In dieser Ausgabe:
Lagebestimmung: Unentbehrlicher Webfehler Korruption
Je gründlicher die Oberen einer Gesellschaft von Korruption durchsetzt sind, und je besser dies den Mittleren und den Unteren bekannt ist, desto müßiger wird es, sich darüber zu empören, dagegen anzuschreiben. So ist es etwas lächerlich, sich über die Bestechlichkeit der italienischen Oberklasse und ihres Staatspersonals und die Indolenz des Volkes zu erregen. Unbestechliche und Tugendhafte gibt es dort wie anderswo, aber das Volk ist von seiner natürlichen Bestechlichkeit nicht abzuhalten. Als vor zwei Jahrzehnten eine tapfere Staatsanwaltschaft einigen Schmutz ans Licht zog und mit der Aktion mani pulite für Durchsichtigkeit und Ordnung sorgen wollte, war das Volk erstaunt und über sich selbst erfreut. Es hat nicht lange gedauert, bis der alte Normalzustand wieder hergestellt und die Staatsanwälte zum Verstummen gebracht waren, unter Anführung des wieder- und wiedergewählten Berlusconi, der ungeniert die Justiz nach wie vor verfolgt.
Als ruchbar wurde, dass der französische Staatspräsident Chirac während seiner Pariser Bürgermeisterzeit mit Hilfe seiner Günstlinge die Funktionäre der gaullistischen Staatspartei aus der Stadtkasse bezahlen ließ, Wählerkarteien verschieben ließ etc., musste schließlich doch die Justiz eingreifen. Die couragierten Untersuchungsrichter förderten beträchtliche Durchstechereien zutage, die valide für ein ganzes Paket von Anklagen waren. Chirac ließ es so weit nicht kommen und sorgte mit einem Gesetz dafür, dass der Staatschef während seiner Amtszeit auf keinen Fall inkriminiert werden kann, selbst wenn er offen die Stadtkasse aus dem Rathaus getragen hat. Die Untersuchungsrichter sind längst ausgeschaltet, ausgeschieden, versetzt. Chirac konnte unbefleckt aus dem Amt scheiden. Jedermann in Frankreich weiß freilich, dass sein Nachfolger und ehemaliger Feind Sarkozy einige Jahre lang Innenminister war und damit Meister über alle Dossiers von Staatspersonen wie von kleinen Bürgern. Diesen Dolch hält er stets hinterm Rücken bereit, auch zur Warnung anderer: es ist ihm Vieles zuzutrauen. Wer sich aber darüber noch aufregen wollte, machte sich lächerlich, auch unter den Leuten der Opposition. Darum lässt man es, im allgemeinen Einverständnis. Bestechlichkeit und gegenseitige Erpressung sitzen nun einmal im Gewebe der Demokratie. Gerade den Gescheiteren fällt dazu wenig ein, es fehlt dafür an Vokabular und an Klaviatur. Anhaltende Bestechlichkeit in den reichen Schichten, wo sie eigentlich unergiebig und lästig sein sollte, gibt jedoch etwas preis über den Gesellschaftszustand. Wird die Korruption der Reichen und der Geldtüchtigen von den Armen, den Nichteigentümern geteilt, so zeigt das nicht nur Fatalismus und Modernitätsfeindlichkeit an, sondern gemeinsame Regression.
