Der neue Phosphoros - 63. Ausgabe - Freitag, den 2. Juni 2006 Druckversion aufrufen
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 In dieser Ausgabe:

Was von Europa bleibt Unterm Rucksack Selbst und Un-Person
Lachzwang Es ist alles uralt  
     

Lagebestimmung:

Was von Europa bleibt – neue Abschiedsgedanken

 

Die Lagebestimmung in der 58. Ausgabe vom 3. März 2006 war überschrieben: “Warum Europa die Europäer nichts mehr angeht”. Es war wieder einmal eine Symptombeschreibung des Verfalls, ein Seufzer über die politische Aphasie, die vom bloßen Wort ausgeht und sich unaufhörlich ausbreitet. Es sollte nicht erlaubt sein, es damit bewenden zu lassen. Denn es geht nicht an, eine solche Pathologie nur zu benennen. Dass das Nicht-Ereignis Europa, das eine Zukunftslosigkeit bezeichnet, nur noch Wenige um den den Schlaf zu bringen scheint, müsste vielmehr ein gellendes Signal sein. Noch sollte man zu sagen wissen, was mit Europa verloren gegangen ist. Wer das nicht kann oder sogar nicht will, sollte auch kein Recht zur Klage über diese Welt haben. Wir fahren mit unserem Versuch fort.

Wer Europa liebt und für Europa hofft, muss heute einsehen, dass die Gemeinschaft der Staaten als Zell- und Lebenskern eines neuen Ganzen eine Illusion war, die mehr als ein halbes Jahrhundert lang gepflegt worden ist. Eine Illusion, die man nicht loswerden kann, eine Vorspiegelung, die notwendig geworden ist, obgleich niemand daran glaubt. Damit die notwendige Lebenslüge Europa aufrechterhalten werden kann, lassen sich alle, die eine öffentliche Rolle zu spielen haben, in dieses Lügengewebe einwickeln. Sie können für ihre Falschspielerei nicht belangt werden.

Jedermann in den europäischen Nationen weiß, dass fast alle politischen Führer in Europa indifferent gegenüber den europäischen Aussichten sind. Indifferent wie ihre Völker selbst, die zumeist nur Einwohnerschaften des Kontinents sind. Sie sind hier anwesend, machen sich aber keine Vorstellung von ihrer Anwesenheit. Also können sie auch nicht unter ihrer Halbheit leiden.

 

Doch schon auf solche Richtigstellung hat niemand heute Lust. Eine Kritik der Lebenslüge Europa und der flachmütigen Nachplauderer einer längst zerstörten Idee hätte keinen Adressaten – sie würde keine Impulse setzen. Die Kritik der Illusion Europa, um eine ehrlichere Sprache über die politische Realverfassung zu finden, bewiese noch einige politische Energie. Niemand bringt sie auf, weil auch die Lüge kaum empfunden werden kann. Wo und von wem wird noch um das verlorene Europa und um die enttäuschten Hoffnungen getrauert, gar gelitten?

Die Illusion Europa wird aufrechterhalten, weil sie in gemeinsamen Institutionen festgefroren ist. Diese können auch immer noch einigen Nutzen beweisen. Sie erlauben immerhin, Standards aufrechtzuerhalten und zum Beispiel Beispiel Neubewerbern um den Einlass die nötigen Minima des zivilisierten Marktverhaltens beizubringen. Die Kraft Europas reicht noch aus, die Interessierten zu einer kapitalistisch-demokratischen Marktgesittung zu disziplinieren. Dass zum Beispiel Bulgarien und Rumänien noch so lange draußen gehalten werden, bis sie hinreichende europäische Marktmanieren gelernt haben, ist gewiss ein Erfolg der alten Institutionen. Ein rechtsstaatliches und menschenrechtliches Minimum von verlotterten Staaten ist erfreulich für das globalisierte Europa. Aber darin liegt noch keine große europäische Bereicherung: Solche Gewinne an Marktterritorium tragen wenig zur Weiterbildung Europas bei. Mehr aber ist heute vom selbstgenügsamen Marktraum, der doch seiner selbst immer weniger mächtig ist, nicht zu erwarten. Mochte den Spaniern und den Portugiesen, als sie vor den Toren warten mussten, Europa noch eine Kulturidee und eine Fortschrittshoffnung sein, den meisten plötzlich Enterbten des Sowjetimperiums ist sie es nicht. Dass Kroatien und Serbien über kurz oder lang zugelassen werden müssen, entspricht bloßer Marktvernunft. Ein nicht in den Markt integrierbarer Raum macht aus verständlichen Gründen Angst. Aber es ist vor allem Sicherheitsbedürfnis, nicht Nachbarschaftsliebe, die dazu treibt. Für Europa ist davon wenig zu erwarten.

