Der neue Phosphoros - 85. Ausgabe -
Mittwoch, 25. Juli 2007
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 In dieser Ausgabe:

Fällige Entdeckung: der Pöbel Wald, Nation, Globalisierung Bestes Mittelmaß
Sozialbrütung Was verbindet Amerikanische Christenheit
Lähmungen    
Lagebestimmung: Fällige Entdeckung: der Pöbel

Es ist etwas dazwischengekommen. Wir werden die angesagte Fortsetzung der Lagebestimmung in der letzten Ausgabe zu der Unmöglichkeit, einander Parteifeind zu sein, erst in der nächsten Folge bringen. Dazwischengekommen ist eine Wahrnehmung, an der sogleich, wenn auch mit heißer Nadel, gestrickt werden soll: Es ist die Wahrnehmung, dass der Pöbel, die Plebs, aufs Neue ins volle Licht tritt und beim Namen genannt werden darf. Begonnen hat dies soeben mit dem Riss eines Fadens in der Sportindustrie, die der bedeutendste Ausdruck des Pöbels ist. Und die Sportindustrie, in der durchgehende Korruption als selbstverständlich und notwendig hingenommen wird, eben weil sie die Massen zum Pöbel formt, ist fest eingebettet in ein Kartell von werbender Industrie, Medien, parastaatlicher Jugendorganisation, Vergnügungsgewerbe, ein Geflecht von Lebensadern der nachindustriellen Zivilisation. Mit der Belebung dieses Geflechts ist unlösbar Korruption oder doch die stillschweigende Billigung von Korruption verbunden.
Der Riss tritt eben zutage, da die galoppierende Selbstzerstörung des Radsports sich mit einer Neuordnung der Schlachtfronten in der Fernsehindustrie verbindet, konzentriert auf die Verteilung der Sponsoren – also Reklamegelder der Industrie. Es läuft auf eine weitere Verschmelzung von Sportindustrie, Werbeindustrie und Medienkonglomeraten hinaus, auf ein enges Kartell zur Herstellung von Pöbel. Eine der Hauptstützen des Kartells wird, so ist es angezielt, in einem pay-TV, also in Privatsendern allein für den Sport und entmischt von allen sonstigen Sendeformen, bestehen. Wohin die Tendenz geht zeigt Großbritannien an, das mit seiner grundwiderlichen Yellow press in Europa wohl das höchste Maß an Verpöbelung aufweist. Ein Unterschied freilich: die britische Gesellschaft ist immer Klassengesellschaft geblieben, in der ein Bodensatz, eine Hefe sich nie auflösen ließ, eingelassen war, während im egalitären Nachkriegsdeutschland die Neubildung eines Pöbels sich erst seit rund zwei Jahrzehnten vollzieht. Man darf also der Wahrheit das Wort geben, wenn man von einem Pöbel spricht, der sich gerade in den Rissen und Zusammenbrüchen der Sportindustrie offen zeigt. Schließlich geht es in der Sport-, in der Werbe- und in der Medienindustrie um Hunderttausende von Arbeitsplätze und um hohe Kapitaleinsätze, weshalb es nun mehr und mehr die Wirtschaftsredaktionen sind, die sich um die morosen Sportzustände kümmern.
Eine große Katharsis wird durch die Krise in der vereinigten Sport-, Werbe- und Medienindustrie schwerlich ausgelöst werden. Doch könnten diese moralischen Zusammenbrüche in den Massensportarten zu einer härteren Prüfung der sogenannten bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit führen. Ihr wäre der ehrliche Begriff des Pöbels wiedergegeben, ein Begriff, der in der sozialstaatlichen Welt und ihrer Sozialstatistik nicht auftauchen darf. Unter der Totalabdeckung von Allensbach kommt die Plebs nicht vor. Zwar überfällt manche dann und wann ein kleiner Schreckensschauer vor dem Pöbel, wie zum Beispiel anlässlich der Fußballweltmeisterschaten in Deutschland. Aber solch kleine Katastrophenahnungen werden schnell erstickt unter der Decke der gemeinsamen Feigheit von Parteien, Medien, Industrie und Werbeindustrie. Wie stark dieses Schweigebündnis über Pöbel und Plebs ist, zeigte sich an dem Wutanfall des braven Parteisoldaten Müntefering, als sein Parteivorsitzender sorglos von der "Unterschicht" sprach. Der Mann der sozialen Gerechtigkeit sah darin eine Abwertung. Doch es war nur analytisch gemeint.

