In eigener Sache:
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Lagebestimmung:
Staatsträgheit – Staatsnatur
allgemein
Der politische Betrieb würde bald
zum Stillstand kommen, wenn er die ganze Verantwortung und die
Kompetenz annähme, die ihm auferlegt sind, weil niemand anderer
sie bewältigen kann und will.Der Staat in Europa kann sich
heute nur aufrechterhalten, wenn er sich ständig selber davon
abhält, wahrzunehmen, was er wahrnehmen müsste, weil
er es wahrnehmen kann. Nicht nur die Parteiendemokratie, sondern
auch die Verwaltung des modernen Staates existierten unter dem
Gebot der Verdrängung, jedenfalls der Verschiebung des Dringlichen.
Und demokratische Herrschaft kann nur ausgeübt werden, wenn
sie sich kurzsichtig verhält und nur ergreift, was sich in
nächster Nähe entzündet.
Der Wohlfahrtsstaat des 20. Jahrhunderts
wurde von der liberalen Orthodoxie (Friedrich Hayek) ebenso wie
vom technokratischen Konservatismus (Ernst Forstthoff, Rüdiger
Altmann) dafür geschmäht, dass er mit seiner penetranten
Daseinsvorsorge den freien Bürger kneble und in Unmündigkeit
halte. Doch dieser Staat durfte sich bei weitem nicht leisten,
was er sich für die notwendige Vorsorge hätte leisten
müssen. Es fehlte ihm auch in seinen stärksten Zeiten
an Kraft und an Geld, seinen Politikern fehlte es an Macht und
an Mut, das deutlich Voraussehbare dingfest zu machen und politisch
zu behandeln. Der État providence war Leitbild, wissenschaftliche
Ideologie und Selbstverständnis, aber in ganzer Gestalt hat
es ihn nicht gegeben. Die ihn heute noch bekämpfen, kämpfen
gegen eine Schimäre, ein Wunschkrampfbild des liberalen Ressentiments.
In der Lagebestimmung zur letzten (64.)
Ausgabe (Ohne sozialen Sinn: die
Rente am Ende) wurde die konstitutionelle Staatsschwäche in
der konsumerischen Massendemokratie am Beispiel des Renteneintrittsalters
skizziert. Auf einmal drängt sich ins öffentliche Bewusstsein
und in die Aufmerksamkeit der zuständigen Wissenschaften ein
sozialer Skandal, der schon vor zwei Jahrzehnten am Horizont des
Sozialstaats, generell des welfare state zu erblicken war.
Spätestens bei den Manövern um die vorzeitige Verrentung
konnte er zum Thema werden. Aber das Thema wurde nicht gestellt.
Die Frühverrentung war eingeführt worden – und
geht in schöner Unbefangenheit weiter – , um drohende
Haushaltsdefizite des Staats zu mindern und zugleich zu kaschieren.
Schon aus diesem Anlass selber wäre es Zeit gewesen, den sozialen
Sinn der Rente zu debattieren, sich überhaupt einen Begriff
vom derzeitigen Stand dieser Institution zu machen und sich politisch
auf eine unumgängliche Totalreform vorzubereiten. Es war bereits
an der Zeit, von Grund auf die Frage nach der Rentenraison und
nach der sinnvollen Lebensarbeitszeit der Berufs- und Erwerbsbürger
am bereits eintretenden Ende der Industriegesellschaft zu stellen.
Die Argumente für eine solche Institution waren für jeden,
der wollte, aus den vorliegenden Sozialstatistiken herauszuzusuchen.
Wenn man schon von der kommenden Modernität in der sogenannten
Dienstleistungsgesellschaft schwärmte, wie das unzählige
Politiker, Funktionäre, Journalisten und Sozialwissenschaftler
taten und tun, hätte das Verhältnis zwischen Lebenskompetenz
und Arbeitsleben an oberster Stelle der Tagesordnung stehen müssen.
Aber die Frage wollte damals kein Experte in der Fachmenschengesellschaft
stellen. Auch für die meisten Futurologen der fünfziger,
der sechziger und der siebziger Jahre war das kein sehr interessanter
Stoff. Mit anderen Worten, die Verschlamptheit des Sozialstaats
hatte einen intellektuellen Tiefpunkt erreicht. Kein Politiker
durfte es wagen, die staatliche Rentenregulierung in Frage zu stellen
und damit an einer institutionellen Grundfeste zu rütteln.
Mit dieser Verdrängung war Platz geschaffen für die nächste
Fehl- und Verdrängungsprogrammatik, die Flexibilisierung der
staatlich garantierten Arbeitsordnung à la Hartz, um die
Erwerbsgesellschaft noch einmal zur Tauglichkeit zu zwingen. Wie
man alsbald sehen konnte, ist das Programm gescheitert – unter
vermehrten sozialen Kosten. Ökonomisch ist damit ohnehin nichts
gewonnen.
