Der neue Phosphoros - 89. Ausgabe -
Mittwoch, den 17. Oktober 2007
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 In dieser Ausgabe:

Die Unentschlossenen: Kein Handlungsbedarf Immerwährendes Ultimatum Keine Atembeklemmung
Wenig Inbrunst Ordnung des Lebens  
     
Lagebestimmung:
Die Unentschlossenen: Kein Handlungsbedarf

Nichts ist schwerer zu beschreiben als das vollkommene Mittelmaß. Die perfekt Mittelmigen sind gefeit gegen den Schmerz, den sie sich selbstkritisch zufügen könnten, den andere ihnen antun. Man kann für sie kein treffendes Urteil zustandebringen. Wer sie in ihrer Mittelmäßigkeit treffen wollte, täte ihnen schon Unrecht. Andrerseits, wer sie gar nicht so übel findet und alles in allem erträglich, macht sich lächerlich. Das Mittelmaß macht es also unmöglich, etwas Geist auf sich verschwenden zu lassen. So verhält es sich mit den Deutschen, schon seit langen Jahrzehnten. Der aufgeklärten Mitwelt fällt wenig Interessantes zu ihnen ein, und allenfalls Briten fühlen sich bemßigt, sie hämisch zu verspotten.

Die Deutschen selber, das liegt in ihrer Mittelmäßigkeit, können nicht andere zum Nachdenken über ihre Qualitäten und ihr Schicksal bringen, die doch wahrlich Aufregendes enthalten. Sie tun ja auch einigermaßen redlich, was ihnen aufgetragen ist und was man ihnen zumuten kann. Das Land sorgt für Geldwertstabilität und zahlt seine Schulden, es bezahlt auch für seine historische Schuld. Es beteiligt sich in erträglichem Maß an Interventionen zur Erhaltung des Friedens in aller Welt. Die Deutschen bewähren ihre Compassion bei Naturkatastrophen in den Ländern der Armen, ihr Technisches Hilfswerk ist vorbildlich und meist an der rechten Stelle. Deutschland lässt sich als Kulturnation betrachten, da es viel Geld für Theater, Museen, Ausstellungen und Literaturpreise ausgibt. Es kann viele Touristen aus aller Welt anziehen, seine Serviceleistungen sind zuverlässig, auch im Preis. Das Straßenvolk ist auskunftsbereit und gar nicht hochmütig. Vielleicht möchten die Deutschen in ihrer Mehrheit allzu gerne internationalistisch sein, außerhalb ihrer Grenzen wirken sie leicht komisch oder töpelig. Das macht sie nicht verlegen, der perfekt mittelmäßige kennt auch keine Verlegenheit ob des Eindrucks, den sein Auftreten macht, siehe die Amerikaner. Kleine Schönheitsfehler, an denen sich nur arme Feuilletonisten festhalten können.
Doch leider ist dieses bürgerliche Musterland auch das Musterland für die übrigen europäischen Nationen in ihrer gesamteuropäischen Mittelmäßigkeit. Die Deutschen brauchen sich nicht lange den Kopf über sich zu zerbrechen, die anderen tun es ja auch nicht. Es gibt auch keine europäischen Intelligenzen, die einen solchen Anspruch erheben möchten, die sich um Weit- und Tiefblick für den Kontinent mühen könnten. Wer ein klein wenig Pulver auf der Pfanne hat, gibt es sofort bei der nächsten Talkshow aus, er muss sich schließlich am Leben erhalten.
Diese hartnäckige Mittelmäßigkeit, die sich ein Leiden an der gegenwärtigen Gesellschaft längst ausgetrieben hat, erlaubt es den geschäftsführenden Regierungen, in dauerhafter Unentschlossenheit zu verharren, ohne dafür bestraft zu werden. Die rituellen Personalwechsel sind mehr der unterhaltenden Abwechslungslust zu verdanken als dem empörten Volkswillen, der an der eingetränkten Unentschlossenheit der Regierungen Anstoß nähme. Die Unentschlossenheit muss von mal zu mal gebilligt werden, weil das gesicherte Mittelmaß harte Brüche und bittere Entscheidungen nicht erträgt. Man kann sich über die deutsche Regierung ebenso wie über die anderen europäischen Regierungen, die alle ähnlich aussehen, im Ernst nicht beklagen. Ihre Wählerschaften wollen sie nicht anders, Parteien und Regierungen, die vorausschauen und Entschlussfreude beweisen, können sie schwer zustandebringen. Wer sich der planerischen Energie erinnert, mit der nach dem letzten Weltkrieg England seine Royal Commissions und das de-Gaullesche Frankreich seinen Commissariat au plan mobilisierten, kann den Niedergang der wohlfahrtsstaatlichen Bürgermoral zur selbstgewählten Unmündigkeit des verwilderten Kapitalismus ermessen.

