In dieser Ausgabe:
Lagebestimmung:
Die Ratten besteigen das sinkende Schiff – Berlusconis Sieg
Begreifen die Italiener ihre Staatsgemeinschaft noch als Republik? Haben sie noch die Kraft dazu, eine Nation in Europa sein zu wollen? Mehr als sechzig Jahre nach der Abschaffung ihrer Monarchie ist festzustellen: Nein, Italien verdient den Ehrentitel der Republik nicht mehr. Zum drittenmal haben seine Staatsangehörigen den reichsten Mann des Landes, ob seiner notorischen Korruptionsbegabung nach den noch herrschenden Standards nicht satisfaktionsfahig und nicht frequentierbar, ins höchste Amt gewählt. Ein schandbarer Vorgang und durch nichts zu entschuldigen. Italien ist nicht in Not, es ist nur verschlampt. Die übrigen Europäer müssten sich dafür schämen, dass ihre höchsten Repräsentanten dieser anrüchigen Figur die Ehre erweisen und die Hand schütteln müssen, nur weil dieses Land aus historischen und geographischen Gründen an ihrem Bündnis teilhat – und davon nicht ganz verdienterweise profitiert. Mit welchen Tricks sich Italien in die Währungsgemeinschaft eingeschlichen hat, übertroffen nur von Griechenland, sollte noch in Erinnerung sein. Deutschland hat dazu mitgeholfen. Ohnehin sind die Deutschen im Ehrenpunkt der Republik nicht zimperlich. Es waren nach der selbstverschuldeten Zerstörung der Weimarer Republik nur ganz Wenige, die sich für Chamberlain und Daladier schämen konnten, als sie 1938 in München Hitler und Mussolini begrüssten und im Hakenkreuzmeer versanken.
Das Italien der Berlusconi, Fini und Bossi hat sich als Republik disqualifiziert – und es scheint sich wenig daraus zu machen, dass die im Antifaschismus, wenn auch nicht ruhmreich, verklammerte Nation nun verschleudert wird. Wer an Europa noch ein Interesse hat, ohnehin eine Minderheit, müsste von Unruhe erfasst werden. Denn es handelt sich um einen Musterfall, auch andere sind gefährdet.
In der Süddeutschen Zeitung (vom 13. Mai: Grob von Seele – das neue deutsche Desinteresse an Italien: Eine Entliebung) benennt der Italienverehrer Gustav Seibt den Hauptgrund: "Hinter all der Kaltschnäuzigkeit auf der sozialen Oberfläche steht die fundamentale Entsolidarisierung in der italienischen Gesellschaft, die nicht nur das überkommene, weltanschaulich gegliederte Parteiensystem zugunsten Klientel-, Regional- und Steuerparteien zerfallen ließ, sondern inzwischen sogar den Zusammenhalt Italiens als Nation in Frage stellt. Die Erbschaft des Risorgimento wird heute nur noch von den Postfaschisten, wenn auch einseitig verteidigt, verkürzt um seine libertären Züge. Und mit dem Verschwinden einer überregionalen Idee von Italien verliert sich auch die die traditionelle Begeisterung für Europa..."
Einen Zerfall der Republik, bewirkt durch die zunehmende Entsolidarisierung in der Gesellschaft, erleben auch die Briten, schon seit rund drei Jahrzehnten, also den frühen Thatcher-Jahren. Die heute tonangebende Geldklasse in der City, neureich, vulgär und arrogant, verachtet selbst das politische Moralbesteck der ehemaligen Tories. Sie muss sich nicht einmal, wie die Italiener, populistisch aufputzen. Das Proletariat, nahezu das letzte in Europa, nimmt diese Schicht schon längst nicht mehr zur Kenntnis. Die Verwahrlosung der Unterschicht lässt diese harten Sozialaufsteiger, die sich nun auch mit dem Alten Geld verschmelzen, ziemlich kalt. Für Europa haben sie keine Verwendung. Es reicht ihnen, im ehemals britischen Aqutitanien Schlösser und Bordeaux-Güter aufzukaufen, in Konkurrenz mit Japanern und Chinesen, Für die Italiener können sich die anderen Europäer immerhin noch schämen, für das Murdoch-England nicht mehr. Eine Entliebung, um mit Gustav Seibt zu sprechen, kann sich also nicht ereignen, wie die Anglophilen in Frankreich und Deutschland wissen. Mit dem Verblassen der europäischen Republik verschwindet auch der Nationalismus. Er bleibt, vor allem im Massenvergnügen des Sports, den unteren Klassen überlassen. Die Managements, die darüber erhaben sind, lassen ihn als harmloses Massenstimulans von ihren Konzernen bezahlen, als Werbungskosten. Meister darin ist wiederum Berlusconi.