Vom Pöbel, von der Plebs würden niemals die Multimillionäre sprechen – sie brauchen ihn ja und sorgen für seinen Fortbestand. Springer und Burda finanzieren ihre höheren Projekte mit ihrer Pöbelpresse für die Unteren und die Unbedarften. Schließlich zeigen sie sich selber auf den Stadiontribünen, scheinen mit den brüllenden Massen bewegt, zeigen sich neben den Gattinnen der Athleten und mit anderer halbseidener Prominenz. Die Politiker, die doch vom steuerzahlenden Bürger wahrlich für solche teure Zeitverschwendung nicht bezahlt werden, dürfen da nicht ferne bleiben, müssen eine Zeitlang Teil des Pöbels sein.

Es wäre nicht übel, wenn der moralische Knacks im Radsport und im Fußball noch längere Weile währte und, wie das mit derlei Skandalen oft geht, eine gewisse Eigendynamik gewänne. Damit kämen wir der immer wieder erstickten Krise etwas näher. Die Anerkennung der so lange beschwiegenen Sozialform des Pöbels könnte dazu nützlich sein.


Wald, Nation, Globalisierung

Das Thema ist angeschlagen. Wenn es auch ungeschickt, aus kleinem Anlass angeschlagen ist, war die Zeit reif dafür, es bleibt von nun an unvermeidlich. Es geht nicht nur um den Wald als handelbare Naturmaterie und nationale Territorialität, sondern es geht auch um die "Kommodifizierung" von Lebensräumen und von Lebensformen, und es verweist auf die totalitäre Tendenz der Globalisierung, auf die unbedingte Herrschaft des Marktes.

Zu Ende und Anfang Juli beschäftigten sich zahlreiche deutsche Medien mit einer Alarmmeldung, die vom Bund deutscher Forstleute (BDF) ausgegangen war. Anlass war der Verkauf eines Wäldchens mit fünf Hektar nahe dem niedersächsischen Celle an chinesische Investoren. Dazu fügten sich Spekulationen über Verhandlungen schleswig-holsteinischer Kommunen mit Holzaufkäufern aus China. Eine Presseüberschrift: "Deutscher Wald in Gefahr? Im weltweiten Kampf um Rohstoffe ist ein neuer Wettbewerber aufgetreten, die Volksrepublik China" (Berliner Zeitung, 7.7.07). Im Text des BDF: "Der lächelnde Wirtschaftsriese kauft in Deutschland ganze Wälder und sichert sich still und leise den begehrten Rohstoff Holz."

Mit "Wald" und "Deutsch", dazu noch im Sog der gelben Gefahr, ist ein Sentiment angerufen, das lange Zeit mit Misstrauen zu behandeln war. Denn das deutsche Schwärmen für die Verbindung von deutschem Land und Blut mit dem grünen Wald (einschließlich Heide) war nicht erst seit 1933 braun eingefärbt. Doch das ist heute weithin vergessen.
Die Bestimmung als "deutsch" kann anders gesehen werden. Sie ist unverdächtig, legitim. Der Wald steht wie überall auf nationalem Territorium, ist somit Staatssache. Das wurde bisher unbefragt hingenommen, und erst die Globalisierung bringt ins Bewusstsein, dass der Wald in die politische Sphäre gehört. Mit Verkauf von Wald, gleich ob in privatem oder in öffentlichem Eigentum, ist Souveränität berührt, und der Verkäufer ebenso wie der Käufer greift in nationales Territorium ein. Das wurde bislang gerne vergessen, zumal die europäischen zusammen mit den amerikanischen multinationalen Konzernen sich lange genug kolonialistisch an allen Erdräumen vergangen hatten. Diese hatten nur das Unglück, dass sie selten als Nationen begriffen wurden.

