Lagebestimmung:
Was von Europa bleibt – neue Abschiedsgedanken
Die Lagebestimmung in der 58. Ausgabe vom 3.
März 2006 war überschrieben: “Warum Europa die
Europäer nichts mehr angeht”. Es war wieder einmal eine
Symptombeschreibung des Verfalls, ein Seufzer über die politische
Aphasie, die vom bloßen Wort ausgeht und sich unaufhörlich
ausbreitet. Es sollte nicht erlaubt sein, es damit bewenden zu
lassen. Denn es geht nicht an, eine solche Pathologie nur zu benennen.
Dass das Nicht-Ereignis Europa, das eine Zukunftslosigkeit bezeichnet,
nur noch Wenige um den den Schlaf zu bringen scheint, müsste
vielmehr ein gellendes Signal sein. Noch sollte man zu sagen wissen,
was mit Europa verloren gegangen ist. Wer das nicht kann oder sogar
nicht will, sollte auch kein Recht zur Klage über diese Welt
haben. Wir fahren mit unserem Versuch fort.
Wer Europa liebt und für Europa hofft,
muss heute einsehen, dass die Gemeinschaft der Staaten als Zell-
und Lebenskern eines neuen Ganzen eine Illusion war, die mehr als
ein halbes Jahrhundert lang gepflegt worden ist. Eine Illusion,
die man nicht loswerden kann, eine Vorspiegelung, die notwendig
geworden ist, obgleich niemand daran glaubt. Damit die notwendige
Lebenslüge Europa aufrechterhalten werden kann, lassen sich
alle, die eine öffentliche Rolle zu spielen haben, in dieses
Lügengewebe einwickeln. Sie können für ihre Falschspielerei
nicht belangt werden.
Jedermann in den europäischen Nationen
weiß, dass fast alle politischen Führer in Europa indifferent
gegenüber den europäischen Aussichten sind. Indifferent
wie ihre Völker selbst, die zumeist nur Einwohnerschaften
des Kontinents sind. Sie sind hier anwesend, machen sich aber keine
Vorstellung von ihrer Anwesenheit. Also können sie auch nicht
unter ihrer Halbheit leiden.
Doch schon auf solche Richtigstellung hat niemand
heute Lust. Eine Kritik der Lebenslüge Europa und der flachmütigen
Nachplauderer einer längst zerstörten Idee hätte
keinen Adressaten – sie würde keine Impulse setzen.
Die Kritik der Illusion Europa, um eine ehrlichere Sprache über
die politische Realverfassung zu finden, bewiese noch einige politische
Energie. Niemand bringt sie auf, weil auch die Lüge kaum empfunden
werden kann. Wo und von wem wird noch um das verlorene Europa und
um die enttäuschten Hoffnungen getrauert, gar gelitten?
Die Illusion Europa wird aufrechterhalten, weil
sie in gemeinsamen Institutionen festgefroren ist. Diese können
auch immer noch einigen Nutzen beweisen. Sie erlauben immerhin,
Standards aufrechtzuerhalten und zum Beispiel Beispiel Neubewerbern
um den Einlass die nötigen Minima des zivilisierten Marktverhaltens
beizubringen. Die Kraft Europas reicht noch aus, die Interessierten
zu einer kapitalistisch-demokratischen Marktgesittung zu disziplinieren.
Dass zum Beispiel Bulgarien und Rumänien noch so lange draußen
gehalten werden, bis sie hinreichende europäische Marktmanieren
gelernt haben, ist gewiss ein Erfolg der alten Institutionen. Ein
rechtsstaatliches und menschenrechtliches Minimum von verlotterten
Staaten ist erfreulich für das globalisierte Europa. Aber
darin liegt noch keine große europäische Bereicherung:
Solche Gewinne an Marktterritorium tragen wenig zur Weiterbildung
Europas bei. Mehr aber ist heute vom selbstgenügsamen Marktraum,
der doch seiner selbst immer weniger mächtig ist, nicht zu
erwarten. Mochte den Spaniern und den Portugiesen, als sie vor
den Toren warten mussten, Europa noch eine Kulturidee und eine
Fortschrittshoffnung sein, den meisten plötzlich Enterbten
des Sowjetimperiums ist sie es nicht. Dass Kroatien und Serbien über
kurz oder lang zugelassen werden müssen, entspricht bloßer
Marktvernunft. Ein nicht in den Markt integrierbarer Raum macht
aus verständlichen Gründen Angst. Aber es ist vor allem
Sicherheitsbedürfnis, nicht Nachbarschaftsliebe, die dazu
treibt. Für Europa ist davon wenig zu erwarten.