Die politische Kulturform der Republik mit ihrer direkten Beziehung zwischen Bürger und Staat und den daraus erwachsenen Verantwortlichkeiten, bei denen es immer auch um Leben und Tod gegangen war, zerfällt nun rasch in Stücke. Der Staatssozialismus hat daran seinen Teil, ebenso der Marktliberalismus. Nachfrage nach ihrem Pathos und nach ihrer Symbolik gibt es weiterhin. Deswegen gibt der Marktgeist keine Ruhe, bis er alles leergefegt und durch Surrogate ersetzt hat. Berlusconis Italien hat wieder einmal, wie schon 1922, die Führung übernommen.
Erwartungszwang und Heilsgeschehen
Time present and time past
Are both perhaps present in time future,
And time future contained in time past.
If all time is eternally present
All time ist unredeemable.
What might have been is an abstraction
Remaining a perpetual possibility
Only in a world of speculation.
What might have been und what has been
point to one end, which ist always present
T.S. Eliot – Four Quartets – I. Burnt Norton
Je länger der Weltprozess, den wir Globalisierung nennen, sich hinzieht und je tiefer er die okzidentalen Gesellschaften um- und umwühlt, desto weiter entfernt sich sein denkbares Ende. Dieser Prozess, der kein Fortschritt mehr ist, bewegt sich über Zwecke sonder Zahl, er lässt aber kein Ziel erkennen, das zu erreichen wäre und ein schließliches Aufatmen verspräche. Es liegt im Wesen der Globalisierung, dass mit ihr keine Richtung angegeben werden kann, dass sie also keinen erkennbaren Sinn in sich trägt.
Erst langsam wird die Globalisierung, eine unendliche Bewegtheit, die kein Weg ist, als Krise begriffen, die auf Dauer gestellt ist und keinen Umschlag, keine Rettung auf sicheres Gelände verspricht. Nach rund zwei Jahrzehnten andauernder Globalisierung wäre es für die Europäer freilich sinnvoller, weil beruhigend, sie könnten an eine Krise und ihre Gewissheiten noch glauben, auch wenn es die schwerste seit Menschengedenken wäre. In der Krise wäre eine Wiedererstehung, ein Gestaltwandel, eine Metamorphose enthalten. Eine Fortsetzung des westlichen Zivilisationsbetriebs und seiner Imperative wäre dann immerhin denkbar. Man könnte der Evolution eine Richtungslogik unterstellen, die einen moralischen Moment enthielte. Könnten wir von einer Krise überzeugt sein, einer schmerzhaften Häutung, wir blieben noch immer in der Welt der Neuzeit, die wir vor rund fünfhundert Jahren selber ausgerufen hatten. Sie ist unsere Errungenschaft in der Menschheitsgeschichte, unser Legitimationsausweis.
Man muss nunmehr annehmen, dass die Europäer den Mut nicht haben, die Krise als eine endlose Nicht-Krise zu verstehen und in aller Schärfe zu benennen. Wir wagen es nicht, weil wir fürchten müssten, in eine leere Verzweiflung zu stürzen. Denn wir könnten allzu hart darauf gestoßen werden, dass wir uns bereits im Ende der Neuzeit befinden, die unsere Lebensberechtigung darstellt. Die anderen, die Nicht-Europäer und auch die Amerikaner, haben mit der Epochalgestalt der Neuzeit nicht im selben Maß zu schaffen. Sie ließen sich zu dem Werk heranziehen, mussten es auch mit Leiden tragen. Aber für den Entwurf sind wir verantwortlich. Nun, so scheint es, erweisen wir uns als unfähig, die Mission mit einigem Anstand zu beenden.