Wenn im Mai 2007 nach zwölf Amtsjahren, die von mal zu mal peinlicher wurden, Jacques Chirac zur Erleichterung aller Franzosen abgedankt werden wird, wird der letzte große Falschspieler Europas verschwinden. Wie sein Biograph Franz-Olivier Giesbert schreibt, lag dem ideenlosen Machttaktiker kaum etwas an einem politisch verfassten Europa (La Tragédie du Président, Scènes de la vie politique, Paris 2006, Flammarion). Frankreich in seiner Blockade festhaltend, hielt er gleichwohl an seiner europäischen Führungsrolle fest: Mitgründer und deswegen Verfassungsgeber und moralischer Inspirator zu sein. Einiges davon stimmte noch bei seinem Vorgänger Mitterrand, in dessen Ära der Kommissionspräsident Jacques Delors die europäische Sache bis zur gemeinsamen Währung und zu den Maastricht-Verträgen vorantreiben konnte. Im herrscherlichen Mantel der Nation wurde der Staatschef aus Einsicht zum Förderer der Union. Um Frankreich seine Staatlichkeit zu erhalten, musste die Marktgemeinschaft ihrerseits eine eigne Form der Staatlichkeit und damit eine Verfassung erwerben. Mitterrand konnte Kohl und die Deutschen, die für diese Voraussetzung aller nationalen wie europäischen Politik wenig eigenen Eifer aufbrachten, nie richtig achten. Daher misstraute er auch zu Recht der Wiedervereinigung. Er musste die Deutschen für unfähig halten, sich in dieser günstigen Geschichtskonstellation zur Staatsnation in Europa zu machen. Diese politische Halbmündigkeit, die freilich die Deutschen nicht allein zu verantworten haben, hat im 20. Jahrhundert manches Unheil begünstigt.

Die Konservierung der Staatlichkeit für Europa und die ihm angehörenden Nationen war noch keine historische Großidee. Sie war aber schon zu hoch für die damaligen Europäer. Der windschlüpfrige Chirac, dem es immer nur um persönlichen Machterwerb ging, war zu beschränkt für diesen europäischen Geistesfunken. Aber er musste ihn noch eine Strecke weiterreichen. In der Volksabstimmung vom Mai 2005 erhielt er für seine Lauheit die Quittung von den ebenso beschränkten Wählern, die aus schierem Trotz gegen die schwache Staatsführung den Verfassungsentwurf für Europa verwarfen. Seitdem war der intrigante Staatsmanager ein politisch toter Mann. Frankreich und Europa wurden noch zwei weitere Jahre gezwungen, es mit ihm auszuhalten und sich selbst zu lähmen.

In seinen zwölf Jahren konnte und wollte Chirac die soziale und politische Selbstblockade Frankreichs nicht auflösen. Er bestätigte seine Nation in ihrer Antimodernität und verstellte damit auch die Chancen für ein politisches Europa, wie es Mitterrand und Delors vorgeschwebt hatte. Wie schädlich die nationale Impotenz Frankreichs unter Chirac für Europa geworden war, hat man im Deutschland von Kohl und Schröder, in der FAZ wie in der ZEIT nie begriffen. Um das Desaster für Europa, das Frankreich verschuldete, richtig zu begreifen, hätten die politischen Führungen in Deutschland eine eigene Projektion auf Europa, eine europäische Idee besitzen müssen. Das war jedoch an keinem Tage der Marktgemeinschaft und der Union der Fall. Auch der neuen Bundeskanzlerin fällt zu Europa nichts ein.

Die Politiker aller Parteien und aller Regionen sind zu kraftlos, das abgemagerte Projekt Europa noch einmal zu beleben. Sie müssen es, gerade noch hinreichend beatmet, sich weiterschleppen lassen. Denn alle fürchten sich davor, es ganz aufzugeben. Damit teilt das schon heute alterskahle Marktbündnis das Schicksal manch anderer Institutionen und Bündnisse, die sich in der bipolaren Welt der letzten sechzig Jahre herangebildet haben und seit einem Jahrzehnt in den wachsenden Schatten der Globalisierung geraten.