Permanente Unentschlossenheit und nur blinzelnde Wahrnehmung der größeren Problemlagen gehören zum Überlebensmodus der politischen Organisation. Ein "Handlungsbedarf" darf erst zur Kenntnis genommen werden, wenn eine Interessengruppe aufschreit, weil ihr Zustand unhaltbar geworden, wenn es also beinahe zu spät ist und die Selbstheilungskräfte definitiv versagen. In weiter Perspektive deutlich sichtbare Notlagen werden ignoriert, eben weil sie in größerer Perspektive mit weitem Teilradius liegen (siehe auch unseren Beitrag "Immerwährendes Ultimatum" in dieser Ausgabe).

In den europäischen Demokratien der Massen, das wird nun so deutlich wie nie zuvor, wird die Unentschlossenheit systemisch produziert, sie kumuliert in der Gemeinschaft der noch immer korporatistischen Staaten. Das beleuchtet zur Zeit für eine kurze historische Stunde der französische Kugelblitz, der irrlichternde Präsident Nicolas Sarkozy. Er wird bald verglüht sein, ohne größere Spuren zu hinterlassen,

Entschlossenheit gehört nicht zu den Tugenden der gegenwärtigen europäischen Republiken. Früher einmal konnte man darauf hoffen, dass sie wenigstens in der Stunde der Not, also fast zu spät, zusammengerafft werden könnte. Intakte Nationen waren dazu immer wieder fähig. Vom schwammigen Mischgebilde Europa kann man das nicht erwarten. Daf� sind die Deutschen, die politische Entscheidung zu hassen gelernt haben, reprentativ. Wer kann etwas dagegen sagen?

Immerwährendes Ultimatum: Der Mensch von neunzig Jahren

Nur wenige Jahrzehnte noch werden vergehen, da wird die durchschnittliche Lebensdauer der Westeuropäer 95 bis 90 Jahre währen. Diese demographische Vorhersage ist weder eine frohe Botschaft noch eine Unheilsmeldung. Wir haben nichts dreinzureden und müssen uns in die Erwartung der statistischen Wissenschaft erst einmal fügen. Das fällt den Heutigen nicht besonders schwer. Ihre Vorstellungskraft reicht nicht so weit. Das ist freilich fatal, zeigt es uns doch die Grenzen unserer Humanität. Es ist nicht weit mit ihr her. Wir finden uns mit unserer Phantasielosigkeit leicht ab, sie gestattet Leichtsinn. Auf drei oder vier Jahre kommt es hier nicht an. Die Weichen der Zivilisation sind gestellt, die Demographie muss sich ihnen anpassen .

Der kommende Mensch von neunzig Jahren wird die Grenzverschiebung nicht einfach einer verlängerten Frist verdanken, es wird da nicht nur angestückt, das Gegebene ausgedehnt. Es wird ein anderer Mensch sein als der heutige mit seinen rund siebzig Jahren Lebensdauer. Wir können ihn noch kaum ausdenken. Schon früh, in seiner Jugend, wird er mit einer hinreichenden Kenntnis davon ausgestattet sein, wieviel Lebensmaterial ihm zur Verfügung steht, wie weit es reichen kann. Er muss sich immer wieder daran erinnern lassen, von welcher Qualität dieses Material ist und wie er damit operieren kann. Den Kontostand seines Lebenskapitals nicht ständig abzulesen, wird ihm nicht erlaubt sein. Sonst käme er nicht weit. Alle müssen es. Er muss immer wieder über sich mit Selbstkenntnis disponieren. Das Wissen vom Leben wird ja auch weiterhin rasch ansteigen. Die Lesbarkeit und die Lektüre seines Genoms, sind dafür die notwendige, wenn auch hinreichende Bedingung.