Die Krise, die sich nicht konzentrieren kann, um sich zu erfüllen, ist immer nachdrücklicher von einem Zwang zur Erwartung belegt. Durch alle Medien, von allen Institutionen, voran den ökonomischen, werden wir von früh bis spät angeschrien: So erwartet doch endlich etwas! Nichts zu erwarten, wie es die praktische Vernunft angesichts der Ziel- und Zwecklosigkeit des globalisierten Fortschritts nahelegt, ist nicht erlaubt. Innoviert! Bringt die Binnenkonjunktur wieder ingang. Verschuldet Euch in Gottesnamen, Ihr verhaltet Euch damit sozialethisch! Nur: Bestellt, bestellt, bestellt! Handelt dadurch patriotisch! Der Erwartungszwang, ein leerlaufender Motor, wächst sich zur Repression aus: Wehe Dir, wenn Du nichts erwarten willst, machst Dich zum moralischen Schädling und nimmst den Anderen, die riskieren und investieren wollen, den Lebensmut. Man wird Dir das Wort nicht mehr erteilen.
Wer jung und klug und gewandt genug ist, kann der repressiven Moral der Erwartung ausweichen. Er muss sich durch die grenzenlose Krise keine Furcht einjagen lassen – weil er schon immer in ihr geschwommen ist und wenig zu verlieren hat. Den Ungeschickteren und denen, die schon einiges Leben hinter sich und zu verantworten haben, will dies weniger glücken. Sie müssen sich, eben weil sie schon etwas geleistet und sich damit eine Kontur gegeben habe, dem Terror des Erwartens offener aussetzen und gar Schuldgefühle in sich hochkommen lassen. Es geht ja auch heute noch so, wie es unter den totalitären Ideologien des 20 . Jahrhunderts gegangen war: Sie mussten Massenerwartungen stimulieren und bedurften damit der Verachtung von Minderheiten. Verachtenswert sind heute besonders die Realisten, die die Lage einschätzen können und dem Fortschritt als solchem nicht vertrauen: Leistung aus Leidenschaft – Deutsche Bank.
Der Zwang zur Erwartung ist das geschlechtslose und selber unfruchtbare Produkt einer Börsenkultur, in der sich die globale Finanzindustrie ausdrückt. Sie kann nichts Neues versprechen und nichts generieren. Außer der Eliminierung von leichtsinnigen und blind habgierigen Finanzinstituten kann nichts in Aussicht gestellt werden, was eine Perspektive auf Produktionswertes, auf Notwendiges und zugleich Rentables erblicken ließe. Wenn sich der Appell an die unerschöpfliche Erwartung darin erschöpft, immer neue Konkurrenzenergie ohne erkennbare Zwecke in entleerter Landschaft zu erwecken, versandet sie in Sterilität. Die Europäer könnten längst über alles Nützliche und Schöne verfügen – wenn sie sich nur die nötige Ordnung dazu gäben. Vor zehn Jahren konnte sich noch vermehrte und schnellere Kommunikation als Stimulans anbieten, heute müssen wir bereits die destruktiven Folgen dieser aufgeblähten Maschinerie fürchten. Sie erweist sich, bei all ihrer Nützlichkeit, als ein Selbstzweck, der die selbsterzeugte Energie ins Leere laufen lässt.
