| Lagebestimmung: Schwache Vision Die jugendlichen Massen, die auf dem Wenzelsplatz den amerikanikanischen Präsidenten bejubelten, wollten vor allem vom eigenen Jubel bewegt sein. Was ihnen ihr Heilsbringer mitzuteilen hatte, interessierte viele nicht so genau. Nicht alles konnten sie recht verstehen. So schildern es etliche Medien. Dem Papst ist es kürzlich in Luanda mit seiner katholischen Herde nicht anders ergangen.
Wie eine Welt ohne Atomwaffen aussehen, was sie bedeuten würde, überstieg gewiss die Einbildungskraft der Jubelnden. Vermutlich auch die Einbildungskraft ihrer Eltern. Diese, um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts geboren, hatten ihr ganzes Leben unter dem Strahlenschirm des atomaren Abschreckungsfriedens verbracht. Auch die jubelnden Jungen sollten als nationalbewusste Tschechen wissen, dass das System der atomaren Selbstmorddrohung auf Gegenseitigkeit es erlaubte, ja erzwang, den Prager Mai ohne militärischen Einspruch des Westens nieder zu walzen und die sowjetische Gewaltherrschaft um weitere zwei Jahrzehnte zu verlängern. Für die Westeuropäer hingegen, nicht zuletzt für die Westdeutschen, war das atomare Drohsystem von unschätzbarem Vorteil. Mit ihm hielten sich die beiden Übermächte in Schach und unter sekündlicher Kontrolle, mussten nach dem wilden Kalten Krieg lernen, sich zu disziplinieren. Soferne sie unter der Schwelle der atomaren Gewaltdrohung blieben, konnten viele regionale Konflikte, auch riesige Völkerschlachtereien, aufrecht erhalten werden. Dies verlangte eine aufs Feinste ausgebildete Drohtechnik der dichten Kommunikation mit dem Gegner, ein Kunstwerk der Vermeidung, um die Bedrohung durch militärische Gewalt zu erhalten, ohne sie die Schwelle überspringen und "zum äußersten ansteigen" (Clausewitz) zu lassen. In der ersten Hälfte der sechziger Jahre von einer kleinen Gruppe verantwortungsbewusster Technokraten um den damaligen Präsidenten Kennedy konstruiert, wurde das System, das sein heutiger Nachfolger aushebeln und abschaffen möchte, zum ersten Mal in der Cuba-Krise (1962) erfolgreich und zur Erleichterung der ganzen Welt erprobt. Es sollte später, als die Kraft des sowjetischen Gegenpols erlahmte und damit das Drohgleichgewicht langsam gegenstandslos wurde, dem russischen Präsidententen Gorbatschow die Auflösung des Warschauer Paktes und in der Konsequenz des örtlichen Imperiums erlauben.
Das atomare Drohsystem, das einen prekären Zustand des Weltkriegs in einer kalkulierten Friedlosigkeit aufrechterhielt, war die großartigste politische Konstruktion in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Gewaltarchitektur ließ sich in in ihrer Raffinesse und ihrer Reaktionsfähigkeit nur vergleichen mit der Idee der globalen Marktgleichgewichte. Auch diese sollen ja für fortgesetzte Befriedung sorge – durch Konkurrenz in der Mehrung des Reichtums. Die Gewaltordnung durch atomare Selbstmorddrohung war nicht nur ein gemeinsames Produkt der zwei Übermächte zum Zwecke ihrer Selbsterhaltung, war nicht nur ein imperialer Waffenstillstand. Es war, ebenso wie die kapitalistische Globalisierung des Marktes, ein Menschheitsprojekt. Es wurde in den Jahren seiner Errichtung nur von Wenigen begriffen, ob in den USA, in Westeuropa oder im Ost-Imperium. Die sowjetischen Führungen konnten es nie anerkennen, weil es ihre Geschichtsdoktrin nicht erlaubt hätte – aber sie verhielten sich korrekt danach.
