonomie zu werden.Dafür müssen
die institutionellen Voraussetzungen geschaffen werden. Die sozialstaatlichen
Ordnungen mit ihren kontur- und steuerlosen “Gesundheitssystemen” taugen
nicht dafür, sind auch kaum zu reformieren. Ihre Verwalter,
gerade auch die Sozialpolitiker, verstehen diese Drift zur medikalisierten
Gesellschaft selber nicht. Sie müssten ja die Notwendigkeit
einer Umwälzung begreifen können. Das aber verbietet
ihnen ihre Rolle.
Unter der Dominanz des globalen Finanzmarktes,
so lautet die erste – und nicht neue – Feststellung, verliert der
europäische Staat nicht nur an Substanz, wie sie ihm im wohlfahrtsstaatlichen
Jahrhundert zugewachsen ist. Die Substanz besteht vor allem in
seiner Regelungskraft, aber auch in den öffentlichen Gütern,
die er erworben und mithilfe von Gebühren, Steuern und selber
organisierter Kompetenz vermehrt hat. Dieser Staat begibt sich
aber selber auch seiner Legitimität, ja er zerstört sie
gewissermaßen mit eigener Hand. Er lässt sich nämlich
zwingen, die Staatsbürger zu korrumpieren. Er macht zum bloßen
Agenten und genießt keine Achtung mehr. Am wenigsten geachtet
wird er von der dominierenden Schicht der großen Kapitaleigner,
die sich darauf verlassen können, dass sie selber aus jeder
gelungenen Staatsaktion den größten Gewinn erzielen.
Der Agent Staat unterminiert seine Legitimität
an erster, wenn auch nicht an einziger Stelle durch die Formen,
in denen er öffentliches Eigentum in handelbares Gut umwandelt
und es dann veräußert. Die Veräußerung geht
zwar in erster Linie an die großen internationalisierten
Investorengruppen, sie schafft und fördert aber auch absichtlich
Millionen von Kleinaktionären. Die Paradebeispiele waren im
letzten Jahrzehnt die Staatsmonopole der Energiewirtschaft und
der Post- und Telekommunikationsdienste. Diese Millionen neuer
Kleineigner an ehemals staatlichem Eigentum bestehen hauptsächlich
aus beruflich Erwerbstätigen und Rentnern, die hier scheinbar
profitablere Gewinne erwerben dürfen als vom Postsparbuch,
von Staatsanleihen oder von Obligationen. Der Staat vermag zwar,
sie durch günstige Verkaufsbedingungen zur Eignerschaft zu
verlocken, aber er kann aus ihnen keine Geldunternehmer machen.
Unternehmerfähigkeit aber soll in der Marktwirtschaft die
wichtigste Bedingung für Geldeigentum sein, zumal wird die
börsengesteuerte Aktienanlage benötigt, um den Prozess
der Produktionssteuerung durch technischen Fortschritt auf die
günstigsten Wege zu lenken. Dazu soll auch der kompetente
Staat durch Sicherheitsregeln und durch Rechtsetzung seine Hilfe
leisten.
Der Fortschritt, zu dem die Investoren antreiben,
besteht nicht zuletzt in stetiger Verbesserung der Arbeitsproduktivität.
Die Konsequenzen daraus, also an erster Stelle Arbeitslosigkeit,
hat der Staat zu bewältigen. Das müssen auch die Kleineigner
als meist abhängige Erwerbsbürger fordern. Diese jedoch
sind nun in sich gespalten, als Arbeits- und Erwerbsabhängige
und als Spekulanten. Diese, in sich widersprüchliche Doppelrolle
lähmt sie als unabhängige Staatsbürger – ein Grund
für das tiefsitzende Ressentiment auch der Kleineigner gegenüber
dem Staat, der nun von allen für unfähig erklärt
werden kann. Mit anderen Worten: Der Staat macht sich durch die
Entöffentlichung seines Eigentums die Bürger zum Feind,
weil er sie zwar in ihrer Gewinnsucht verführt, sie aber nicht
dazu befähigen kann, ihre Spekulation vernünftig zu beherrschen.
Die dem Kleineigner gewährte Gunst des billigen Profits macht
sich also der Staat selber zum Danaergeschenk.