So steht die NATO, seit langem schwankend und ohne hinreichenden Zweck, inhaltsleer in der Gegend herum, verstellt jedoch den Blick auf eine modernere Organisation zwischenstaatlicher Gewaltandrohung. Einst als Gewaltinstrument mit klaren Funktionen gegründet und mit einem deutlich umrissenen Territorium ihrer politischen Daseinsberechtigung ausgestattet, kümmert das veraltete Militärbündnis dahin. Man braucht es kaum noch, kann es aber auch nicht sterben lassen. Nach dem lautlosen Einsturz des atomaren Drohsystems waren sich die meisten Fachleute darin einig, dass sich diese Organisation erübrigt habe. Dann aber begehrten mehrere Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes den Zutritt zu dem sinnentleerten Gehege internationaler Sicherheit, um auf diese Weise die eigene Staatlichkeit zu stützen und sich vor Russland zu schützen. Wie sich schon wenige Jahre später herausstellen sollte, war der NATO-Ritterschlag eine bloße Geste. Sie bewirkte vor allem, dass der reale Zerfall mit einer Folie überkleidet wurde – und dass die Regierungen von der umständlichen Entscheidung einer Auflösung für längere Zeit bewahrt blieben. Geblieben ist ein zweifelhafter Nebenspielplatz für die Wirrungen, in die sich das amerikanische Imperium immer wieder stürzt.

Nicht viel anders die nebulöse Konstruktion der Vereinten Nationen, ihres Sicherheitsrates und ihrer zahlreichen Agenturen. Soeben wurde ihrem Generalsekretär sein neuester Reformplan zurückgeschickt. Die Vereinten Nationen, zu allererst an die USA gekettet, werden von diesem Mitgründer und scheinbaren Gegner längst missachtet, ja verachtet. Sie dürfen aber nicht aus dem Wege geräumt werden, um einer zweckmäßigeren Einrichtung Platz zu machen. Platz zu machen verlangte ja eine große Anstrengung aus gemeinsamen Geist. Dies aber ließe sich heute vom größten Optimisten nicht erhoffen. So fault die modernde Institution wohl noch auf lange Zeit vor sich hin, eigentlich schon jetzt nur der Schatten einer Institution, der nur wenig mehr repräsentiert. Der erbärmliche Anblick einer Halbruine, die vom Sturm der vitalen Weltfinanzmärkte umweht wird.

Neben NATO, Vereinten Nationen und Europäischer Union scheinen weitere Großorganisationen dieses Schicksal zu teilen. Nie fertig zu werden und sich in sinnerfüllter Gestalt auszufrücken – immer in halber Krise voranzustolpern und alle Beteiligten in Unzufriedenheit zu halten – stets vor dem Stadium des Gelingens zu verharren und stets wieder in Selbstblockaden zu geraten – jedoch nie ganz zu scheitern, sodass ihre radikale Demontage unabweislich wird. So geht es der Welthandelsorganisation, in der das meiste verquer läuft und die daher schon xmal halb oder ganz totgesagt worden ist. So geht es mit den G 8-Treffen, die allzubald zu einer Schau der selbstzufriedenen und reichen Großen gerieten, aber damit erst recht Ungenügen demonstrierten, ohne etwas daran zu ändern. So geht es mit der Weltbank, die den Schwächsten zur Marktfähigkeit aufhelfen soll, damit viel Unzufriedenheit bei den Gebern erzeugt, aber doch nicht abgeschafft werden kann.

Sie alle sollten verbindliche Institutionen und damit dauerhaft haltbar sein, ausgestattet mit einem klaren Organisationszweck, mit funktionierenden Entscheidungssystemen und einer eigenen Zweckmoral. Sie waren gedacht als sterbliche Machtgebilde, die sich durch ihren Erfolg eines Tages selbst überflüssig machen sollten. Als sie gegründet wurden, war immer schon die Intention im Spiel, ihnen durch politische Entscheidung ein Ende zu bereiten – schließlich errichtet man Institutionen in Notlagen, die nicht von Dauer sein sollten. Wenn man eine Institution schafft, kann man ihr schwerlich die Hoffnung mitgeben, sie möge sich durch Metamorphose zu höheren Zwecken umformen lassen.