Wenn im Mai 2007 nach zwölf Amtsjahren,
die von mal zu mal peinlicher wurden, Jacques Chirac zur Erleichterung
aller Franzosen abgedankt werden wird, wird der letzte große
Falschspieler Europas verschwinden. Wie sein Biograph Franz-Olivier
Giesbert schreibt, lag dem ideenlosen Machttaktiker kaum etwas
an einem politisch verfassten Europa (La Tragédie du Président,
Scènes de la vie politique, Paris 2006, Flammarion). Frankreich
in seiner Blockade festhaltend, hielt er gleichwohl an seiner europäischen
Führungsrolle fest: Mitgründer und deswegen Verfassungsgeber
und moralischer Inspirator zu sein. Einiges davon stimmte noch
bei seinem Vorgänger Mitterrand, in dessen Ära der Kommissionspräsident
Jacques Delors die europäische Sache bis zur gemeinsamen Währung
und zu den Maastricht-Verträgen vorantreiben konnte. Im herrscherlichen
Mantel der Nation wurde der Staatschef aus Einsicht zum Förderer
der Union. Um Frankreich seine Staatlichkeit zu erhalten, musste
die Marktgemeinschaft ihrerseits eine eigne Form der Staatlichkeit
und damit eine Verfassung erwerben. Mitterrand konnte Kohl und
die Deutschen, die für diese Voraussetzung aller nationalen
wie europäischen Politik wenig eigenen Eifer aufbrachten,
nie richtig achten. Daher misstraute er auch zu Recht der Wiedervereinigung.
Er musste die Deutschen für unfähig halten, sich in dieser
günstigen Geschichtskonstellation zur Staatsnation in Europa
zu machen. Diese politische Halbmündigkeit, die freilich die
Deutschen nicht allein zu verantworten haben, hat im 20. Jahrhundert
manches Unheil begünstigt.
Die Konservierung der Staatlichkeit für
Europa und die ihm angehörenden Nationen war noch keine historische
Großidee. Sie war aber schon zu hoch für die damaligen
Europäer. Der windschlüpfrige Chirac, dem es immer nur
um persönlichen Machterwerb ging, war zu beschränkt für
diesen europäischen Geistesfunken. Aber er musste ihn noch
eine Strecke weiterreichen. In der Volksabstimmung vom Mai 2005
erhielt er für seine Lauheit die Quittung von den ebenso beschränkten
Wählern, die aus schierem Trotz gegen die schwache Staatsführung
den Verfassungsentwurf für Europa verwarfen. Seitdem war der
intrigante Staatsmanager ein politisch toter Mann. Frankreich und
Europa wurden noch zwei weitere Jahre gezwungen, es mit ihm auszuhalten
und sich selbst zu lähmen.
In seinen zwölf Jahren konnte und wollte
Chirac die soziale und politische Selbstblockade Frankreichs nicht
auflösen. Er bestätigte seine Nation in ihrer Antimodernität
und verstellte damit auch die Chancen für ein politisches
Europa, wie es Mitterrand und Delors vorgeschwebt hatte. Wie schädlich
die nationale Impotenz Frankreichs unter Chirac für Europa
geworden war, hat man im Deutschland von Kohl und Schröder,
in der FAZ wie in der ZEIT nie begriffen. Um das Desaster für
Europa, das Frankreich verschuldete, richtig zu begreifen, hätten
die politischen Führungen in Deutschland eine eigene Projektion
auf Europa, eine europäische Idee besitzen müssen. Das
war jedoch an keinem Tage der Marktgemeinschaft und der Union der
Fall. Auch der neuen Bundeskanzlerin fällt zu Europa nichts
ein.
Die Politiker aller Parteien und aller Regionen
sind zu kraftlos, das abgemagerte Projekt Europa noch einmal zu
beleben. Sie müssen es, gerade noch hinreichend beatmet, sich
weiterschleppen lassen. Denn alle fürchten sich davor, es
ganz aufzugeben. Damit teilt das schon heute alterskahle Marktbündnis
das Schicksal manch anderer Institutionen und Bündnisse, die
sich in der bipolaren Welt der letzten sechzig Jahre herangebildet
haben und seit einem Jahrzehnt in den wachsenden Schatten der Globalisierung
geraten.