Gäbe es in Deutschland eine theoretische
Debatte über den Staat, eine Staatsphilosophie, so müsste
sie die Frage stellen: Ist diese Denaturierung des Wohlfahrtsstaates
in ihm selbst angelegt oder verdankt sie sich primär dem übermächtigen
Druck des kapitalistischen Gestaltwandels? War dieser Selbstverrat
des Staates, der sich seine Bürger entfremdet, indem er sie
unter der Devise “Eigeninitiative” zu dilettantischen Ökonomen
macht, unumgänglich? Wäre es so, so würde das bedeuten,
dass der Staat, zum Zuhälter geworden, die Emanzipation seiner
Bürger behindert und fehlleitet, um selber recht und schlecht überleben
zu können. Die Musterfigur des staatlich generierten Kleinaktionärs,
der gerade durch sein Bisschen Eigentum zum Opfer zu machen ist,
wäre dann im Grundmuster des spekulierenden und daher nicht
mehr “innovativen” Staates zu suchen.
Der Kleineigner, der vor allem auf die Wertvermehrung
seiner Papiere achtet und nur von einer Vierteljahresabrechnung
zur nächsten denkt, ist selber risiko- und Erneuerungsfeindlich.
Er begünstigt die meist kurzfristigen Kapitalerfolge, die
durch eine economy of scale und schnelle erhöhte
Arbeitsproduktivität erzielt werden können, von denen
die global players an erster Stelle leben. Er wird dagegen
Investitionen scheuen, die Veränderung der gesellschaftlichen
Organisation verlangen. Das ließ sich zum Beispiel in den
90er Jahren an der Pharma- und Life-Science-Industrie beobachten:
Ihr liefen in Scharen die Aktionäre und die Investment-Banken
davon, als sich die versprochenen biotechnischen Produkte, so auch
die leichtsinnig versprochene Gentherapie, nicht schnell genug
einstellten. Mit Anlagen in der Kommunikationsindustrie ließen
sich schneller Spekulationsprofite erzielen – die dann mit dem
Platzen der Internet-Blase im Jahr 2000 sich jäh in schwere
Verluste umkehrten. Mit dem Platzen der nächsten Blase, die
sich soeben mit hohem Tempo füllt, wird man Weiteres erfahren.
Einige Millionen Kleinkapitalisten, die diesmal dran sein werden,
also vor allem Immobilieneigentümer, könnten schon jetzt
Heftpflaster und Schutzverband bereitlegen. Auch bei dieser Massenspekulation
hat der Staat seine Hand im Spiel.
Als politisches Gebilde lässt sich dieser
europäische Staat eine nachrepublikanische Demokratie nennen.
Das republikanische Element ist darin weitgehend getilgt, voran
das unmittelbare Verhältnis des Citoyen zum Staat, der seine
Souveränität nicht mehr auf den Bürgerwillen stellen
kann. Seit sich die meisten dieser Demokratien der allgemeinen
Wehrpflicht entledigt haben und stattdessen berufsmilitärische
Angestellte für ihr Gewaltpotential beschäftigen, haben
sie den Citoyen eingebüßt, zugunsten des Konsumenten
/ Bürgers. Er betrachtet den Staat immer weniger als den Adressaten
seiner patriotischen Bedürfnisse, ist auch nicht mehr bereit,
die politische Klasse als Elite zu respektieren. Zumal in Deutschland,
das kein republikanisches Erbe mit sich trägt, stellt sich
das Staatsmanagement, gebildet aus den Flügeln der “Einheitspartei”,
die keine politische Lücke lässt, gerne als Verwaltung
des Dienstleistungsstaats dar. Damit erledigt sich auch die Frage
der Legitimität. Souveränität ist hier nur eine
rhetorische Leerfloskel, grotesk ist daher auch die Journalistenphrase
von den Wählern als dem Souverän.
Dieses Gemeinschaftsunternehmen Staat ist, wie
in der ersten unserer beiden Skizzen dargestellt, nicht mehr der
ganze Staat, eine Kollektivnatur, die aus sich zu verstehen wäre
und doch ein Ganzes repräsentiert. Dieses Unternehmen hat
die Einhaltung der Ordnungsregeln in einer nach wie vor konservativen
Gesellschaft zu besorgen, was in den meisten europäischen
Demokratien auch hinreichend gelingt. Er hat zugleich diese konservative
Gesellschaft, soweit es auf seine Institutionen ankommt, in angemessener,
das heißt mäßiger Bewegung zu halten, damit sie
der Marktdynamik sich hinreichend anpassen können. Er darf
also dem Konsumenten / Bürger die von der Marktideologie geforderte “Modernisierung” nur
in kleinen Dosen zumuten. Modernität im reinen Sinne des Begriffs
vertragen sie nämlich nicht, die Europäer ebenso wenig
wie die Amerikaner.
