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Lagebestimmung: Schon abgepfiffen
Präsidentschaftswahl in Frankreich
Der Vorgang der Präsidentschaftswahl ist bereits erledigt. In vier Wochen wird man kaum noch von Ségolène Royal sprechen. Vermutlich wird sich auch unsere nächste Lagebestimmung (11. Mai) nicht mehr mit der Sache beschäftigen – so bedrückend die Lage ist. Die Wahl vom 22. April hat noch einmal die politische Leere offengelegt, die seit einem Jahrzehnt in diesem europäischen Herzland herrscht. Diese Leere wurde mit der peinlichen Prozedur umso schmerzhafter vor Augen geführt, als die Wahlbeteiligung so hoch war wie seit Menschengedenken nicht mehr. 3,3 Millionen Franzosen hatten sich neu in die Wahllistenneintragen lassen (in Frankreich erwirbt man mit dem Wahlalter nicht, wie in Deutschland automatisch seinen Wahlschein. Außerdem ist, weil es Briefwahl nicht gibt, persönlicher Urnengang verlangt). Vor allem die Jungen haben sich zur Wahl gedrängt. Politisch noch unbeschriebene Blätter, wollten sie sich durch ihre Entscheidung beschreiben lassen. Dies scheint die Kollektivstimmung zu verlangen! Die Personalisierung oder Psychologisierung, der sich die politischen Charaktermasken fügen. Die Parteipolitiker in Frankreich schreiben diese Lust zur Wahl einer neuen Politisierung zu, die sich die politische Klasse selber zuschreiben dürfe. Der Historiker Christophe Prochasson von der sozialwissenschaftlichen Elite-Akadamie EHESS sieht hier einen apolitischen Persönlichkeitswandel am Werk: Den Triumph des „moi je“ über das „nous on“, (Le Monde, 22./23. April). Damit :wird das selbstbezogene, geschichts- und orientierungslose Ich gegen das Wir gestellt, das soziale Zusammenhänge und Schicksale repräsentiert und erleidet.
Mit dieser These ist auch der Tod des Sozialismus in der sozialistischen Persönlichkeit bezeichnet. Ségolène Royal, die überdies von den Medien zu früh an den Start geschickt wurde und ihre zögernde Partei hinter sich her ziehen musste, stellt für ihre Wähler, die von erworbener uhd erkämpfter Kompetenz nichts wissen wollen, diesen Typ des "moi je" dar. Gerade ihre Lernunfähigkeit aus fester Überzeugung machte sie attraktiv. Die Linke in Frankreich, seit Mitterrands Tode erst recht konturlos, hat an der harmlosen Prätendentin nichts verloren.
Mit Nicolas Sarkozy, einem legitimen Sohn des zwölf Jahre lang herrschenden, von Anfang an vom Korruptionsgeruch umwehten Chirac-Regimes, tritt Frankreich ein fatales Erbe an. Wird Jacques Chirac als eine wetterwendische „girouette“ (Windfahne) in Erinnerung bleiben, so stellt Sarkozy, zuletzt Innen- und Polizeiminister, den polizistischen Typ dar. Keiner seiner Amtsvorgänger in den sechs Jahrzehnten der V. Republik war dem berüchtigten Joseph Fouché der Revolutions- und Napoleonszeit so nahe gekommen. Für seine Ansprache nach dem ersten Wahlgang am 22. April hatte er Kreide gefressen und gab meisterlich den allsorgenden Vaterlandsschützer. Der law-and-order-Mann der Wahlwochen war völlig vergessen. In Frankreich, das autokratische Führer ebenso fürchtet und liebt, wie es anarchistische Helden liebt und fürchtet, tritt der Sarkozy-Typ vor allem in den Zeiten politischer Leere erfolgreich auf. Europa ist der lemurigen Dunkelmann-Figur, wenn es der Karriere schaden könnte, keinen Heller wert.
