Der neue Phosphoros - 66. Ausgabe - Freitag, 4. August 2006 Druckversion aufrufen
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 In dieser Ausgabe:

Israel, ein Niemalsstaat Die Verschuldung am Kind
Die Rechnung bitte Ihr sollt nichts von uns erwarten  
     

Lagebestimmung – Israel, ein Niemalsstaat


“The accidental war” – so der Hefttitel des Economist vom 22. Juli. Ein Zufallskrieg, in den sich die bis an die Zähne gerüstete, seit sechs Jahrzehnten von Waffendrohung umgebene Nation ganz plötzlich fallen lässt? Das ist schon ein böses Urteil. Seit zwei Generationen hat die übrige Welt Israel kaum anders als in kriegerischer Position erlebt. Ein Israel ohne Uniform kann kaum mehr in den Sinn kommen. Im Besitz einer potenten Waffenindustrie, bevorzugtes Probefeld für die neuesten Waffen des großen Protektors USA, Atommacht, bedient von einem der raffiniertesten Geheimdienste der Welt, überdies reich in einer Elendsregion und ausgestattet mit einer demokratischen Legitimität wie dort niemand sonst, versinkt Israel in einen chaotischen, planlosen Gewaltausbruch. Es zerstört dabei ein zweites Mal die einzige andere Nation des mittleren (nahen) Ostens, die sich als befriedeter Staat soeben wieder die Chance erarbeitet hatte, zur Stabilisierung dieser hasserfüllten und politisch dauergelähmten Weltgegend beizutragen. Und nun wird, ganz unversehens, erneut der Brandherd angefacht, an den sich vielleicht schon bald andere Brandherde anschließen werden, von Gaza über den Irak bis Afghanistan. Mögen von Algerien bis zum Iran die Massen und die Machthaber uneins sein, was Amerika und Europa betrifft, von Israel werden sie für Jahrzehnte alle nur ein Bild haben: Eine hoch militarisierte, rassistische Gesellschaft, die alle Nachbarn, insbesondere die arabischen, nur verachten kann.

Mehrmals seit dem Sechstagekrieg des Jahres 1967 hat Israel demonstriert, dass es seine Feldzüge zwar erfolgreich führen kann, dass es aber mit seinen Siegen immer wieder versagt. In den fast sechs Jahrzehnten seiner unausgesetzten Landnahme in Palästina verhielt sich das ständig anwachsende jüdische Volk nie anders, als sei es noch immer im Exodus begriffen, lebe unter der göttlichen Anweisung zum Landraub von halbzivilisierten Barbaren. Es wollte zwar Staat sein, zugleich Volk auf dem Marsch. Es war, da sein territorialer Hunger nicht gestillt werden konnte, nicht fähig zu glaubwürdiger Friedensschließung. Die übrige Welt gewöhnte sich zähneknirschend daran, dieses stets unfertige, mit Grenzen nie zufriedene Volk brauche, um sich zu beweisen, den gesicherten Unfrieden. Alle hatten ja auch, zu Recht, gegenüber Israel, dem Verlegenheitsstaat, ein schlechtes Gewissen. So wurde auch nie deutlich wahrgenommen und ausgesprochen, es fehle den versammelten Juden, die endlich ein volk im Staat sein wollten, offensichtlich der Wille, ein Staat unter benachbarten zu sein, den arabischen eben, sich in Grenzen zu bescheiden und sich selbst zu beherrschen, um seine außerordentlichen Fähigkeiten in eine zivilisatorische Aufgabe zu spannen. Daran war Israel jedoch nie interessiert, es konnte nur an sich allein und sein Überleben denken.

Dieser Hochmut der Isolation wurde den Israeli allzu leicht gemacht. Ringsum leben bis heute keine Staatsgesellschaften, die über Standards der politischen Zivilisation verfügten und diese von anderen einfordern könnten. Auch untereinander immer auf misstrauischer Lauer, lassen sich diese unfertigen Gebilde schwer in die notwendigen Verlässlichkeiten des Völkerverkehrs einbinden. Auch wenn sie friedlich leben wollen und ihrem Religionsgehader Zügel anlegen können, sie bleiben autoritär, brauchen personale Herrschaft. Das macht sie in der modernen Welt staatsunfähig, ebenso staatsunfähig wie Israel, das keinen Krieg zum vernünftigen Staatserhalt führen kann. Dabei macht Israel sich selber blind – durch seine eingefleischte Verachtung der Völkerwelt, in der es nun einmal lebt und die es schließlich auch als Heimstatt benutzte.