So steht die NATO, seit langem schwankend und
ohne hinreichenden Zweck, inhaltsleer in der Gegend herum, verstellt
jedoch den Blick auf eine modernere Organisation zwischenstaatlicher
Gewaltandrohung. Einst als Gewaltinstrument mit klaren Funktionen
gegründet und mit einem deutlich umrissenen Territorium ihrer
politischen Daseinsberechtigung ausgestattet, kümmert das
veraltete Militärbündnis dahin. Man braucht es kaum noch,
kann es aber auch nicht sterben lassen. Nach dem lautlosen Einsturz
des atomaren Drohsystems waren sich die meisten Fachleute darin
einig, dass sich diese Organisation erübrigt habe. Dann aber
begehrten mehrere Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes den
Zutritt zu dem sinnentleerten Gehege internationaler Sicherheit,
um auf diese Weise die eigene Staatlichkeit zu stützen und
sich vor Russland zu schützen. Wie sich schon wenige Jahre
später herausstellen sollte, war der NATO-Ritterschlag eine
bloße Geste. Sie bewirkte vor allem, dass der reale Zerfall
mit einer Folie überkleidet wurde – und dass die Regierungen
von der umständlichen Entscheidung einer Auflösung für
längere Zeit bewahrt blieben. Geblieben ist ein zweifelhafter
Nebenspielplatz für die Wirrungen, in die sich das amerikanische
Imperium immer wieder stürzt.
Nicht viel anders die nebulöse Konstruktion
der Vereinten Nationen, ihres Sicherheitsrates und ihrer zahlreichen
Agenturen. Soeben wurde ihrem Generalsekretär sein neuester
Reformplan zurückgeschickt. Die Vereinten Nationen, zu allererst
an die USA gekettet, werden von diesem Mitgründer und scheinbaren
Gegner längst missachtet, ja verachtet. Sie dürfen aber
nicht aus dem Wege geräumt werden, um einer zweckmäßigeren
Einrichtung Platz zu machen. Platz zu machen verlangte ja eine
große Anstrengung aus gemeinsamen Geist. Dies aber ließe
sich heute vom größten Optimisten nicht erhoffen. So
fault die modernde Institution wohl noch auf lange Zeit vor sich
hin, eigentlich schon jetzt nur der Schatten einer Institution,
der nur wenig mehr repräsentiert. Der erbärmliche Anblick
einer Halbruine, die vom Sturm der vitalen Weltfinanzmärkte
umweht wird.
Neben NATO, Vereinten Nationen und Europäischer
Union scheinen weitere Großorganisationen dieses Schicksal
zu teilen. Nie fertig zu werden und sich in sinnerfüllter
Gestalt auszufrücken – immer in halber Krise voranzustolpern
und alle Beteiligten in Unzufriedenheit zu halten – stets
vor dem Stadium des Gelingens zu verharren und stets wieder in
Selbstblockaden zu geraten – jedoch nie ganz zu scheitern,
sodass ihre radikale Demontage unabweislich wird. So geht es der
Welthandelsorganisation, in der das meiste verquer läuft und
die daher schon xmal halb oder ganz totgesagt worden ist. So geht
es mit den G 8-Treffen, die allzubald zu einer Schau der selbstzufriedenen
und reichen Großen gerieten, aber damit erst recht Ungenügen
demonstrierten, ohne etwas daran zu ändern. So geht es mit
der Weltbank, die den Schwächsten zur Marktfähigkeit
aufhelfen soll, damit viel Unzufriedenheit bei den Gebern erzeugt,
aber doch nicht abgeschafft werden kann.
Sie alle sollten verbindliche Institutionen
und damit dauerhaft haltbar sein, ausgestattet mit einem klaren
Organisationszweck, mit funktionierenden Entscheidungssystemen
und einer eigenen Zweckmoral. Sie waren gedacht als sterbliche
Machtgebilde, die sich durch ihren Erfolg eines Tages selbst überflüssig
machen sollten. Als sie gegründet wurden, war immer schon
die Intention im Spiel, ihnen durch politische Entscheidung ein
Ende zu bereiten – schließlich errichtet man Institutionen
in Notlagen, die nicht von Dauer sein sollten. Wenn man eine Institution
schafft, kann man ihr schwerlich die Hoffnung mitgeben, sie möge
sich durch Metamorphose zu höheren Zwecken umformen lassen.