Die armen, dummen Franzosen, die mit gutem Grund ihre Nation im leeren Sog der Globalisierung aufgerieben sehen, schenken ihr Vertrauen einem zweideutigen und zweifelhaften Kraftspieler. Im Juni, in dem die Parlamentswahlen angesetzt sind, wird das grausame Spiel fortgesetzt werden. Die Sozialisten, die dann mit ihrer geschlagenen Kandidatin nicht mehr aufwarten können, haben zu fürchten, dass sie schon jetzt aus diesem Spiel sind.
Der neue Mensch und der nächste Mensch: Keine Endmontagen
Ein wiederholtes Einführungskapitel
Der Mensch als sein Gott hat sich im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts verschlissen, hat sich zuschanden getreten. Soeben noch, in Renaissance und Aufklärung, war er strahlend hervorgetreten. Nun, am Anfang eines neuen Jahrhunderts – was freilich ein Zählzufall ist –, hat er sich nichts mehr zu bieten, kann sich keine Instanz mehr sein. Daher gibt es in diesem neuen Jahrhundert keinen Humanismus mehr.
Der nächste Mensch, der sich aus der Barbarei der Gegenwart herausschält, lässt sich von uns nicht als neuer Mensch sehen. Er hat kein Projekt vor sich es gibt keinen Entwurf von ihm. Er muss auch nicht, wie es in der westlichen Geschichte üblich war, einen alten Menschen und damit sich selbst hinter sich lassen. Er muss nichts Veraltetes von sich abstoßen. Und wenn sich, was alles andere als gewiss ist, die unaufhörlichen und irrwitzigen Metzeleien des vergangenen Jahrhunderts schließlich doch beendigen und verlieren sollten, dann nicht aus der lebhaften Sehnsucht nach dem neuen, dem vollkommeneren Menschen. Diese gescheiterte Epoche hat den Menschen als seinen Gott allzu gründlich beschädigt.
Der nächste Mensch, der nur zustande kommt, wenn er hinlänglich friedvoll auftreten kann, kommt vermutlich ungewollt, wie von selbst, ohne Geschichte und Geschichtsbewusstsein, ohne Verachtung für seine unseligen Vorgänger. In Erinnerung an die glanzvollen Ankündigungen des neuen Menschen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreibt Alain Bediou: „Créer un homme nouveau revient toujours a exiger que l'homme ancien soit détruit." (Alain Badiou:Le siècle,Paris 2005, Seuil). Über das, was der alte, der überholte Mensch sei und was notwendig an ihm zerstört werden müsse, ging dieses politisch besessene Jahrhundert hindurch der große Streit. Am konsequentesten haben Stalin und Mao die Schöpfung des neuen in der Zerstörung des alten Menschen radikalisiert. Hitler, in all seiner Brutalität, war ein kleinbürgerlicher Bastler dagegen. Seine Vision vom neuen Menschen blieb auf schmaler Spur, war eine deutsche Verkümmerung. Er wollte keine Welt umstoßen, um eine neue zu gewinnen. Schwer zu verstehen, dass sublime und zugleich ekstatische Köpfe wie Schmitt und Heidegger an dieser dumpfen Rohkost auf selbstgewebtem Linnen teilnehmen konnten. Maos Total-Umgründung verlangte den ganzen Menschen von Asbest, das konnte immerhin imponieren. Und jetzt werden betuchte Chinesen zu Millionen nach Europa kommen, um hier Original-Kuckucksuhren zu erwerben.
Wie hochgemut der europäische Blick ins Weite noch vor vier Generationen, vor rund hundert Jahren war, wie aufstrebend die Bemächtigung der Welt durch Wissenschaften, Kunst und Philosophie, wie modern der westliche Geist soeben noch auftreten konnte – das ' können die Gegenwartsmenschen allenfalls an den Ruinen ablesen, die sie mit Hilfe von Internet entziffern müssen. Die Heutigen, die ja in ihrer Mehrheit die Alten aus dem vergangenen Jahrhundert umfassen, sind schon nicht mehr in der Lage, die ganze Mediokrität zu ermessen, in die ihre europäisch- amerikanische Zivilisation nach den verheißungsvollen, kurzen Momenten der Modernität abgerutscht ist. In der Mediokrität selber liegt ja schon die Legasthehie gegenüber der Geschichte, die sich mit der Projektlosigkeit vor der kommenden Zeit paart.