In diesem Fall sind nun auch die Deutschen. Ihre Managerklasse, die sich so lange ob ihres vernünftigen Pragmatismus für einigermaßen tugendhaft halten durfte, schließt in diesem Jahr schnell zum mediterranen Fatalismus auf. Sie überlässt sich auf breiter Front einer Korruption, die sie nicht nötig hätte. Mit anderen Worten, sie ist, gemessen an ihren ehemaligen Maßstäben, unmodern geworden, in Trägheit machtsüchtig. Der Kleinaktionär, der in seinem Dossier gutdeutsche Werte von Siemens, VW, Telekom, Daimler, TUI und anderen leicht klebrigen Konzernen hält, aber auf etwas deutschen Anstand im Vermögen halten möchte, gerät nun in Verlegenheit: Gegen welche reinlicheren Papiere könnte er die anrüchigen Werte noch eintauschen? Er mag sich gelegentlich über die unverschämten Boni des Managements aufregen, aber er wartet doch auf die nächste Ausschüttung – und bleibt nolens volens Teilhaber am Korruptionssystem. Er kann nur jeden Morgen bei der Lektüre der Wirtschaftsseiten hoffen, dass nicht über Nacht bei seinen Firmen etwas aufgeflogen ist, was den Wert mindern könnte. Der Aufwand an Krokodilstränen dabei ist beträchtlich, er lässt sich noch steigern. Zur Zeit verfügt Deutschland wieder über rund zehn Millionen Aktienbesitzer. Erlaubt ist also die grobe Rechnung: Das Land war zu Zeiten des ach so verfaulten Wohlfahrtsstaates, sagen wir vor dreißig Jahren, erheblich weniger korrupt als heute. Andrerseits wird ein kleiner oder größerer Arbeitnehmer, dem über die Bestechungsaktionen seiner Chefs etwas zu Ohren gekommen ist, schwerlich den Aufsichtsrat informieren. Er weiß, dass dort etliche ehemalige Vorstandsvorsitzende sich mit Zähnen und Klauen dagegen wehren, etwas gewusst zu haben.
Hier interessiert jedoch nicht die Unmoral im kapitalistischen Geschäft, die dadurch nicht verzeihlicher wird, dass es Roten nicht anders halten und gehalten haben. Zum Verwundern ist vielmehr, dass der globalisierte Kapialismus Korruption noch nötig hat. Denn diese sollte heute unzeitgemäß sein, wie überhaupt jede größere Bereicherung von hochgestellten Wirtschaftsagenten. Und wenn Heerführer der Finanzindustrie ihre zweistelligen Millioneneinnahmen damit verteidigen, dass sie zum Ranking-Kampf in ihrem Milieu dazu gezwungen seien, sie wollten ja nur überleben, so ist das kümmerlich. Diese Leute müssen sich den Anschein geben, sie seien nicht so mächtig, wie sie vor anderen auftreten oder tatsächlich sind. Ihr demonstrierter und von Jahr notwendig zu steigernder Reichtum zeigt jedoch Unsicherheit an. Sie können keine Gewissheit der Macht ausstrahlen, leben in fragwürdiger Autorität. Und so ist es ja auch. Wenn im Jahr 20007 so viele Top-Manager in Deutschland gefeuert worden sind wie in keinem Jahr zuvor, so verrät dies Labilität der Wirtschaftselite, zugleich Wankelmut und Orientierungslosigkeit der Investoren / Aktionäre. Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 28. Mai: In einer Studie fand ... die Unternehmensberatung Booz & Company heraus: "Im vergangenen Jahr gab es in 19,07 Prozent der börsennotierten Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Wechsel an der Konzernspitze. Damit hat sich die Wechselrate innerhalb eines Jahres verdoppelt. ... Deutlich gestiegen ist ... die Zahl der Rausschmisse. In 6,3 Prozent der rund 3000 untersuchten Firmen im deutschsprachigen Raum zogen die Aufsichtsräte die Notbremse und trennten sich vom Vorstandschef, weil sie mit dessen Arbeit unzufrieden waren. Der Wert war damit 2007 fast doppelt so hoch wie 2006."
Anhaltende Korruption kann sich am ehesten festsetzen und einwuchern, wo Fatalismus vorherrscht und das Leben nicht viel gilt. Im 19. Jahrhundert verachteten die Europäer gerne die Figur des bestechlichen arabischen Potentaten – vornehmlich in der osmanischen Welt, der kapitalistische Arbeits- und Erfolgsmoral unzugänglich war, je doch höchst findig für jede Art der Korruption. T.E. Lawrence (of Arabia) hat diesen Typ, mit dem zu kooperieren er wie alle Kolonialherren gezwungen war, beschrieben. Dem bürgerlich kapitalistischen Unternehmertum konnte es nicht gefallen, dass Bestechlichkeit auf einfallsloser Schicksalsergebenheit gedeihen sollte. Noch vor einem halben Jahrhundert galt der Spekulant, Fatalist von Natur aus, als nicht ehrenwert; er hatte keinen Platz im bürgerlichen Salon. Man brauchte ihn zwar, mit Hilfe der dazwischengeschobenenHausbank aber man durfte ihn verachten, als den Unproduktiven. Der Antisemitismus bemächtigte sich gerne dieser Figur. Heute kann der Spekulant, der in die Welt der Korruption einen guten Einblick haben muss, auf bürgerlichen Respekt leicht verzichten. Ihm ist in der Sterilität der Geldsphäre durchaus wohl. Er weiß, dass er sie alle in der Tasche hat. Die Wirtschaftstheoretiker werden seine Rolle für unentbehrlich halten. Im übrigen spekuliert auch der kleine Mann, den einstmals die Gewerkschaft davon abhalten wollte, ganz ungeniert. Sein Großvater, der Bürger, hätte die Nase darüber gerümpft.