Sowohl entschiedene Abschaffung wie auch ein
krisengeborener Konstitutionswandel scheinen immer schwieriger
zu werden in einer Welt, die sich finanzkapitalistisch selbst steuern
möchte und sich proteisch wandeln muss. Die globalen Unternehmensverbände
mit ihren unaufhörlichen Fusionen und Übernahmen, mit
ihren Aus- und Umgliederungen machen es vor. Kaum wurde für
eine frische Verschmelzung ein Name, ein Logo gefunden, muss die
nichtssagende, geschichtslose Buchstabenfolge schon wieder verschwinden
und einer neuen Kombination Platz machen. Nicht anders geht es
mit dem leitenden Personal. Die meisten Top-Manager kommen schon
nicht mehr in die Lage, sich mit dem gerade von ihnen geführten
Unternehmen zu identifizieren, so schnell wechseln sie die die
Sessel oder werden ganz von der Szene gefegt. Jüngstes Beispiel
dafür ist der glatte Stellungswechsel des ehemaligen Bundeskanzlers
Schröder. Er nimmt noch im Nachhinein seinen Taten, die einem
spät gereiften Staatsmann zugeschrieben werden konnten, ihr
Gewicht. Sie erscheinen wie ein mehr oder weniger gut gelungener
Maklerauftrag, nicht aber als bedeutende politische Leistung zur
Vermehrung des Gemeinwohls eines nationalen Staates. Der deutsche
Politiker hat sich damit nur entschieden in die internationalisierte
Managerklasse eingefügt, die der amerikanische Ökonom
und Wirtschaftsminister Robert B. Reich mit seinem globalisierten
Herrschaftspanorama schon vor fünfzehn Jahren beschrieben
hat (The Work of Nations, London 1991, Simon & Schuster).
Für Schröder war, wie für Berlusconi, Chirac oder
Blair, Europa ein bereitstehendes, aber nicht ganz fahrtüchtiges
Vehikel, das auf irgendeine Weise bewegt werden muss, aber nichts
von einer zwingenden und verpflichtenden Geschichtsgestalt an sich
hat. Eine Institution, die als solche bedient werden muss.
Chirac und Blair werden wie Bush demnächst
von der Bühne gehen. Wer auch immer nach ihnen kommt, er wird
auf seine Dienstbereitschaft für Europa nicht befragt werden.
Es hat sich mit solchem Ehrgeiz noch niemand angeboten. Was das
politische Personal angeht, lässt sich also für Europa
in den nächsten Jahren nichts erwarten. Der Betrieb als solcher
kann weiterlaufen. Die Europa-Ingenieure in Brüssel können
sich darauf berufen, dass der europäische Fortgang schon in
den siebziger und den achtziger Jahren mehrmals für mehr als
ein Lustrum gestockt hat, ohne dass die Gemeinschaft und ihr Zukunftsgeist
daran größeren Schaden nahmen. Das, was man damals die “Harmonisierung” nannte,
ergab sich wie von selbst. Zwar ist Jacques Chirac mit seiner durchweg
schlampigen nationalen wie europäischen Politik der Hauptschuldige
für das Scheitern des Verfassungsentwurfs, aber es kommt schon
nicht mehr viel darauf an. Es zeigt sich, dass er ohnehin zu spät
kam, und dass die vorübergehende Bestürzung in den übrigen
europäischen Staatskanzleien folgenlos bleibt.
Es ist eine ganz neue Konstellation der globalen
Machtverhältnisse und des globalen Machtverhaltens eingetreten,
die von den Europäern noch nicht wahrgenommen, gar begriffen
wird. Ob das Europa der Gemeinschaft eine Geschichtsfigur ist,
die ihre Stärke aus einer gemeinsamen Kultur und Dutzenden
von Staatsbürgerkriegen erworben und geformt hat, kümmert
die aufsteigenden asiatischen Weltmächte und das sich erholende
Russland so wenig wie das in sich selbst verstrickte amerikanische
Imperium. Diese aufsteigenden Mächte kommen gewissermaßen
aus dem Nichts. Sie müssen sich weder vor anderen noch vor
sich selbst legitimieren, um ihrer selbst gewiss zu werden – wie
einst die Europäer. Der verschluderte Verfassungsentwurf war
der letzte Versuch, sich eine Legitimität vor der übrigen
Welt zu geben und sie mit geschichtlichen Leiden und Taten zu begründen.
Ein solches Streben ist Chinesen und Indern Hekuba, ihnen können
nur reale Machtverhältnisse etwas bedeuten. Es besagt ihnen
auch wenig, dass es die Europäer waren, die aufgrund ihrer
Erfahrungen und ihrer politischen Philosophie für die Regeln
heutiger Gewaltordnung das Meiste geleistet haben – eben
weil sie daraus ihre Legitimität in der modernen Wolfswelt
herleiten, herleiten müssen. Denn anders hätte die europäische
Existenz ihren Fixpunkt verloren; dieses ökonomische Zweckbündnis
hätte der Welt nichts zu sagen.
Der Philosoph Paul Thibaud, der die große
Dynamik Europas hervorhebt, empfiehlt mit Jürgen Habermas
und anderen die Ausbildung einer liberalen Zivilgesellschaft, die
sich über die veralteten Formen des Nationalstaats erhebt
(Le Monde, 27.5.06). Der europäische Universalismus
müsse sich politisch verfassen und eine gemeinsame Staatsbürgerschaft
herstellen. Die Zeichen stehen jedoch nicht danch, im Gegenteil.