Vor dem Jubel über die vorsichtige Vision des amerikanischen Präsidenten hätte wenigstens eine leise Ahnung zu stehen, was da zu leisten ist und was dies kosten würde. Wollten die fünf alten Atommächte, die sich im Weltsicherheitsrat versammeln, in einer Frist von zehn Jahren ihre nuklearen Arsenale loswerden, so würde das Abermilliarden – die von Parlamenten zu billigen wären – ernötigen, Industrielandschaften entleeren und Heere von Arbeitslosen schaffen. Ein solcher Prozess würde, auch wenn er sich in bestem Einvernehmen organisieren ließe, einem ökonomischen Desaster gleichkommen. Und dies in einer Globalkrise ohne Ende, auf die sich die Staatenwelt nunmehr einstellen muss. Wenn in den achtziger Jahre nicht wenige Experten von der Friedensdividende fabulierten, die nach dem Ende des Sowjetimperiums und dem Einsturz der atomaren Drohpolitik zu verteilen wäre, so würde heute, wenn die Atommächte damit ernst machten, eine mittlere Katastrophe drohen. Die gewaltigen Ruinen des atomaren Drohpotentials haben seit langem keinen politischen Nutzen mehr und verunstalten nur noch die nationalen Armeen, aber sie lassen sich nicht beseitigen. Dies macht auch die kleinen Atompopanze wie Iran und Nordkorea, die nur noch für die Empörung veralteter General- und Führungsstäbe veranstaltet erscheinen, so lächerlich. Ein solcher Popanz ist auch Israel, das reale Kernwaffen besitzt. Für seine regressive Blut- und Bodenpolitik in Palästina und Umgebung sind sie in keiner Weise zu gebrauchen.
Der amerikanische Präsident konnte in seiner gedankenblassen Vision nicht einmal Andeutungen über diese tief eingefressenen Realitäten machen. Seine Militärs, die Mehrheit der politischen Klasse und Middle Amerika hätten ihm solches schwer verübelt. Es war gewiss gut, dass der glaubwürdige Mann die bewegenden Pathosformeln von einer Welt ohne Atomdrohung wieder einmal aufleuchten ließ. An der zynischen Reaktionslosigkeit aller repräsentativen Figuren in Europa musste er jedoch erkennen, wie wenig den USA zugetraut wird, zuerst kräftig Hand anzulegen. Und wer kann schon sagen, wofür oder wogegen diese begeisterten Massen morgen jubeln werden?
Utopie für Heute: Die Pflicht zur Selbstbestimmung
Diese Zeit des Scheiterns erweist sich als schlechte Zeit für Utopien. Die Zeit des Scheiterns wird sich augenscheinlich noch lange hinziehen. Nirgends sind Signale einer Erwartung zu erblicken, die aus der Indifferenz, aus dem Desinteresse an allem Künftigen hinaus wiese. Die ratlosen Funktionäre der blockierten Gesellschaftsmächte rufen zwar ständig nach Visionen, denen die Anleger folgen könnten. Doch sie meinen damit nur Rettungspläne für das verwahrloste Alte der Verbrauchskultur. Unter Visionen verstehen sie Startrampen für Groß-Investitionen, um Renditehoffnungen und in der Folge die Schaffung von Arbeitsplätzen zu stimulieren. Mit großer Mühe helfen sie dem zerrütteten System der Geldkreisläufe auf die Beine, damit die Finanzindustrie aus ihrer Starre erwachen und sich in den Sattel der Kreditbereitschaft setzen kann. Darauf kommt keine Reaktion, und fast überall strebt der Leitzins der Null entgegen. Dies demonstriert, dass alles ausgereizt ist, nach den langen Jahrzehnten einer durch Leichtsinn erfolgreichen Geldpolitik eine deprimierende Erfahrung.