So ist es auch flachgedacht, wenn Zukunftsenthusiasten ebenso wie Zweifler voraussehen, mit der Biotechnik und insbesondere mit Genomik sei ein neuer Mensch zu konstruieren, zumindest vorweg zu entwerfen. Dafür sind die Angebote der Technik zu unausgegoren und anspruchslos, ist die Vorstellungskraft der Konstrukteure zu beschränkt. Sie bleiben bei weitem hinter der techno-humanistischen Phantasie ihrer Vorgänger in den zwanziger und den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts zurück, hinter der Zeit von Haldane und Huxley. Meistens versprechen sie nur eine Konservierung des Alten in verbesserter Fassung. Dabei werden in der Regel die „kontraproduktiven“ Fehlhaltungen von gestern und heute, etwa der Größen- und der Geschwindigkeitstrieb, nicht unterbunden oder niedergehalten, sondern gestärkt. Revolutionäres ist von der Biotechnik nach ihrer heutigen Verfassung nicht zu erwarten, muss auch nicht befürchtet werden. Allein Therapie mit Hilfe von Prothesentechnik, allenfalls unter Ausmerzung von Erbdefekten, scheint ihr gutes Bestreben zu sein. Auch noch Verlängerung des Lebens wird als Therapie begriffen – da sie doch, als Überschreitung eines Maßes, Akte eines bestimmenden Willens voraussetzen sollte, eine Entscheidung für eine selbst gelebte und legitimierbare Zukunft, nicht ein kümmerndes Vegetieren in Rentner-Harmonie, im Genuss des Wiederkäuens.
Die Forderung nach dem neuen Menschen, der noch einmal sein eigener Gott sein, sich also seine Übersteigerung wünschen kann, lasst sich heute nicht stellen. Aufgenötigt ist uns allerdings die Frage nach dem nächsten Menschen, der auf den abgewirtschafteten Phänotyp von heute folgen soll. Solches Fragen verlangt in der Tat Entwürfe, Legitimitäten, Modelle. Vorausgesetzt ist dabei, dass der nächste Mensch von Willen, Verstand und Eigensinn nicht entlastet sein kann. Das Gegenteil muss erstrebt werden. Auch dafür fehlt es einstweilen an Vorstellungskraft. Gewiss ist, dass der höchste Mensch nicht aus der Katastrophe, konvulsivisch, herausgeschleudert oder, vergleichbar der Athene aus der Beule am Kopf des Zeus entbunden wird. Das kann einem schon theoretische wie praktische Vernunft sagen. Dagegen spricht ohnehin, dass der nächste Mensch in partibus, in ferner Analogie zu seinem Genom, ein Artefakt sein wird. Er kann nur Zustande kommen, indem Natürlichkeiten gegen Künstlichkeiten ausgetauscht werden.
So wenig wir uns vorstellen, auch nur ahnen können, was die Menschlichkeit des nächsten Menschen ausmacht, eines scheint gewiss: Er muss in der Lage sein, mit seiner Artifizialität aktiv umzugehen. Das bedeutet, dass er sich seinem Drang nach mehr Autonomie nicht entzieht, wie es sich die wehleidigen Erben von Hans Jonas herbeiwünschen. Der Drang nach vermehrter Autonomie der Entscheidung übers eigene Leben, der ein permanenter bleibt und nie zu befriedigen ist, verlangt zwar auch eigenen Willen und eigene Vernunft, aber er wird auch unerbittlich von der Technik nach ihrem jeweiligen Stand gefordert.
