Der neue Phosphoros - 83. Ausgabe -
Dienstag, 12. Juni 2007
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 In dieser Ausgabe:

Die Vorführung der Leere Anfang und Ziel der Schönheit ... fortzeugend muss gebären
Wirtschaftsethik Lust zur Hörigkeit  
     
Lagebestimmung: Die Vorführung der Leere

Es war ohne Sinn, dorthin zu laufen, um zu protestieren und sich mit großer Wahrscheinlichkeit heroisch verprügeln zu lassen. Es war ohne Sinn, für viele Millionen Euro viele Tausend Polizisten dorthin zu schicken, um Schutz zu errichten und sich mit großer Wahrscheinlichkeit verprügeln zu lassen. Schutz wofür? Protest wogegen? Prügel warum? Schutz für die große Leere, Protest gegen die große Leere, Prügel für die Selbstfeier der Leere.

Schon vor mehr als fünfzehn Jahren hatte der Mitgründer Helmut Schmidt die G8, die damals noch sieben waren, für überflüssig erklärt. Die Überflüssigkeit ist bis heute geblieben. Was dort aufgeführt wird, kann keine Regierung verpflichten und binden. Die Welt-Geschäftsführer müssen ihre mehr oder weniger edlen Versprechungen schnell wieder vergessen, wenn sie auf heimatlichen Boden zurückgekehrt sind. Ihre Industrien, die auch Global Players und international vernetzt sind, halten sich nur daran, wenn es in ihre Geschäftspolitik passt. Das meiste passt nicht. Und immer wieder lassen sie die Repräsentanten der Staaten ins Leere laufen. Die Standorte müssen gehalten werden, und die Arbeitsplätze.

Das überflüssige Paradieren auf den Gipfeln, das den Staatsführungen längst keine Reputation mehr einbringt, erzeugt immer öfter nur Hohn. Aber das ist jetzt nicht mehr komisch. Denn die blinde Ballung auftrumpfender Macht enthüllt erst die Hilflosigkeit der gelähmten politischen Zentren. Die acht Kaiser können nur gemeinsam vorführen, dass sie nichts anhaben - und dass sie sich in ihrer Ohnmacht gegenseitig blockieren. Damit wird es für die versammelten Weltführer langsam gefährlich.

Sie können gerade noch letzte Regungen der Kritik provozieren. Widerstand kann es schon nicht mehr sein. Aber gegen die Leere kann man sich nicht wehren. Das war Attac und den anderen wackeren Protestlern noch nicht klar. Sie sind überflüssigerweise auf die Inszenierung der hohlen Macht hereingefallen. Hätten sie von vorneherein bekannt gemacht: Wir sind uns zu schade für diese blinde Machtprotzerei, wir wollen nicht unsere Knochen hinhalten für die Bestätigung eines politischen Nichts sie hätten von allen Vernünftigen großen Beifall erfahren. Und die Regierungen, die sich mit lautem Getöse vor leeren Sälen aufbauten, hätten nichts zu antworten gewusst. Nun haben sie, mit Hilfe des ärmlichen Protests. doch noch ein Fetzchen Aufmerksamkeit ergattert.

Die Medien, die in der globalpolitischen Leere keine Öffentlichkeiten aufbauen und erhalten können, haben ihren Part als Windmacher der Leere mitgespielt. Sie hatten keine Wahl. Erfahrene und verantwortungsvolle Kenner des Politischen, so es sie in den Medien noch gibt, durfte man nicht dorthin schicken. Die Medien sind aber auf solche Veranstaltungen der Leere angewiesen. Notfalls blasen sie die Leere auf, zur Superleere. Die G8 haben also auch die Bodenlosigkeit der Medien bloßgestellt. Hätten sich einige Qualitätszeitungen zusammengetan und erklärt, solche Nicht-Ereignisse wollen wir uns nicht erlauben, dafür ist uns der Platz zu teuer - es wäre eine sensationelle Werbung gewesen. Doch das war eben nicht denkbar. Die Medien sind wie alle anderen vom globalen Nichts angesogen. Und sie müssen auch noch das Nicht-Angebot der Nicht-Ereignisse vermarkten.