Der Mensch, dieses "animal de vérité" (Axel Kahn), wird seine ganze Lebensfrist hindurch nicht in Ruhe gelassen und lässt sich nicht in Ruhe. Er wird vermutlich weniger von der Gesellschaft getragen als seine Vorgänger in der Industriegesellschaft, und er wird sich immer wieder entscheiden müssen - für sich. Er kann sich also nicht "mitleben" lassen, und er muss sich ständig an der Grenze bewegen.

Betragt in einer Gesellschaft die durchschnittliche Lebensdauer erst einmal fünfundachtzig oder neunzig Jahre, werden in ihr die Hundertjährigen eine stattliche Kohorte darstellen. Sie wären nicht mehr bestaunte Ausnahme wie heute, sondern gehörten dazu, wären überall anzutreffen. Man stelle sich vor, im heutigen Deutschland mit seinen mehr als achtzig Millionen Einwohnern betrüge die Lebensdauer nur achtzig Jahre, so wohnten unter ihnen Hundertjährige nicht nur in sechsstelliger, sondern in siebenstelliger Zahl. Schwer vorzustellen, dass diese Masse der sehr Alten, bliebe es bei der heutigen Sozialordnung der Erwerbsgesellschaft, bereits seit drei oder vier Jahrzehnten keine produktive und human verpflichtende Arbeit mehr ausgeübt hätte. Rentenleistung und -berechtigung hin oder her, es wäre eine sehr große Minderheit, die nur noch defensiv leben würde, ohne Anteil am Erneuerungs- und Fortschrittsprozess ihrer Gesellschaft. Während die schrumpfende Erwerbsgesellschaft sich noch im Lebenskampf befände und fortwährend ihre Institutionen umzuformen hätte, bliebe dieser bedrohlich wachsenden Altersgruppe nur der Kampf ums nackte leben, ums Leben als solches. Würde es dahin kommen, weil niemand in der Lage ist, die Bornierungen der alten Erwerbs- und Rentengesellschaft aufzubrechen, wäre diese Ansammlung von Bevölkerung nicht mehr Gesellschaft zu nennen.