Zum Abschluss der zitierten Lagebestimmung
in der letzten Ausgabe schrieben wir: “Es muss Gründe
dafür geben, dass die Verdrängung (der Rentenvernunft)
dem Management ... noch immer gelingt.” Es geht somit um
die “Moral” des Sozialstaats. Ein Hauptgrund für
die Bestandfestigkeit der Verdrängung wurde bereits benannt:
Das Auseinanderdriften von Arbeitsgesellschaft und Erwerbsgesellschaft
im fragmentierten Wohlfahrtsstaat, das nicht “erlebt”,
als soziale Pathologie nicht aufgefasst werden kann, zumal im Rausch
der Modernisierungs- Liberalisierungsideologien. Die Managements,
auch der Wissenschaften – und erst recht der Medien – betrieben
ja selber diese Spaltung. Für sie ist keine Krise erkennbar,
ist der ewige Fortgang der Modernisierungszwänge nicht zu
diskutieren. Diese Managements, insbesondere in Deutschland, haben
in den vergangenen Jahrzehnten auch das Unterscheidungsvermögen
zwischen den Qualitäten des Öffentlichen und des Privaten
verloren, wie ja die europäischen Wohlfahrtsbevölkerungen überhaupt.
Der Großmanager Mehdorn kann als Musterfigur für die
Vermischung von Öffentlich und Privat gelten. Diese Managements
sind, etwa bei der Planung von Infrastrukturen, aktiv eingespannt
in die Vermischung der beiden Sphären. Daran teilzuhaben gilt
in weiten Teilen der Beamtenschaft als Ausweis der Modernitätsertüchtigung
des Staares. Die Notwendigkeit einer Trennung von Öffentlichem
und Privatem, lange Zeit als Grundbedingung der repräsentativen
Demokratie bewusst, ist heute nicht nur den meisten Parteipolitikern
wenig wert, sondern auch der Mehrzahl der hohen Staatsfunktionäre.
Die Parteipolitiker von heute wissen
nur wenig vom Staat, den sie zu bewegen haben. Und der Staat, verkürzt:
Der Corpus seiner höheren Beamtenschaft, weiß nur wenig
vom Staat selbst. Die Gründe für die Unkenntnis vom Staat
sind zum Teil in der Nachkriegsgeschichte, im Verlust der Nation
und in der schlecht gelungenen Föderalisierung zu suchen.
Zu suchen sind sie auch in der allzu großen Bereitschaft,
die Bewahrung des Staatses zu vergessen, indem man sich dem amerikanischen
Fortschrittsmuster anpasste. Die preußische Staatsverwaltung
zum Beispiel hatte in den nordwestdeutschen Ländern nach dem
Krieg noch für zwei Jahrzehnte Reste ihrer planenden Staatsmoral
aufbewahrt, ebenso wie die bayerische Bürokratie. Diese Potentiale
einer vorausschauenden Staatsverantwortung stammten zumeist noch
aus der napoleonischen Reformepoche, die den deutschen Nationalstaat
lange geprägt hatte. Sie sind mittlerweile verlorengegangen
und sind einer strukturlosen, nunmehr internationalisierten Modernisierung
gewichen. Ein letzter Versuch wurde in der ersten Großen
Koalition (1966-69) und im ersten Jahrfünft der folgenden
kleinen Koalition unternommen. Er wird heute gerne als “gescheiterte
Planungseuphorie” belächelt. Was damals den weitsichtigen
Technokraten in SPD, CDU und FDP nicht gelang, ist nun endgültig
zerbröselt. Der deutsche Wiedervereinigungsstaat scheint ebenso
unfähig wie die Bonner Demokratie in ihren beiden letzten
Jahrzehnten, sich eine Institution zu verschaffen, wie sie etwa
Frankreich mit seinem Commissariat au Plan sofort nach dem
Kriegsende auf die Beine stellte. (Auch diese Einrichtung ist freilich
mittlerweile entmachtet, durchaus zum Nachteil der politischen
Planung.)