Das ist der Fluch der Mediengesellschaft: Sie muss sich mit Pseudo-Ereignissen beschäftigen. Die substanzlose Machtsymbolik, die von den ohnmächtigen Staatsverwaltern geschwenkt wird, lässt sich nicht kritisieren und nicht angreifen - und dies erzeugt Aggressivität bei den Jungen, Apathie bei den Alten. Dass in dieses Vakuum chaotische Gewalt einströmt, sollten erwachsene Politiker wissen. Daran fehlt es in Deutschland mehr denn je. Nun können sich Medien und Politikbetrieb wieder einmal schön aufregen über das kleine Chaos, dem sie selber als Vehikel gedient haben. Auch diese sterile Aufregung findet kein Publikum, das zu erwerben sich lohnen könnte.

Die jüngste G8~Veranstaltung hat zwanghaft vorgeführt, dass die Superapparate, die dem politischen Staatenkonflikt dienen sollten, nunmehr ausgebrannt sind. Es gibt nicht einmal Geier, die sich an den Resten erfreuen könnten. Das ist eine katastrophische Situation. Für die Bundeskanzlerin könnte ein Höhepunkt ihrer politischen Karriere gekommen sein. Würde sie nach dem völlig gleichgültigen Ereignis, für das sie sich wacker geschlagen hat, den Austritt Deutschlands aus der sterilen Inszenierung erklären, sie würde den Ruhm der modernsten Politikerin ernten.


 
Anfang und Ziel der Schönheit – Fortsetzung

Eine große, eine bestürzende Neuigkeit: Wir sind nicht dazu verurteilt, hässlich zu bleiben, wie die Natur viele von uns ausgestoßen hat. Noch wichtiger ist die Erwartung, die sich daraus ergibt: Wir werden nicht dazu verurteilt sein, unsere von der Natur vererbte Hässlichkeit an unsere Nachkommen weiterzugeben. Die Hässlichkeit, zusammen mit den meisten Erbdefekten, ist kein Zwangserbe. Wir können es aus eigenem Willen ausschlagen, es zumindest transformieren.

Bis vor kurzem war das nicht so. Wir mussten die mitgegebene Hässlichkeit lebenslang hinnehmen, allenfalls kosmetisch verdeckt, und wir mussten sie weitertragen lassen. Doch die Entlastung von Hässlichkeit ist nicht nur eine erfreuliche Befreiung, sie bringt auch eine neue Last mit sich. Man muss nämlich, wenn man sich seiner Hässlichkeit entledigen will, den ausdrücklichen Willen dazu aufbringen und ausdrücken können. Und man muss sich entscheiden. Wenn man, durch die Biotechnik dazu aufgefordert, mit Hilfe einer PID sein Kind zu der ihm möglichen Schönheit bringen will, so hat dies in einem einmaligen Akt zu geschehen. Das gleiche gilt für die gentherapeutische Befreiung von Erbkrankheiten. Erscheint dabei die therapeutische Befreiung als selbstverständlich und geboten, so erfordert sie doch die Erwägung einer möglichen Veränderung einer Persönlichkeit. Diese ist nicht nur durch ihre „Gesundheit“ bestimmt, sondern auch durch ihr mitgegebenes Leiden, einer Chorea Huntington etwa, einer Parkinson'schen Krankheit oder einer Diabetes.

Das Abwerfen von Hässlichkeit kann nicht unbestimmt bleiben, weil es Akte sind, die dabei verlangt werden. Man kann die Hässlichkeit von sich und seinen Nachkommen nicht abreiben, sodass die gereinigte Gestalt übrig bliebe, der adamitisch erschaffene Anfangsmensch (der bereits erwachsen und fertil hätte sein müssen). Es gibt keine ursprüngliche Reinheit, die den Homo erectus kleidete, die er repräsentieren könnte. Spezifische Hässlichkeit ist jedem mitgegeben. Sokrates, der wie kein anderer Philosoph von schönem Geist in schönem Körper beseelt war, konnte nur als hässlicher Alter vorgestellt werden. Er konnte nicht wohlgestaltet wie Alkibiades oder Alexander gedacht werden. Hätte er ihnen gleich gesehen, so erschiene uns das geradezu wider die Natur.