Das Bestürzende inmitten der schwindelhaften Globalisierung: Die okzidentalen Gesellschaften bewegen sich noch immer in der Zeit, die sie für ihre Zeit halten. Da aber diese Zeit erwartungsleer ist, können sie dabei weder Schmerz und Trauer noch Freude und ahnungsvolles Hochgefühl empfinden. Denn verloren scheint ihnen ein historisches Bewusstsein, das ihnen zueigen sein müsste, damit sie Verlust und Krise überhaupt verspüren könnten. Wenn die Europäer nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Verlust ihrer Rolle als Geschichtsführer leiden konnten, – um sich dann leichter in die Totalitarismen fallen zu lassen – können sie heute ihre Verluste geradezu als einen Fortschritt erleben, wenigstens als unvermeidliche Kosten. Sie können die Häutung nicht verspüren, der sie ausgesetzt sind, und haben somit keinen Anlass, sich einer Diagnose zu unterziehen. Diese bedürfte zunächst der Fähigkeit zur Anamnese. Aber wenn jemand sich nicht krank fühlt, um es salopp zu sagen, findet er er die Anamnese überflüssig. Welche Schwächezustände und Krisen auch immer die Publizisten und die Politikwissenschaftler beschwören, die Europäer und ihre Organisationsmanagements leben wohlig in der Amnesie ihrer Vergangenheiten. Sie schmücken zugleich ihr kalt gewordenes Heim mit allem nur erreichbaren Geschichtsmobiliar, das sich für ihre Events verwenden lässt. Und diese lassen sich reichlich ausstatten, zumal das soeben entdeckte Vergessene sich schnell aufwärmen lässt – um aufs Neue vergessen zu werden.
Die ununterbrechbare Amnesie wird zuerst in der Ohnmacht der christlichen Kirchen demonstriert. Sie können keine verbindlichen Heilserwartungen mehr erwecken und dadurch eine Selbstprüfung der sündig Geborenen einfordern. Die Katholische Kirche macht bisweilen den Eindruck, als schäme sie sich des Beichtzwangs. Er überfordert heute, im Zeitalter der Psychoanalyse, die Glaubensfesten. Das Christentum kann zwar prinzipiell entbehren, was der Aufklärung unentbehrlich ist, das Geschichtsbewusstsein. Dafür muss es sich in der ständigen Anwesenheit der Eucharistie in den Gewissen der Gläubigen beweisen. Die Eucharistie muss, gleich unter welcher Schönung und Verhüllung, immer leuchten.
Um die Mitte des letzten Jahrhunderts hat der Geschichtsphilosoph Karl Löwith eine weitreichende These vorgelegt, die damals vornehmlich die Fachleute der Philosophie und der Theologie beschäftigte. Sie sollte heute, am Ende der Aufklärung und der Geschichtsphilosophie, und in der Kraftlosigkeit aller theologischen Gewissheiten, ins Thema des Fortschritts und seiner Erwartungszwänge gestellt werden. In aller Kürze besagt die These, dass unsere Vorstellungen von notwendiger Modernität durch schonungslose Aufklärung ihren Sinn und ihre Herkunft in der christlichen Heilslehre zu suchen hätten. Die Aufklärung, die unser dauerhafter Lebensimpuls sei, stelle also eine Verweltlichung oder gar Säkularisierung religiöser Substanz dar – wobei daran zu denken ist, dass Säkularisierung ein Rechtsbegriff ist. Er meint die Verstaatlichung der Kirchengüter nach der Großen Revolution, gewissermaßen auch eine frühe Liberalisierung sakraler Heiltümer. Wenn wir Geschichte denken und studieren, so denken wir in einem "Sinn", einer Gerichtetheit und einer ehemaligem wie einer versprochenen Eschatologie , die jenseits des Reichs der Notwendigkeit liegt. Der Fortschritt, der jetzt erlebte wie der künftig erwartete, stehe immer schon im Horizont einer Errettung, die durch fortwährende Überwindungen erreicht werden müsse.