Seit es "Die Gesellschaft" gibt, lebt sie immer schon in der Annäherung an ihre Katastrophe, es gibt mit dem Menschen von neunzig Jahren weder eine schrecklichere noch eine beruhigtere Zeit. Er wird ebenso in ständiger Veränderung leben wie wir. Vermuten lässt sich, dass sein Empfinden für Schock und seine Fähigkeit zum Erschrecken geringer sein werden, er muss ja länger leben und mehr voraussehen. Er wird auch weniger erwarten, muss weniger hoffen. Schon uns gelingt es nur selten, vor uns zu schaudern, dem nächsten Menschen mag es noch weniger gegeben sein. Und das Verschwinden oder die starke Verminderung und Veralterung eines Volkskörpers, wie es zur Zeit die Japaner bis an den Rand der Panik umtreibt, wird man wohl gelassener ansehen. Deswegen wird die humane Welt nicht untergehen. Die Angst um den Verlust der eigenen und gegenwärtigen Gesellschaftswelt, wenn dies zur Umformung und Revolutionierung nicht fähig ist, sollte man schon heute ablegen. Sie prägt zwar das weltumgreifende Kleinbürgertum und seine Repräsentanten, aber sie ist steril, ist selber Dekadenz. An den Menschen von neunzig Jahren kann man interessantere Erwartungen richten. Eher von Vorteil wird sein, dass er in geringerer Menge vorkommen wird. Etwas erwarten aber müssen wir von ihm doch, das bringt unsere zivilisatorische Stempelung mit sich.
Vor allem sollten wir, schon zum eigenen Nutzen, Vermutungen darüber anstellen, wie er es mit dem Tod hält. Er wird, was den Heutigen fatalerweise erspart geblieben ist, schon von früh an in der ständigen Kontrolle seiner Körperbeschaffenheit, seiner natürlichen Zustände leben. Und er wird in der Lage sein, sich selbst zu betrachten und nach den jeweiligen Umständen zu richten. Dafür wird schon die Organisation des "Gesundheitssystems" sorgen, die ihrerseits unter den Anforderungen des Versicherungswesen bewegt und reformiert werden wird. Der Mensch von neunzig Jahren ist zwangsweise immer gesund, weil er einsehen muss und belehrt wird, dass er immer schon krank ist.
Der Mensch von neunzig Jahren hat lebenslang auf seine Grenze zuzugehen und muss sich ständig auf ihre Überschreitung vorbereiten. Er kann erleben, wie rings um ihn krankes leben eliminiert, verhütet wird oder ganz aus der Sichtweite gerät. So ist es den Europäern in den letzten fünfzig Jahren mit der Tuberkulose und der Kinderlähmung gegangen. Sie sind zu exotischen Beschädigungen geworden. So wird es wahrscheinlich in den nächsten fünfzig Jahre, und noch viel nachdrücklicher, weitergehen. Wenn man erst das Herz-Kreislauf-System prädiktiv unter Kontrolle nehmen kann, wenn Diabetes und Adipositas, diese Massendefekte, entscheidend reduziert sein werden, wenn schließlich Geburt und Sterben ohne technische Begleitung kaum mehr zugelassen sein werden, wird dies auch bedeuten: Ständige Einübung auf den Tod.

Es ist ein legitimer Vergleich: Ein heute Fünfundsiebzigjähriger konnte seine Großeltern, geboren ind den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, in ihren letzten aktiven Jahren und mit guter Gesundheit noch erleben. Sie hatten weniger Lebenszeit und Lebensmaterial zur Verfügung als ihr Enkel, abgesehen von Weltkriegen und Spanischer Grippe. Viele der uns selbstverständlichen Diagnostiken und Therapien waren ihnen unbekannt, Sie mussten zumeist ignorant ihre ultimative Linie überschreiten und konnten sich nicht auf gleiche Weise wir wir den Kopf darüber zerbrechen, was diese Grenze bedeutet. Sie mussten und konnten sich über ihren diesseitigen Lebensraum keine genaueren Einsichten erwerben. Sie hatten einfach nicht die Zeit dazu, es fehlten die Möglichkeit zur Orientierung, es lohnte nicht. Vom Ende der aktiven Lebenskarriere bis zum finalen Austritt war nur eine kurze Frist vergönnt, die man ebenso zynisch wie betulich Lebensabend nannte.

Der Mensch von neunzig Jahren dagegen kann und muss seinen eigenen, seinen spezifischen Tod sterben. Die Wahrscheinlichkeit, dass er an einer Massenepidemie unverhofft zugrunde geht, wird sich in den kommenden Jahrzehnten weiter vermindern. Die Gewissheit, dass der Alte, bis zuletzt bei hinlänglicher Gesundheit und von sich selbst beobachtet, seinen Tod kalkulieren und damit verantworten kann, nimmt zu. Das könnte vieles von der Todesfurcht, in der die Generationen vor ihm leben mussten, hinweg nehmen. Er wüsste sich ja auch mit vielen Lebensgenossen, denen dies ebenso vergönnt ist, im Einverständnis.und er könnte dies artikulieren. Heute können die meisten nur stumm gegeneinander sterben.