Hässlich und nicht ganz gerade sind von Angang her die Meisten, wenn auch weniger Menschen unter uns wandeln, die von Geburt aus entstellt sind. Die Ausbreitung der Hässlichen und der Hässlichkeit, die von der Massenmehrheit gar nicht wahrgenommen wird, lässt sich in Zahlengrößen nicht feststellen. Sie ergibt sich aus dem Schluss, dass in der total gewordenen Öffentlichkeit, die Privatheit und private Persönlichkeit nicht zulässt, die Schönen privilegiert und fetischisiert sind wie nie zuvor.

So weit das Resumé des vorangegangenen Artikels in unserer 82. Ausgabe „Sich schön zu wollen - ein Naturbefehl?“. Der Fortschritt der Biomedizin unter dem gewaltigen Potential der Genomik erlegt uns immer neue Pespektiven auf, die stets auch moralische Perspektiven sind. Es geht prinzipiell um Elimination und Neukonstruktion des Menschen, der ein gesellschaftliches Wesen ist und dadurch mit jeder Korrektur am eigenen Körper auch sozial handelt. Andrerseits gehört auch die Disposition zu bestimmten Leiden, die noch nicht manifest geworden sind, zur Persönlichkeit. Man sollte, wenn man diese Dispositionen präventiv beseitigt, sich wenigstens eine Ahnung davon verschaffen, was man damit verlieren würde.

Mit der Korrektur des eigenen Leibes und erst recht mit der Neubestimmung der Natur seiner Nachkommen, heraus aus der vorbestimmten Hässlichkeit und hin zur Schönheit, vollzieht man eine Metamorphose. Freilich mit unbestimmtem Ausgang, in neuer, zweideutiger Gestalt. Metamorphose aber, der immer wieder ersterbende und immer wieder sich neue erhebende Phönix, ist ein großer, ja konstituierender Kulturtraum. Er verwandelt die Furcht vor dem Tod, dem endgültigen Nichts, in eine Gewissheit vom Weiterbestehen der Seele. Es soll nichts, was erworben war, verlorengehen, nur kann es in alter Gestalt nicht bleiben. Nun lässt die Biotechnik den Lockruf ertönen, der auch einen Befehl darstellt: Werde zu Phönix, und beginne damit, dass Du Deine Schönheit willst. Dann musst Du nicht gestaltlos enden. Das Streben nach Schönheit ist Dir verliehen. Das schöpferische Ingenium des Menschen kann Dir helfen, das Stirb und Werde zu begreifen, es ist ja ein Humanum. Aber Du musst es wollen. Leider sind die meisten Biotechniker unfähig, einen solchen Appell auszusprechen, und gerade heute weisen sie es von sich, der Perfektion dienen zu wollen, reden lieber von Nutzen und der Genugtuung des Überlebens in bloßer Gesundheit.

Damit ein Appell an das Gebot der Schönheit vernommen werden kann, bedarf es eines eigenen Organs, einer eingeborenen Anlage, einer sensiblen Membran, die durch Schönheit berührt wird, bis hin zur Erschütterung. Die Erschütterung durch Schönheit war in unserer Kultur möglich, erst das zwanzigste Jahrhundert hat ihr den Boden entzogen. Ein „Organ“ für das Schöne trüge mit sich, dass man Hässlichkeit als Beleidigung von sich weisen könnte. Die Empfindung, dass in der Hässlichkeit das Übel stecken könnte, ist uns freilich abhanden gekommen. Wir bestaunen zwar die momentanen Idole der repräsentierten Schönheit, wir messen jedoch nicht unsere eigene Hässlichkeit.
Gleichwohl: Der Mensch muss mehr und mehr Artefakt sein, er kann nicht anders. Und insoferne er Artefakt ist, ist der Drang nach Vollendung eingepflanzt. So muss man auch das Bauhaus-Credo sehen: form follows function. Die bloße Funktion, die Form gewissermaßen in Gehorsam nehmen könnte, nur der eigenen Perfektion folgend, gibt es nicht.