Man könnte es wahrscheinlich in exakter Methode demonstrieren: Mit dem Antritt des Finanzkapitalismus, der doch die schöpferische Leistung stimulieren sollte, ist nicht nur das Maß an inhärenter wie an manifester Bestechlichkeit angewachsen. Das wäre hinzunehmen, wenn in gleichem Schritt unternehmerischer Einfallsreichtum und vorausschauende Beweglichkeit zugenommen hätten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Der Druck aufs Wachstum um jeden Preis hat die Sterilität bei den Unternehmen ebenso wie beim Staat gefördert. Anders gesagt, die Wehrlosigkeit gegenüber der Korruption verbreitet sich, weil Indifferenz und Angst vor dem unbekannten Neuen um sich greifen. Man braucht aber Indifferenz, um sich an der Oberfläche des sozialen Lebens zu halten. Da andrerseits durch die systemgewordene Kurzsichtigkeit niemand schmerzhaft geschädigt wird, kann öffentliche Entrüstung schwerlich aufkommen und zu Konsequenzen führen. Wenn der Konzernchef von der Finanzpolizei in aller Öffentlichkeit abgeführt wird, weil er Insider-Missbrauch getrieben, die Steuer unterschlagen oder Durchstechereien gefördert hat, herrscht beim Publikum keine Genugtuung. Erst einmal muss jeder den Wertverlust seiner Einlage prüfen, der durch die Missgriff eingetreten ist. Ob seine Investition einen produktiven, perspektivreichen Sinn hat, hatte er sich kaum gefragt. Wo viele ein wenig vom Geldverkehr verstehen, aber nicht genug von der Wirtschaft – wie die Masse der Kleinaktionäre –, bleibt Korruption allzulange unbemerkt. Die Globalisierung, die nicht zuletzt von Räuschen und Betäubungen getragen wird, trägt dazu bei. Sie hat zu schnell zu viele ungeeignete Kapitalisten hervorgebracht. Die sozialblinde Ökonomie, die gerne Wachstumszahlen für die Wirklichkeit nimmt, muss das erfreulich finden. Sie wird für Zuversicht berufen, nicht für besorgte Einsicht.
Genomik und Staatsinteresse
Was einmal Revolution war, ist im Gedächtnis der Europäer seit langem nicht mehr anwesend, seit mindestens drei Generationen schon. Die Erhebungen in Ost- und in Mitteleuropa, die zur plötzlichen Implosion des Sowjetreiches führten, hat man vorschnell Revolutionen genannt. Wären sie Revolutionen gewesen, hätten sie nicht so bald und so ideen- und gewaltlos in Allerweltsdemokratien überführen lassen. Kaum hatten die Staatsreste ihre dünnwandige Souveränität erhalten, wurden ihre politischen Lebensgesetze, die noch nicht zu selbstbestimmten Nationen geführt hatten, eingeschmolzen und ins Gleichmaß vom Weltmarkt gestellt, dem der ehemalige Hegemon des Westens die Geschäfte führt. Er hatte damit die Rolle des Imperiums übernommen, musste sie übernehmen. Sie wird nicht lange dauern, Imperien sind dazu bestimmt, unterzugehen. Davon wussten die Europäer einiges, aber auch dies ist ihnen entfallen.
Ebenso wie die Revolution verging, verging auch die Konterrevolution, verging die Gegenaufklärung. Sie war immer eine europäische Besonderheit gewesen, Metternich war ihr Kennwort. Der konterrevolutionäre Impuls, mit dem noch Carl Schmitt zündeln konnte, hielt sich nur ein wenig länger als die europäische Menschheitsidee der Revolution. Spätestens mit Francos Tod kam er an sein intellektuelles Ende.