Meaning in History lautete der ursprüngliche Titel des Essays (Chicago 1949), der in deutscher Fassung 1963 als Weltgeschichte und Heilsgeschehen – die theologische Voraussetzung der Geschichtsphilosophie 1953 erscheinen sollte (zusammengefasst mit anderen einschlägigen Texte in Band 2 der sämtlichen Schriften (Stuttgart 1983). Die These vom Verhängnis des Fortschritts war, avant la lettre, flankiert vom berühmten Satz des gnostisch angehauchten Staatsrechtslehrers Carl Schmitt in seiner Politischen Theologie (1934): "Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe". Eine umfassende Kritik sowohl an der These Löwiths auch als an der These Schmitts hat Hans Blumenberg in seinen Schriften unter dem Gesamttitel Die Legitimität der Neuzeit (1966 bis 1974) geliefert. Mitte der siebziger Jahre versiegte schließlich eine der bedeutendsten geisteswissenschaftlichen Debatten im Deutschland des 20. Jahrhunderts.
Wenn Hans Blumenberg die Neuzeit und mit ihr die Aufklärung als eine Epoche aus eigenem Recht begründen konnte, so kann das die Gebildeten von heute ebenso wenig erregen wie die Thesen von Karl Löwith und Carl Schmitt. Die Staatsrechtslehre ist ohnehin ein verkümmertes Fach, die Geschichtsphilosophie an den meisten Universitäten eine gerade noch geduldete Wissenschaftsorchidee, die von Historikern wie von Philosophen nur selten nachgefragt wird.
Die Neuzeit rinnt aus, ohne dass ihrer Epoche noch laut nachgefeiert würde. Die Globalisierung kann mit Epochen wenig anfangen, ihre Propagandisten werben für die Zeitlosigkeit des unbenennbaren Fortschritts. Den europäischen Massen konnte mit den totalitären Ideologien noch einmal das Gemeinschaftspathos eines Epochengefühls aufgedrängt werden. Doch es stellte sich bald als Surrogat, als Ersatz heraus. Heute wollen die Massen überhaupt nichts davon wissen, dass sie in einer besonderen, einer eigenen und markierten Zeit leben. Wenn noch vor hundert Jahren die Europäer auf das finstere Mittelalter herabschauten, lässt die Heutigen ein solcher Epochen- und Fortschrittsstolz kalt. Die Indifferenz gegenüber Geschichtszeit und Epoche, das vom Chaosbetrieb der Globalisierung hergestellt wird, kann jedoch nur vorübergehend vernebeln, dass jenseits der versinkenden Neuzeit eine andere Zeit bevorsteht – die wir einstweilen Epoche noch nicht nennen können.
Die nächste Zeit nach der vergehenden Epoche wartet mit einer neuen Menschengestalt auf, von der wir nur sehr vage Umrisse erahnen können. Sie steht bevor, aber man kann auf sie noch keine Spekulationen und Projektionen richten, die uns auf den Weg brächten. Wir können sie nicht erwarten, jedenfalls keine Rettung. Wir müssen zunächst an das halten, was sie wahrscheinlich nicht sein wird. Der kommende Typ der menschlichen Gattung kann uns immerhin entgegenrufen, dass sich mit ihm die verfallenden Gestalten der Neuzeit nicht restaurieren lassen – eine entmutigende, aber notwendige Einsicht für die Europäer. Nicht mehr erwecken lässt sich der Bürger-Citoyen mit seinem Formwillen und seiner Machtethik, also die Geschichtsfigur, die den okzidentalen Staat und seine Herrschaftsordnung geformt und an seine Grenzen geführt hat. Es ist der Mensch des possessiven Individualismus, auch der ewige Daedalus, der sich in der Globalisierung verliert. Der künftige Gattungstyp lässt sich noch nicht einmal als Nachfolger sehen oder als Überwinder, dem man eine Zukunft zusprechen könnte. Er wird kommen, aber er wird das meiste nicht sein, was wir heute in ihn hineindenken möchten. Er ist für uns ein hoffnungsloser Fall. Deswegen werden an ihm auch alle Erwartungsbefehle abgleiten, mit denen uns heute das ratlose Zukunftsmanagement belästigt. Der perfektionierte Homo oeconomicus. mit Fernsicht und Schaffenslust, ein Nachfahre des Prometheus, wird er wahrscheinlich nicht sein. Dieser gehört zu den bereits abgelebten und durchlittenen Modellen.