Und es gibt auch nicht das bloße Artefakt Mensch, das, wenn nur organisch intakt, sich um seine Perfektion nicht zu scheren brauchte. Darin liegt auch eine Schwäche der ideologischen Gegnerschaft zur Eugenik: Sie misstraut prinzipiell dem Artifiziellen, weil im Wunsch nach der Perfektion des Menschenkörpers das Element des Bösen enthalten sei. Doch die Biotechnik kann sich mit bloßem Prothesendienst, mit Beschränkung auf Naturersatz nicht bescheiden. Sie muss auf die Finalität der Funktionen für den gesamten Leib und für die gesamte Persönlichkeit zielen, somit auch auf Schönheit. Schön ist schließlich der Organismus in der Vielfältigkeit seiner Funktionen selbst.

Das kann allerdings erst in einem Spätstadium der Wissenschaftstechnik, also mit Theorie, in einer Gesamtanschauung begriffen werden. Damit stellt sich wiederum die uranfängliche Frage: Wie und wann kam Schönheit auf, um menschliche Selbstgestaltung zu leiten und schließlich zu einem Constituens für eine humane Gesellschaftlichkeit zu werden. Das Bewundern von Schönheit ist zwar ein individuelles Begebnis, es muss jedoch darüber auch gesprochen werden. Denn es scheint die Herausforderung zu enthalten, sich selber schön zu begreifen und schön machen zu wollen.

Diese Frage geht gewissermaßen parallel zur Überlegung der Evolutionsbiologen, ob in der menschlichen Natur, abgekürzt im Genom, ein Kern zur notwendigen Konstruktion enthalten sei, der die Ausformung der Gattung erst möglich mache. Keine Menschheit ohne die Anlage jedes Individuums zu Moral und Schönheit als Voraussetzung jeglicher Verständigung und Gesellschaftlichkeit. Kant, Hegel und Winckelmann war die Gegebenheit dieses moralischen und aesthetischen Kerns im „Genom“ jedes Menschen eine Gewissheit und eine Voraussetzung. Die empiristische Wissenschaft unserer Zeit, die in der Kenntnis des Genoms die Rekonstruktion des Menschen betreiben muss, kann diese Gewissheit nicht teilen, sie muss sie allerdings vermuten. Sie muss sich immer wieder der Mühe unterziehen, für ihre prometheisch-gewalttätige Arbeit der unaufhörlichen Neuformung des Menschen ihre Legitimität vorzuweisen. Sie muss also, wenn sie das Schöne und das Moralische als eine Notwendigkeit verstehen will, an die Wurzeln der Evolution gehen.
Evolutionsbiologen setzen die frühesten Wahrnehmungen des Schönen in sechzigtausend bis yierzigtausend Jahren vor unserer Zeit an, also ziemlich spät in der Evolutionsgeschichte. Damals haben erstmals eigens geübte Menschen Gegenstande verfertigt, die ihnen offensichtlich gefielen, also einen Überschuss übers nur Nützliche enthielten. (Dazu Axel Kahn : L'homme, ce roseau pensant, Paris 2007.) Mit dem Titel spielt der Genetiker und Evolutionsbiologe auf das Wort von Pascal an: „L'homme n'est qu'un roseau, le plus faible de la nature; mais c' est un roseau pensant.“ Diesem schwachen, denkenden Schilfrohr ist der Sinn für das Schöne eingeschrieben. Es ist nicht zuletzt ein Zeichen der sexuellen Anziehungskraft und dient somit der Selektion. Schönheit, die eigens Wahrnehmbare, ist also in ihren Anfängen eine Bedingung für die Hominisierung in der Vergesellschaftung: „Facteur essentiel de socialisation, l'émotion esthétique partagée et la production artistique ont été des conditions de´l'enrichissement de la pensée symbolique des groupes humains, des éléments du développement des échanges marchands, c'est-à-dire d'avènement de ce que nous sommes, Homo faber, Homo symbolicus, Homo oeconomicus.“