Die Menschen könnten füreinander interessanter, freundlicher und verständnisvoller werden, wenn sie sie sich für die Art ihres Sterbens, für die erhoffte Landschaft diesseits und jenseits der Grenze selbst entscheiden können. Das können sie nur, wenn sie über ihre Natur und ihre Persönlichkeit einigermaßen Bescheid wissen. Unter den gegenwärtigen Menschen können das nur wenige. Die meisten, lebenstüchtig und im Kollektiv lebensgetrieben, wollen von ihrem Tod nichts wissen. Das macht ihre Erbärmlichkeit aus. Das wird vermutlich nicht mehr lange so bleiben können. Und die Menschen, durch die List des Fortschritts getrieben, müssen Vernunft annehmen, um ihren Tod nicht zu fürchten und ein besseres Leben zu ergreifen.


Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen

Keine Atembeklemmung

Die Erscheinungen des sozialen Lebens, die man nicht mehr erklären mag, nehmen beängstigend zu. Zum Beispiel die Entstehung von Macht und die Lust zur Unterwerfung unter die Macht. Um sie erklären zu wollen, bedürfte es der Kraft zur Empörung. Wo diese nicht aufzubringen ist, lässt man es lieber sein. Dann kann es allenfalls eine theologische Frage bleiben - die heute niemanden interessiert. Auch die Theologen möchten sie nicht anfassen, aus Schwäche. Einen Römerbrief könnte heute niemand zustandebringen.
Nicht erklären mag man auch die Bildung, die Herstellung von Masse. Wer noch gegen die Masse empfindlich ist und zu Zeiten vor ihr fliehen kann, wäre zu einer Erklärung verpflichtet. Besser bleibt er stumm. Er brächte nur Ungeschicktes heraus. Es bleiben die Bilder. Geistvolle Beschreibungen und Diagnosen vom Zusammenströmen der Massen, von ihren Reaktionen und Zuständen, hat vor allem das vergangene Jahrhundert mit seinen massenbildenden Ideologien und seinen Totalitarismen gebracht. Vieles davon, etwa bei Elias Canetti (Masse und Macht), blieb auf der ethnographischen oder psychologischen Oberfläche. Heute, in der ideologiefreien Epoche, wäre vor allem die artifizielle Herstellung von Masse interessant. Mit der Medienmacht, der sich die Mehrheit willig fügt, ist noch nicht viel aufgeklärt. Der Drang, sich immer wieder in der Masse aufzuhalten und ihre Schwingungen zu teilen, führt auch nicht weiter. Wissen möchte man doch, warum zahllose Individuen mit eigenem Gesicht, die auf ihrer Autonomie bestehen und Freiheit ihrer Entscheidung behaupten, sich ohne Zögern in die Masse saugen lassen, angelockt von unbedarften Agenten der Event-Industrie, an der auch die Politik teilhat. Zur Herstellung von Masse fühlt sich heute jede Kommune im Namen der Urbanität verpflichtet. Massenherstellung betreiben die christlichen Kirchentage. Auf ihnen sollte das Wort in der Gemeinde erstehen, doch voran steht das kollektive Frömmigkeitsschunkeln. Der Glaubensfunken braucht die Masse. In Berlin haben sie neulich den Nationalfeiertag auf der Straße des 17. Juni, der großen deutschen Parade-Allee, wo sonst die Love parade hüpfte durch Coca-Cola ausrichten lassen, mit einem sehr massigen Musikfest. Niemand hat sich etwas dabei gedacht.

Man kann darüber nicht höhnen, das aesthetische Entlangschleichen an den Widerlichkeiten der Massenballung sollte man sich nicht gestatten. Man würde nur seine Hilflosigkeit offenbaren. Die Masse bleibt auch für den, der sich ihr zeitweilig entzieht, eine Lebensbedingung. Dass sie eine apokalyptische Bedingung ist, wird man noch sagen dürfen.