Sowohl entschiedene Abschaffung wie auch ein krisengeborener Konstitutionswandel scheinen immer schwieriger zu werden in einer Welt, die sich finanzkapitalistisch selbst steuern möchte und sich proteisch wandeln muss. Die globalen Unternehmensverbände mit ihren unaufhörlichen Fusionen und Übernahmen, mit ihren Aus- und Umgliederungen machen es vor. Kaum wurde für eine frische Verschmelzung ein Name, ein Logo gefunden, muss die nichtssagende, geschichtslose Buchstabenfolge schon wieder verschwinden und einer neuen Kombination Platz machen. Nicht anders geht es mit dem leitenden Personal. Die meisten Top-Manager kommen schon nicht mehr in die Lage, sich mit dem gerade von ihnen geführten Unternehmen zu identifizieren, so schnell wechseln sie die die Sessel oder werden ganz von der Szene gefegt. Jüngstes Beispiel dafür ist der glatte Stellungswechsel des ehemaligen Bundeskanzlers Schröder. Er nimmt noch im Nachhinein seinen Taten, die einem spät gereiften Staatsmann zugeschrieben werden konnten, ihr Gewicht. Sie erscheinen wie ein mehr oder weniger gut gelungener Maklerauftrag, nicht aber als bedeutende politische Leistung zur Vermehrung des Gemeinwohls eines nationalen Staates. Der deutsche Politiker hat sich damit nur entschieden in die internationalisierte Managerklasse eingefügt, die der amerikanische Ökonom und Wirtschaftsminister Robert B. Reich mit seinem globalisierten Herrschaftspanorama schon vor fünfzehn Jahren beschrieben hat (The Work of Nations, London 1991, Simon & Schuster). Für Schröder war, wie für Berlusconi, Chirac oder Blair, Europa ein bereitstehendes, aber nicht ganz fahrtüchtiges Vehikel, das auf irgendeine Weise bewegt werden muss, aber nichts von einer zwingenden und verpflichtenden Geschichtsgestalt an sich hat. Eine Institution, die als solche bedient werden muss.

Chirac und Blair werden wie Bush demnächst von der Bühne gehen. Wer auch immer nach ihnen kommt, er wird auf seine Dienstbereitschaft für Europa nicht befragt werden. Es hat sich mit solchem Ehrgeiz noch niemand angeboten. Was das politische Personal angeht, lässt sich also für Europa in den nächsten Jahren nichts erwarten. Der Betrieb als solcher kann weiterlaufen. Die Europa-Ingenieure in Brüssel können sich darauf berufen, dass der europäische Fortgang schon in den siebziger und den achtziger Jahren mehrmals für mehr als ein Lustrum gestockt hat, ohne dass die Gemeinschaft und ihr Zukunftsgeist daran größeren Schaden nahmen. Das, was man damals die “Harmonisierung” nannte, ergab sich wie von selbst. Zwar ist Jacques Chirac mit seiner durchweg schlampigen nationalen wie europäischen Politik der Hauptschuldige für das Scheitern des Verfassungsentwurfs, aber es kommt schon nicht mehr viel darauf an. Es zeigt sich, dass er ohnehin zu spät kam, und dass die vorübergehende Bestürzung in den übrigen europäischen Staatskanzleien folgenlos bleibt.

Es ist eine ganz neue Konstellation der globalen Machtverhältnisse und des globalen Machtverhaltens eingetreten, die von den Europäern noch nicht wahrgenommen, gar begriffen wird. Ob das Europa der Gemeinschaft eine Geschichtsfigur ist, die ihre Stärke aus einer gemeinsamen Kultur und Dutzenden von Staatsbürgerkriegen erworben und geformt hat, kümmert die aufsteigenden asiatischen Weltmächte und das sich erholende Russland so wenig wie das in sich selbst verstrickte amerikanische Imperium. Diese aufsteigenden Mächte kommen gewissermaßen aus dem Nichts. Sie müssen sich weder vor anderen noch vor sich selbst legitimieren, um ihrer selbst gewiss zu werden – wie einst die Europäer. Der verschluderte Verfassungsentwurf war der letzte Versuch, sich eine Legitimität vor der übrigen Welt zu geben und sie mit geschichtlichen Leiden und Taten zu begründen. Ein solches Streben ist Chinesen und Indern Hekuba, ihnen können nur reale Machtverhältnisse etwas bedeuten. Es besagt ihnen auch wenig, dass es die Europäer waren, die aufgrund ihrer Erfahrungen und ihrer politischen Philosophie für die Regeln heutiger Gewaltordnung das Meiste geleistet haben – eben weil sie daraus ihre Legitimität in der modernen Wolfswelt herleiten, herleiten müssen. Denn anders hätte die europäische Existenz ihren Fixpunkt verloren; dieses ökonomische Zweckbündnis hätte der Welt nichts zu sagen.