Eine notwendige Eigenschaft oder Lebenskondition des nächsten Gattungstyps können wir freilich schon heute ausmachen und vorsichtig in seine unscharfen Umrisse einzeichnen. Sie ergibt sich aus einem Rückschluss, den wir nicht ignorieren können. Der nächste Mensch, der nach unserer, der europäisch entworfenen Neuzeit auftreten wird, wird unter einer selbstbeherrschten Kontrolle aller seiner Lebensprozesse stehen, die wir heute noch kaum imaginieren können. Schon unser Begriff der Beherrschung richtet sich auf die Außenwelt, auf Natur und Gesellschaft, kaum auf die eigene Person. Es wird nicht eine Kontrolle sein, wie sie die rückwärtsgewandten Futurologen Aldous Huxley und George Orwell phantasierten, auch nicht die bildungsbürgerliche Angstvision von Hans Jonas, die mit der Heuristik der Furcht in die Zukunft steuern wollte. Schließlich auch nicht die Macht eines technoiden Optimismus in unbegrenzter Konstruktionsgier von Stanislaw Lem.
Die nächste Gattungsgestalt, das ist ihre Conditio sine qua non, wird sich in einer schmerzhaft hellen Bewusstheit ihrer individuellen Natur bewegen müssen, die wir Heutigen kaum ertragen könnten. Denn ihr ist, viel energischer als unsere ausgehende Neuzeit es vermag, die ständige Reduzierung von Dunkelheit auferlegt, damit das Minimum an erdgeschichtlichen Lebensbedingungen erhalten werden kann. Und dies schließt ohne Schonung das heute im trüben Halblicht dahinträllernde Individuum ein. Uns jagt ja schon die mögliche und daher unvermeidliche Kenntnis unseres Genoms Schrecken ein, vor der die Mehrheit der Europäer die Augen noch verschließt. Diese Kenntnis enthält nämlich eine Entscheidungslast, der sich die späten Europäer nicht gewachsen fühlen. Diese Last nimmt mit jedem Tag des ein- und festgefahrenen technischen Fortschritts zu. Sie ist mit einer erschreckenden Verantwortung beschwert, die vor allem zu kurzatmigen Abwehrreaktionen führt. So ist die Organisation der Bioethik ganz auf Abwehr angelegt. Und um die Gen-Eigentümer vor dem Missbrauch ihres Lebenscodes zu schützen, müssen sich die Regierungen, die Gerichtshöfe und die Fachkommissionen auf die merkwürdigsten Verrenkungen einlassen – die nicht zuletzt vor genauer Kenntnis bewahren sollen. Sie können aber nur vorübergehende Aufschübe bewirken – was auch zum Autoritätsverlust des Staates beiträgt. Auch dies gehört übrigens zur Erbschaft des Wohlfahrtsstaates.
Die Globalisierung, die unerschöpflich Eigentum und beherrschbaren Wert zu schaffen verspricht, kann sich nicht ohne mächtige Zerstörungen vollziehen, darunter auch die Auflösung des Genomeigentums. Dies liegt durchaus im Sinn der Evolution und ihres Sozialbetriebs. Zur Beendigung der Neuzeit gehört auch die Beseitigung des Privateigentums am persönlichen Leib – für den hier die Metapher Genom steht.