Es bleibt uns nichts übrig, als uns von den Errungenschaften der Biotechnik immer wieder beim Wort nehmen zu lassen. Das beginnt mit der Entstehung, am Anfang. Der Forderung auf das Recht, geboren zu sein steht das Recht auf die Forderung gegenüber, nicht geboren, ja gar nicht gezeugt zu sein. Darüber können Prozesse geführt werden, hier beginnt bereits die Rechtsform. Schon die Errungenschaft der In-vitro-Fertilisation hatte diese Frage aufgeworfen. Ebenso lässt sich dem Recht, in der Konstitution, die zufällig durch rein naturbestimmte Zeugung entstanden war, geboren zu werden, das Recht auf Geburt nach einer vorwegnehmenden Korrektur (durch PID) entgegenstellen. Das geborene Kind kann, da die Technik gegeben war und Alternativen dadurch diskutierbar geworden sind, auf einer Rechtfertigung, daher auf einer bewussten Entscheidung der Eltern bestehen. Diese könnten sich später nicht damit herausreden: Wir konnten und wollten damals dem kommenden Kind nicht unseren Willen, unsere Wunschfixierungen aufdrücken.
Nicht anders steht es mit der Geschlechtswahl für das gemeinsam gewollte Kind, mit der es immer auch um eine Entscheidung über seine Zukünftigkeit als Mensch geht, schlechthin über seine bestimmte Menschlichkeit. Schon heute fällt es schwer, ein Individuum, das seinen Eltern vorwirft, sie hätten ihm durch bloße Gedankenlosigkeit des falsche Geschlecht zustoßen lassen, als verwirrt oder widernatürlich zu verurteilen. Die Vermutung, es lebe jemand, gar mit gequältem Gewissen, im falschen Geschlecht, ist für uns nicht mehr abwegig. In Zukunft, wenn die Technik ohne Zwang zur Geschlechtsentscheidung auffordern kann, wird diese Vermutung sich mit der Frage nach der Legitimität, mit einem Entscheidungsspruch verbinden lassen. Niemand muss nur von ungefähr gewollt, ohne eine Entscheidung über sein Geschlecht, über seine Gestalt und über sein Konstitution zur Welt kommen. Wo ein bestimmtes Begehren nach Autonomie, sei es auch nur post festum ausgedrückt, entsprechende Konsequenzen einfordern kann, müssen die bisher unbefragt hingenommenen Sittengesetze über kurz oder lang weichen. Jedenfalls müssen sie sich rechtfertigen – um sofort, nach dem nächsten technischen Sprung, erneut in Frage zu stehen.
Demnächst könnte auch der Wunsch, elternlos geboren zu sein, mit keiner durch Erzeuger verfügten Identität belastet zu sein, auf die Tagesordnung kommen. Die Technik der Ektogenese bzw. des künstlichen Uterus – siehe dazu unseren Text in der letzten Ausgabe – läss t prinzipiell die völlige Anonymität von Ovozyten- und Spermaspender zu. Wenn auch, ehe die künstliche Gestation eingeleitet werden darf, alle relevanten Informationen der Erzeuger einschließlich ihrer Genome vorliegen und nachprüfbar sein müssen, so verlangt das noch nicht die Offenlegung der Personenidentität. Es lässt sich durchaus denken, dass in dreißig oder vierzig Jahren, wenn diese Technik praktikabel sein wird, manche der Zeitgenossen kein besonderes Interesse an der Elternschaft ihrer Erzeuger haben werden – eben aus dem Wunsch nach Autonomie heraus. Identitatsbesitz nach europäischem Modus muss keine anthropologische Konstante sein.
Diese Problemlage, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, ist bereits seit zwei Jahrzehnten mit der IvF-Zeugung vorgezeichnet. Wann dabei allein das Recht oder die Pflicht des biologischen Vaters auf Anonymität in Rede steht, weil identitätssuchende Kinder danach suchen könnten, kann bei der Ektogenese auch ein Recht der Mutter auf die Verbergung ihrer Mutterschaft in Anspruch genommen werden: Mater incerta. So könnte man sich ein Gerichtsurteil oder ein Gesetz vorstellen, wonach dem ektogenetisch geborenen Kind erst mit einem bestimmten Alter und auf eigenen Wunsch die Identität der Eltern preisgegeben werden darf. Der höchste Punkt des Selbstbestimmungsrechts könnte darin bestehen, keine bestimmten Eltern haben zu müssen. Zwangswissen von der Elternidentität könnte eines Tages als déformation culturelle angesehen werden.