Das kapitalistische Pathos, dem sich auch die
europäischen Massen nicht entziehen oder ihm gar Widerstand
entgegensetzen können, verlangt vom Staat und von den Regierungen
eine ständige und angestrengte Modernisierung – die jedoch
angesichts des zähen Bewahrungsinstinkts nicht geleistet werden
kann. Modern in ihrer inneren Organisation können nicht einmal
die Unternehmen sein, die diese Parole vor sich her tragen. Konservativ
sind die europäischen Gesellschaften, die im übrigen
allesamt auf ihren überkommenen Korporatismus nicht entbehren
mögen, fast in jeglicher Hinsicht. Konservativ sind sie in
ihrer Status-Symbolik, die meist jahrhundertealt ist, ebenso wie
in ihren offiziellen wie informellen Rangordnungen, die immer eine
repräsentative Spitze verlangen, selbst wo sie ohnmächtig
und verantwortungslos bleibt. Konservativ sind diese Gesellschaften
in ihrem Alltags- und Konsumverhalten, das sich aus dem industriellen
Zeitalter nur wenig entfernt hat, ebenso wie die moralischen Generationenverhältnisse.
Das vierköpfige Familienstereotyp, das die Werbung für
die meisten Konsumgüter benutzt, blockiert das Bedürfnis
der Modernität, nicht anders der tägliche Fernsehappell
an die Dreißigjährigen, schon jetzt für ihr Alter,
die Jahrzehnte des Untätigseins, in Vorsorge zu investieren.
Konservativ ist auch der unmäßige Tourismuskonsum, an
dessen Steigerung die Rentnergenerationen immer größeren
Anteil haben. Wenn noch vor zwei Generationen das Alter eine Beschränkung
von Raum- und Energieverbrauch mit sich brachte, so ist es heute
eher umgekehrt. Die Alten können nicht zurückgezogen
leben, sie vergeuden hingegen im Übermaß Raum und Energie.
Ihr Konsum ist alles in allem modernitätsfeindlich und hält
vor allem bedeutungslose Dienstleistungen von geringem Neuerungswert
in Gang.
Konservativ und antimodern ist insgesamt die
Relax-Kultur aller Generationen. Sie hält die Europäer
nach dem amerikanischen Vorbild in Bedürfnissen und Lebensklischees
des Industriezeitalters fest. Die Zeitgenossen, und zwar in allen
Generationen, ergehen sich nach wie vor in Wunschbildern und Befriedigungen
von körperlich schwer arbeitenden Industriemenschen in hierarchisch
geordneter Organisation. Sie suchen in ihrer freien Zeit zumeist
eine Erholung des verbrauchten Körpers, wobei sie auf relative
Gleichheit Wert legen. Auch in der nach-industriellen Kultur sollen
sich die Konsumenten / Bürger bei jeder Gelegenheit so weit
wie möglich entspannen und sich von Anstrengungen jeder Art
fernhalten, sofern sie “sich nicht rechnen” und allenfalls Billigunterhaltung
genießen, was heißt: sich zeitweise infantilisieren.
Es ist nur eine aufgesetzte Modernität,
die der europäische Massenindividualist erträgt, der
er allerdings auch braucht, um sich in seiner kleinbürgerlichen
Resignationsmoral schützen zu können. Modernität
als Lebensführung in Unabhängigkeit, die aus eigenem
Urteil gewonnen ist, überfordert ihn, sie geht über seine
Kräfte (was auch für die meisten Intelligenzberufe und
die Intellektuellen gilt). In dieser ängstlichen Antimodernität
können die Europäer schwerlich lernen, mit ihrer Natur,
mit ihrem Körper verständnisvoll und vernünftig
umzugehen. Dieser Umgang verlangt nämlich einigen Mut – und
staatliche Unterstützung. Warum und auf welche Weise dies
nicht gelingt, zeigen beispielhaft die Hilflosigkeit gegenüber
der Pandemie Adipositas im Kontrast zu der Unfähigkeit, prophylaktisch
mit den Konsequenzen der Genomik, der biotechnisch gestützten
und organisierten Reproduktion, schließlich mit dem Erfordernis
einer prädiktiven Medizin umzugehen (siehe hierzu Krankheit
als Schuld in unserer 24. Ausgabe, 12. März 2004).
Alles Dringlichkeiten, die seit längerem auf der Agenda stehen.
Wo staatliche Regulation aufgrund der bestehenden Rechtssysteme
unumgänglich ist, wird sie nur zögernd und prinzipiell
defensiv angelegt, das heißt als Abwehr zur Verteidigung
der alten Institutionen, etwa der Weitergabe von Eigentum in Blutserbschaft.