In der nunmehrigen, der zweiten Großen
Koaltion, die ja nicht aus einer Krise, gar aus einem nationalen
Notstand entstanden ist, scheinen die Chancen für eine politische
Auffassung vom Staat und Notwendigkeit von Krise und Konflikt noch
geringer als in den Kohl-Jahrzehnten. Das erwiesen schon die ersten
Schlurfschritte, denen man das Etikett Reform aufgeklebt hat. Noch
zwei, drei solcher schwachatmigen Verschiebungsaktionen, dann wird
die Lage reif sein. Ausbrechen wird die Krise gerade dort, wo sie
jetzt am heftigsten unter dem Deckel gehalten wird. Nämlich
zum einen in der sogenannten Gesundheitspolitk, in der nur noch
für kurze Zeit die Blinden die Lahmen zum Abgrund geleiten
können. Zum anderen in der Rentenpolitik, damit dem empfindlichsten
Punkt der Arbeitspolitik und ihrer Existenzlügen. Hier muss
das wachsende Feld der Nicht-Arbeit verwaltet und fast täglich
neu justiert werden, dort muss der Staatsverwalter der ständig
zunehmenden toten Lebenszeit sich täglich in seiner Inkompetenz
vorführen lassen.
Bernd Roellecke schrieb neulich im
Zusammenhang einer Rezension: “Wenn man genau hinschaut,
türmen sich vor der Gesundheitspolitik ... Bergevon Schwierigkeiten,
die sich daraus ergeben, dass medizinischer Sachverstand für
die Politik fremder Sachverstand ist. Nur zweierlei scheint festzustehen:
Man kann die Schwierigkeiten nicht mit der Unterscheidung von privat
und öffentlich mindern. Und: Die deutsche Politik hat die
Schwierigkeiten sehr gut bewältigt.” (Politik ohne
medizinischen Sachverstand, in
FAZ, 10.7.06.). Letzteres lässt sich bezweifeln. Zwar leisten
die deutschen Gesundheitsdienste, die sich zum entscheidenden Teil
in öffentlicher Hand befinden, gute, zum Teil beneidenswerte
Verwaltungen von Krankheit, wobei sie ihr professioneller Korporatismus
gut zusammenhält. Sie sind aber, politikferne, völlig
eingestellt auf eine kurative Medizin, die von einem produktivistischen
Denken angeleitet ist. Sie braucht das Individuum in seinen beruflichen,
familiären und sonstigen sozialen Zusammenhängen ebenso
wenig zu kennen wie die Institutionen, in denen es lebt. Dieser
medizinische Komplex hält sich durch seine Spezialisierung
und seine Kompatibilität mit den Interessen der Pharma- und
der Bio-Industrie in Bewegung und erbringt auch bedeutende Leistungen
durch seine flexiblen Institutionen. Er erscheint somit fähig,
mit dem Deutungsmonopol für Krankheit und Gesundheit als Oberkompetenz
den Staat und auch die politische Klasse von einer wörtlich
verstandenen Gesundheitspolitik fernzuhalten. Dem inkompetenten
Staat soll nicht erlaubt sein, mit langfristiger Planung einzugreifen,
denn dies setzte eine eigene Kompetenz für die Bestimmung
des Notwendigen voraus. (Der Staat rächt sich gewissermaßen
dafür – durch Bürokratisierung des Systems.) Diese
von Roellecke begrüßte Entlastung des Staates von einer
Verantwortung, mit der er ohnehin nicht umgehen könnte, arbeitet
in der Konsequenz dem Gedanken einer weitgehenden Privatisierung
des Gesundheitswesens zu. Er steht unter dem globalisierungsökonomischen
Kennwort: Beschränkung des Staates auf seine Kernkompetenz,
wie sie von den Investmentbanken für die Industrie gefordert
wird und den Eifer der Aktionäre genießt. Alles übrige
soll dem Gesundheitsmarkt unterliegen, auf dem sich die autonomen,
selbstverantwortlichen krank / gesunden Patientenbürger bewegten,
die natürlich immer auf dem neuesten Stand der Technik informiert
wären. Das will auch Roellecke nicht, im Unterschied zu manchen
rabiaten Ökonomen. Doch begrüßt er den Zustand
der wissenschaftlichen Inkompetenz der Politik, die sich ganz auf
die Beratung der Experten verlassen müsste.
Aber mit der – sehr kostspieligen – Tolerierung
beiderseitiger Inkompetenz, also geteilter Unkenntnis von sozialen
Lebensbedingungen, laufen beide Seiten, getrieben vom raschen Fortschritt,
nunmehr immer häufiger auf Sand. Ein Beispiel, das hier schon
des öfteren angespielt wurde: Adipositas, eine Pandemie, vor
allem innerhalb der Unterklassen reicher Gesellschaften. Mit ihrer
Ausbreitung kann, ebenso wie in Amerika, in Europa keine Regierung,
keine Gesundheitsorganisation umgehen. Es handelt sich einerseits
um eine Krankheit, die prinzipiell einer Therapie zugänglich
sein müsste und somit der ärztlichen Expertise bedarf.