In den meisten europäischen Ländern haben die Wälder hohe symbolisehe und historische Bedeutung, die die nationale Souveränität stützt. Diese Bedeutung schwindet zwar seit längerem, ebenso wie der Sinn für die bäuerliche Ökonomie. Aber deutsche Bürger wären nach wie vor empört, wenn der Teutoburger Wald oder die sächsische Schweiz an asiatische Private equity funds veräußert würde, ebenso wie die Franzosen es nicht hinnehmen würden, wenn man den Wald von Fontainebleau einer internationalen Holzagentur auslieferte.

Im "globalen Kampf um Rohstoffe", wie es nun im Stil der zwanziger Jahre heißt, schwächen sich solche Empfindlichkeiten bei den Staatsbürgern langsam ab, wie sich ja auch die militaristisch benannte "Konkurrenz der Standorte" heute selbstverständlich anhört. Das Schwinden des Nationalgefühls für den Wald als ein kollektives Erbe, das nicht ohne weiteres zu einem Gut umgewandelt werden kann, ändert nichts daran, dass die Entäußerung nationalen Territoriums nunmehr zu einem politischen Thema von großer Brisanz werden wird.

Der deutsche Wald wird daher "politisiert" werden müssen, und dies heißt auch, dass er politischer Planung unterworfen werden muss. Auch wenn man ihn der Kommodifizierung und der Globalisierung nicht ausliefern will, bedarf er einer deutlichen national-ökonomischen Kontrolle, die in Europa mit der Kontrolle der anderen nationalen Waldregionen verbunden sein muss. Die politische Waldplanung, die sich auf Jahrzehnte erstrecken muss, wie es das natürliche Wachstum vorgibt, berührt sich auch immer enger mit Fragen der politischen Ökonomie, die nunmehr aktuell werden. Aktuell wird in diesem Jahr die Frage von Staatsbeteiligungen an global arbeitenden Investmentfonds, vor allem Private equity funds, die der deutsche Finanzminister Steinbrück aufgeworfen hat. Sie betrifft somit auch den übernationalen Waldkauf zu Zwecken der Holzausbeutung. Damit wiederum verbindet sich die insbesondere in Frankreich aufgeworfene Forderung nach einer "patriotischen" Investitionsstrategie von Multinationals und Fonds, ein dauerhafter Konflikt mit der Welthandelsorganisation.
Eine national politisierte Waldplanung liegt unvermeidlich auch im Feld der Agrarflächenplanung. Diese wird zunehmend mit den neuen Problemen der agronomischen Erzeugung von erneuerbarer Energie befasst, muss also der Waldplanung ins Gehege geraten. Die agrarökonomische Energieerzeugung ist schon heute nicht mehr national zu behandeln, sie läuft unvermeidlich auf internationale Konflikte zu, siehe etwa die großflächige vegetationsökonomische Erzeugung von Energie in Brasilien, die weitere Abholzungen von Tropenwald nach sich zieht. Die OECD hat diese agrarökonomische Nutzung als ein internationales Problemfeld aufgegriffen. Aber es ist sehr schwierig, auf arme Staaten, die wenig Alternativen haben, Einfluss zu nehmen. An solchen Beispielen sieht man, dass unter dem Sog der Globalisierung die politische Planung des nationalen Waldes im Rahmen der Staatsökonomie zwar höchst notwendig wird, dass sie aber sogleich in viele Konflikte der internationalisierten Märkte gerät, also den Belagerungen, denen sich die Staaten durch die Globalisierung ausgeliefert sehen.