Wenig Inbrunst

Eine Zeiterscheinung, die zu erklären ebenfalls nicht viel Lust wecken kann, ist das neue Glaubensbedürfnis, die religiöse Suche, die seit einigen Jahren um sich greift. Kulturdenker und Kulturjournalisten beschäftigen sich damit fast jede Woche in der Intelligenzpresse. Auch Kirchenleute sind darauf neugierig geworden, und manche sehen diese Glaubensregungen in hoffnungsvollem Zusammenhang mit der vermehrten Intensität, ja Spiritualität, die sie in den Gemeinden vorfinden. An diese Neuigkeit geht man schon deswegen nicht gerne, weil es vor allem eine Journalisten-Entdeckung ist, also nur mit kraftloser Sensationsneugier berichtet wird. Erstaunen darüber kann kaum aufkommen. Die Glaubensmanifestationen dieses Gottverlangens zeigen keinen deutlichen Umriss, lassen sich nicht stark genug vernehmen, so dass man hingezogen oder abgestoßen werden könnte. Jedenfalls gehören die Bedürftigen nicht zu den Wortstarken. Von welchem Gott wollen sie erhört werden? Zu welchem Gott wollen sie beten? Suchen sie mehr stille, fromme Versenkung oder dürsten sie, auf amerikanisch laute Weise, nach demonstrativer Erweckung und flammendem Bekenntnis? Geht ihr Streben nach Entleiblichung oder nach Wiederauferstehung? Oder wollen sie nur von einem höheren Wesen angehört werden? Kurz, was hat dies alles mit Religion zu tunt? Mit der christlichen Religion der Schrift offensichtlich nicht allzu viel. Wäre es so, wäre es für die Kirchen, die sich in einer Welt der Lauen gut eingerichtet haben, wahrhaft erschreckend, Sie vertragen eine fordernde Religiosität nicht mehr. Man darf sogar fragen: Wie käme Papst Benedikt mit einem Heiligen Franziscus zurecht?
Man kann diese Neuheit wohl fürs erste auf sich beruhen lassen und sie als journalistische Produktion ins Warte-Eck stellen. Wenn etwas daran ist, wird es sich klar vernehmen lassen. Und die müden Kirchen werden dann Laut geben.

Ordnung des Lebens

Wenn zwei Leute sich zum Zwecke eine Kindeszeugung zusammentun, sollte es geboten sein, dass sie sich vorher ausdrücklich ihrer Uneigennützigkeit versichern, ihrem künftigen Kind gegenüber, aber auch untereinander. Sie versprächen mit Eideskraft und vor Zeugen, keinen Eigentumsanspruch geltend zu machen. Verträge der Verantwortlichkeit fürs Kind, für seinen Schutz und seine Pflege sollten genügen.

Für einen Eigentumsanspruch am Kind kann es keine biologische Begründung geben. Es steht ja auch dem Kind kein Anspruch an das Haben von Eltern zu. Zudem bringt Eigentum zwangsläufig Eigensucht mit sich. Die bürgerliche Sittlichkeit, die zur Pflege und zur Erziehung des Kindes aufgeboten wird, kann sich nicht biologisch legitimieren. Sie hat ab ovo nur die Autonomie des Kindes zu schützen. Und die Verschränkung zweier Genome zur Entstehung eines neuen Menschen sollte kein Recht verleihen, sich des Kindes zu bemächtigen, auch nicht in der Einigkeit der biologischen Eltern. Daher führt schon das Wort von der genetischen Erbschaft in die Irre, es hat allzuviel Unsinn angerichtet. Wie immer das Genom eines Menschen zustande kommt - die Biotechnik wird dabei bald unentbehrlich -, es kann kein Gut sein, das weiterzugeben wäre. Wäre das allgemein klar, ließen sich viele Wirrungen über die fortzeugende Macht des Gens ausrämen, gerade auch bei den prinzipiellen Gegnern jeglicher "Genmanipulierung". Auch sie hängen an einer Vorstellung von Gen-Mächtigkeit fest, die gewissermaßen Erbverfälschung generiere.