Andererseits stellt sie eine soziale Pathologie dar – der
Begriff ist höchst ungenau – , lässt sich also
nur “heilen”, indem die soziale Situation der befallenen
Individuen und Gruppen mitbehandelt wird. Dies obläge verschiedenen
und unterschiedlichen Agenturen des Sozialstaats. Wie dies anzufangen
wäre, besagt bis heute kein praktikabler Entwurf. Wollte man
sich die Zusammensetzung einer Task Force gegen die Adipositas
vorstellen, so hätte sie nur einen Sinn, wenn sie auch ein
politisch-medizinisches Handlungssystem wäre. Es müsste
die Kraft zu Sanktionen und Belohnungen besitzen, um Prävention
zu erzwingen – denn nur mit ihr könnte eine Therapie
beginnen. Das verlangte die aktive Teilnahme und die verbindliche
Repräsentanz von vielerlei organisiertem Sachverstand: Mediziner,
Biologen und medizinpolitischen Organisationen nicht nur, sondern
ebenso hochrangige Sozialpolitiker, die eine Kompetenz in fiskalischer
Steuerung besitzen, dazu die Konzernspitzen der Lebensmittelindustrie,
die Fachleute der sozialen Dienste, ebenso Rechtspolitiker und
Leute aus der Versicherungsindustrie etc... Man benötigte
sie alle mit ihrer ganzen Kompetenz, aber es ist leicht zu sehen,
dass dabei kaum mehr herauskäme als schwächliche, juristisch
unbewehrte Ratschläge wie bei den Ethik-Kommissionen. Kein
gestandener Politiker wäre bereit, eine solche Task Force zu
leiten, sie zu verteidigen gegen die vielen organisierten Interessen,
die aus der Erhaltung von Adipositas ihren Nutzen ziehen, kurz:
eine sozialpolitische Waffe gegen eine allseits bedrohende Volkskrankheit
herzustellen. Wenn der Gesundheitsministerin in der deutschen Regierung
die erste Kompetenz für den Umgang mit dieser Pathologie zugemutet
wird, kann sie kaum mehr zustande bringen als eine Aufklärungskampagne
und die innige Bitte an die Lebensmittelindustrie, sich bei der
Werbung für ihre gesüssten Produkte bei der unerfahrenen
Konsumenten-Jugend zu zügeln – wo doch jeder weiß,
dass man das gesamze Konsumverhalten junger Leute unter Kontrolle
nehmen müsste, wollte man ihnen eine Chance für ein produktives
Leben und eine angemessene Familienmoral verschaffen.
Die Anwesenheit des Staates in der
Vorsorgepolitik für die so erwünschte Gesundheit seiner – ziemlich
unmündigen – Bürger, besteht heute in seiner organisierten,
zugleich repräsentierten Abwesenheit in den meisten Sach-
und Grundsatzentscheidungen. Er zeigt sich zwar, er enthält
sich aber gezielt eines eigenen Sachverstandes, bei dem er gepackt
werden könnte. Dieser Staat ist im übrigen darauf eingestellt,
dass er an erster Stelle zwischen kooperativen Gruppeninteressen
makeln muss, also Ausgleiche und Gleichgewichte schafft. Vor allem
in dieser Funktion wird er akzeptiert. Dass er selber, um diesen
Zweck zu erfüllen, ein organisiertes Gruppeninteresse für
sich herstellen muss, wird in der Interessengesellschaft nur zähneknirschend
hingenommen. Die Beamtenschaft ist dabei in der glücklichen
Lage, dass sie nach Karriereerwartung, Kompetenzgefüge, Generationenordnung
etc. gegenüber allen übrigen Gruppen begünstigt
ist, viel homogener als alle Branchen der Erwerbsgesellschaft.
Was auch ein Grund dafür sein könnte, dass sie sich von
der heraufziehenden Streitlage über das Renteneintrittsalter
nicht mehr besonders betroffen fühlt, jedenfalls kein wichtiges
Sozialproblem erkennen kann. Der Staat der allgegenwärtigen
Daseinsvorsorge vereinnahmt zwar seine Beamtenschaft, mutet ihr
aber nicht die Sorge um die Zukunft zu.
In seiner organisierten Verantwortungslosigkeit
kann sich der Staat heute auch eine Politikerschicht leisten, die
durchweg politisch ungebildet ist. Bildung, die zu Weitsicht verführen
könnte, ist unter den Funktionären aller Parteien kaum
erwünscht. Ihre Dialogform kann sich auf die Funktionärssprache
des parlamentarischen Ausschusswesens beschränken, natürlich
auch auf die flachgearbeitete Kompetenz, in der Talkshow passend
aufzutreten. Irgendeine ideelle Herkunft wird dem Funktionärspolitiker
nicht abverlangt, dafür darf er aus dem sozialen Nichts kommen,
gute juristische Examensnoten freilich erwünscht. Alles in
allem: Überdurschnittliche Durchschnittlichkeit, in Deutschland
gepaart mit einem sozialen Aufstiegswillen in den gegebenen Institutionen,
die als solche nicht zu bezweifeln sind. Auch das Volk bezweifelt
sie ja nicht.