Der Philosoph Paul Thibaud, der die große Dynamik Europas hervorhebt, empfiehlt mit Jürgen Habermas und anderen die Ausbildung einer liberalen Zivilgesellschaft, die sich über die veralteten Formen des Nationalstaats erhebt (Le Monde, 27.5.06). Der europäische Universalismus müsse sich politisch verfassen und eine gemeinsame Staatsbürgerschaft herstellen. Die Zeichen stehen jedoch nicht danch, im Gegenteil. Die europäischen Nationen scheinen vielmehr widerstandslos in die internationalisierte Klassengesellschaft hineinzugleiten, wie sie sich zuerst in den leitenden Managements und ihrer Schicht ausgeprägt hat. Dort ist ja auch die Masse der noch nationalen Kapitalien versammelt. Ihr entspricht eine internationalisierte Proletarisierung im unteren Drittel, die auch Teile der Mittelschichten ergreift. National geordnet und von ihren sozialstaatlichen Institutionen umfangen, sind diese ehemaligen Industriegesellschaften nunmehr ökonomisch internationalisiert. Daher lässt sich auch die Proletarisierung der ärmeren arbeitenden Schichten als international bezeichnen. Dazwischen bleibt die noch immer breite Mittelschicht in ihrer politischen Lähmung. Sie gehört beiden Sphären an, und das heißt: Sie ist den politischen Standards Europas nicht gewachsen. Sie kann nicht mehr national beseelt sein, kann aber auch keine europäisch-politische Sprache sprechen. Sie ist somit unfähig zur Fortbildung in eine politisch verfasste Zivilgesellschaft, in der die vielen Partikularismen der veralteten Nationen aufgehoben werden könnten. Es sieht jetzt ganz so aus, als würden die Europäer, zu ihrem Glück, wieder krisenfähig. Das heißt leider auch fähig, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen – und ihren kaum noch gedeckten Zivilisationsstandard zu vermindern. Der Tiefpunkt der Apathie ist noch nicht erreicht. Schon im nächsten Jahr aber werden wir weiter sehen.

Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen

 

 

Unterm Rucksack

 

Es war eine Zeit, da mochte niemand in Deutschland gerne einen Rucksack tragen. Die meisten wollten den ihren so schnell wie möglich loswerden. Er drückte Ärmlichkeit und Ungeschick im Leben aus. Frauen war diese Verunstaltung ohnehin kaum zuzumuten. Erst am Anfang des letzten Jahrhunderts sollte er Freiheit und gelockertes Leben demonstrieren, gegen jede Eleganz. Doch weder die Arbeiterfrau noch die Bäuerin hätte ihn auf den Rücken genommen, allenfalls die Kräuterhändlerin und der Förster, Waldmenschen eben. Der Rucksack war eine zivile, etwas unordentliche Version des militärischen Tornisters. Und den mochte der ordentliche Bürger ohnehin nicht. Der Citoyen hält sich den geraden Rücken frei, aber auch der Bourgeois. Darin wollten sie aristokratisch sein.

Dann gab es eine Zeit, da mussten die meisten Männer regelmäßig ihren Rucksack auf sich nehmen. Schon das junge Volk wurde daran gewöhnt. Die Feldflasche gehörte dazu, wie heute die Cola-Dose. Das währte Gottseidank nur ein gutes Jahrzehnt lang. Mit einem Mal durften, ja sollten alle Männerwesen das Anhängsel hinter sich lassen und dafür sich mit der Aktentasche schmücken. Die meisten folgten gerne. Und nicht wenige schworen sich, das unansehnliche Gebilde nie wieder auf sich zu nehmen. Das war übrigens die Zeit, da man in Deutschland Männer mit kahlgeschorenen Köpfen mit erschrecktem Unbehagen oder mit Mitleid ansah. Wer so herumlief, konnte nur ein verspäteter “KZler” sein oder ein Russlandheimkehrer. Junge und alte Männer mit Dreitagebärten waren arme Schmutzfinken. Schon gar nicht konnte man sich einen gepflegten Dreitagebart leisten, wie er heute fast ein Must im Designer- und im höheren wie niederen Schaustellergewerbe ist. Die Leute hätten einen damals für pervers oder verrückt gehalten. Das waren die alten, normalen Zeiten, in denen man noch nicht vom Massenindividualisten redete. Und wo befinden wir uns heute?

Heute ist das vereinigte Deutschland bis an den Rand voll mit Rucksäcken, von Flensburg bis Berchtesgaden. Rucksack im Hörsaal und im Klassenzimmer, auch im Lehrerzimmer. Rucksack im Opernfoyer, dort häufig aus Goldlamé. Rucksack im Museum und auf der Kunstversteigerung. Rucksack in der Kirche, nicht freilich in der Moschee. Der Rucksack ist eine Auswölbung deutscher Leitkultur, an der Muslim nicht teilhaben. Hier ein Nebengedanke: Könnten sich alle Türken und alle Nordafrikaner dazu bequemen, den Rucksack auf sich zu nehmen, die Integration käme schneller voran. Wer den Rucksack annimmt, kommt ohnehin mit einem schwächeren Wortschatz aus.