Damit sind nur einige der Verwirrknoten angezeigt, in die der nächste Mensch, der sich seiner Geschaffenheit nicht unterwerfen will, geraten kann. Teilweise sind wir schon heute darein verstrickt. Diese möglichen Verwirrungen zwingen zu der Einsicht, dass der nächste Mensch, das ist seine bittere Erbschaft, die ihm von den Gegenwartsmenschen auferlegt wird, konstruiert und montiert werden muss. In dieser Montage üben wir uns seit längerem schon ein. Und mit jedem Schritt wächst auch das Bedürfnis nach Autonomie. Prometheisch wird das Schicksal des nächsten Menschen erst recht sein.
Zum Drang nach vermehrter Autonomie, der von der Technik durch ständiges Montieren angereizt und geschürt wird, fügt sich schließlich die Pflicht zur selbst gestalteten Demontage des Individuums. Man wird also seinen eigenen, immer wieder erneuerten Lebensentwurf nicht seinen Mitmenschen oder irgendwelchen Institutionen übergeben können, um den Schlußstrich ziehen zu lassen. Man kennt ja auch als einziger seine Lebensformel und damit seine Todescodierung. Man muss sie selber verantworten, muss ihr am Ende aus freiem Willen folgen. (s.a. Claus Koch: Wie die Künftigen den Tod bilden werden, in MERKUR, Heft 657, Januar 2004).
Die einmalige, unwiderrufliche Tat des Schöpfergottes, der das menschliche Geschöpf unbedingt zu folgen hatte, war ihm bald auf den mosaischen Gesetztestafeln ausgedeutet. Diese Tat ist aufgelöst und zerstreut in zahllose, unüberschaubare Montage-Akte. Diese fordern nach jedem Gelingen zu neuen Entwürfen und Demontage auf. (Dies löst heute die ohnmächtige Wut der Fundamentalisten aus, vor allem im produktivistisch gesinnten Amerika. In gewalttätiger Selbstverblendung müssen sie sich an ihrem Kreationismus festklammern – und stellen sich damit prinzipiell gegen das Neue Testament.)
Der neue Mensch der Moderne, der jetzt vom nächsten Menschen weggeräumt wird, war edel gedacht. Er war mit allen Perversionen, in die ihn seine Lust an der Revolution geführt hatte, eines der aufregendsten Blätter der Menschheitsgeschichte. Nun aber müssen wir wieder auf die Montagebühne treten. Der Werkzeugkasten, aus dem wir uns zu bedienen haben, ist überwältigend. Das Apfelbäumchen aber kann nicht mehr begossen werden, es ist langst verdorrt.
Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen
Das Authentische ist das Unwahre.