Nicht allein Revolution und Konterrevolution sind aus dem europäischen Ideegepäck verschwunden, können keine politischen Regungen mehr entzünden. Auch die Aufklärung, von der sie sich feindlich-freundlich hatten befeuern lassen, hat sich verloren. Im Sturm der Globalisierung gibt es die Machtballungen nicht mehr, gegen die sich Aufklärung führen ließe. Die Umstände der universalen, vom Imperium gestützte Herrschaft des Weltmarkts mag man totalitär nennen. Eine aufklärerische Sprache dagegen lässt sich nicht schmieden und als Waffe führen. Und auch Rebellion trägt heute das Zeichen der Gegenstandslosigkeit auf der Stirn. Rebellionen werden wir im erratischen Marktgetöse noch etliche erleben, in der kapitalistisch geschlossenen Welt werden sie rasch ersticken.
Wenn das Beste, was wir einmal hatten, die Idee der Revolution, ausgemustert werden muss, wenn Aufklärung die Arme hängen lässt, wird auch der Staat zum Schweigen gebracht. Er wird zwar zur organisierten Kontrolle der immer und überall lauernden Gewalt weiterhin gebraucht und bedient. Doch die allanwesenden Institutionen, die in ihrer Bündelung sich Staat nennen lassen, brauchen immer weniger den Bürger, den sie mit ihrer Kontrolle stützen mussten und dafür seine Loyalität verlangen durften. Auch der Bürger verlangt für seine Geschäfte immer weniger die ordnende Autorität des Staates. Der bürgerliche Staat, der sich heute fast überall der unpraktikablen Wehrpflicht entledigt hat, verlangt an erster Stelle die Einhaltung der Steuerpflicht, der Legalität und ihre Einhaltung aus der Landesbewohner.
Gelegentliche populistische Beschimpfungen kann er ebenso an sich ablaufen lassen wie allzu vaterländischen Eifer. Eine eigene Legitimität braucht er nicht, er kann auch nicht geliebt werden. Indifferenz, die der politische Bürger, als es ihn noch gab, aus Ehre verachtet hatte, ist für den modernen Staat Ausdruck seines höchsten Vorzugs. Er soll und und will in der Demokratie, die sich mehr und mehr der plebiszitären Formung überlässt, keinen eigenen Willen haben. Er soll sich nur das Nötigste zur Selbsterhaltung gestatten. Und er sich leicht verdächtig, wenn er aus vorausschauender Verantwortung vorsorglich handeln will. Die plebiszitäre Demokratie, auf die sich mit Hilfe der Kommunikationstechniken die repräsentative Demokratie des Parteienstaates immer rascher zubewegt, erlaubt nur noch ein Regieren von Tag zu Tag, ohne verbindliche Konzeptionen und befreit von Ansprüchen an Legitimität. Frankreich und Deutschland führen zur Zeit diese Drift zum plebiszitär regierten Staat auf ihre je eigene Weise eindrücklich vor.
Der Verfall der alten Autoritäten des Staates mit seiner Legitimität, der Aufklärung und der mit ihr gegebenen Erwartung von Revolution, wird seit wenig mehr als einem Jahrzehnt vom Internet beschleunigt. Es ist dem "possessiven Individualisten" des industriellen-postindustriellen Zeitalters fast unvermerkt aufgenötigt worden, sodass er sich außerhalb dieses technoiden Raumes kaum noch bewegen kann. Er ist damit unvermeidlich zum Teilhaber und Genießer dieser neuen Eigenmacht, die den Niedergang der alten Herrschaftsmächte vorantreibt, geworden.
Untermalt wird der Verfall vom Getöse, in dem sich das Imperium gegen seine Verabschiedung zu wehren versucht. Es selbst weiß noch nicht, was alle anderen bereits wissen: Es ist zur Oberherrschaft nicht mehr geeignet. Im Abstieg muss es die Mittel, ja die demokratischen Tugenden, mit der es kurz vor seiner Eklipse noch einmal geglänzt hatte und den prekären Weltfrieden in der Balance halten konnte, gegen sich selbst wenden. Indem es seine anwachsenden Schwächen lautstark vorführen muss, macht es sich selber zum Schauplatz der Zerstörung. Darin bestand der Triumph Bin Ladens.