Die Generation, die sich nach dem letzten Weltkrieg dem Rucksack verweigerte, war schmal und mager und schlotterte im zu weit gewordenen Gewand. Die heutigen Deutschen sind größer und gewichtiger, ihr Volumen ist mindestens um ein Fünftel umfangreicher. Man merkt es, wenn man die Waggons der Superschnellzüge benutzen muss. Vielleicht vor zwanzig Jahren geplant, sind sie schon viel zu eng für die Massigkeit der deutschen Leiber. Diese sind dazu noch in ausladende Gewänder gekleidet, die sie mit ihrem Rucksack krönen. Das machen auch mehr und mehr Ältere so, schmücken sich gar mit Baseball-Caps.

Zurück zu den Wurzeln. Der Rucksack, auch wenn er mit amerikanischen Namen beklebt wird, ist wieder ein durch und durch deutscher Gegenstand. Er trägt demonstrativ das Wir-Gefühl, das manche lange entbehren mussten. Aber er pflegt nicht gerade Sensibilität. Wer den Rücken bepackt hat, merkt nicht leicht, ob jemand hinter ihm geht oder ob er im Wege ist.

Er hat sich, so muss man vermuten, den dicken Rückenschild auf die Haut gelegt, um die Mitmenschen weniger zu spüren. Dafür lässt er sich seinerseits ohne Klage von den Mit-Rucksäcken anrempeln. Man braucht sich nicht mehr zu entschuldigen. In der Rucksackwelt ist, ebenso wie in der Radfahrerwelt, Höflichkeit kein Thema mehr. Der Rucksackträger und der Fahrradfahrer können nach ihrer Natur nicht unhöflich sein – weil sie Höflichkeit nicht zu kennen brauchen. Das entlastet die zivile Gesellschaft. Sie geht nicht gerne mit komplizierten Verhältnissen um.

In dieser Gesellschaft sind die Menschen immer unterwegs, sind Nomaden. Dazu stellt der deutsche Rucksackträger eine besondere Variante: den Nomaden mit Bodenhaftung. Wer Mäntel trägt, Sportskleidung und Parka nicht über sich bringt und am liebsten Taxi fährt, wird ihm aus dem Wege gehen. Das ist nicht leicht in einem Land, das die Menschendichte bis zur Klebe liebt und den Bevölkerungsschwund durch Rucksackvermehrung ausgleicht. Kurz, der Rucksack trägt den Rückschritt, die Regression. Und dies in einer Welt, die das Leben mit Gen- und Nanotechnik steuert, mit den kleinsten Einheiten der Materie.

Doch wir sollten zuversichtlich sein: Der Rucksack wird eines Tages wieder verschwinden. Der Tag könnte schon nahe sein. Wer seinen fünften oder sechsten Transportbuckel entsorgen musste, wird das Ding zu hassen gelernt haben. Und die Kulturhistoriker werden ihm vielleicht ein Verdienst zuschreiben: Er trägt einiges zur Ausrottung der Damenhandtasche bei. Diese Entstellung des weiblichen Körpers wird hoffentlich von Frauen, die unterm Rucksack groß geworden sind, nicht mehr hingenommen. Schick ist der weibliche Rucksack nicht zu machen, und ein Herr wird sich von ihm ungern ins Restaurant begleiten lassen. Aber wenn die Dame dabei schlaksig ihre beiden Hände in die Hosentaschen stecken kann, und zudem ein gutes Make-up trägt, wirkt sie immer noch vorteilhafter als die Handtasche, die auch die schönste Frau zur Mutti niedermacht. Damen, die noch zur Tasche passen, werden ohnehin bald ausgestorben sein. Auch für die Männer fällt etwas dabei ab. Einen Rucksack kann man seiner Liebsten, wenn man sie als weibliches Wesen achtet, nicht schenken.

 

 

Selbst und Un-Person

 

Die große Schwäche des modernen Menschen, der ein geselliges Wesen sein muss und sein will: Er kann nicht unrepräsentiert sein. Wer sich, aus welchem Grund auch immer, nicht repräsentieren lässt und seiner Repräsentation nicht immer neues Material zuliefert, ist ein Fast-Nichts. Er kann sich noch nicht einmal ausgestoßen fühlen. In der Unterwerfung unter die Repräsentation zeigt sich der wahre Terror der Gesellschaft. Als die Repräsentation der Person errungen werden musste, bedeutete sie Glücksgefühle. Heute ist sie Kette, Sklaverei.