Es sind nicht allzuviele Zeitgenossen, die sich sachverständig und leidenschaftlich zu den großen Kunstdenkmälern in den europäischen Museen verhalten können. Gemessen an den Millionen von halbinteressierten und viertelgebildeten Touristen, die sie in der Betrachtung stören, sind sie nur ein winziges Häuflein. Aber gerade weil sie Kenner sind, können sie getrost auf die Aura oder die Authentizität, die den Werken anhaften soll, verzichten. Reproduktionstechniken, um die unterschiedlichsten Bildwerkereien zu kopieren, sind nunmehr so perfekt, dass gerade die wahren Liebhaber und Experten sich an der jeweiligen Nachbildung ebenso erlaben können wie an den Originalen. Diese sind im Falle der griechischen Skulpturen meist ohnehin die Kopien von Kopien. Wer mit den Werken Umgang pflegt, ist auf die Authentizität nicht angewiesen. Anders die Museumskuratoren, die, mit der Echtheit der Werke im Haus, heute die Zuhälter für den kulturreisenden und identitätssüchtigen Pöbel sein müssen. Vermutlich würde es kaum jemand bemerken, und die ernsthaften Kunstfreunde könnten es verschmerzen, wenn man die Berliner Nofretete unauffällig durch eine treffende Kopie ersetzte. Sie selbst war ja einstmals Ersatz und Fetisch. Das Original könnte man dann für gutes Geld überallhin ausleihen, um es am Ende den Museumsdirektoren in Kairo auszuhändigen. Auch sie sind, das liegt in ihrer Aufgabe, nicht nur Wächter der Kunst, sondern auch ihre Zuhälter. Sie sollten wenig dagegen haben, wenn ihr Schatz auf Reisen auch einmal die übrige Welt von Kulturkonsumenten beglückte. Das wird den Zulauf nach Ägypten nicht vermindern. Im übrigen hätten die Berliner Museumsherren ihrer Regierung einen guten diplomatischen Dienst erwiesen.
Auf ähnliche Weise könnte man mit den Ägineten in der Münchener Glyptothek verfahren. Ihre einstige Farbigkeit wurde bekanntlich vom dortigen Kustos mit viel Trara wiederentdeckt (den Kennern war sie längst bekannt). Die Kopien einiger dieser Kriegerfigrten hat man original poppig, wie es den alten Griechen gefallen haben soll, angemalt. Die neuen Griechen in Athen sollen von einer Probeschau hell begeistert gewesen sein. Edmund Stoiber könnte also, um sein kunstverständiges Neugriechentum zu beweisen, den herrlichen Personenbestand der beiden Tempelgiebel getreu kopieren und das Original dann bemalen lassen. Dieser könnte, zur Freude der Disney-Welt-Touristen auf der heimischen Insel nach tausendjähriger Abwesenheit ganz authentisch wieder aufgestellt werden. Die paar verbliebenen Winckelmannianer, die in der aesthetischen und moralischen Disziplin erzogen worden waren, sollten da nicht wehklagen. Nicht nur käme die ganze interessierte Welt, die Liebhaber-Elite, nach München, um sich am original korrekt nachgebildeten Falschen zu erlaben. Man könnte dann mit gutem Recht auch fordern, dass das original verschandelte Welt-Kulturgut gleich in mehreren Fassungen ausgefertigt würde und andere Metropolen zierte. Eines Tages würde man nicht mehr so genau wissen, welches Stück wann und wo von welchem Original oder von welcher Kopie nachgebildet oder kopiert worden war. Es ginge damit nicht anders als heute in der Popmusikindustrie, wo die Illegalität jeglichen Diebstahls nur noch für die Anwälte ein Thema ist. Gerade am Kulturgut Musik hat sich die Gleichgültigkeit der Massen gegenüber dem Anspruch von Authentizität und Kopie erwiesen. Man muss jetzt nur ein neues System für die Remuneration der hart arbeitenden Künstler finden. Den Massen, die harmlos von der Kulturindustrie parasitieren, ist das ziemlich egal. Sie lassen sich den Diebstahl ohnehin durch Stars vermitteln, die ihre Gagen von den Medien beziehen. Gewissensfragen können da einfach nicht mehr auftauchen.
Kein Thema
Unter gescheiten Leuten die es bleiben wollen, gibt es eine stillschweigende Verabredung: Man beschwert sich nicht, man empört sich nicht über die verdienstlos gewachsenen Rieseneinkommen von Efiben, über die Geldgier und die Geltungssucht der Großmanager, die ein Jahresplus von fünfundzwanzig Prozent als Berufspflicht rechtfertigen. Auch über das neureiche Gehabe, wie es sich seit Fontanes Gründerzeitfiguren nicht mehr so auftrumpfend feiern ließ, verliert man kaum ein Naserümpfen. Beredete man nämlich das Reichsein, müsste man über die eigene Schande reden.