Was sie Vision nennen, könnte nur auftreten, wenn der Umsturz eine Chance bekäme. Einen Umsturz jedoch, der Visionen aufleuchten ließe, vermeiden die Geldeliten mit allen Kräften. Die Gesellschaften, mediengeleitet wie sie sind, verlangt es auch nicht danach. Ihre Sprecher sind vielmehr glücklich, dass sie das turbulente Jahrhundert der missratenen Utopien hinter sich lassen durften. Die Europäer von Nord wie Süd ziehen eine Indifferenz in bequemer Zeitlosigkeit vor, weil sie ein wenig prekäre Sicherheit verspricht. Nahezu mit letzter Energie sträuben sie sich, den Aussichtspunkt zu betreten, von dem aus sie in allen Richtungen die Notwendigkeit des Umsturzes erblicken müssten – und damit die Notwendigkeit ebenso wie die belebenden Möglichkeiten zur Utopie. Beim Ausblick auf die nahe Zeit-Umgebung würden sie auf zwei Gegebenheiten gestoßen, denen niemand ausweichen kann: Zum einen unsere lückenlose Transparenz, die keine Nische für ein ungeteiltes Geheimnis der Person gönnt. Die heute auftretende Generation hat sich, wie es scheint, bereits darin gefügt.
Auf der Gegenseite ist der unumgehhare Zwang zur Selbstkontrolle und zur Verfügung über den eigenen Leib zu erblicken, der auf die Autonomie des Individuums in der Entscheidung zum Tod, zur Setzung des Lebensendes führt. Ist der Weg zur Medikalisierung der Gesellschaft einmal betreten, wie wir es bereits erleben, kann man der Grenzsituation, in der es nur eine Alternative gibt, nicht mehr entgehen. Man muss sein physisches Leben, muss seine Leibnatur bis ans Ende seiner Möglichkeit beherrschen und muss sich bis zuletzt die Freiheit zum selbstbestimmten Tod oder zum bewusstlosen Weiterleben bewahren. Die vollkommene Transparenz, die nicht mehr rückgängig zu machen ist, nötigt uns so oder so zum Suizid. Das ergibt sich aus dem Wesen der Entscheidung, unserer höchsten Kulturerrungenschaft.
Eine Analyse, die diese fundamentale Existenzbedingung nicht wahrhaben will, sich ihr entzieht, wird nicht weit führen. Sie begibt sich selber in die Fortschrittstfalle und wird dort ersticken. Die biotechnische Organisation, die zur Medikalisierung der reichen westlichen Gesellschaften führt und diese überwuchert, klammert systematisch die Bedingungen zum selbstbestimmten Tod aus. Es wird ihr nicht erspart bleiben, die medikalisierten Individuen vor ihren Offenbarungseid zu stellen und damit selbst den Offenbarungseid zu leisten.
Von dem Zwang zur unbedingten Transparenz handelte der einleitende Versuch "Bruch" in unserer letzten Ausgabe (Der neue Phosphoros Nr.108 vom 23. März). Ihm folgt hier eine kurze Abhandlung über den Zwang zur Selbstaufklärung und die Pflicht zur Selbstbestimmung, die sich aus der Unvermeidbarkeit der unbedingten Transparenz ergeben. Es trifft sich, dass in diesem Jahr in Europa zwei politische Entscheidungen und damit öffentliche Debatten anstehen, die an vorderster Stelle den Zwang und die Pflicht zur Selbstbestimmung betreffen müssten – dies jedoch nach aller Wahrscheinlichkeit vermeiden werden. Die französische Assemblée nationale hat ein umfassendes Gesetz zur Bioethik zu beschließen, das die geltenden gesetzlichen Bestimmungen aus dem Jahr 1994 ersetzen soll. Darin soll fast die ganze Palette der Problemlagen geregelt werden, von der Stammzellforschung bis zur gentechnischen Bestimmung der parentalen Identität und der Leihmutter, vom therapeutischen Klonen bis zur medizinisch assistierten Sterbehilfe etc. In Deutschland wiederum geht es um die Bundestagsentscheidung über die ärztliche Rolle am Lebensende von Patienten und um das Recht auf Expertenunterstützung zur selbstbestimmten Euthanasie. Beide Debatten gehen, wenn auch meist indirekt und im Hintergrund, um das Recht und die Pflicht des Staates und seiner zahlreichen Institutionen, die Lebens- und die Todesrechte der gegenwärtigen und der künftigen Staatsbürger staatlich zu legitimieren. Was auch heißt, die Rechte und Pflichten zurecht zu schneiden auf die Kompetenz der im Staat verfassten Gesellschaft.