Der Staat, der sich aufrechterhalten muss, indem
er sich selbst verzehrt, ist also mit einer Gesellschaft verklammert,
die unter dem Zwang eines unerbittlichen, sehr eiligen technischen
Fortschritts ihrer selbst nicht gewiss sein kann. Ihr Zustand inmitten
der biotechnischen Verwirrungen, die auch große Erwartungen
bergen, verlangte heute neue Institutionengefüge, wie sie
ihrerseits von den Nöten der Überalterung einer antimodernen
Arbeitsgesellschaft erfordert werden. Hier häuft sich ein
Explosionsstoff, der alles umfasst, was man heute “gesellschaftlich” nennt.
Für weitere Fortsetzungen dieser Fortsetzung ist gesorgt.
Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen
Deutsche Physiognomien
Nun haben also die eigenen Leute den Deutsch-Banker
Rolf Breuer gestürzt. Banquier mochte man ihn nicht nennen,
wie zum Beispiel seine Vorgänger Abs und Klasen, auch noch
Herrhausen, den die RAF umbrachte. Die Deutschbank ist auch kein “Haus” mehr,
kein “Institut”, wie sie sich gerne nennen ließ. Im deutschen
Publikum weint dem präpotent auftretenden Mann wohl niemand
eine Träne nach, selten noch war ein Manager im westlichen
Deutschland so unbeliebt. Die Deutsche Bank hat heute kein Gesicht
mehr zu verlieren, Breuer war ihr letztes. Fürs angeborene
Reptilienauge kann er nichts, wohl aber, wie man es von jedem Vierzigjährigen
verlangen darf, für sein gesamtes Gesicht. Angesichts der
Feigheit aller Fachjournalisten muss man sich die Taktlosigkeit
nehmen, das auszusprechen.
Breuer musste ausgerechnet über den Filmhändler
Leo Kirch stolpern, den Kohl-Freund, dessen Gesicht nicht sympathischer
anmutet. Er besaß immerhin lange Zeit den Takt, sich öffentlich
wenig zu zeigen. Doch in diesem Gewerbe kommen Leute, mit denen
man sich in einem besseren Salon befinden möchte, selten vor.
Alle diese deutschen Antipathen stach kürzlich der Chefredakteuer
der BILD aus, der sich in aller Journalisten-Schmierigkeit dem
verlegenen Papst aufdrängte, um ihm eine Protz-Bibel zu überreichen,
ein Produkt seines Hauses, das wohl kein anständiger Christ
anfassen möchte. Man konnte mit Papst Benedikt, der sich diese
Type gefallen lassen musste, geradezu Mitleid haben, es war eine
Demütigung der Katholischen Kirche. Der etwas vornehmere Ton
von Springer und Döpfner kann das nicht gut machen. Es scheint
jetzt doch so weit, dass man die übrigen Europäer um
Nachsicht für diese Elite-Köpfe bitten möchte.
Krieg ohne Heimkehr
Tony Judt liefert in The New York Review
of Books (vom 23. März) eine umfangreiche Rezension
der historischen Studie The Cold War: A New History von
John Lewis Gaddis. Judt kritisiert die triumphalistische Haltung
des Autors, der diese viereinhalb Jahrzehnte des alles überschattenden
Weltkonflikts einseitig aus der amerikanischen Sieger-Perspektive
analysiere. Gaddis ignoriere nicht nur die sowjetischen Quellen,
die sich seither aufgetan haben, sondern beachte auch kaum die
zahlreichen Stellvertreterkonflikte und Stellvertreterkriege,
die unter der Überwölbung der großen Abschreckung
die damalige Welt markierten. Ein guter Kenner der amerikanischen
Abschreckungsstrategie, frage der Autor wenig nach ihrem sowjetischen
Pendant und seinen Motiven, die doch dem stabilen System der “mutually
assured destruction” (MAD) seine lückenlose Haltbarkeit
verschafft haben.
Judt meint, Gaddis, ein entschiedener Verteidiger
des Irak-Krieges, werde einen Leser-Erfolg haben, weil er auf der
Linie von Bush und seiner Welt-Strategie liege. Nun mag es sein,
dass die Mehrheit der heutigen Amerikaner die Weltgeschichte seit
dem letzten Weltkrieg als einen ungebrochenen Zug ihrer vernünftigen
Gewaltausübung verstehen. Wenn dies so ist, brauchen sie freilich
diese Geschichte nicht zu lesen, weil alle Geschichte sie ohnehin
bestätigt. In der Tat, die meisten Amerikaner können
die Jahrzehnte des kalten Krieges nicht als Epoche verstehen, der
eine andere Epoche vorangegangen war, der dann eine neue Epoche
folgen sollte. Der kalte Krieg hätte sie somit nichts gelehrt.