Meyers Konversationslexikon, fünfte Auflage (1897), eröffnet im siebzehnten Band den Eintrag "Wald" mit dieser Definition: "...eine mit gesellig wachsenden Bäumen bestandene Fläche. Der W. gehört zu den ursprünglichen Vegetationsformen, welche aller menschlichen Kultur voraufgehen (s. Urwald) – In ihm gelangt der Kampf der Baumindividuen um Licht und Luft sowie um den erforderlichen Wurzelraum, d.h. um ihr Dasein, zur vollen ungehemmten Geltung. Ohne Regel und im buntesten Wechsel baut sich hier Altersklasse über Altersklasse, stellt sich Holzart neben Holzart, und es ringen nur solche Stämme sich durch, welche die kraftvollste Entwicklung haben. Überall über den emporstrebenden Jungwüchsen steht breitkronig und reich entwickelt der alte Mutterstamm, dessen Same jene erzeugt hat. Zusammenbrechend oder im Sturm geworfen, weicht endlich der Oberbaum. und in die Lücke wachsen die jüngern... Der W. erscheint auf den niedrigsten Kulturstufen überall als ein Kulturhindernis. Seine Zerstörung, um ackerbares und Weideland zu gewinnen, ist Vorbedingung fester Niederlassung, sozialer und wirtschaftlicher Gestaltungen."

In solchen Definitionen konnte der gebildete Bürger» der sich ein Konversationslexikon hielt, sich wiedererkennen. So ähnlich begriff er sich auch auch selbst in der Gesellschaft, der Gesellschaft der Gründerzeit. Die Masse der großtädtischen Fabrikarbeiter und der bäuerlichen Landarbeiter ging nicht in den Wald, konnte dort nichts Bedeutsames für sich lernen. Allenfalls die Ärmsten machten von ihm Gebrauch, durch das – auch damals noch bisweilen verbotene – Sammeln von Fallholz. Wenn, wie häufig in Süddeutschland, ein Stück Holz zum Bauernhof gehörte, so machte man es sich zunutze, ohne darin eine Landschaft oder eine Umwelt zu sehen. Der Wald als notwendiger Sauerstoflieferant war noch nicht bekannt. Und ein Konversationslexikon hätte vielleicht gerne ein aufstrebender Facharbeiter besessen, aber das war teuer und beanspruchte viel Raum in einer kleinen Arbeiterwohnung.

So, wie es im Lexikon stand wurde es auch in der Schule gelernt. Von der Grundschule an nahm die Botanik als erste Naturerkenntnis einen weit höheren Rang ein als heute. Die großstädtischen Massen konnten freilich nicht in den Wald strömen. Er lag zu weit entfernt, konnte nicht mit dem Automobil angefahren werden, und selbst das Fahrrad war um diese Jahrhundertwende kein gängiges Verkehrsmittel. Blieb der Schulausflug mit der Eisenbahn.
Der Eintritt in den Wald fiel schwerer schon insoferne, als man damit eine Grenze durchschritt. Man hielt sich darin allein oder mit wenigen anderen auf, es bedurfte einer anderen Zeitorientierung. Man konnte sich also im Wald verlieren oder gar verirren – fast eine Undenkbarkeit in unserer Zeit, da das Mobilfunkgerät geradezu einen festen Körperteil darstellt. Denn unter unserer Uhrzeitökonomie, in der man auch kaum die raumliche Orientierung verlieren kann, kann der Wald kein Ort der Verirrungen, also der erschreckenden Ungewissheit mehr sein. Das Erlebnis, sich für

einige Zeit im Wald zu verirren, kennen noch manche Menschen der beiden älteren Generationen, das Naturerlebnis blieb für sie zumeist auch ein Kulturerlebnis: Sie waren auf einmal von Einsamkeitsfurcht umfangen. Die jüngeren erfahren Einsamkeit vornehmlich innerhalb der Kultur.