Die europäischen Nationen scheinen vielmehr widerstandslos
in die internationalisierte Klassengesellschaft hineinzugleiten,
wie sie sich zuerst in den leitenden Managements und ihrer Schicht
ausgeprägt hat. Dort ist ja auch die Masse der noch nationalen
Kapitalien versammelt. Ihr entspricht eine internationalisierte
Proletarisierung im unteren Drittel, die auch Teile der Mittelschichten
ergreift. National geordnet und von ihren sozialstaatlichen Institutionen
umfangen, sind diese ehemaligen Industriegesellschaften nunmehr ökonomisch
internationalisiert. Daher lässt sich auch die Proletarisierung
der ärmeren arbeitenden Schichten als international bezeichnen.
Dazwischen bleibt die noch immer breite Mittelschicht in ihrer
politischen Lähmung. Sie gehört beiden Sphären an,
und das heißt: Sie ist den politischen Standards Europas
nicht gewachsen. Sie kann nicht mehr national beseelt sein, kann
aber auch keine europäisch-politische Sprache sprechen. Sie
ist somit unfähig zur Fortbildung in eine politisch verfasste
Zivilgesellschaft, in der die vielen Partikularismen der veralteten
Nationen aufgehoben werden könnten. Es sieht jetzt ganz so
aus, als würden die Europäer, zu ihrem Glück, wieder
krisenfähig. Das heißt leider auch fähig, sich
gegenseitig die Schädel einzuschlagen – und ihren kaum
noch gedeckten Zivilisationsstandard zu vermindern. Der Tiefpunkt
der Apathie ist noch nicht erreicht. Schon im nächsten Jahr
aber werden wir weiter sehen.
Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen
Unterm Rucksack
Es war eine Zeit, da mochte niemand in Deutschland
gerne einen Rucksack tragen. Die meisten wollten den ihren so schnell
wie möglich loswerden. Er drückte Ärmlichkeit und
Ungeschick im Leben aus. Frauen war diese Verunstaltung ohnehin
kaum zuzumuten. Erst am Anfang des letzten Jahrhunderts sollte
er Freiheit und gelockertes Leben demonstrieren, gegen jede Eleganz.
Doch weder die Arbeiterfrau noch die Bäuerin hätte ihn
auf den Rücken genommen, allenfalls die Kräuterhändlerin
und der Förster, Waldmenschen eben. Der Rucksack war eine
zivile, etwas unordentliche Version des militärischen Tornisters.
Und den mochte der ordentliche Bürger ohnehin nicht. Der Citoyen
hält sich den geraden Rücken frei, aber auch der Bourgeois.
Darin wollten sie aristokratisch sein.
Dann gab es eine Zeit, da mussten die meisten
Männer regelmäßig ihren Rucksack auf sich nehmen.
Schon das junge Volk wurde daran gewöhnt. Die Feldflasche
gehörte dazu, wie heute die Cola-Dose. Das währte Gottseidank
nur ein gutes Jahrzehnt lang. Mit einem Mal durften, ja sollten
alle Männerwesen das Anhängsel hinter sich lassen und
dafür sich mit der Aktentasche schmücken. Die meisten
folgten gerne. Und nicht wenige schworen sich, das unansehnliche
Gebilde nie wieder auf sich zu nehmen. Das war übrigens die
Zeit, da man in Deutschland Männer mit kahlgeschorenen Köpfen
mit erschrecktem Unbehagen oder mit Mitleid ansah. Wer so herumlief,
konnte nur ein verspäteter “KZler” sein oder ein
Russlandheimkehrer. Junge und alte Männer mit Dreitagebärten
waren arme Schmutzfinken. Schon gar nicht konnte man sich einen
gepflegten Dreitagebart leisten, wie er heute fast ein Must im
Designer- und im höheren wie niederen Schaustellergewerbe
ist. Die Leute hätten einen damals für pervers oder verrückt
gehalten. Das waren die alten, normalen Zeiten, in denen man noch
nicht vom Massenindividualisten redete. Und wo befinden wir uns
heute?
Heute ist das vereinigte Deutschland bis an
den Rand voll mit Rucksäcken, von Flensburg bis Berchtesgaden.
Rucksack im Hörsaal und im Klassenzimmer, auch im Lehrerzimmer.
Rucksack im Opernfoyer, dort häufig aus Goldlamé. Rucksack
im Museum und auf der Kunstversteigerung. Rucksack in der Kirche,
nicht freilich in der Moschee. Der Rucksack ist eine Auswölbung deutscher Leitkultur,
an der Muslim nicht teilhaben. Hier ein Nebengedanke: Könnten
sich alle Türken und alle Nordafrikaner dazu bequemen, den
Rucksack auf sich zu nehmen, die Integration käme schneller
voran. Wer den Rucksack annimmt, kommt ohnehin mit einem schwächeren
Wortschatz aus.