 

Lachzwang

 

Wieder einmal, nach mehr als fünfzig Jahren, Warten auf Godot besehen. Nun ein anderes Stück als damals in München, frühe fünfziger Jahre, mit Peter Lühr und Heinz Rühmann (der auf der Bühne nicht wiederzuerkennen war, wir leistetem dem Jux-Jungspießer der Feuerzangenbowle eine Abbitte). Nun am Berliner Ensemble von George Tabori eingerichtet und dem Jokosen zugeneigt. Nichts mehr von der metaphysischen Kahlheit, die uns damals zum Schweigen angehalten hatte. Auch der BE-Intendant zeigt nun größere Lust aufs Burleske, nachdem das absurde Theater nicht mehr zu schaffen ist. Wenigstens nicht mit diesem Publikum, das häufig an Stellen, an denen unsereins dergleichen nie eingefallen wäre, vorbereitend in sich hineingluckst, um dann zum hellen Lachen befreit zu werden. Das geht des öfteren schief. Die Leute setzen immer wieder zum Lachen an, merken aber an der Nicht-Reaktion von anderen, dass es hier doch nicht angebracht wäre. Sie scheinen es gewohnt zu sein, dass ein Theaterstück eine fortgesetzte Strecke von Lachkitzel und seiner Unterdrückung ist. Es lässt sich jedoch nicht belehren, und will sogar an der Iphigenie und der Maria Stuart Lachenswertes finden. Vermutlich ist auch dies eine Wirkung der TV-Vorabendschauen, denen nur sehr energisch Tätige entgehen.

Tabori kitzelt ein Dialog-Stück heraus, anders würden es die Zuschauer, die hier nicht einmal die Jüngsten sind, wohl nicht aushalten. Also bietet des Brecht-Theater einen bemüht unangestrengten Beckett mit ein wenig Bolzerei. Mit diesen guten Schauspielern lässt es sich ertragen. Mit dem Beckett in seiner Zeit hat das nicht viel zu tun. Immerhin gibt es im Saal manche Zuschauer, die Teilnehmer jener Beckett-Zeit waren. Sie können sich bei dieser Gelegenheit klar darüber werden, dass sie mit den Lachbedürftigen von heute wenig gemein haben, mit ihnen zusammen kein Publikum bilden. Die Mehrheit – auch unter ihnen nicht wenige Rucksäcke – bekümmert das kaum. Ungleichzeitigkeit ist ihr selbstverständlich. Weil sie um jeden Preis lachen will, weil sie es muss, kann sie mit dem Wort “Lachzwang” nichts anfangen, weiß nicht, was sie daran befremden sollte. Der parlamentarische Haushaltsausschuss, Sektion Kultur, muss sich über die ständige Lachbereitschaft freuen, spricht sie doch für volle Häuser. So dürfen sich auch die Schauspieler und die Kritiker an dem Erwartungsdrang zu stetiger Heiterkeit nicht stoßen.

Vielleicht hätte sich der wortscheue Autor über diese Aufführungspraxis, die ihn auf den Kopf zu stellen scheint, amüsiert, vielleicht hätte er sich bestätigt gesehen. Über dem Stück, das konservativen Theaterfreunden ein Graus war, hätte als Motto stehen können: “Gegen Bedeutung”. Das hat er mit uns, die das doch gut zu begreifen meinten, nicht erreicht. Mit dem Lauf der Zeit, oh Tücke, nahm der Godot für uns an Bedeutung zu, wir verstanden ihn immer besser – weil wir ihn uns aneignen konnten. Jetzt müssen wir das, was Tabori und Peymann daraus gemacht haben, leicht geärgert kritisieren. Unser Pech. Wir hätten, wenn er uns schon so sehr unter die Haut ging, beschließen können, nie mehr ins Theater zu gehen. Das hätte Beckett dann doch gefreut.

 

“Es is alles uralt, nur in andrer Gestalt” – Nestroy, Kampl

 

Wer sich kennenlernen, etwas von sich wissen will, muss vergleichen: Andere mit sich, sich mit anderen, und am Ende, nach einiger Erfahrung, sich mit sich selbst. Das letztere ist das vornehmste Ziel. Man muss es ansteuern, wenn man sich klar darüber werden will, wohin es einen treibt, wo man landen kann – und ein wenig anständig bleiben will. Das alles ist ein schwieriges Geschäft. Die Jungen, die von sich aus das andere mit sich vergleichen müssen, weil sie in Imitation reif werden müssen, tun sich damit schwerer als die Alten, die häufig meinen, sie hätten es nicht mehr nötig. Leider vergleichen die Dummen lieber und ungehemmter als die Klugen, die zum Skrupel über sich selbst fähig sind, somit zögern müssen.