In diesem Milieu und unter diesen Bedingungen
wuchs auch das Rentenfiasko heran. Es gab und es gibt keine organisierende
Kraft, die sich der Ignoranz in der gewachsenen Rentenordnung und
der daraus entstehenden Lebensangst widersetzen könnte. Denn
Angst ist es, was dieses System der Zulassung und des Entzugs von
möglicher Lebensarbeitszeit als erworbenen Lebenszeit herstellt.
Was sich einstmals in der Rente als soziale Solidarität aller
Erwerbsarbeiter herstellte, kehrt sich nun, in blockierender und
blockierter Institution festgehalten, in ihr Gegenteil um. Das
unentbehrliche Gerüst dieser Solidarität muss nun mehr
und mehr einer Selektion der Fähigen dienen. Wann die kritische
Menge der unter dem neuen Sozialdarwinismus Ausgesonderten erreicht
sein wird, um die Rente insgesamt abzuschaffen und damit die vom
Staat verordnete Lebensarbeitszeit als Lebensdauer schlechthin,
lässt sich, wie es in der Natur der Sache liegt, heute nicht
einschätzen.
(Das Thema wird fortgesetzt.)
Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen
Beheimatungskraft – letzter
Ruf aus dem Abgrund
“Beheimatungskraft hat mit Wiedererkennbarkeit,
Verlässlichkeit, Zugewandheit und Stilbewusstsein zu tun.” ... “Ein
verlässlich hohes Qualitätsniveau bietet die große
Chance, die Beteiligung an den evangelischen Kernangeboten zu stabilisieren
und zu steigern. Die Zahl derjenigen, die regelmäßig
von den kirchlichen Kernangeboten Gebrauch machen, sollte sich
auf circa 50 Prozent aller Mitglieder verdoppeln. Der durchschnittliche
Gottesdienstbesuch am Sonntag sollte von derzeit vier Prozent auf
zehn Prozent aller Kirchenmitglieder gesteigert werden.” ... “Evangelische
Gemeinden brauchen eine Qualitätsoffensive. Sie müssen
vielfältige und gleichberechtigte Formen der Gemeindearbeit
entwickeln.” ... “Das Pfarramt der Zukunft muss sich
neuen Herausforderungen stellen. Die kybernetisch-missionarische
Kompetenz, die Selbstverständlichkeit regelmäßiger
Fort- und Weiterbildung sowie die Einbettung der eigenen Aufgaben
in eine gesamtkirchliche Verantwortung bedürfen der Steigerung.” ... “Regelmäßige
wie situative Gottesdienste und begleitende Seelsorge, Amtshandlungen
und anlassbezogenes geistliches Handeln bilden neben den Leitungs-
und Anleitungsaufgaben zukünftig Haupttätigkeiten des
Pfarrstandes.” ... Solange eine Trendwende in der Mitgliederbasis
der evangelischen Kirche aussteht, würde dem voraussehbaren
Rückgang der Gemeindemitgliederzahl eine Absenkung in der
Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer von einer Gesamtzahl von 21.000
auf 13.000 entsprechen.” ... “Unter der Voraussetzung
einer stetig wachsenden geistlich-missionarischen Kompetenz ist
eine unterproportionale Kürzung anzustreben. Eine sinnvolle
Zielvorgabe für das Jahr 2030 ist eine Zahl von 16.000 Pfarrerinnen
und Pfarrern unter der Voraussetzung, dass die Mitgliederschaft
bei 31,3 Prozent der Gesamtbevölkerung bliebe.”
Auszüge aus einem Impulspapier des
Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, “das Auftakt
und Antrieb für eine Reformdebatte auf allen kirchlichen Ebenen
und Handlungsfeldern werden soll.” McKinsey war eben vorbeigekommen. – Entnommen
der FAZ vom 6. Juli 2006.