Die Generation, die sich nach dem letzten Weltkrieg
dem Rucksack verweigerte, war schmal und mager und schlotterte
im zu weit gewordenen Gewand. Die heutigen Deutschen sind größer
und gewichtiger, ihr Volumen ist mindestens um ein Fünftel
umfangreicher. Man merkt es, wenn man die Waggons der Superschnellzüge
benutzen muss. Vielleicht vor zwanzig Jahren geplant, sind sie
schon viel zu eng für die Massigkeit der deutschen Leiber.
Diese sind dazu noch in ausladende Gewänder gekleidet, die
sie mit ihrem Rucksack krönen. Das machen auch mehr und mehr Ältere
so, schmücken sich gar mit Baseball-Caps.
Zurück zu den Wurzeln. Der Rucksack, auch
wenn er mit amerikanischen Namen beklebt wird, ist wieder ein durch
und durch deutscher Gegenstand. Er trägt demonstrativ das
Wir-Gefühl, das manche lange entbehren mussten. Aber er pflegt
nicht gerade Sensibilität. Wer den Rücken bepackt hat,
merkt nicht leicht, ob jemand hinter ihm geht oder ob er im Wege
ist.
Er hat sich, so muss man vermuten, den dicken
Rückenschild auf die Haut gelegt, um die Mitmenschen weniger
zu spüren. Dafür lässt er sich seinerseits ohne
Klage von den Mit-Rucksäcken anrempeln. Man braucht sich nicht
mehr zu entschuldigen. In der Rucksackwelt ist, ebenso wie in der
Radfahrerwelt, Höflichkeit kein Thema mehr. Der Rucksackträger
und der Fahrradfahrer können nach ihrer Natur nicht unhöflich
sein – weil sie Höflichkeit nicht zu kennen brauchen.
Das entlastet die zivile Gesellschaft. Sie geht nicht gerne mit
komplizierten Verhältnissen um.
In dieser Gesellschaft sind die Menschen immer
unterwegs, sind Nomaden. Dazu stellt der deutsche Rucksackträger
eine besondere Variante: den Nomaden mit Bodenhaftung. Wer Mäntel
trägt, Sportskleidung und Parka nicht über sich bringt
und am liebsten Taxi fährt, wird ihm aus dem Wege gehen. Das
ist nicht leicht in einem Land, das die Menschendichte bis zur
Klebe liebt und den Bevölkerungsschwund durch Rucksackvermehrung
ausgleicht. Kurz, der Rucksack trägt den Rückschritt,
die Regression. Und dies in einer Welt, die das Leben mit Gen-
und Nanotechnik steuert, mit den kleinsten Einheiten der Materie.
Doch wir sollten zuversichtlich sein: Der Rucksack
wird eines Tages wieder verschwinden. Der Tag könnte schon
nahe sein. Wer seinen fünften oder sechsten Transportbuckel
entsorgen musste, wird das Ding zu hassen gelernt haben. Und die
Kulturhistoriker werden ihm vielleicht ein Verdienst zuschreiben:
Er trägt einiges zur Ausrottung der Damenhandtasche bei. Diese
Entstellung des weiblichen Körpers wird hoffentlich von Frauen,
die unterm Rucksack groß geworden sind, nicht mehr hingenommen.
Schick ist der weibliche Rucksack nicht zu machen, und ein Herr
wird sich von ihm ungern ins Restaurant begleiten lassen. Aber
wenn die Dame dabei schlaksig ihre beiden Hände in die Hosentaschen
stecken kann, und zudem ein gutes Make-up trägt, wirkt sie
immer noch vorteilhafter als die Handtasche, die auch die schönste
Frau zur Mutti niedermacht. Damen, die noch zur Tasche passen,
werden ohnehin bald ausgestorben sein. Auch für die Männer
fällt etwas dabei ab. Einen Rucksack kann man seiner Liebsten,
wenn man sie als weibliches Wesen achtet, nicht schenken.
Selbst und Un-Person
Die große Schwäche des modernen Menschen,
der ein geselliges Wesen sein muss und sein will: Er kann nicht
unrepräsentiert sein. Wer sich, aus welchem Grund auch immer,
nicht repräsentieren lässt und seiner Repräsentation
nicht immer neues Material zuliefert, ist ein Fast-Nichts. Er kann
sich noch nicht einmal ausgestoßen fühlen. In der Unterwerfung
unter die Repräsentation zeigt sich der wahre Terror der Gesellschaft.
Als die Repräsentation der Person errungen werden musste,
bedeutete sie Glücksgefühle. Heute ist sie Kette, Sklaverei.