Die Begriffe, mit denen um die vorletzte Jahrhundertwende der Wald als Erfahrungslandschaft beschrieben werden konnte, hatten nicht nur sentimentalische Bedeutung, sie waren auch moralisch-praktisch unterlegt. Wie der Text zeigt, spielten sich im Wald und mit dem Wald die darwinschen Gesetzlichkeiten ab. Der Wald, der um der Zivilisation willen zerstört werden musste, war also mit optimistischem Fatalismus zu betrachten, er stimmte melancholisch als ein Verurteilter. In der Anschauung und im Gefühl für den Wald war, besonders im waldreichen Deutschland, mehr Vergangenheit als Zukunft enthalten. Die Zukunft konnte im Maschinenzeitalter, das ungeheure Massen fossiler Energiequellen verbrauchte zur Entwaldung, Naturverlust mit sich bringen, ohne dass damit positive Zwecke für die natürliche Umwelt zu verbinden waren, also ein Fortschritt durch Erneuerbarkeit oder gleichwertigen Ersatz.

Zur Zeit jener lexikalischen Einordnung war der Wald in Deutschland, in Frankreich und in Großbritannien, also in zentralisierten Kulturstaaten, längst der Staatsökonomie unterworfen. Ob in privatem oder in öffentlichem Eigentum, er wurde als Forst gehegt und gepflegt, nach staatlich bestimmten Normen und immer nach den neuesten wissenschaftlichen Standards. Mit dem Wald spielten sich unvermeidlich soziale und politische Konflikte ab, die in der Sphäre von Kapital und Arbeit nicht statthatten, weil sie in der Sphäre der Staatsmacht erledigt wurden. Darüber war schon damals fast vergessen, dass der Wald und seine unterschiedlichen Bestimmungen eine bürgerliche Errungenschaft waren. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde im Gefolge der bürgerlichen Revolutionen und nach dem Beispiel der Großen französischen Revolution der Wald als ein öffentliches Gut allgemein zugänglich. Bis dahin waren weite Strecken der – noch nicht nationalen – Wälder königliches oder feudales Jagdregal, in das der Bürger nicht eindringen durfte. Der Wald bedurfte also einer "Nationalisierung", um unter legale Staatsökonomie zu gelangen. Dies betraf dann auch den marginalen freien Bürgerwald, etwa in Form der kommunalen Allmende.

Im Auge zu behalten ist bei jener lexikalischen Waldbeschreibung, dass es sich um eine deutsch-bürgerliche Begriffswelt handelt. Für die meisten Westeuropäer lag das dichtbewaldete Land noch lange Zeit weit im Osten, hatte teil an seiner Undurchsichtigkeit. Eine Naturwahrnehmung, wie sie mit der deutschen Waldkultur gegeben ist, findet kaum Vergleichbares in Spanien oder in Italien, weil größere Wälder dort kaum vorkommen, jedenfalls nicht in Form des tiefen Tannenwalds, des "Tanns", der Rätsel birgt. In italienischen oder in provençalischen Kastanienwäldern oder in spanischen Korkeichenwäldern, in denen schwarze Schweine zur Erzeugung vorzüglicher iberischer Schinken herumlaufen, könnten sich Hansel und Gretel nicht verlaufen, und auch das einsame Männlein, still und stumm, hätte dort keinen Platz. Schon seit der Antike wurden die einst üppigen Waldlandschaften rings ums Mittelmeer vornehmlich zu Zwecken des Schiffsbaus, abgeholzt, mit ihm die stille und stumme Geborgenheit, die der Deutsche im Wald empfinden mochte. Und Waldlosigkeit bringt vermehrtes Geräusch mit sich. Geräusch, auch lautes selbst bis hin zum Lärm, ist heute den jüngeren Generationen verständlich, ja unentbehrlich, Stille dagegen macht sie leicht nervös. Die Waldesstille ist vor allem für alte Menschen ein Bedürfnis. Dies nicht nur aus Gründen schwer erträglicher Lärmbelastungr welche die natürliche Verlangsamung des Lebens stört, sondern auch aus habituellen Gründen der Kultur. Die körpereigene Motorik in der notwendigen Mobilität, die zum Überleben unentbehrlich ist, verlangt bestimmte Quanten an Lärmgewissheit, große Stille wird als Lebensstillstand empfunden.