Affektive Bindungen zwischen Menschen als Genomträgern zu biologisieren, um Eigentum aneinander zu schaffen und sich als Eigentum zu festigen, bedeutet eine Perversion der Humanität. Ein besonders widerlicher Ausdruck der Eigentümergesellschaft ist daher der Vaterschaftsbeweis mittels des DNA-Tests. Das fängt bereits damit an, dass sich Liebende institutionell aneinander fesseln, um ihre beider Geschlechtseigenschaften frei unter der Autorität zu genießen. Um sich auf diese Weise Sicherheit zu garantieren, wird das Kind von vornherein in ein Eigentumsverhältnis gebracht, das Autonomie und Menschenwürde beeinträchtigt.
Das zu bürgerlichen Rechtszwecken herangezogene Eigentum am Genom stärkt auch einen Irrtum, der sich bis zum Aberglauben auswachsen kann: Die Quasi-Allmacht der Gene als biologischen Determinanten des Individuums (siehe dazu Henri Atlan / Mylne Botbol-Baum: Des embryons et des hommes, PUF, Paris 2007). Wenn das Wort "Gen" in den Alltagsjargon aufgenommen worden ist, dann gerade in dieser Bedeutung, einer schicksalhaften Bestimmung, der man nicht entgehen kann.

Die Forderung an präsumptive Eltern, kein Eigentum am Kind zu verlangen und zu praktizieren, damit ihm seine Freiheit garantiert ist, wäre ein grundlegender Akt der Emanzipation, ja der Hominisierung des Menschen. Eltern und Kind könnten sich in völliger Unbefangenheit gegenübertreten, weil die Autorität der ersteren nicht durch Autorschaft begründet wäre, sondern allein in die Wahrhaftigkeit der Persönlichkeit gelegt werden müsste. Käme es so weit, würde dies die Gesellschaft sprengen. Daher hätte das Ansinnen, die Uneigennützigkeit der Elternschaft zu bekennen und dem Kind seine Eigentumslosigkeit zu gewähren, kaum eine Chance in der bürgerlich gesitteten Gesellschaft. Es könnte bei den Allermeisten Empörung auslösen. Empört könnten nicht zuletzt Leute sein, die soeben erst selber einige Emanzipationschritte unternommen haben oder um ihre Freiheit von biologisch begründeten Autoritäten kämpfen müssen: Zum Beispiel die Feministinnen, die vor dreißig oder vierzig Jahren unter dem Kampfwort "Mein Bauch gehört mir" gegen die Bemächtigung ihres Körpers im Paragraphen 175 gestritten hatten; Homosexuelle, die eine Anerkennung der Ehe-Ähnlichkeit ihrer Beziehung erlangen wollen, verlassene und alleinerziehende Väter oder Mütter, die im Kind ihren wichtigsten Lebensbezug suchen - und suchen müssen. Doch voran die große Mehrheit derer, die etwas erben möchten oder zu vererben haben und sich gerne unter die oberste Instanz der Blutsverwandtschaft beugen. Sie hätten von vornherein den Staat und das Rechtssystem auf ihrer Seite. Für sie alle kann das Nicht-Eigentum am Kind nur Anarchie bedeuten, Verwahrlosung der Sozietät. Doch läuft der Strom der Zivilisation und des wissenschaftlichen Fortschritts gegen sie. Den gefährlichen Anfang hatte die prinzipielle Trennung von Sexualität und Zeugung gemacht, also die Auflösung der biologischen, der Körperautorität. Am Ende stehen die schon theoretisch ausgeloteten Reproduktionstechniken, die nicht einmal mehr die Verschmelzung von Gameten erfordern, um das Individuum hervorzubringen. Was soll da noch Eigentum als Grund-und Unterlage für eine soziale Ordnung, wenn es sich an erster Stelle als biologisch ausweisen muss?

Hier, in der Ordnungslosigkeit der Lebenssubstanzen, beginnt die schmerzhafte Auflösung der bürgerlichen Welt, das andere besorgt der planetarische und nunmehr gewalttätige Chaos schaffende Kapitalismus. Neue Anfänge lassen sich heute nur dort suchen, wo Eigentum hinlänglich vermieden werden kann.


mail@claus-koch.com

Die nächste Ausgabe erscheint am Freitag, den 27. Oktober.

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