Damit der nächste Gattungstyp des Menschen am Horizont auftauchen kann, muss die Arbeit an der Entprivatisierung der Körper hinreichend fortgeschritten sein. Damit gibt sich die biotechnische Forschung größte Mühe. Sie kommt rascher voran , als sie selber vorausdenken kann. Und dies lässt langsam auch verstehen, was Grundbedingung für den nächsten Gattungstyp sein wird: Er wird gezwungen sein, sich sein Genom in aller Bewusstheit selbst anzueignen, nachdem der Neuzeitmensch die natürliche Umwelt und darin das eigene Individuum in gedankenlosem Genuss zum größten Teil verbraucht und entstellt hat. Er war kein vorsorglicher Naturbeherrscher, weil er sich selbst nicht kennen wollte und sorglos sich in der Welt verspielte. Wenn aber die Zivilisationsmenschen ihre Geschichte und mit ihr die Geschichtlichkeit der Welt verspielt haben, müssen sie ohne Kompass auf einen "elastischen Punkt" zulaufen, der die geschehene Geschichte zur Vorgeschichte eines neuen Gattungstyps umwertet. Davor werden Umwälzungen liegen, für die wir einstweilen den veraltenden Begriff der Revolution benutzen müssen. Dieser Punkt lässt sich heute nicht hinreichend bestimmen, eben weil er schon außerhalb der definierten Geschichte und jenseits einer möglichen Zukunftserwartung liegt. Doch spüren wir nun, dass wir uns ihm unwiderstehlich nähern, von ihm gewissermaßen angesogen werden.
Dieser elastische Punkt wird der technisch konstruierbare Mensch sein der durchaus mit "Seele" gedacht werden muss (anders könnte man ihn nicht konstruieren). Seine Wahrscheinlichkeit nimmt ständig zu, wir erleben es mit. Bedeutende Schritte dorthin lassen sich, als geschichtliche Ereignisse, markieren: Die Entdeckung der Doppelhelix in den frühen fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die ln-vitro-Befruchtung in den Siebzigern, sodann die Bestimmung des Genomrahmens zur letzten Jahrhundertwende. In wenigen Jahrzehnten wird, als unvermeidbare Konsequenz, die Ektogenese folgen, also die extrakorporale Zeugung, Reifung und "Entbindung" von menschlichen Nachkommen. Genetische Rekombinationen in großer Zahl werden damit unentbehrlich. Gleichzeitig wird die gentherapeutische Palette der vermeidbaren und der eliminierten Defekte breiter werden.
All dies ereignete sich und ereignet sich weiterhin in einer linear erlebten Geschichtlichkeit des Menschengeschlechts, ist noch Fortschrittsbestandteil in der Zivilisation der Neuzeit. Doch ist es bereits in unwiderstehlicher Perspektive auf eine Zukunft festgemacht, die zu wollen oder abzulehnen nicht in unserer Macht steht.
Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen
In der festen Überzeugung
Die Deutschen sind, was die öffentlichen, die politischen Dinge angeht, von schwacher Meinung, nicht anders als die meisten Europäer und die Amerikaner. Und in dem Wenigen, was sie für ihr eigenes Urteil halten, bleiben sie von ihren ziemlich uniformen Medien abhängig. Weil aber die Deutschen, in gegenseitiger Schonung, ihre schwache Meinung besonders laut vortragen dürfen, können sie sich für gute Demokraten halten. Auf ihre etwas variierende Weise Stilgeprägt und vorbildhaft ist die Bundeskanzlerin, eine nicht unlistige Frau von gesundem Menschenverstand, intellektuell nicht übermäßig artikuliert – wie schon Konrad Adenauer, mit dem sie zurecht oft verglichen wird. Weil sie zur ruhigen, kantenlosen Sprache neigt, was gegenüber den konturlosen Bell-Männern angenehm wirkt, muss sie ihre flachgeschliffenen Halbmeinungen stets "nach meiner festen Überzeugung" vortragen. Damit passt sie vorzüglich zu ihrem Volk und seiner Art der personenlosen Öffentlichkeit. Man man wüsste im Moment nicht, durch wen man sie ersetzen könnte. Unangenehme Frage: Kann es überhaupt eine leise sprechende Demokratie geben, in der man sich durch Benimm auszeichnet? Wenn überhaupt, dann vermutlich erst dann, wenn niemand mehr die amerikanische, von den Europäern übernommene Demokratie-Kultur physisch ertragen kann.