Im Homo faber, mit dem die Arbeit an einer Evolution anfing, steckt bereits der Homo symbolicus, der seine Finalität im Homo oeconomicus findet. Die biologische Anthropologie kann den Homo oeconomicus nunmehr in einem späten, vielleicht letzten Stadium markieren. Die Schönheit und ihr symbolischer, sozialisierender Wert scheinen verbraucht, fast schon gestorben. Sie verblassen als eingeborene Instanzen, man kann sich auf sie nicht mehr berufen. Schönheit und Moralität kommen nun aus zweiter Hand, bestenfalls Halbfertigware. Das macht es schwer, sie in die Hoffnung auf den Fortgang der Evolution, auf fortschreitende Hominisierung einzuschreiben. Andererseits scheint die Biotechnik, die sich einstweilen auf dynamische Reproduktion des Gehabten beschränkt und sich mit dem letztlich sterilen Angebot von „Therapie“ begnügt, die Evolution als Hominisierung stillzustellen. Der Zeitpunkt, da ein neues anthropologisches Blatt aufzuschlagen ist, rückt nahe.



Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen

...fortzeugend muss gebären

Würde man heute unter fünfzigjährigen Deutschen herumfragen, welcher Krieg zu ihren Lebzeiten am Schneidigsten geführt worden sei und zu einem der glänzendsten Siege des Jahrhundert geführt habe, die Meisten würden längere Zeit in ihrem Gedächtnis stochern. Viele wüssten ihn nicht zu nennen. Dass es der Sechs-Tage-Krieg Israels gegen Ägypten, Syrien und Jordanien war, dessen Folgen bis heute schwären und sich in Afghanistan und im Irak fortsetzen, ist nur wenigen Zeitgenossen noch bewusst. Sie waren nicht anwesend und nicht betroffen. Ihr Fernsehgedächtnis reicht nicht so weit. Anwesend waren sie auch nicht beim französisch-algerischen Krieg, der 1962 sein vergiftetes Ende fand. Seine Narben sind auf dem Antlitz des engsten EU-Verbündeten noch immer zu sehen. Auch sonst scheinen die Deutschen bei den großen und prägenden Geschichtsereignissen ihrer Zeit nicht ganz präsent gewesen zu sein. Wer erinnert sich noch des Prager Mai? Worin die selbstmörderische Drohgewalt des Kalten Krieges bestanden hatte, kam und blieb nur wenigen zu Bewusstsein. Der Vietnam-Krieg, so voll der Lüge und der Machtkorruption, hat sich kaum eingebrannt. Und schon heute kann man bezweifeln, ob alle erwachsenen Deutschen mit Herz und Kopf an ihrer Wiedervereinigung teilgenommen haben.

Man kann die täglichen Blutfeiern in Bagdad und Afghanistan, die Terrormorde von London und Madrid nicht begreifen, wenn man vom Sechs-Tage-Krieg nichts weiß. Vor vierzig Jahren einschlagend, brauchte er nur eine kurze Woche, um die politische Weltkarte in andauernde Unruhe zu bringen. Er hat nicht nur das bis dahin hoffnungsfrohe Gesicht des niemals fertigen Staates verwüstet, sondern hat auch Amerika gelähmt, korrumpiert und im Nahen Osten auf Dauer festgehalten. Mit dem Blitzkrieg der winzigen Nation hat das Imperium immer mehr an Beweglichkeit und Handlungsfreiheit verloren. Beider Schicksale sind seitdem aneinander gekettet, und es besteht heute keine Aussicht, dass die Imperialmacht sich vom Judenstaat lösen, noch dass Israel sich von seiner Dauererpressung des Schutzherrn und des übrigen Westens befreien könnte. Die Erhaltung des Staates Israel ist auch raison-d'être der BRD und von Anfang an bestimmend für die deutsche Außenpolitik.

Mit diesem Krieg, dem letzten Feldzug im zwanzigsten Jahrhundert, wandelte sich nicht nur die Gesellschaft dieses verspäteten Staates. Der verspielte Sieg, der schließlich zur gewaltsamen Annexion Cisjordaniens führte und die verbliebenen Araber zu Heloten des glaubensreinen Siegervolkes machte, entzündete und begründete erst den Islamismus und den Terrorismus, der aus ihm auflohen sollte. Überdies verführte er die Imperialmacht zu militärischen Abenteuern, denen sie selber nicht gewachsen war und sich in immer neue Blamagen politischer Inkompetenz stürzen ließ. In der Nachbetrachtung zeigt sich, dass die mit Glück und Geschick gelöste Cuba-Krise im Jahr 1962/63 die letzte militärische Gewaltsituation darstellte, aus der Amerika unbeschädigt hervorging und wahren Siegesruhm ernten durfte. Seit vierzig Jahren, seit dem israelischen Blitzsieg, konnte sich das Imperium nur noch in Bürgerkriege hineinziehen lassen und blieb auch als Befriedungsmacht sieglos und dilettantisch.