In diese Weltszene, die keine Umwertung aller Werte ankündigt, sondern nur den Verlust aller Werte, sprich ihrer Dauerhaftigkeit, tritt nun der neue Gattungstyp ein. Er ist keine Gestalt der Revolution, er nimmt das Alte, das er abzuschütteln hätte, gar nicht wahr. Ihm ist eine gewaltige Last aufgeladen, die ihm die nun vergehende Zivilisation des Fortschritts vererbt hat. Es ist die Last der Autonomie. Zwei, drei Jahrhunderte lang hatte er sie begehrt, hatte in seinem Begehren die Welt umgewälzt. Die Aufklärung hatte ihn dazu verführt, gegen Kaiser und Papst. Nun ist sie ihm aufgedrückt, und er kann die Mittel, die Lebenstechniken noch nicht sehen, um sie schultern, das heißt bewältigen zu können. Der Staat, selber Ausdruck stetigen Autonomieverlusts, kann sie dem Heranwachsenden nicht gewähren. Er muss nach seinem Wesen die Last der Autonomie, die das schwache Individuum niederdrückt, als verderbliche Neigung zur Anarchie verstehen. Nun bekommt er ganz zu spüren, dass der entfesselte technische Fortschritt, den seine Sachwalter mit der bornierten Parole "Innovation" ausgerufen hatten, nicht nur die eigene Kohäsionskraft zersetzt, sondern auch ein nachmodernes Individuum heranzüchtet, das ihn nicht mehr verstehen kann, das er selbst nicht versteht, also auch nicht seinem Glücksverlangen dienen kann.
Die Last der Autonomie baut sich der nachmoderne Mensch dadurch auf, dass er immer mehr Wissen von seiner natürlichen Beschaffenheit anhäuft, ohne es durchdringen, zur Selbstregelung verwenden zu können. Als Teilnehmer an der "Wissensgesellschaft" welch höhnischer Begriff, weiß er noch nicht, was mit dem Wissen von seiner Natur anfangen soll, anfangen muss. Er weiß nur, dass es ihm zueigen sein muss, aber er kann es nur ungenügend lesen. So wird ihm das Wissen von seinem Unwissen zur Last. Er verspürt die stets wachsende Aufforderung des Spruchs auf dem delphischen Tempel "Gnothi seauton" und weiß auch, dass die Chiffren dafür zu erschließen wären, doch kann er sie nicht ordnen. Könnte er es, würde er möglicherweise zu Bedrohung für sich selbst und andere werden. Doch ist die Drift zur Autonomie, inmitten all der Leere und des Verfalls, nicht abzulenken und aufzuhalten.
Zum zentralen Element, zum Schwungrad für die Autonomie-Last ist, technisch wie symbolisch, die rasch anwachsende Kenntnis vom menschlichen Genom geworden. Diese Kenntnis ist in zwei Jahrzehnten zum mächtigsten Treibmittel der Bio-Industrie erwachsen. Diese wird von der Technik des nächsten industriezivilisatorischen Zyklus getragen, der von der Ökonomie so genannten Leontieff-Kurve oder -Woge. Es wird wahrscheinlich die letzte ihrer Art sein. Aber diese wissenschaftliche Basiskenntnis stellt einstweilen keine Einsichten in ihre entfesselte soziale Mächtigkeit, ihre Umwälzungspotenz dar. Die Kenntnis vom Genom ist noch immer unerwecktes Wissen, noch halbtot. Auch die damit befassten Wissenschaftstechniker trauen sich heute nicht, diese Potenz auszuloten, auf die ökonomischen, sozialen und institutionellen Konsequenzen informiert zu spekulieren. Sie müssen den Skandal fürchten (der ihnen nicht zuletzt den Finanzier Staat abschrecken könnte). Aus dem Consens, der Verdrängung eines schon fast verfügbaren Wissens folgen Selbstblockaden, Angstreaktionen. Das Emanzipationsversprechen, das in der Genomkenntnis steckt, nämlich Autonomie der individuellen Entscheidung über die eigene Lebensgestalt des Individuums, verkehrt sich in verquälte Lust zur Ohnmacht im Nichtwissen.