Israel möchte nach langer Wanderschaft und Diaspora endlich Staat sein. Es gelingt ihm jedoch nicht, die Staatlichkeit anderer zu achten, die erste Voraussetzung, um sich selbst Achtung zu gewinnen. Das muss nun ein weiteres Mal der Libanon erfahren, mit dem der übermächtige Nachbar schon 1982 rücksichtslos umgegangen war. Auf dem Vernichtungsfeldzug gegen die Arafat-PLO war er damals ins Land eingefallen und fachte den seit 1975 währenden Bürger- und Religionskrieg erst recht an. Israel lockte damit die Syrer ins Land, erst vor kurzem zogen die letzten ab. Die ohnehin schwache Staatlichkeit des nur in Koexistenz zu erhaltenden Staatsfragments wurde nahezu völlig ruiniert, sie wird bis heute dank übernationaler Hilfsmittel zusammengehalten. Israel bewies damit, dass ihm gefestigte Staatlichkeit in seiner Umwelt gleichgültig ist, und so jetzt wiederum. In Erinnerung gehalten hat es sich bei den Libanesen vor allem durch den “Schlächter von Sabra und Chatila”, den späteren Ministerpräsidenten Sharon, der in diesen Palästinenserlagern rücksichtslose Massaker mithilfe libanesischer Milizen anrichten ließ.

Von Israel erwartet heute niemand mehr eine Friedenstat, die auf längere Zeit verbindlich wäre – und ihm Sympathie in der zerrissenen Region erwerben könnte. Man erwartet von diesem unglücklichen Gewaltstaat allenfalls vorübergehende Waffenstillstände, die seinen kurzfristigen Interessen dienlich sein können. Der Zufallskrieg kam vielleicht überraschend, aber er verdankt sich keinem Zufall. Schuld am Zufall haben stets die anderen. Israel hält sich mit System durch die Schwächen seiner vielen feindlichen Nachbarn aufrecht. Es liegt ihm in seiner Verblendung nichts daran, diese Feindseligkeit aufzubrechen. Es will sich keine Friedensfähigkeit leisten, um in der internationalen Staatenwelt Legitimität zu gewinnen. Mehr denn je ist es auf den Schutz des Imperiums angewiesen. Dieses hat der israelischen Erpressung im Laufe der Jahrzehnte beträchtliche Opfer an Vertrauenswürdigkeit gebracht. Die Amerikaner aber begreifen noch immer nicht, dass Israel nicht selbständig genug sein will, um den übrigen Westen nicht erpressen zu müssen. Das ist eine parasitäre Haltung. Sie ist so eingewurzelt, dass man daran zweifeln muss, ob Israel jemals zu einem verantwortungsvollen Gemeinwesen in der Staatengemeinschaft heranwachsen kann.



Die Verschuldung am Kind


“Qui fait en enfant fait un mort” Paul Valéry schrieb es 1943 / 44 (in den Cahiers, tôme II, unter HOMO). Wer ein Kind macht, macht einen Toten. Kaum jemand, der sich heutzutage an dieses Geschäft macht, muss sich darüber den Kopf zerbrechen. Sie alle müssen es machen wie das liebe Vieh, das sich auch nicht darum scheren kann, in wievielen Wochen der Metzger kommen wird, um das Kälbchen abzuholen. Freilich ein veraltetes Bild, weil der Besamer mit seiner Spritze nicht einmal dieses blinde Vergnügen vergönnt. Was man bestialisch nennen muss.

Dem Kind wird der Tod mit in die Wiege gelegt, es kann sich dagegen nicht wehren. Daran ließ sich bis vor kurzem nichts ändern, ob man nun das Kind mit Lust und mit heißen Wünschen machte, sich seinen Kinderwunsch realisierte (immer öfter mit medizinischem Beistand) oder ob man es nur einfach kommen ließ. Für den mitgezeugten Tod musste man sich nicht verantwortlich machen. Man konnte nur den Vorgang ganz unterlassen oder durch Kontrolle verhindern, doch das ist ein anderer Entscheidungsfall. Man entzieht sich dann dem Kinderzeugen, um das eigene Leben zu entlasten oder weil man für das unvermiedene Kind Schlimmes zu befürchten hätte. Durch die Jahrtausende konnte der Kulturmensch, wenn er sich gattete und zeugte, für schuldlos und somit für verantwortungslos halten. Wer jedoch das Alte Testament und in ihm die Schöpfungsgeschichte noch lesen kann, weiß auch, dass das so einfach nicht ist. Denn wenn Eltern gedankenlos ihrem Kind den Tod mitgeben, müssten sie dafür immer auch den Schöpfergott, den ungerechten, als ursächlich Beteiligten anklagen. Aber wer traut sich das schon?