Frohe
Erwartung
Es
wird wohl nicht auszumessen sein, wieviel Leichtgläubigkeit
und Viertelwissen man benötigt, will man als Anleger,
als aktiver Aktienspekulant auf der Marktszene mitspielen
oder sich den Experten anvertrauen, also den Analysten
und Fondsvertretern. Wer das hinreichend wüsste, würde
vermutlich aussteigen. So belässt er es bei der Ahnung
und verbrennt sich lieber die Finger, eine eigene Form
des ökonomischen Masochismus. “Das meiste ist
wertloser Kram”, unter dieser Überschrift berichtete
die FAZ (vom 20.6.06) über einen Wutausbruch von Graham
Copley, dem Chef der globalen Aktienanalyse von HSBC in
London. In einer E-Mail, die in die Presse gelangte, kanzelte
Copley seine Leute ab: Die Unternehmensanalysen, die seine
Mitarbeiter veröffentlichten, seien “völlig
inakzeptabel”. “Wenn ich mir die Abteilung
so ansehe, habe ich keine Probleme, mein Budget einzuhalten – ein
Grund ist nämlich, dass viele der Analysten es dieses
Jahr nicht verdienen, bezahlt zu werden.” Wie die
FAZ weiter berichtet, habe eine Umfrage der Financial
Times ergeben, dass
64 Prozent der Leser Copley Recht geben. Analysten zeigten
Herdenverhalten, würden ohnehin alle von einander
abschreiben und druckten oft nichts anderes ab als bessere
Zusammenfassungen von Pressemitteilungen.
Die
FAZ zitiert desweiteren James Montier, einen der Chefs für
die weltweite Analyse bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, dass
es ohnehin keinen Sinn habe, sich als Analyst mit Unternehmensvertretern
zu treffen, um dann Aktienanalysen zu schreiben. “Die
Unternehmer stellten nur ein verzerrtes Bild der künftigen
Entwicklung des Konzerns dar, und die Analysten hätten
eine falsche Wahrnehmung..” “Wenn Anleger den Aktienempfehlungen
der Analysten folgten, käme in der Hälfte der Fälle
nichts dabei heraus.” – so, nach der FAZ, auch
William Russell-Smith, der über lange Zeit Aktienempfehlungen
auf ihre Genauigkeit und ihren Erfolg analysiert hat.
Derartige
Einsichten sollten vor fünf Jahren, als die Spekulationsblase
um die Informations- und Kommunikationsindustrien platzte,
auch Millionen von frischen Deutschen Kleinaktionären
gekommen sein, als sich ihr teures Lehrgeld plötzlich
spurlos verflüchtigt hatte. Die meisten von ihnen, sofern
sie sich nicht total ruiniert haben, dürften schon wieder
bereit sein, sich ein weiteresmal unter Kupiermesser zu begeben.
Es ist wiederum so viel Geldvermögen, das nicht ruhig
bleiben kann, unter die Leute gekommen. Niemand will und kann
zu den guten alten Zeiten zurückkehren, da sich der stets
misstrauische Wertpapier-Besitzer auf die Perspektive der Dividendenverteilung
verließ und “seine” Firmen einigermaßen
einschätzen konnte. Sein Geld hat ja nicht er selbst,
sondern seine jeweilige Bank- und Geldagentur. Ein Kapitalist
hat heute seine Mittel nicht selber in der Hand, er ist weitgehend
auf die besagten Heuschrecken angewiesen.
Man
wird, wenn demnächst die nächste Blase platzt – wovon
fast alle überzeugt sind – die Halbwertszeit der
erlebten Enttäuschungen etwas besser einschätzen
können. Aber niemand wird es tun, wird hinter sich blicken.
Es gehört zur notwendigen, halbblinden Triebhaftigkeit
dieser Märkte, dass die ungesteuerte Gier immer ein wenig
stärker ist als die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen
und zu behalten. Wer den Wirtschaftsteil der Zeitung hinreichend
lesen kann, also auch gegen den Strich, weiß bereits:
Weil zu viel Geld da ist, vor allem in den Unternehmen selbst,
wird in verblendeter Hast so viel fusioniert und so viel in
ungeprüfte Produktionsprogramme investiert, dass die nächste
Großpleite sicher ist. Und es fehlt in den Finanzzentren
heute an Hochhäusern, von denen sich die Legionen von
Analysten, hätten sie eine Ehre im Leib, dann in die Tiefe
werfen müssten, unter dem Beifall der Scharen der Ausgeplünderten,
die sich ihrer Inkompetenz ausgeliefert hatten. Die Analysten
können getrost oben bleiben. Sie wissen, dass sie, so
halbkompetent wie sie sind, ihre Schäfchen fest am Haken
halten. Das gehört eben zur Realverfassung dieser Art
von Finanzwelt. Wollte man sie mit Vernunft und Kenntnis hin
zur Solidität reformieren, sie bräche zusammen. Und
was wäre, wollte man auf sie verzichten und die Analysten
hinauswerfen, die Konsequenz? Von Festverzinslichem, von dem
es chronisch zu wenig gibt, kann sich ein kundennaher Kapitalismus
nicht ernähren. Er braucht, damit er blühen kann,
das Windige.