Damit gerät auch der Staat, der Motor des Fortschritts und des Bürgerglücks sein sollte, aus der Fasson. Seine erhebendste Rolle ist dem europäischen Staat im Lauf des letzten Jahrhunderts entwunden worden: Die Entscheidung über Krieg und Frieden, über Leben und Tod der Bürger im Schlachtenglück. Sie war auch die Quelle der nationalen Souveränität. Geblieben ist ihm neben den beschwerlichen Rollen des Steuer- des Renten- und des umverteilenden Sozialstaats ein Herrschaftsfeld, auf dem ihm ebenfalls Schlussentscheidungen über Tod und Leben zugemutet sind, schließlich über Nicht-Leben. Es wird mit dem ungenauen, gar irreführenden Begriff der Bio-Politik umschrieben. Diese konturlose Politik hat nicht-personalisierbare, politisch zu verantwortende Steuerungen zu betreiben, für die der Staat nicht einstehen kann. So müssen die alten Sozialstaaten Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderte mithilfe ihrer so genannten Gesundheitssysteme dazu beigetragen hatten, die Klassenkonflikte niederzulegen, nun zusehen, wie diese staatsverantworteten Systeme neue Klassenverhältnisse dulden, gar begünstigen. Es verhält sich damit ähnlich wie mit der sich wieder weitenden Schere der Einkommen und der Vermögen, die sich bis zum beginnenden Ende des europäischen Wohlfahrtsstaates in den siebziger Jahren langsam und dauerhaft zu schließen schien. Die von der Polemik ungenau bezeichnete "Klassenmedizin" lässt die vom Staat verwaltete Egalität der Bürger schwinden, indem, von teurer Technik dazu getrieben, Lebens- und Alterschancen zugeteilt werden, hin zur Ungleichheit. Der "Gesundheitsmarkt", dem von hilflosen Politikern nachgeplappert wird, entreißt dem Staat immer mehr Bestandteile seiner Autorität, die er heute vermehrt benötigte, um die ihm unentbehrliche Bürgergleichheit in Leben und Tod zu bewahren. Der Staat, der dem Bürger einmal Lebensgarantien vorschießen konnte, kann nun fürs Leben immer weniger bürgen. Diesem allanwesenden, aber in seiner Autorität geschwächten Staat tritt nun sein Einwohner gegenüber, dem eine Autonomie aufgezwungen ist, die er nicht tragen kann. Dieser Staatseinwohner und Konsument der öffentlichen Dienste müsste als ein Mündiger zu seiner Verantwortlichkeit für sich selbst aufzurufen sein, ist er doch eingebunden in die Solidarität, in ein Netz der vor dem Staat Gleichen.
Doch nun rächt es sich, dass er sich im vergangenen Halbjahrhundert auf "falsche Weise" emanzipiert hatte, vornehmlich gegen den Staat, den ständig geschwächten Ordnungshüter. Die Autonomie, die er sich halb errang, halb als Geschenk empfangen hatte, erscheint ihm mehr und mehr als ein Zwang, dem er sich nicht entziehen kann. Nicht zuletzt ist er in den Markt gezwungen, den er je nach seinen Schwächen und Stärken bedienen muss. Sein erstes Bemühen ist, nicht aus dem Markt zu fallen, auch gegen das eigene Interesse am Leben.
Zum "elastischen Punkt" dieses Interesses am Leben ist vor kurzem die Kenntnis vom Genom geraten. Dieser Kenntnis ist jedoch keine Einsicht in die Potenz und die Entstehung dieses Lebenscodes beigegeben. Den europäischen Zivilisationsmenschen trifft diese Zwangskenntnis unvorbereitet, noch heute heute kann er ihre Bedeutung nicht ausmessen und bewerten. Es wäre zuvorderst die Aufgabe das Staates gewesen, ihn darauf vorzubereiten. Er hat diese Aufgabe nicht wahrgenommen, nicht wahrnehmen können, aus vielerlei Gründen. Da ihm die Staatsbürger im eigentlichen, im republikanischen Sinn, entglitten waren, konnte er sein Bildungssystem nicht darauf einrichten, dem Arbeits- und Konsumbürger die Erwartungen und die Drohungen aus dieser Entdeckung vor Augen zu stellen. Immerhin ist die Doppelhelix 1953 "offenbart" worden, hat auch die engere wissenschaftliche Welt für eine Weile aufgerührt. Die Regierungen haben nichts davon bemerkt, haben das Desinteresse der Bürger eher gefördert. Die an den europäischen und amerikanischen Universitäten errichteten Lehrstühle für Bioethik und dergleichen sind wenig mehr als Trostpflaster, Moralvorhang vor dem tiefen Graben des staatlichen Unwissens. Sie sind am Ende zu einem Ausdruck des Autoritätsverlusts, der Inkompetenz geraten.