Das ändert sich in unseren Tagen. Wer sein Kind will, wird demnächst ein Verpflichtungsverhältnis eingehen, das sich rechtlich fixieren lässt. Das kündigen bereits die ersten Prozesse um die Ärztehaftung wegen fehlgeleiteter künstlicher Befruchtung und die Klagen um die wrongful birth an. Die Erzeuger, die wir mangels einer trfeffenderen Definition noch Eltern nennen, werden nicht mehr blind und ziellos den Akt vornehmen können, und das Kind seinem Lebensschicksal überlassen. Auch wenn sie ihm eine liebevolle Erziehung zukommen lassen, um seine Chancen zu verbessern, so ist das noch lange nicht genug. Denn von nun an muss man, so weit die Technik es erlaubt oder auferlegt, sein Kind in eine Planung aufnehmen, man muss das Gezeugte konstruieren. Damit beginnt schon, wer aus Fertilitätsnöten zur künstlichen Befruchtung, zur IvF seine Zuflucht nimmt. Wenn man dabei seinem Kind das Geschlecht wählen kann und in der Konsequenz wählen muss, was demnächst der Fall sein wird, legt man es auch auf eine bestimmte Linie seines künftigen Lebens und seines künftigen Todes – als Frau oder Mann. Und das geht weiter so. Denn von nun an kann immer weniger am Leben und am Tod unbestimmt bleiben. PiD, also die negative oder positive Selektion bestimmter Körpereigenschaften und in diesem Zusammenhang die Austilgung unerwünschten Erbguts, bringt eine Lebensformung mit sich, lenkt auch die Individuation und bestimmt am Ende den Tod mit. So geht es mit den Gaben der Natur. Der Geschenkkorb derPandora, der Unheilvolles und Trügerisches enthielt, muss vom Schöpfermenschen selber assortiert werden. Das blind entstandene Geschöpf muss selber zum Prometheus werden. Seine beschwerlichste Last wird die Unzahl der Wahlmöglichkeiten sein, wenn es ihm nicht gelingt, seine eigene Fortzeugung zu unterbinden.

Der künftige Jedermann-Prometheus kann nur Menschen schaffen nach dem Bilde, das er von sich hat, mag es ihm gleich nicht ganz gefallen. Das heißt unter anderem, dass er seinen Geschöpfen die Qual der Wahlfreiheit mitgeben muss, auf dass sie sich bis zu ihrem Ende mit dem Unbestimmten herumschlagen müssen, um ihm ihr Bestimmtes zu entreißen. Der Jedermann-Prometheus kann also seinem Geschöpf, dem er von nun an wissend verpflichtet ist, nicht die schonende Taten- und Entscheidungslosigkeit schenken, das Nicht-Tun des Epimetheus (den unser Benjamin Hederich einen “unvorsichtigen und albernen Menschen” nennt). Er kann nicht unbefangen sein nach bester Kunst ausgestattetes Kind-Konstrukt ins Leben schicken, ohne ihm im Plan eine Grenzlinie vorzuzeichnen. Die konkrete Schickung muss zwar das Meiste offen lassen, muss jedoch vom Menschenmacher verantwortet werden. Wie immer das neue und eigens konstruierte Menschenleben sich gestaltet und an sein bestimmtes Ende gelangt, sein planender, selegierender und entscheidender Erzeuger hat Rechenschaft abzulegen vor seinem Geschöpf. Es werden übrigens nach wie vor zwei Erzeuger sein, denn bei aller Klonierungskunst kann ohne die Zwei ein ganzer Mensch nicht entstehen und überleben. Das haben unsere Utopisten, Huxley und Orwell, zu schlampig bedacht.

Der Autor ist in jedem Fall mitschuldig am Ableben seines Produkts, das nicht zufällig stattfindet und seine individuelle Form trägt. Aber wer ist es, abgesehen vom Kind-Produkt selber, der ihn anklagen und mit Gründen verurteilen könnte? Das Kind kann es nur eingeschränkt sein. Es ist ja ebenfalls Partei, man kann ihm allein schwerlich die Tatsachenfeststellung eines pfuschenden Handwerks, das eine verfehlte Charakterbildung verursacht hatte, überlassen. Der junge Mensch ist immer schon mitschuldig an seiner Individuation. Einfach dadurch, dass er Mensch ist, also ein unvollständiges und beklagenswertes Wesen, kann er vieles an sich nicht akzeptieren. Es gibt wohl wenige, denen an ihrer physischen und moralischen Gestalt alles passt, also wahrhaft Naive. Wenn man dann erfährt, dass eine interessierte und kenntnisreiche Hand daran beteiligt hat, den eigenen Lebenslehm anzurühren, muss man neugierig sein auf die Persönlichkeit dieses Demiurgen. Wahrscheinlich kommt man ohnehin einmal in die Situation, ihm eine Mitschuld zu geben, wenn auf dem Lebenspfad etwas schief geht. So ist nun einmal die spießige Gesinnung der Reichen beschaffen: Wenn es ihn erkennbar gibt, will man seinen Mitverfasser am Portepee fassen. Und nur wenige sind Gentleman genug, um zu sagen, das interessiere sie nicht, sie seien sich selbst genug.