Die seit vielen Jahren auf all diesen Feldern geführten Diskussionen lassen eines bereits voraussehen: In beiden Parlamenten wird es zu vorwiegend schwachen und kurzatmigen Beschlüssen kommen, vieles wird schon bald veraltet sein. Die Trends der Volksmeinung werden manches fortspülen, der technische Handlungszwang der medizinischen Organisation, die unter dem Druck des biotechnischen Fortschritts steht, wird auch frisch gesetzliche Bestimmungen überholen oder umgehen. Dafür gibt es aus den letzten Jahrzehnten Präzedenzfälle genug, von der In-vitro-Befruchtung und der Leihmutter bis zum therapeutischen Klonen und zur (staatlich finanzierten) Stammzellforschung. Deren Verbot, eine der letzten Bastionen, wird demnächst fallen, ebenso wie das Verbot der präimplantatorischen Diagnose (PID). Es wird in diesen bioethischen Regelwerken viele Kompromissformeln geben, damit es überhaupt zu Entscheidungen kommen kann. Zusammenhängende Normen oder Kategorien, wie sie der Gesetzgeber doch fordern müsste, werden die Ausnahme sein. Was bioethische Gesetzlichkeit sein soll, welchen Sinn sie für den Staat haben sollten, wird am Ende nicht genauer bestimmt sein als heute. Das liegt zum einen am Tempo und an der Wechselhaftigkeit des biotechnischen Fortschritts. Zum andern liegt es an – mit Absicht undurchschauten – Tabus, die über dem Lebensanfang und über dem Lebensende liegen. Diese Tabus müssen zum Teil mächtige alte Institutionen schützen und aufrecht erhalten, auch wenn diese bereits vom technischen Fortschritt zernagt sind. Dazu gehören zum Beispiel die so genannten Gesundheitssysteme, die Professionalität und die Sicherheitsbedürfnisse der Ärzteschaft, die Entscheidungsstrukturen in der Klinik.
Ist es zum einen die Unberechenbarkeit technischer Entwicklungen, ist es zum anderen die Überlast von tabubesetzten Institutionen, die eine offene Debatte über bioethische Zwecke verhindern oder ablenken, so ist es zum dritten die alles übergreifende Angst des westlichen Kulturmenschen vor seiner Selbstbestimmung. Es ist die Unfähigkeit, sich seiner vollständigen Transparenz zu stellen. Wenn dieses Individuum auf wissenschaftliche Weise über die Chancen seines Naturschicksals, über die Belastbarkeit seiner Konstitution Bescheid wissen muss, gerät es in einen existenziellen Konflikt. Es muss in fortwährender Entschlossenheit leben, der Entschlossenheit zum Leben und der Entschlossenheit zum selbstverfügten Tod. In diesem Kampf kann ihm keine Bioethik und keine Systemmoral die Orientierung geben. Beispielhaft zeigt sich dieser Konflikt im niemals endenden Streit um die Selbstbestimmung über den Tod und die ärztliche Unterstützung am Lebensende. Diese Debatte wird aus mehreren Gründen unehrlich oder feige geführt. Zum ersten wird das Menschenrecht auf Selbstbestimmung zum Sterben erst am todesreifen Patienten, nicht am ganzen Menschen in Anspruch genommen. Gefordert ist nicht der ganze reife Mensch zu jeder Zeit seines Lebensablaufs. In die Verhandlung und somit in die Fällung des Urteils über sich selbst wird erst der Todkranke, vielleicht seiner Sinne nicht mehr ganz mächtige Sieche geschickt, der es versäumt hat, seine Entschlossenheit zum Leben oder zum Tod im Vollbesitz seiner Kräfte zu bekunden. Dieses Häufchen Mensch mutet sich einer ärztlich-institutionellen Autorität zu, zwingt sich ihr auf, weil es die entscheidenden Handgriffe nicht mehr beherrschen kann.