Der Körper des Bürgers und somit auch seine humane Gestalt waren auch in den Jahrhunderten der Aufklärung und der Emanzipation von den alten Mächten dunkel, in der Form unerkannt geblieben. Nun kündigt das rasch anwachsende, unbegriffene Wissen vom Genom an, dass dem Individuum sein opak gebliebener "Eigenleib" (Hans Blumenberg) ins hellste Licht gestellt werden wird. Anders gesagt, es muss sich selbst transparent und seiner Transparenz bewusst machen. Es kann kein aufs Private beschränktes, auf den Eigenleibbesitzer beschränktes Wissen bleiben. Es sind nun neue ordnende und richte Instanzen verlangt. Mit dem verlebten Begriff des Staates werden diese Instanzen nicht zu fassen sein.
(Wird in der nächsten Ausgabe fortgesetzt).
Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen
Peanuts: Zum Gedenken an J. M.
Montesquieu schreibt in seinen Betrachtungen über die Ursachen von Größe und Niedergang der Römer (1734): zum Ehrenselbstmord ihrer Staatsfiguren: "Endlich war es eine große Bequemlichkeit für das Heldentum, da jeder die Rolle, die er in der Welt spielte, an der Stelle enden lassen konnte, an der er wollte... Es ist sicher, dass die Menschen weniger frei, weniger mutig und weniger zu großen Taten bereit geworden sind als sie damals waren, als man durch diese Macht, die man über sich selbst hatte, in jedem Augenblick jeder anderen Macht entgehen konnte."
Friedrich der Große, sein Leser, merkt dazu an. "Die Religion hat, wo sie verkündet worden ist, den Mut der Völker sehr geschwächt. Ein Mensch, der sich selbst zu töten fürchtet, muss den Tode fürchten. Und wer den Tod fürchtet, kann nicht beherzt sein. Zugleich lässt der Schrecken vor den Urteilssprüchen der kanonisierten Proserpina manchen Mann erzittern, der, ohne diesen Glaubensartikel, die Furcht verachtet hätte." Mit der kanonisierten Proserpina meint der fürstliche Agnostiker und Stoiker die durch das Christentum installierte Hölle. Proserpina war als Gattin des Unterweltgottes Pluto Herrin des Todes.
Der Gedanke lässt sich bis heute fortführen. Die geltungssüchtigen Großen dieser Tage, die ihre und andere Unternehmen in den Bankrott führen oder ihre Bank ruinieren, sind nur selten in der Lage, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, um einen Ehrenrest zu retten. Vor hundert Jahren konnte ein Bankier, der seine Kunden ins Elend getrieben hatte, sich von einem guten Freund den Revolver reichen lassen. Das würde niemandem von den vielen hundert Finanzjongleuren, fahrlässigen Konzernherren, millionenschweren Steuerbetrügern und Insider-profiteuren, die nunmehr immer häufiger auffliegen, nicht im Traum einfallen. Ist schon der professionelle Ruf dahin, weil man sich hat erwischen lassen, so gilt es doch, um Rentenwerte und Vermögen zu retten, bis zum späteren Ende zu prozessieren und Berufung einzulegen. Das sichert so manchem noch auskömmliche Lebensjahre. Man ist schließlich seiner Familie verantwortlich. Es ist freilich nicht, wie der Preußenkönig meinte, die Religion, die den Mut zum selbstbereiteten Untergang korrumpiert hat. Es ist vielmehr die Glaubensmacht des kapitalsüchtigen Liberalismus, die Erzbetrüger wie den Postchef und Telekom-Aufsichtsrat Klaus Zumwinckel zu ihrer hartnäckigen Feigheit ermutigt. Hier seieine Gedenkminute für den FDP-Politiker Jürgen Möllemann eingelegt.