Leichtsinn und Oberflächlichkeit beim Entwurf und beim Masterplan sind kaum hinreichend stichhaltige Anklagepunkte, wenn der entworfenene und korrigierte Mensch sich nicht ausstehen kann, missraten erscheint oder einen unpassenden, also falschen Tod erleiden muss. Auch der Vorwurf des Mangels an Selbstkenntnis der Macher reicht nicht aus, ist nicht gerichtsfähig. Diese haben in der Regel das Beste von sich gegeben, waren nur nicht klug genug, es richtig zu neuer Gestalt zu komponieren. Es stimmt zwar weiterhin, dass die meisten Eltern zu ungelenk und tölpelig sind, um zum Kinderzeugen zu taugen, in jedem Fall zu unreif, nicht ausgestattet zur Verantwortung für ihr Geschöpf – auf das sie obendrein noch stolz sind. Aber man muss ihnen immerhin die positive Vermutung der Lernfähigkeit zubilligen. Sie kommen ja auch als Gestrafte in die Welt und werden als Gestrafte aus ihr gehen. Eine nicht sehr starke Exkulpation fürs Menschenmachen zum Tode – das selten ganz gelingt –, aber kein hinreichender Grund, um es ganz zu verbieten, zu brandmarken.

Unter der westlichen Kultur waren in den vergangenen zwei Jahrhunderten nach Max Webers Wort die Menschen im stählernen Gehäuse der Hörigkeit gehegt und umfangen. Als das Gehäuse hat er die bürokratische Ordnung benannt, in der nicht nur die Machtverhältnisse geregelt sind, sondern auch die sozialen Beziehungen. Dieses Gehäuse besteht nach wie vor, auch unter der liberalen Marktideologie in der Globalisierung. Diese bestätigt mit ihren immer umfangreicheren Machtkonzentrationen das bürokratische Verhalten als ein nötiges. Aber das Gefüge lockert sich auch, getrieben vom Tempo des Fortschritts, der ständig zum Wandel der Unterwerfungsformen zwingt. Nun schiebt sich eine neue Form der Hörigkeit darüber, nämlich durch die zunehmende Steuerung in der Herstellung menschlichen Lebens. Sie hat sich aus der prinzipiellen Trennung von Sexualität und Fortpflanzung ergeben. Es werden vom Homo Faber nun eindeutige Entscheidungen für jeden Schritt verlangt, Spontaneität und Laufenlassen sicht nicht mehr zulässig, Richtungen sind vorgegeben und können nicht vermieden werden. Mit diesen Entscheidungen entsteht eine Verschuldung gegenüber dem Kind-Geschöpf, Schuld nun auch an den möglichen Formen seines Todes. Unsere aufgezwungene Entscheidungsfreiheit hat zur Konsequenz, dass wir mit der geplanten Zeugungstat an Mündigkeit verlieren, weil wir gewissermaßen an das von uns konstruierte Kind ausgeliefert sind.

Man macht sich also mit der Tat der Menschenschaffung hörig. Denn man gab damit gewissermaßen eine Garantie für seine Erhaltung ab. Man wusste mit einiger Präzision, was man tat. Wer ein Kind macht, macht nicht nur einen Toten. Er verliert auch an Autonomie, an Selbstbeherrschung. Beteiligt ist immer der biotechnische Apparat, auf den niedrigsten wie auf den höchsten und kompliziertesten Stufen. Hier zeigt sich also eine neue anthropologische Bestimmung.

Der Mensch schafft sich, um seine Freiheit zum Machen zu festigen, mit seiner Schöpfungslust selber seine Unfreiheit. Dafür wendet er viele Künste und Listen auf – und er hat seine Lust daran. Etwas lächerlich daher die apologetische Behauptung der IvF- und Klonierungsgegner, mit solchen Techniken spiele die Wissenschaft Gott, dies sei ein prometheischer Frevel. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der Biotechnik, die auch den Tod zu einem konstruierten Vorgang macht, geht der Verlust von Freiheit einher, man wird zum schuldhaften Knecht seines Könnens.