Was für Personen gilt, gilt ebenso für Kollektive, für Völker, für Nationen (die sich, das gehört dazu, ohnehin als Personen begreifen). Nation kann man nur unter Nationen sein, da wird das Vergleichen unumgänglich. Nun sagt die gut demokratische Erziehungslehre, wie man sie unter anderem den Deutschen nach dem Weltkrieg und nach der Verjagung der Braunen eingebläut hat, man solle sich hüten, zwischen den Physiognomien von Völkern zu vergleichen. Dabei müssten unvermeidlich Urteile als Vorurteile im Spiel sein. Am besten sei es dem zivilisierten Menschen in seinem Land, in seiner Nation, sich der Physiognomik völlig zu entledigen, weil man mit ihr nur in Teufels Küche komme, zum Völkerhass. Gut gemeint, oft auch gut beobachtet, denn aus der Völkerphysiognomik der Stammtische, der Professoren und der Journalisten, ist im vergangenen Jahrhundert viel Übel entbunden worden. Das ist schlecht durchdacht und nicht zu verwirklichen. Mit einem Verzicht gewinnt man nicht, man ist ohnehin zum Vergleich getrieben. Die gesellige Natur will es.

Die Verweigerung der Völkerphysiognomik ist häufig von Feigheit vor dem Urteil getragen, vom bewussten Nichtwissen. Nicht zuletzt die Deutschen, die keine scharfsinnigen Beobachter sind, sind in diesem Fall. Sie scheuen den Vergleich, weil sie das scharfe Urteil fürchten.

Wer es mit sich selbst und seiner Mitwelt ernst meint, sollte sich in jedem Falle fragen, wie sich seine eigenen Leute in jüngerer Zeit gewandelt haben, sollte sie mit sich selber vergleichen. Wie gehen sie mit sich, also ihrem nationalen Typus und seiner Sprache um? Woran können sie sich erinnern und woran nicht? Was ist aus ihren Gestalten und deren Gesichtszügen geworden, was sehen sie, wenn sie ihre Bilder von früher und die Bilder der vorangehenden Generation betrachten? Irgendwo muss sich doch ihr Charaktermaterial erhalten haben, wenn sie schon nicht mehr ganz die Gleichen sind. Es muss sich dem prüfenden Auge stellen und sich wiederfinden lassen. So möchte man durch Vergleiche gerne ein Bild davon gewinnen, was aus dem deutschen Mannstypus geworden ist, der sich in den organisierten Massen und den repräsentativen Trägern des Dritten Reiches verdichtet hatte. Grosz und Dix hatten in ihrer Zeit diesen Typ fixiert. Es waren ja nicht bloße Karikaturen des SA-Spießers oder des schnittigen SS-Brutalos. So sahen zahllose deutsche Männer damals tatsächlich aus. Was ist aus ihrem physiognomischen “Gen-Material” geworden? So etwa verliert man doch nicht plötzlich, nur weil kapitalistische Demokratie und gerade hinreichender Rechtsstaat eingezogen sind. Gewiss, die allgemeine deutsche Fettleibigkeit hat vieles verschleiert und formlos gemacht. Aber auch in magerer Form war sie in den Männerkörpern zwei Generationen vorgezeichnet. Es ist ja auch der Klang der hellen Schäferhundstimmen für Nachlebende, die sie noch im Ohr haben, immer wieder zu entdecken (übrigens selten bei den Schaustellern und den Politikern).

“Hört Ihr unsere Trommeln grollen, hört Ihr unsere Hörner schrei'n?” hieß es damals in einem HJ-Lied. Die wenigen, die aus den Lagern übrig blieben, werden das seitdem immer wieder hören. Nicht aber die meisten von denen, die das gesungen hatten – und es umstandslos vergessen konnten. Man kann, wenn man nur will, an den Heutigen sich die damalige deutsche Physiognomie auch nach sechzig Jahren vor Aug und Ohr führen. Es ist reichlich davon geblieben, auch in neuer Gestalt, und vieles lässt sich, bietet sich nur die Gelegenheit, wieder aktivieren. Man muss nur ängstlich genug sein und auf sein gutes Gehör vertrauen – um den Mut nicht zu verlieren. Die Physiognomik tut dem, der sie übt, gewiss weh. Aber weh dem, der von ihr nichts wissen will. Er kommt umso schneller um.


mail@claus-koch.com
 

Die nächste Ausgabe erscheint am 30. Juni.

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