(Fortsetzung in der übernächsten Ausgabe)


Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen


Bestes Mittelmaß

Die Bundeskanzlerin tut dem Lande sichtlich gut. Sie kann ihm guttun, weil ihm die Macht guttut. Sie regiert einfach, wie es die Umstände erlauben oder gebieten, und sie verjüngt sich, ja verschönt sich dabei. Sie kann ihre Erschöpfungen offen herzeigen. Und wenn ihr das Männermanagment in Wirtschaft, Medien und Parteien vorwirft, sie habe kein Programm und keine Visionen, so kann sie das gelassen hinnehmen. All diesen Machtgierigen fällt selber nichts ein. In diesem Deutschland kann niemand Visionen haben. Politische Phantasie kann hier schnell gefährlich werden, und jede größere Energie muss auf weitere Anpassung gerichtet sein. Ihre beiden Amtsvorgänger haben das mit unterschiedlicher Mimikry angestrengt vorgelebt.

Die Bundeskanzlerin weiß das, und wenn sie, etwas zu oft, von ihrer "festen Überzeugung" spricht, so nimmt sie das selber nicht ganz ernst. Auch den Männern, die mit ihr arbeiten, tut die Kanzlerin gut. Das ist in diesem Geschäft eine Rarität. Dem Außenminister, dem sehr kompetenten ewigen Kabinettsdirektor, verhilft sie zu einem Minimum an Brillanz, was gewiss nicht leicht war. Alle gönnen ihr den Erfolg, den er ihr diskret einbringt. Und der Regierungskamerad Müntefering, vom Publikum als erstarrter Funktionär abgeschrieben, hat sich in ihrer Begleitung zu Witz und einiger Unabhängigkeit entfaltet.

Auch diese Bundeskanzlerin wird eines Tages stürzen, aber sie wird nicht mit leerem Getöse über sich selbst fallen wie ihre beiden Vorgänger, sondern einfach durch die Umstände. Man kann erwarten, dass sie mit Fasson stürzt, anders als die zwei Amtsherren vor ihr. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass sie ihren einstigen Förderer, den präpotenten Verweiler der Bonner Staatsimpotenz, vom Sockel werfen sollte. Sie wird darüber keine Skrupel und keine Triumpherlebnisse hegen. Die Umstände ergaben es.

Sozialbrütung

Einen erfolgverheißenden Vorschlag zur weiteren Senkung der Geburtenraten in Europa hat der Brüsseler Sozialkommissar Vladimir Spidla ins Gespräch gebracht. Einer Studie über die skandalöse Lohndiskrimierung von Frauen folgend, möchte er ein obligatorisches Babyjahr für Väter eingeführt sehen (s.u.a. Süddeutsche Zeitung vom 19. Juli). Im Falle, dass eine Gattin oder Freundin sich ihren Kinderwunsch erfüllt – worüber der Zeuger nicht immer die Kontrolle haben kann –, soll der Vater zu einem Pflichtjahr mit Berufspause herangezogen werden. Auf diese Weise soll die berufliche Chancenminderung aufgrund des Lohngefälles ausgeglichen werden. Zu

Grobdeutsch: Damit die Gebärmaschine Frau (Bischof Mixa) durch die väterliche Kindespflege entlastet werden kann, soll die Zeugungsmaschine Mann belastet, im Beruf entschleunigt werden. Dies wird die vielbeklagte Bindungsschwäche der jungen Männer, die vor Ehe und Vermehrung zurückschrecken, nicht gerade zur Bindungsfreude verwandeln.