Es sind ohnehin nicht viele und bei weitem nicht alle, denen ihr Reichsein die Achtung für den Tüchtigen mit sich führt. Die große Mehrheit der heute Reichen verdankt nicht bedeutender Erfindung, ingeniöser Unternehmerkunst oder übermäßiger Organisationsleistung, dass ihr das Gold in Mengen zufließt. Bei vielen ist es zuerst der Zufall, und der Aktiv-Typ des Superreichen wird vom geschickten Portfoliomanager dargestellt, und nicht mehr wie einst vom Eisenbahnmagnaten oder vom Stahlbaron. Glücklicher Leichtsinn und die Gunst von Währungskursen sind häufig im Spiel, Nur die Propandisten der theoretisch notwendigen Supereinkommen, die für die Wirtschaftsblüte verantwortlich seien, können behaupten, Geldeinkommen, Erwerbslohn und "persönlicher" Einsatz, schließlich Risikofreude stünden in einer funktionalen, also rationalen Relation zueinander, garantierten gemeinsame Wohlfahrt. So können nur Wirtschaftsprofessoren und Wirtschaftspolitiker denken.
Die neuen Reichen leiden denn auch bisweilen darunter, dass sie sich zumeist unter ihresgleichen aufhalten, mit ihnen die Langeweile des Geldausgebens und des Geldvermehrens teilen müssen. Und wenn ihnen mit derKonzentration von Geld auch Ballung von Macht zuteil wird, so können sie selten etwas Besonderes damit anfangen. Der reich gewordene Finanzanalyst hat selten die Statur, ein modernes, segensreiches Unternehmen zu gründen. Und es ist noch keine innovative: Heldentat, seiner Heimatstadt eine Klinik, seiner ehemaligen Universität einen Lehrstuhl oder dem Staatsmuseum zehn millionenteure Gemälden zu stiften. Das ist zwar nicht übel, aber das Wort vom hocherzigen Mäzen kommt dabei schwer über die Lippen. Was man Gutes und Schönes tut, man muss es im Rahmen des Alten tun. So können sich denn auch Bürgermeister, Museumsdirektoren und Gesundheitsminister der Einweihungsfeier zusammen mit reichen Langweilern nicht entziehen.
Wer sich ständig vom großen Geld angezogen sieht, was als solches keine Perversion darstellt, muss es ständig mehren. Das macht ihn freilich nicht interessanter. Der König Midas, dem durch einen kopflosen Wunsch alles zu Gold wurde, was er berührte und der daher dem Hungertod entgegenging, musste schließlich den Gott Bacchus anflehen, ihn von dieser Qual zu befreien. Dies wurde ihm gewährt, doch er stürzte sich, wie die Sage erzählt, sofort in neues Ungemach. Als sich Apollo und Pan darüber stritten, wessen Musikinstrument das edlere sei, gab Midas der Pansflöte den Vorzug vor der Apolloleier – und bekam sogleich vom Gott der höheren Künste Eselsohren verpasst. Das Gold-Elend hatte ihn instinktlos gemacht, Mitleid konnte er nicht finden. So verbrachte er den Rest des Lebens mit dem armseligen Versuch, den angewachsenen Kopfschmuck zu verstecken. Wer als ordentlicher Berufsmensch heute etwas von sich halten darf, wird die Superreichen nicht bewundern. Das wäre ebenso inferior wie ihre Verhöhnung. Aber auch Mitleiden ist nicht am Platz.
Wer sich darauf einlässt, macht sich nicht nur dümmer, sondern muss sich gar mit den eigenen Exkrementen besudeln. Unter dem steril gewordenen Endkapitalismus hat der Über-Reichtum, den eine Person auf sich häufen muss, etwas Exkrementöses. Davon sollte man sich fernhalten. (Das gilt nicht für die Amerikaner in ihrer ganz anderen, archaischen Kultur, über die sich von der übrigen Welt her zur Zeit kein Urteil fällen lässt).