Dieses Thema ist hier schon des öfteren angespielt und variiert worden. Das vor sechs Jahrzehnten geschriebene Wort von Paul Valéry – damals gab es noch keine Bioethik mit ihren so unfrischen Texten – gibt der kühlen Überlegung noch einmal die nötige Schärfe und Unerbittlichkeit. Das Machen eines Toten, indem man ein Kind macht, lässt sich nicht als lebensnotwendig, also auch lebenserhaltender Naturvorgang begründen und rechtfertigen. Mit der Biotechnik legen die Erzeuger selber Hand an und setzen leitende Signale für den Lebensweg. Und das durch Oktroi hervorgerufene Wunschkind soll doch den Wünschen seiner Erzeuger gerecht werden. Wenn die Bedingungen des menschlichen Lebens so beschaffen sind, dass sich jeder verschuldet, der ein Leben mit Bewusstsein hervorruft, löst sich am Ende die Schuld ganz auf, kann niemand aufgerufen und bestraft werden.

Auf der anderen Seite ist es auch unmöglich, unschuldig zu bleiben, auf seiner Unschuld aus Unwissen zu beharren, wenn man sich im Erzeugungsprozess des biotechnischen Instrumentenkastens bedient. Man ist ja gezwungen, sich seiner zu bedienen, im Wissen, dass man Beihilfe zum Machen eines Toten leistet. Herzlos, dafür vom Kind auch noch Dankbarkeit zu erwarten.



Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen


Die Rechnung bitte


Die Wiederauferstehung, die sich die meisten kaum noch vorstellen können, ließ sich ehemals wie heute nur denken, wenn sie sich in geheilter, in schönerer Gestalt ereignet. Wenn man aus der Gruft zum jüngsten Gericht gerufen wird, so können sie es einem nicht mit dem vergangenen Elendskörper eines Hiob oder eines Lazarus zumuten. So könnte man nicht frei vor seinen Richter treten. Es muss also mit der Essenz der Geistgestalt, auch Seele zu nennen, eine Metamorphose vorgehen. Diese geschieht, welchen Sinn könnte Resurrektion sonst haben, mit dem Zweck, den alten Adam um- und umzuwenden. Wenn er in seiner dummen Hässlichkeit im Grab versinkt, ist er doch dazu bestimmt, strahlend wieder ans Licht zu treten – ebenso wie der Herr selber.

Der Sünder kann also nicht zu Asche werden und naturbelassen bleiben, er muss aus der Asche als Phoenix wieder emporsteigen. Durchaus legitim ist daher der Wunsch, schon zu seiner Erstlebenszeit sich mit allen erreichbaren Techniken zu veredeln, um ganz sein eigener Phänotyp zu sein. Wenn es, im Sinne der Metamorphose, zur Veredlung kommen soll, so verbietet es sich von selbst, wie so manche Dummköpfe die Vermarktung seiner Person im Auge zu haben. Es sind nicht viele, die keine Angst vor ihrer Metamorphose haben, diese gar herbeiwünschen. Mit der Idee konfrontiert, fürchtet wohl die Mehrzahl die Enteignung ihres besitzenden Selbst, wenn sie sich auf ihren Gestaltwandel einlässt. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Nur wenn man sich mitsamt seiner Habe aufgeben kann, kann man sich zum besseren Ausdruck bringen. Wenn die Welt irgendwann untergehen wird, so wird die Ursache dafür in der brutalen Phantasielosigkeit der Menschen zu suchen sein. Sie trauen sich nicht, vom Baum der Erkenntnis zu essen.


Ihr sollt nichts von uns erwarten


Es ist das Peinliche an den heutigen Deutschen, dass sie immer mit sich zufrieden sein wollen. Auch das Selbstverständliche und Vernünftige, das sie tun – es ist bisweilen beachtlich –, muss ihnen dazu dienen, ihre Selbstzufriedenheit zu bestätigen. Kaum zu glauben, dass diese Menschen und ihre Eltern sich einmal einredeten und einreden ließen, sie seien Herrennaturen.

Wenn die jüngeren Deutschen, was ein Trost ist, gar nicht mehr nach Zufriedenheit mit sich streben, so scheint das erfreulich. Es verschwindet damit eine nationaltypische Spießigkeit. Und gegen Tragik sind sie gefeit. Vielleicht gar zu sehr, denn es fällt ihnen, die doch auch eine Generation sein wollen, augenscheinlich nichts Interessantes ein.


mail@claus-koch.com
 

Die nächste Ausgabe erscheint am 18. August.

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