Während Marktwissenschaftler und Marktideologen es für geraten halten, dass jeder Erwerbstätige während seiner Arbeitskarriere acht Mal den Beruf wechselt, um in jeder Hinsicht mobil zu bleiben, würde die Drohung mit dem Babyjahr Berufsmobilität und Aufstiegsehrgeiz bremsen. Offensichtlich stellen sich Gutachter und Kommissar eine europäische Gesellschaft von Beamten und kleinen Festangestellten vor, für die eine Pausenzeit der Kinderpflege wenig zählt, gar als angenehm empfunden wird, eine Gesellschaft der beamteten Schullehrer. Dafür kommt ja die Frau auf gerechte Weise weiter, hoffentlich.

Da mühen sich industrielle und staatliche Arbeitgeber redlich, durch Outsourcing und Privatisierung die Mobilität der Arbeitnehmer zu vermehren, was ihnen zur Freude der Aktionäre auch gelingt – und nun möchte die Europazentrale die Mobilität bremsen, indem sie den Mann am Herd und beim Pamperwechsel hält. Dazu noch muss er in der ständigen Sorge leben, dass ihm, der Berufsgerechtigkeit wegen, ein weiteres Kind angedreht wird. Selbständige und überhaupt Leute, die etwas vorhaben, vor allem Geistesarbeiter, werden gewarnt sein, sich nicht zur Fruchtbarkeit verleiten zu lassen. Intelligenz schmiede Europa.


Was verbindet

Vielleicht ist es zuletzt noch die Scham, die diese rohe und vulgäre Gesellschaftswelt zusammenhält. Es kann nicht anders sein, als dass nicht unzählige Zeitgenossen jeden Tag von kurzen Anfällen der Scham ergriffen werden. Einer Scham, die verbindet, weil sie stumm bleiben muss. Sie kann nicht zu Empörung führen, weil sie dafür keine Worte findet. Wer sich laut empören möchte, muss schon seine Ohnmacht offenbaren, so unterlässt man es. Auch dies klammert zusammen.

Die Frauen sind es vor allem, die täglich von Scham ergriffen werden und still die fortdauernde Demütigung durch diese rücksichtslose Zivilisation hinnehmen. Auch die mutigste und selbstbewussteste entkommt den Überfällen der Vulgarität nicht. Und es ist schier unmöglich, die Männer durch eine gute Erziehung dazu zu bringen, die Frauen nicht immer wieder zu einem geheimen Erröten zu zwingen, bei aller Liebe.