Es war damals für das geängstigte Israel unumgänglich, diesen Krieg als einen Befreiungsschlag zu führen. Ägypten unter dem Autokraten Abd el-Nasser hatte ihm den Suezkanal gesperrt, das Land stand in Existenznot. Es war von westlich gesinnten Ashkenasen geführt, teils Sabras, also dort Geborenen, teils Flüchtlingen aus West- und Osteuropa. Mit dem Sieg wurde es zu einem orientalischen und nationalistischen Staat. Aus der ganzen arabischen Region strömten nun die vertriebenen Massen sephardischer Juden, also Orientalen, die sich nicht mit westlichem Fortschrittsgeist verbinden ließen, in den palästinensischen Raum. Diesen sah man auch in Europa als staatsleer an - was das eigene Gewissen erleichterte, Seit Generationen ansässige Einheimische interessierten nicht, zumal das neue Israel, noch nicht judaisiert und nationalistisch borniert, Modernität darstellte, auch für den ganzen Nachkriegswesten.

Zu Palästinensern, die später legitimerweise einen eigenen Staat fordern konnten, wurden sie erst durch Israel gemacht. Sein Sieg verwandelte sich, gegen die Absicht seiner weitblickenden Generale, in die gewaltsame Landnahme Cisjordaniens. Damit stellte Israel sich die Falle, aus der es schwerlich herauskommen kann, in der auch Amerika verfangen ist. Denn es besteht keine Aussicht, dass Cisjordanien, immer mehr von Schutzmauern durchzogen und in ihnen verkrampft, jemals konsequent von Juden entsiedelt werden kann. Nach vierzig Jahren gewaltsamer Besetzung, praktisch einer Annexion, scheint Eretz Israel unfähig, friedlich neben einer politischen Gemeinschaft aus verbliebenen und zurückgekehrten Arabern zu leben. Sein verbohrter Zionismus in einer Welt, in der das Nationale verblasst, ist mit den Wurzeln des militanten Islamismus und somit dem Terror eng verklammert. Er nährt die fortdauernde Anti-Modernität in dieser Weltregion,und stützt den Fortbestand all der autoritären Regimes unter muslimischem Glauben.

Wenn die deutschen Politiker und Medien beflissen vom Lebensrecht Israels sprechen, so kostet sie das wenig ~ sie kennen die Geschichte nicht. Keine Frage, dieses Lebensrecht besteht, auch wenn es von dem bedrohten Staat ständig aufs Spiel gesetzt wird. Es besteht aus der normativen Kraft des Faktischen - das mit Gewalt, Ausschließung und Vertreibung gewonnen worden ist. Auch die Europäer, die vom „Judenproblem“ entlastet sein wolltent voran die Deutschen, unterstützten diese Gewalt. Der elfte September von Manhattan kam nicht aus heiterem Himmel, ist auch nicht der Beginn einer neuen Weltlage, in der das Imperium seinem Untergang entgegen zieht. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für dieses Desaster wurde mit dem mutwillig verspielten Sieg im Sechs-Tage-Krieg vor vierzig Jahren gelegt. Das wäre einen Weltgedenk- und Trauertag wert. Er wird nirgendwo und nirgendwann gefeiert werden.