Die Ahnungslosen
Kann es zwischen Generationen einer
Nation Gerechtigkeit geben? Anders herum: Können Generationen
gegeneinander ungerecht sein, und worin zeigte sich das? Schließlich,
wie wäre solche Ungerechtigkeit zu beseitigen? Solche Fragen
wären für jeden Historiker und politisch Besonnenen abwegig.
Man wird jedoch darauf gestoßen, wenn man von dem Projekt
der sechsunddreißig jüngeren Bundestagsabgeordneten
liest. Sie wollen im Grundgesetz das Staatsziel “Generationengerechtigkeit
und Nachhaltigkeit” verankern lassen (siehe FAZ, 15.7.06).
Das Thema kommt uns gerade noch recht zur Lagebestimmung in dieser
Ausgabe, wo von der Befähigung der Politiker zur Politik die
Rede ist, am Beispiel des Nachwuchses. Eine Illustration zum Abschnappen
der Politikerkaste im ausgedünnten Wohlfahrtsstaat. Die Initiatoren,
so zitiert die FAZ, wollen mit der Grundgesetzänderung “die
Bedürfnisse der heutigen Generationen mit den Lebenschancen
künftiger Generationen verknüpfen.” Mit der
Aufnahme der Staatsziele Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit
ins Grundgesetz würde “allen Staatsgewalten, primär
jedoch dem Gesetzgeber die Aufgabe gegeben, generationengerechte
Politik zu verwirklichen.”
Die sechsunddreißig Volksvertreter – aus
vier Parteien – sind noch nicht lange im Geschäft. Sie
legitimieren sich zunächst als Generation, die im Interesse
künftiger Generationen sprechen möchte. Ein Jurist scheint
sich unter ihnen nicht zu befinden. Sonst hätten sie sich
darüber belehren können, dass ihre Forderungen in der
Verfassung als ganzer bereits enthalten sind. Und am Ökonomen
hat es wohl auch gefehlt. Er hätte sie zur Überlegung
führen müssen, in welchen Entscheidungsformen sich derartig
luftige Normen realisieren lassen, wie man sie erzwingen kann.
Was wäre das Besondere daran, das über die bisherige
Verfassung und ihre Wirklichkeit hinaus reichte?
Selbst die Frühgrünen der
siebziger Jahre wären schwerlich auf derart gutmenschliche
Verblasenheiten verfallen. Schließlich geben sich Nationen
eine Verfassung immer schon mit der Absicht des Überlebens
und ihrer spezifischen “Nachhaltigkeit” (ein Unglückswort
fürwahr). Sie setzen also Solidarität – eben nicht
Gerechtigkeit – und Billigkeit mit dem Akt der Konstitution
bereits voraus. Normen werden in einer staatlichen Konstitution
für alle gesetzt, sie kennen keine speziellen Verantwortlichkeiten
nach dem Status und nach der Naturbeschaffenheit der Staatsbürger. Übrigens
hat sich kein Abgeordneter der Linkspartei an dem zahnlosen Vorhaben
beteiligt. Es ist auch nicht die Regierung zu sehen, die sich von
einem derartigen Verfassungsgebot imponieren und disziplinieren
ließe. Regiert wird von der Regierung, die auch die Gesetze,
voran die Ausgabengesetze macht. Die sechsunddreißig Jungschen
müssen, wenn sie je noch eine Chance zum Mitmachen erhalten
wollen, zurück auf die Schulbank.
Ohne Deutung
Wie seit den dreißiger
Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr strömten in diesem
deutschen Sommer die Massen lustvoll ineinander. Damals besangen
sie sich mit deutschem Sang, nun ließen sie sich internationalamerikanisch
beschallen, mit weit heftigerer Dröhnung. Es ging ohnehin
nicht mehr so deutsch zu, sie lallten miteinander in allen europäischen
Zungen, und viel Vokabular war nicht erforderlich, zumal am zentralen
Massenort Berlin. Dort war die Lust der Massen an sich selbst am
dichtesten, sie währte ohne Unterlass. Zuerst der Fußball-Monat.