Lachzwang
Wieder einmal, nach mehr als fünfzig Jahren, Warten
auf Godot besehen. Nun ein anderes Stück als damals
in München, frühe fünfziger Jahre, mit Peter Lühr
und Heinz Rühmann (der auf der Bühne nicht wiederzuerkennen
war, wir leistetem dem Jux-Jungspießer der Feuerzangenbowle eine
Abbitte). Nun am Berliner Ensemble von George Tabori eingerichtet
und dem Jokosen zugeneigt. Nichts mehr von der metaphysischen
Kahlheit, die uns damals zum Schweigen angehalten hatte. Auch
der BE-Intendant zeigt nun größere Lust aufs Burleske,
nachdem das absurde Theater nicht mehr zu schaffen ist. Wenigstens
nicht mit diesem Publikum, das häufig an Stellen, an denen
unsereins dergleichen nie eingefallen wäre, vorbereitend
in sich hineingluckst, um dann zum hellen Lachen befreit zu werden.
Das geht des öfteren schief. Die Leute setzen immer wieder
zum Lachen an, merken aber an der Nicht-Reaktion von anderen,
dass es hier doch nicht angebracht wäre. Sie scheinen es
gewohnt zu sein, dass ein Theaterstück eine fortgesetzte
Strecke von Lachkitzel und seiner Unterdrückung ist. Es
lässt sich jedoch nicht belehren, und will sogar an der Iphigenie und
der Maria Stuart Lachenswertes finden. Vermutlich ist
auch dies eine Wirkung der TV-Vorabendschauen, denen nur sehr
energisch Tätige entgehen.
Tabori kitzelt ein Dialog-Stück heraus,
anders würden es die Zuschauer, die hier nicht einmal die
Jüngsten sind, wohl nicht aushalten. Also bietet des Brecht-Theater
einen bemüht unangestrengten Beckett mit ein wenig Bolzerei.
Mit diesen guten Schauspielern lässt es sich ertragen. Mit
dem Beckett in seiner Zeit hat das nicht viel zu tun. Immerhin
gibt es im Saal manche Zuschauer, die Teilnehmer jener Beckett-Zeit
waren. Sie können sich bei dieser Gelegenheit klar darüber
werden, dass sie mit den Lachbedürftigen von heute wenig gemein
haben, mit ihnen zusammen kein Publikum bilden. Die Mehrheit – auch
unter ihnen nicht wenige Rucksäcke – bekümmert
das kaum. Ungleichzeitigkeit ist ihr selbstverständlich. Weil
sie um jeden Preis lachen will, weil sie es muss, kann sie mit
dem Wort “Lachzwang” nichts anfangen, weiß nicht,
was sie daran befremden sollte. Der parlamentarische Haushaltsausschuss,
Sektion Kultur, muss sich über die ständige Lachbereitschaft
freuen, spricht sie doch für volle Häuser. So dürfen
sich auch die Schauspieler und die Kritiker an dem Erwartungsdrang
zu stetiger Heiterkeit nicht stoßen.
Vielleicht hätte sich der wortscheue Autor über
diese Aufführungspraxis, die ihn auf den Kopf zu stellen scheint,
amüsiert, vielleicht hätte er sich bestätigt gesehen. Über
dem Stück, das konservativen Theaterfreunden ein Graus war,
hätte als Motto stehen können: “Gegen Bedeutung”.
Das hat er mit uns, die das doch gut zu begreifen meinten, nicht
erreicht. Mit dem Lauf der Zeit, oh Tücke, nahm der Godot
für uns an Bedeutung zu, wir verstanden ihn immer besser – weil
wir ihn uns aneignen konnten. Jetzt müssen wir das, was Tabori
und Peymann daraus gemacht haben, leicht geärgert kritisieren.
Unser Pech. Wir hätten, wenn er uns schon so sehr unter die
Haut ging, beschließen können, nie mehr ins Theater
zu gehen. Das hätte Beckett dann doch gefreut.
“Es is alles uralt, nur in andrer
Gestalt” – Nestroy, Kampl
Wer sich kennenlernen, etwas von sich wissen
will, muss vergleichen: Andere mit sich, sich mit anderen, und
am Ende, nach einiger Erfahrung, sich mit sich selbst. Das letztere
ist das vornehmste Ziel. Man muss es ansteuern, wenn man sich klar
darüber werden will, wohin es einen treibt, wo man landen
kann – und ein wenig anständig bleiben will. Das alles
ist ein schwieriges Geschäft. Die Jungen, die von sich aus
das andere mit sich vergleichen müssen, weil sie in Imitation
reif werden müssen, tun sich damit schwerer als die Alten,
die häufig meinen, sie hätten es nicht mehr nötig.