Amerikanische Christenheit

Die europäischen Katholiken und die römische Kurie sind erstaunlich gelassen, ja übertaktvoll angesichts des üblen Ablasshandels geblieben, in den die Diözesen ihrer nordamerikanischen Glaubensbrüder verstrickt sind. Auch die seriösen Zeitungen haben zwar das Nötige berichtet, haben sich aber deutlicher Kommentare zumeist enthalten. Denn es ist nichts anderes als Ablasshandel, wenn die Ordinariate drüben enorme Dollarsummen zur "Entschädigung" an die Opfer von sexuellen Übergriffen an meist jugendlichen Christen zahlen. Es sind nunmehr schon rund zwei Milliarden. Zuletzt waren es 660 Millionen Dollar, die der südkalifornische Kardinal Roger Mahony (Los Angeles) an 508 Beschwerdeführer anweisen ließ, im Einzelfall von 100 000 bis vier Millionen, je nach Dauer und Schwere. Davon ging rund ein Drittel an die Fachanwälte für Entschädigungsforderungen, eine Schmarotzerschicht, die vom Kunstraub über die KZ-Haft bis zur geschiedenen Milliardärin alles betreut, was als Beschädigung oder Schmerz vor Gericht handelbar ist. Und Opfer wollen in dieser brutalen Gesellschaft sehr viele sein. Auch Mahony wird nachgesagt, er habe so schnell gezahlt, weil er nicht Opfer werden und der Vorladung in den Zeugenstand zuvorkommen wollte. Ehe der europäische Katholik sich darüber, zurecht, aufregt, sollte er immerhin danach fragen, wie viele der klagenden Opfer in der Kirche geblieben sind, wieviele von vornherein das Schandgeld abgewiesen haben und wieviele es annehmen, um es für einen guten Zweck zu spenden. Darüber erfährt man, aus verständlichen Gründen, aus den Zeitungen nichts.
Für einen katholischen Christen müsste es unfassbar sein, dass ein Mitgläubiger im Gedenken des Opfertods des verleibten Sohn Gottes, also der Erlösertat,lebt, die Gelegenheit nutzt, um einen schönen Ablösebetrag zu ergattern. Die Priester haben sich ja als Glabensdiener am Stellvertreteramt vergangen. Ihre Hierarchie, die kein Business-Management ist, kann ihr Vergehen nicht mit Geld an Dritte entgelten, sie kann sie nur mit Strafen religiöser Natur belegen. Und es ist an den weltlichen Instanzen, sie zur Verantwortung zu ziehen. Eine Kirche, die dem Kaiser nicht lässt, was des Kaisers als des Friedenshalters ist, sondern in privater Güteregelung so viel wie möglich unter die Decke kehrt, macht sich schuldig vor Christus. Er hat ihr seine Stellvertetung überlassen und als Amt geliehen. Der allzu ironische Papst, der nächstes Jahr in die USA reisen wird, müsste energisch mit Gottes Zorn dreinfahren. Wie will er sonst ehrlich mit dem allerchristlichsten Präsidenten dieser Pharisäernation umgehen?(siehe u.a. Le Monde vom 17. Juli und FAZ vom 20. Juli)

Lähmungen

Man liest oder hört heutzutage wenig von Philosophen, die daran interessiert wären, ihr ständiges Sterben anzusehen, ihren bevorstehenden Tod zu denken. Dies sollte doch ihr besonderes, ihr eigentliches Geschäft sein, um im Lichte der Vernunft durch's Leben zu kommen. Dazu bedürfte es nicht ausdrücklicher Bekenntnisse, man liest es aus der denkerischen Handschrift. Immerhin hatte es im philosophischen Denken damit schon früh angefangen, und Sokrates hielt sich dadurch besonders lebendig und anregend. Freilich bedarf es zur Betrachtung des eigenen Todes einer moralistischen Ader. Die ist jedoch dem akademischen Philosophen abgebunden. Er hat zu konstruieren und muss sich im Konstruieren als Wissenschaftler beweisen. Damit wird die Reflexion des eigenen Todes zu einem anstrengenden Luxus, den sich in der Wachstumsgesellschaft nur wenige leisten mögen.

Man liest und hört auch wenig von Philosophen, die sich mühen, ihre Zeit so wahrzunehmen und zu erleben, dass sie sie in Begriffe lassen können. So hatte es Hegel mit der Philosophie wohl gemeint. Anders kann man auch Geschichte schwerlich begreifen. Und anders kann der Denkende sich kaum Gedanken über das Kommende und über das Notwendige machen. Die Zukunft des Menschengeschlechts in Begriffen zu fassen und Erwartungen zu schärfen müsste dringlichste Aufgabe des Philosophen sein, zumal in katastrophischer und ängstlicher Zeit.

Zwischen den beiden Verhinderungen der Philosophen besteht offensichtlich ein Zusammenhang. Ihn zu benennen, müsste ein lebensnotwendiges Interesse für den Denkgeübten sein, selbst wenn er dabei auf Schreckliches stoßen könnte.Darüber könnte dann manch einer die Philosophie an den Nagel hängen – und es wäre kein besonderer Schade drum.


mail@claus-koch.com
 

Die nächste Ausgabe erscheint am Freitag, den 10. August

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