Obwohl sein Vergehen harmlos war im Vergleich zu den sozialschädlichen Herren von Siemens, Telekom, VW etc, machte er seinen Untergang zur Tat, die ihm einigen Respekt bewahrt. Die Symbolik des Fallschirmspringers, der im Absprung den Verschluss nicht löste, hat dem politischen Abenteurer hinterher ein kleines Stück Heldentum verliehen. Die höchsten Angestellten der Finanzindustrie und die Portfolio-Manipulanten, die die Konzerne leiten, schauen dagegen kläglich aus.
Zeigt vor Eure Füßchen, zeigt vor Eure Schuh
Sich in vorteilhafter Gestalt zu arrangieren, sich seines vorgezeigten Gesichts immer bewusst zu sein und damit durchs Medium reproduziert werden zu können, gehört zu den natürlichen Lebensbedingungen der heutigen Zivilisation. Man muss ich sich mit seinem Abbild "positionieren", wie der Ökonomenslang es nennt. Hat man kein Gesicht, so verhilft einem dazu das Medium, das wiedererkennbare Profile braucht. Man kann sich dem, will man als tüchtiges Mitglied der Gesellschaft die nötige Geltung erwerben, nicht entziehen. Das verlangt schon die plebiszitär gewordene Demokratie, die repräsentative Charaktere nicht gerne erträgt.
Auch wenn man, mangels eines eigenen Gesichts, nur mit einer Larve wandeln muss, so darf man sie doch niemals ablegen – damit man entlarvt werden kann. Entlarvung schafft Verbindung. Träte man frei hervor, in "ursprünglicher"Gestalt, die Anderen würden einen abweisen, Frauen, die immer in Maske und im Versprechen von Metamorphose leben, fällt das viel leichter. An den heutigen Männern ist wenig zu entlarven, weil wenig hinter ihnen steht. Sie können die Lebensanstrengung, die sie zu Charakteren machte, nicht mehr leisten.
Dies wird sich möglicherweise, ändern, wenn der "Gläserne Mensch", das Schreckgespenst der ängstlichen Humanisten, die Bühne betritt. Er kann, da die Konstruktion seiner Natur offenliegt, nicht anders als unmittelbar leben. Er ist aus Prothesenkitt geschaffen, muss daher immer arglos sein. Er wäre, ein moderner Kaspar Hauser, den Mitmenschen leicht ein Horror. Man sollte aber nicht befürchten, dass es zu langweilig wird, wenn niemand mehr als persona, die durch die Maske spricht, sich ausweisen kann. Anstrengender freilich könnte es noch einmal werden, wenn man seinen Charakter und somit sein "wahres Gesicht" erarbeiten müsste.
Link: Der neue Phosphoros 100, Mimesis II
Organisierte Panik
"Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Ängststimmung." Sigmund Freud schrieb das in seiner Abhandlung Das Unbehagen in der Kultur (1930). Die Zerstreuungsindustrie, von der die Massengesellschaften umklammert sind, hat mit dem Sport, besonders mit dem Fußball, eine hervorragende Technik entwickelt, um das angsterfüllte Unbehagen in eine profitable Form zu lenken und ihm seine Bedrohlichkeit zu nehmen. Dem, der immun gegen die Fußballwut ist und draußen bleiben kann, erscheint dieser raffinniert inszenierte Sport als eine organisierte Panik, die sich selbst am Überschwappen hindern kann. Sie simulieren Krieg, bestialisieren sich damit für gemessene Weile, doch sie werden sich nicht im Ernst gefährlich. Mit jedem großen Meisterschaftskampf nimmt die Bestialisierung zu, wächst der Energie-Aufwand, wächst mit der Kapitalisierung auch der Umsatz, schließlich die Machtkonzentration. Das lässt sich besonders gut am Deutschland der letzten zwanzig Jahre beobachten. Die rituelle Panik-Erzeugung zur Stimulierung und folgender Apathie der Massen erhebt sich aus aus einem Untergrund ewiger Langeweile, die das Unverhältnis der Individuen untereinander festhält. Die Sportfeier treibt diese zueinander, ohne dass sie viel reden müssen.
Die Fußballmeisterschaften mit ihren ewiggleichen Zeremonien haben denn auch etwas Langweiliges an sich, sie bringen die sonst gegen einander Gleichgültigen zum gemeinsamen Jubeln. Sie dürfen das für das Leben halten.
mail@claus-koch.com |
Die nächste Ausgabe erscheint am 25. Juli.
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