Leider vergleichen die Dummen lieber und ungehemmter als die Klugen,
die zum Skrupel über sich selbst fähig sind, somit zögern
müssen.
Was für Personen gilt, gilt ebenso für
Kollektive, für Völker, für Nationen (die sich,
das gehört dazu, ohnehin als Personen begreifen). Nation kann
man nur unter Nationen sein, da wird das Vergleichen unumgänglich.
Nun sagt die gut demokratische Erziehungslehre, wie man sie unter
anderem den Deutschen nach dem Weltkrieg und nach der Verjagung
der Braunen eingebläut hat, man solle sich hüten, zwischen
den Physiognomien von Völkern zu vergleichen. Dabei müssten
unvermeidlich Urteile als Vorurteile im Spiel sein. Am besten sei
es dem zivilisierten Menschen in seinem Land, in seiner Nation,
sich der Physiognomik völlig zu entledigen, weil man mit ihr
nur in Teufels Küche komme, zum Völkerhass. Gut gemeint,
oft auch gut beobachtet, denn aus der Völkerphysiognomik der
Stammtische, der Professoren und der Journalisten, ist im vergangenen
Jahrhundert viel Übel entbunden worden. Das ist schlecht durchdacht
und nicht zu verwirklichen. Mit einem Verzicht gewinnt man nicht,
man ist ohnehin zum Vergleich getrieben. Die gesellige Natur will
es.
Die Verweigerung der Völkerphysiognomik
ist häufig von Feigheit vor dem Urteil getragen, vom bewussten
Nichtwissen. Nicht zuletzt die Deutschen, die keine scharfsinnigen
Beobachter sind, sind in diesem Fall. Sie scheuen den Vergleich,
weil sie das scharfe Urteil fürchten.
Wer es mit sich selbst und seiner Mitwelt ernst
meint, sollte sich in jedem Falle fragen, wie sich seine eigenen
Leute in jüngerer Zeit gewandelt haben, sollte sie mit sich
selber vergleichen. Wie gehen sie mit sich, also ihrem nationalen
Typus und seiner Sprache um? Woran können sie sich erinnern
und woran nicht? Was ist aus ihren Gestalten und deren Gesichtszügen
geworden, was sehen sie, wenn sie ihre Bilder von früher und
die Bilder der vorangehenden Generation betrachten? Irgendwo muss
sich doch ihr Charaktermaterial erhalten haben, wenn sie schon
nicht mehr ganz die Gleichen sind. Es muss sich dem prüfenden
Auge stellen und sich wiederfinden lassen. So möchte man durch
Vergleiche gerne ein Bild davon gewinnen, was aus dem deutschen
Mannstypus geworden ist, der sich in den organisierten Massen und
den repräsentativen Trägern des Dritten Reiches verdichtet
hatte. Grosz und Dix hatten in ihrer Zeit diesen Typ fixiert. Es
waren ja nicht bloße Karikaturen des SA-Spießers oder
des schnittigen SS-Brutalos. So sahen zahllose deutsche Männer
damals tatsächlich aus. Was ist aus ihrem physiognomischen “Gen-Material” geworden?
So etwa verliert man doch nicht plötzlich, nur weil kapitalistische
Demokratie und gerade hinreichender Rechtsstaat eingezogen sind.
Gewiss, die allgemeine deutsche Fettleibigkeit hat vieles verschleiert
und formlos gemacht. Aber auch in magerer Form war sie in den Männerkörpern
zwei Generationen vorgezeichnet. Es ist ja auch der Klang der hellen
Schäferhundstimmen für Nachlebende, die sie noch im Ohr
haben, immer wieder zu entdecken (übrigens selten bei den
Schaustellern und den Politikern).
“Hört Ihr unsere Trommeln grollen,
hört Ihr unsere Hörner schrei'n?” hieß es
damals in einem HJ-Lied. Die wenigen, die aus den Lagern übrig
blieben, werden das seitdem immer wieder hören. Nicht aber
die meisten von denen, die das gesungen hatten – und es umstandslos
vergessen konnten. Man kann, wenn man nur will, an den Heutigen
sich die damalige deutsche Physiognomie auch nach sechzig Jahren
vor Aug und Ohr führen. Es ist reichlich davon geblieben,
auch in neuer Gestalt, und vieles lässt sich, bietet sich
nur die Gelegenheit, wieder aktivieren. Man muss nur ängstlich
genug sein und auf sein gutes Gehör vertrauen – um den
Mut nicht zu verlieren. Die Physiognomik tut dem, der sie übt,
gewiss weh. Aber weh dem, der von ihr nichts wissen will. Er kommt
umso schneller um.
mail@claus-koch.com
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