Freundberührung
Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung nimmt die Nachricht auf ihre erste Seite, als Aufmacher: "Großbritannien: Mensch-Tier-Embryo zugelassen." Blickfang ist das Bild eines Kentauren aus dem Bilderbuch für Kinder F.J.J. Bertuchs vom Jahre 1792, farbig – wie heute auch bei Qualitätszeitungen üblich. Damit ist bereits eine Spur gelegt. Der auf die Seiten 2 und 3 (am 21 Mai) umlaufende Artikel berichtet ausführlich und kompetent. Der politische Hintergrund und der Eifer des Premiers Brown, eines für europäische Verhältnisse ungewöhnlich belesenen Politikers und zugleich Marktradikalen, wird ausgeleuchtet. Der Leser ist hinreichend informiert und kann die Entscheidung verstehen. Das Interessante daran ist die sehr persönlich motivierte Debatte der Politiker, nicht so sehr die wissenschaftliche Bedeutung. Nochmals korrekte Beschreibung der therapeutischen Zwecke: Rettungsgeschwister und Chimären. Insgesamt keine Sensation, nichts Bestaunenswertes.
Warum dann aber die fröhliche Chimäre, der Kentaure obendrauf? Worauf spielt er an, welches Interesse soll er anlocken? Macht hier die FAZ, nur auf dezentere Weise, das Gleiche wie die Boulevardpresse der Springers, die Instant-Empörung oder Instant-Zustimmung herstellen muss? Die Bildungsleser der FAZ, auch sie eine Minderheit, könnten eine Mutmaßung über die Symbolik der Chimäre hegen, die der Bildredaktion vermutlich entgangen wäre: Der Kentaure Chiron, halbgöttlicher Abkunft und berühmter Arzt, war der Lehrmeister zahlreicher griechischer Prinzen, darunter Achilles und Jason, vor allem aber des Halbgotts Herkules. Dieser wurde ihm zum Verhängnis, denn "als er dereinst bei ihm einkehrete, so fiel ihm ein Pfeil aus dem Köcher, und dem Chiron in den Fuß, indem sie solche besahen. Weil dieser Pfeil nun in dem Blut der lernäischen Schlange eingetunket war, so empfand er nicht nur den allerentsetzlichsten Schmerz davon, sondern es konnte die Wunde auch auf keine Weise geheilet werden. Hierzu kam, dass er unsterblich war, indem er von einem dergleichen Vater war gezeuget worden. Er bath daher endlich selbst den Jupiter, dass er ihn nur möchte sterben lassen, welches er auch von ihm erhielt." So beschreibt es Benjamin Hederichs Gründliches mythologisches Lexikon (1770).
Im Ernst: Wäre es denn wahrscheinlich, dass je eine Chimäre erzeugt würde, so müsste uns davor ein frommer Schauer befallen. Denn sie wäre, ebenso wie es Chiron für den Halbgott Herakles war, ein Ankündiger, ein Vorausläufer. Träte er auf, würde er, wie sich aus dem dazu notwendigen Stand der Technik ergäbe, die nahe Ankunft des von Menschen konstruierten Menschen künden. Der Mensch wüsste dann, dass er, freilich nicht wie die Comic-Figur des Klons, sich als seinesgleichen ganz ins Gesicht sehen könnte. Dies wäre seine endlich erreichte Bestimmung, eine Quasi-Heiligung durch den technischen Fortschritt. Dies wäre es des höheren Strebens wert. Wir müssten das tun, was wir schon immer tun wollten: Über uns, als Gattung wie als Person, ganz zu entscheiden. Das hätte es all der Mühe seit dem Auszug aus dem Paradies gelohnt. Prüderie und Polititical correctness wollen es freilich nicht erlauben, dass die Kundigen, die Bioloqen als Nachfahren des Chiron, auch nur von Weitem daran denken.
Verweis: Die Schönheit der Schimären, in Claus Koch: Ende der Natürlichkeit, München 1994.
mail@claus-koch.com |
Die nächste Ausgabe erscheint am 20. Juni.
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