Wirtschaftsethik

Einmal sollte Schadenfreude doch erlaubt sein: Auf etlichen Vorstandsetagen in Deutschland quälen sie sich derzeit, ob sie ihre Sportwerbung aufgeben oder beibehalten sollen. Nicht nur Konsumgüter-Industrie, auch Banken- und Versicherungswesen, Kommunikationsoligopole und Pharmaindustrie haben sich so tief in die Werbeindustrie verstrickt, dass sie ihre Arme nur unter Schmerzen aus dem Korruptionsgewirr ziehen könnten. Alle wissen sie, dass der mediengefütterte Leistungssport unvermeidlich in Bestechlichkeit gerät, wenn Verbände, Organisationen, Publikum einen bestimmten Umfang erreichen. Dass eine der dümmsten und harmlosesten Sportarten, in der Doping geradezu überlebensnotwendig ist, nun die Vorderbühne bieten muss, stellt nur ans Licht, was von der Fußballindustrie längst allbekannt ist. Mit ihr bringen sich die Unternehmen, mit der Werbeindustrie verbunden, in Abhängigkeiten, die man nur als Racketts bezeichnen kann. Ohne die Racketts der Werbe- und der Sportindustrie könnte die reklamedynamische Gesellschaft wohl kaum aufrechterhalten werden. Auch die Parteipolitiker nicht, die durch ihre Anwesenheit beim Spiel und beim Empfang der Athleten dem zwielichtigen Gewerbe eine offizielle Legitimation verleihen. Könnte jemand, der sich öffentlich vom Sport und seiner Werbung angewidert zeigt, überhaupt noch Politiker sein? Die Firmenleitungen sehen, auch wenn ihnen die Racketts samt Doping bekannt sind, bewusst nicht näher hin. Nirgends wird der Massengeist besser zusammengetrieben als mit der Sportsreklame. Bundespräsident und Kanzlerin können nicht so naiv tun, als hielten sie den Vulgärsport für reinlich oder für säuberungsfähig, nur beseelt vom Geist des edlen Wettbewerbs. Auch sie können sich nicht freimachen von der gewollten Korruption der Massen, denen Skrupel über das Doping ziemlich egal sind. Wenn römische Imperatoren sich am

Kollektivmorden in den Arenen weideten und byzantinische Kaiser an der kriminellen Konkurrenz der blauen und der grünen Teams bei den Pferderennen, war das kaum geschmackloser als die Anwesenheit der politischen Funktionäre in den Stadien von heute.
Da ist nichts aufzuklären und nichts sauber zu machen, und nur Scheinheilige oder Beschränkte können Verbote fordern. Gegen die vereinte Bestialität von Sport- und Werbeindustrie, die sich der Zustimmung von „Politik“ und „Wirtschaft“ erfreuen, protestiert man nicht, wenn man auf sich hält. Immerhin darf man ruhig die Achseln zucken, wenn sich wieder einmal ein Autorennfahrer das Hirn zermatscht oder ein Boxer lahm geschlagen wird. Gewiss, sie sind die Opfer der Racketts, die mit den Massen ebenso wie mit den Großmanagements kurzgeschlossen sind. Da ihnen nichts Nützlicheres einfiel als Opfer zu sein, kann an ihnen nicht viel verloren sein.


Lust zur Hörigkeit

Eine zeitgemäße Anthropologie, also eine Beschreibung des ganzen Menschen von heute und zugleich einen Entwurf des nächsten Menschen, muss diese erste Bedingung zur Kenntnis nehmen: Jedes Individuum ist auf seine Transparenz ohne Schatten angelegt. Es bleibt jedoch intransparent, opak für sich selbst. Transparent, was seine Äußeres angeht, seine Oberfläche, seinen Körperbau, seine Körperfunktionen, seine Begierden, seine Lebenshaltung und seine Gewohnheiten. Von all dem weiß das Individuum nur Flüchtiges, Zufälliges, er kennt nicht seinen eigenen Zusammenhang. Vom Zusammenhang seiner Einzelheiten wissen die Kollektive und ihre Organisationen unendlich viel mehr. Es ist der unersättliche Drang nach Sicherheit, der die Kollektive dazu treibt, für den eigenen Gebrauch die Transparenz ihrer Mitglieder herzustellen. Es ist eine Sicherheit nicht nur vor erratischer, unvorhergesehener Gewalt, sondern Sicherheit auch für Märkte und Investitionen, die sich mit Hilfe umfassender Prognose schützen. Die Individuen in ihrem Alltagslauf wollen davon so wenig wie möglich wissen. Wären sie sich transparent, wie es die Technik im Dienst der Kollektive möglich macht, alles wäre unerträglich kompliziert. Das Leben könnte nicht gelebt werden.