Die Lust und die Last des Geldansaugens und des Geldauswerfens müssen daher von den Klugen beschwiegen werden. Sie können sich eine Beschwerde auch aus dem Grund nicht leisten, dass sie sich durch angewidertes Schweigen am Skandal des Reichseins mitschuldig machen.
Auch kein Thema,
und zwar gleichermaßen für die Nicht-ganz-so-Gescheiten wie für die Gescheiten, ist die deutsche Dicklichkeit. Soeben wurde von höchsten Instanzen statistisch demonstriert, dass die Deutschen unter den Europäern die Dicksten sind, und dass dies nicht nur für den Durchschnitt gilt, sondern auch für die höchste Stufe der Fettsucht, Dass sie übermäßig umfangreich sind, konnten sie schon seit längerem in ihren Illustrierten lesen. Nun ist es quasi amtlich. Doch wo immer eine festlich oder ernsthaft gestimmte Runde von Deutschen sich zusammenfindet, man kann sich über die epidemische Dicksucht der Zeitgenossen nicht unterhalten, gar angewidert zeigen. Denn ob bei den Prof. Dr. Müller-Meyers oder bei den einfachen Müllers: Wo sich ein Halbdutzend versammelt, teilen mindestens drei unter ihnen das Leiden, das geheime Schuldgefühl. Daher sind, im Zentrum deutscher Körperbefindlichkeit, alle gegeneinander taktvoll. Früher einmal waren Witze darüber möglich. Das ist heute nicht mehr politically correct. Was immer ihnen ihre unselige Natur verhängt hat, dass sie kollektiv dick sein müssen, individuelle Schuld ist dabei. Ein Hauptgrund: Die Deutschen ernähren sich zumeist miserabel. Wenn es einmal am Monatseinkommen mangelt, sparen die Deutsche nicht an Auto, an Urlaub, an Kommunikationstechnik. Sie sparen vor allem am Essen, dessen krank- und fettmachende Qualität ungebrochen ist. Weil sie zu dick sind, können sie nicht einmal hinschauen, wie gerade dort, wo man in Europa am besten isst und am längsten bei Tisch sitzt, die Dünnen vorherrschen, nämlich in Frankreich und in Italien. Weil es ihnen ihre Urbanität zu zieren scheint, schätzen die Deutschen in ihren Städten zwar italienische und französische Restaurants, aber sie können sie nur nutzen, um dick zu bleiben.
Das Vertrackte daran: Die deutsche Dicklichkeitslust, in den obersten Skalenbreiten Adipositas benannt und daher als therapierbare Pathologie bezeichnet, ist sowohl einem konstitutionellen Defekt wie einer Charakterschwäche zu verdanken. Dass es am sozialen wie am individuellen Charakter hapert, zeigt sich schon darin, dass vor drei Generationen die Menschen hierzuland um einiges dünner waren – weshalb auch noch nicht der Jogging-Industrie gehuldigt werden musste. (Italiener und Franzosen joggen denn auch viel weniger als die Deutschen, die damit nicht zuletzt ihren traurigen Masochismus abarbeiten). Man kann es den britischen Zeitungskarikaturisten somit kaum verübeln, wenn sie in ihrer Bosheit die Deutschen als fettliche Schweinchen mit kalten und listigen Äuglein zeichnen und sie dann auch noch in Lederhosen mit Hosenträgern stecken.
Es gibt einen Berührungsfaden zwischen dem Beschweigen der unfruchtbaren Hortung von Geld und Gold und der Peinlichkeit der deutschen Last am deutschen Fett. Schon vor Jahrzehnten wurde eine Quelle des deutschen Leidens in ihrer geheimen oder offen zur Schau getragenen Analkultur gesehen. Die Beobachtung, die schnell einzuleuchten scheint, ist empirisch schwerlich nachzuweisen, bleibt Sozialphysiognomik. Doch dass es um einen Kummer geht, den sensiblere und gröbere Naturen teilen, zeigt sich darin, dass sie darüber nicht reden können.
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