An jedem Spieltag ließen sich Hunderttausende zum Public
Viewing auf dem “17. Juni” nieder – was ist denn
das? – , manchmal kam eine halbe Million, einmal sogar eine
ganze. Sofort danach die etwas müde gewordene Love Parade,
die mehr als 500 000 auf die mittlerweile umgetaufte Fanmeile brachte,
statt der erwarteten Million. Die Raver kamen zumeist aus der umliegenden
Provinz. Gleich darauf Christopher Street Day, wieder gesamtdeutscher
und internationaler. Dann die Skater, sehr raumgreifende Jugend,
dann irgendwann auch Marathon, viel Schweiß unterwegs- Der
Tiergarten schon nach der ersten Woche von Massenurin überdüngt,
er wird noch viele Wochen lang stinken. Die Stadtoberen scheinen
auch ob solcher Rekorde erfreut, voran der massenselige Bürgermeister,
nach seiner fröhlichen Natur ein Schaukelbursch vom Rummelplatz,
gilt aber als fleißig und ehrlich. Die unaufhörliche
Präsenz der Massen gibt der sonst nicht sehr reputierten Stadt
eine eigene Legitimität.
Man
sollte sich davor hüten, die neue deutsche Massenseligkeit
zu kommentieren. Gegen diese ungefährliche Volksmasturbation
kommt kein Wort an. Es ist ja in diesen Wochen in Deutschland
so gut wie nichts passiert. Und als während der Love Parade
Israel den Libanon zerbombte, merkte es kein Mensch. Diese
Massen sind ohne Sinn, an ihnen ist nichts zu deuten. Sollte
dann, rein zufällig, im Herbst die Weltwirtschaftskrise
ausbrechen und Millionen ruinieren, kann man immer noch die
apokalyptische Ankündigung im Massensommer nachträglich
drankleben. Es würde ohnehin niemand zuhören.
Notausgänge
Die Zahl der Glücklichen, die
ihre weitere Verwandschaft aus dem Auge verloren haben und auch
von dieser abgeschrieben sind, dürfte sich in diesen Jahren
des Fortschritts beträchtlich vermindern. Das tückische
Internet leistet gerne Beihilfe, dass die dem Familiensinn entlaufenen
wieder aufgespürt werden. Wie leicht kann es passieren, dass
man aus heiterem Himmel angerufen wird: “... Wie schön,
dass ich Sie kriege. Sie sind doch gewiss Karlheinz Soundso, der
mit Hilde Kumpfmüller, geborener Hartnagel, verheiratet war,
ja? Erna Lautenschlager, Ihre Cousine, gab mir den Tip. Entschuldigen
Sie, ich bin gerade dabei, unseren Familienstammbaum auf den neusten
Stand zu bringen, und da trifft es sich glücklich, dass auch
Sie ...”
Jetzt um Gottes Willen nichts zugeben.
Musste denn diese grässliche Erna, die man seit Jahren so
gut aus dem Leben und aus dem Gedächtnis verdrängt hatte,
aus der Versenkung auftauchen! Also ganz tot stellen, sonst fällt
diesem Kerl noch ein, dass wir eigentlich Vettern zweiten Grades
sind, und ich werde zum Familienfest nach Meinerzhagen, wo die
Hartnagels ansässig sind, eingeladen. Also: “Nein, ich
bin es nicht, den Sie meinen. Aber ich erinnere mich, dass es da
einen mit mir Namensidentischen gab, aber der soll vor ein paar
Jahren in Alaska gestorben sein. Tut mir Leid, wie war doch gleich
Ihr Name..?”
Es fällt immer schwerer, in der
vom Internet terrorisierten Welt, seine Privatperson in Anonymität
zu bewahren. Dafür gibt es wenig Verständnis, und zugleich
wächst mit der Vergreisung der Gesellschaft die Menge der
Rentner an, die mit Begeisterung Stammbäume reparieren, statt
sie zu zerschlagen. Gegen die Identifizierungssucht, die häufig
der Impotenz entspringt, muss man sich mit allen Listen wehren.
So ist es nicht nur legitim, sondern in zivilgesellschaftlichem
Geist geboten, jegliche An- und Umfrage am Telefon abzuwehren,
wenn möglich zu unterminieren: “Wissen Sie, ich bin
zu arm, um etwas mit Ihrem schönen Gewinnspiel gewinnen zu
wollen. Und außerdem habe ich schon lange kein Telefon mehr.” Sie
gewinnen beim Anrufer gewiss drei Schrecksekunden, in denen Sie
sich freundlich verabschieden können.
Diesen
guten Rat werden nur die wenigsten befolgen wollen. Die meisten
sind zu feige, um die Neugier der Mitwelt abzuschmettern. Und
kann man wirklich so herzlos sein, den vielen einsamen Rentnerinnen,
die sich über jede Postwurfsendung freuen müssen
und allzu gerne dem unerwarteten Anrufer eine unwichtige Auskunft
geben, das letzte armselige Vergnügen rauben? Sie werden
ohnehin gleich aus dem Apparat vernehmen: “Oh, Sie sind
schon über siebzig, da gehören Sie nicht mehr zu
unserer Fragengruppe. Danke.”
mail@claus-koch.com
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