Und sie hätten die eigenartige Machtkonstellation, in die
sie sich ihre Regierungen ziehen ließen, nicht begriffen.
Das wäre nur das Übliche. Nationen, die sich als Sieger
sehen, verstehen ihre eigene Geschichte nicht. Sie haben das auch
nicht nötig, zumal wenn sie imperialen, also einmaligen Rang
erreicht haben. Ohnehin haben die Amerikaner, die sich ihrer Rolle
als Gerechtigkeitsbringer in einer Heilsgeschichte gewiss sind,
gern das Henry-Ford-Wort zur Hand: History is bunk.
Gelegenheit zu fragen, ob denn den Deutschen
der kalte Krieg als eine Epoche mit ihren tiefen Zäsuren heute
gegenwärtig sei. Das ist zu bezweifeln. Die jüngere Generation
kann diesen Geschichtsabschnitt, den sie als Epoche nicht durchlebte,
leicht übersehen. Sie kann sich ohnehin nur bewusst machen,
was sie selber erlebt. Epoche gibt es da nicht. Das unterscheidet
sie zum Beispiel vom Jahrgang 1902 und von den Jahrgängen
1919 bis 1922. Diese lebten, an den Rändern des I. Weltkriegs,
bewusst in Epoche, hatten dafür auch ihre Bilder und ihre
Begriffe. Für die Jungen von heute, die in großen Bewegungen
der Zeit nicht leben können, haben auch die Schullehrbücher
wenig zu sagen. Und als Ausstellungsevent, also die nun übliche
Darstellungsmethode, lässt sich der kalte Krieg schwerlich
inszenieren, die Kuratoren finden kein Interesse daran.
Immerhin, es leben noch zwei Generationen, die
Mehr-als-Vierzigjährigen, die Zeitgenossen des kalten Krieges
und seines jähen Endes waren, also davon geprägt sein
sollten. Zu ihrer Zeit stand Deutschland im Focus der planetaren
Gewaltprojektionen. Mit seinem westlichen wie mit seinem östlichen
Territorium war Deutschland als klarer militärischer Schauplatz
jederzeit vor Augen. Es war zweifache Geisel im west-östlichen
Drohgefüge. Dem entsprechen die ideologischen Gegensätze,
kein erwachsener Deutscher konnte freibleiben vom Verdacht des
Verrats. Hier lag die Schnittstelle der atomaren Drohpotentiale,
auf jedem Quadratmeter lastete auch das Weltgewicht. So war es
ja auch in den Plänen der atomstrategischen Abläufe,
in den Regeln des tödlichen Erpressungsspiels verzeichnet.
Die Mehrheit der Deutschen hüben wie drüben
machte sich jedoch kaum quälende Gedanken darüber. Es
war ja, auch im Westen, nicht leicht, sich darüber zu informieren
und es sich bewusst zu machen. Auch die Mehrzahl der damaligen
Politiker, einschließlich der Sicherheitsexperten, begriff
nicht, was das System der “organisierten Friedlosigkeit” bedeutete.
(Dieter Senghaas hat das Wort zu jener Zeit gefunden.) Es gab niemand
, der wie Clausewitz seine intellektuelle Freude an dieser Konstellation
hätte haben können.
In Deutschland verstand man dann etwas genauer
als in Amerika, dass 1989 nicht einfach einem Sieg der USA oder
des demokratischen Westens zu verdanken war, sondern von einer
leisen und plötzlichen Implosion der Abschreckung freigesetzt
wurde. Die verlorene Notwendigkeit zur Abschreckung betraf die
USA ebenso wie das Ost-Imperium. Darüber machte man sich im übrigen
Europa auch einige Gedanken. Doch die Deutschen waren so sehr mit
ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, dass sie den Verlust
der Abschreckung auch hinterher nicht bedenken und somit ihren
Ort nicht politisch bestimmen konnten. Amerika seinerseits war
seit den Reagan-Jahren weiterhin auf seine absolute Abschreckungsmacht
fixiert und lebte in der Erwartung seines Endsiegs, sodass es die
Signale der Implosion nicht lesen konnte. Also fand sich auch niemand,
der die “Friedensdividende”, auf die man in den 80er Jahren gehofft
hatte, einsammeln wollte. In Deutschland haben und hatten nur wenige
politische Köpfe wie Egon Bahr und Helmut Schmidt einen Begriff
vom kalten Krieg und seinem Untergrund. Es war für die Deutschen
eine Strecke der Vergangenheit, aus der nichts gelernt wurde, auch
in diesem Jahrzehnt nichts gelernt werden wird. Aus diesem Krieg
ist niemand heimgekehrt.
mail@claus-koch.com
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