Das nationale französische Ethik-Komitee (Comité consultatif national d'éthique) hat kürzlich Klage über die ausufernde Verallgemeinerung der Biometrie geführt und eine Gegengewalt gefordert. Im Namen des Sicherheitspradigmas würden unterschwellig allerorts Kontrollen angelegt, und mit einiger Gleichgültigkeit gewöhne sich jedermann, für Dateien aller Art observiert, fixiert und in allen Lebensspuren kontrolliert zu werden. Mit der ubiquitären Videoüberwachung und der lokalen Identifizierung durch die Mobiltelephonie ist das Arsenal der Techniken, die den ganzen Menschen im kollektiven Auge behalten, noch lange nicht erschöpft. (Le Monde, 2.6.07)
Wie alle Ethik-Kommissionen das von Zeit zu Zeit tun, beschwört auch das CCNE die Bürgerrechte in der zivilen Gesellschaft und die Grundlagen der Demokratie. Vergebens. Diese moralisch-politischen Instanzen sind schon weithin außer Kraft, und immer mühsamer kommen Gesetzgebungen zu „informationeller Selbstbestimmung“ zustande, oft schon unterlaufen von der nächsten Kontrolltechnik.
Es sind die Individuen selbst, die eine Freiheit von Überwachung verschmähen. Sie betrachten vielmehr die Kontrolle als naturgegeben. Man muss nur einmal die Managerhorden betrachten, wenn sie ihren Flugzeugkantinen entsteigen und geradezu obsessiv nach dem Mobiltelephon greifen! Oder Schülerinnen, wenn sie vor und in ihrer Bildunganstalt hektisch ihr SMS bedienen. Sogar das neue Staatsoberhaupt der französischen Republik, Nicolas Sarkozy, hat bis zum letzten Moment der Wahlentscheidung sein Mobiltelephon nie aus der Hand gelassen, und niemand hat das bemängelt.
So sehen Souveräne heute aus. Es ist keine Unterwerfung des Citoyen, sondern ein Bedürfnis des Zivilisationsmenschen in seinem heutigen Zustand, sich überall kontrollieren zu lassen. Es scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Und an der behaupteten Notwendigkeit, die Systeme würden zur Sicherung der Sicherheit gebraucht, können nur wenige ernsthaft zweifeln. Das Argument müssen vor allem die Innenminister und ihre Apparate bemühen. Sie sind die Hüter der Verfassung. Wer nach ganz oben will, hält seine unablässige Überwachung für selbstverständlich, er lässt ja selber überwachen. Noch in Heiligendamm trug er es sichtbar in der Tasche.
Wenn zur Modernität der heiße Wunsch nach Freiheit des Selbstausdrucks gehört, so ist in der Nach-Modernität die Anwesenheit des zitternden Ich nur dadurch zu erhalten, dass es in die Netze der technischen Kontrolle eingesponnen ist. Es stürzt in existenzielle Angst, wenn es sich nicht angeschlossen fühlt. Nur der stets Eingebettete, nur der Umklammerte kann sich frei fühlen. In Schweden, so war kürzlich zu lesen (in der Süddeutschen Zeitung vom 6.6.), wird der konservative Ministerpräsident Reinfeldt dafür kritisiert, dass er zu wenig in den Medien auftauche. Er habe es in einem bestimmten Zeitraum nur auf 173 Erwähnungen in den großen Tageszeitungen gebracht, der Oppositionsführer Persson dagegen auf 211. Das wird dem Regierenden als politische Schwäche ausgelegt. Die Schweden schätzen eben die ständigen Bekundungen, Selbstentblößungen und Bekenntnisse ihrer Politiker, ihre Präsentation im Volksheim. Dafür haben sie gewählt.

Der deutsche Bundestagspräsident Lammert hält eine zeitweilige Medienenthaltung seiner Kollegen für erwünscht, etwa einen zweijährigen Selbstentzug von Talkshows. Die Zuschauer andrerseits würden eine solche Askese für anstößig halten. Die Exhibition ihrer Politiker, damit sie diesen trauen können, ist ihnen Bedürfnis. Sonst müssten sie ja lesen und denken. Daher möchten sie sich auch nicht wehren müssen gegen die Überwachung der freien Bürger.


mail@claus-koch.com
 

Die nächste Ausgabe erscheint am Freitag 7. Juli.

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