Zum zweiten greift der Anspruch auf ärztliche Hilfe zum Freitod den Kern der ärztlichen Professionalität an. Der Arzt (oder auch die Klinik) muss Kompetenz und Autorität an erster Stelle darin beweisen, dass er die Krisis bestimmt, Herr der Krise bleibt, und für seine Entscheidung in der Krise einsteht. Er kann die Bestimmung und den Umgang mit der Krise nicht einfach teilen, hier also mit dem Patienten, ohne an die Basis seines Berufes zu zu rühren. Die Verantwortung kann er, wie es oft der Fall sein muss, nur mit anderen gleichrangigen Autoritäten teilen, deren Urteilsfähigkeit er achten kann. Dies lässt verstehen, warum so viele verantwortungsbewusste und auch mitfühlende Ärzte dem Menschenrecht auf Selbstbestimmung über ein Lebensende ihre Unterstützung verweigern. (siehe dazu Pierre Le Coz: Petit Traité de la Décision Médicale, Paris 2007)
Drittens gerät eine ethisch genannte Entscheidung, die ein Menschenrecht auf Selbstbestimmung über Leben und Tod verlangt, in die Schiefe, wenn ihr das nötige Komplement fehlt: Die Menschenpflicht zur Selbstbestimmung. Sie müsste für den selbstverantworteten Menschen in jeder Lebensspanne, in jedem Lebensmoment gelten.
Noch vor zwei Jahrzehnten musste eine solche Forderung abgewiesen werden. Es fehlte am technischen Instrumentarium und am zugänglichen Basiswissen, um sich die hinreichende Kenntnis von seiner eigenen Konstitution zu verschaffen. Damit fehlte es an der Voraussetzung, der allgemeinen Menschenpflicht auf ständig bereite Selbstbestimmung nachkommen zu können.der existenziellen Grundangst
Dieser Mangel an wissenschaftlicher und moralischer Aufklärung, ließ der existenziellen Grundangst vor der Entscheidung zum Tod und zum Leben einen weiten Raum. In seinem "Recht auf Nicht-Wissen" hat Hans Jonas diese Ignoranz als eine besondere humane Qualität verklärt. Der Mensch sollte davor bewahrt bleiben, über die aktuelle Beschaffenheit seiner Leibnatur und ihre Erwartungen belehrt zu werden. Er sollte, um Mensch zu bleiben, vor sich selbst verschont werden. Damit jedoch wurde eine defaitistische, ja antihumanistische Moral befördert.
Nunmehr sind die Erkenntnismittel, um der der Menschenpflicht zur Selbstbestimmung folgen zu können, im Prinzip gegeben, und sie breiten sich immer schneller aus. Noch ehe weitere zwei Jahrzehnte vergehen, kann jeder Europäer die wichtigsten Dispositionen seiner Leibnatur genau genug kennen, um über sich sein Lebensurteil zu fällen. In banalen Worten: liegen so viele valide Prognosen auf kürzere und auf längere Frist über seine natürliche conditio humana vor, dass er seine vollständige Transparenz wahrnehmen und begreifen – dass in der Transparenz sich mit sich selbst verständigen kann.
Wenn die Pflicht zur Selbstbestimmung als leitende moralische Norm anerkannt werden muss, weil das Individuum in seine biologischen Gegebenheiten seinem ganz eigenen Lebensgesetz zu folgen hat, tut sich eine Perspektive auf, die erschrecken kann: Die Decke der bürgerlich-sozialen Gleichheit wird zu dünn, zerreißt vielleicht. Zwar gibt es und wird es weiterhin Einzelne geben, die einsichtig und stark genug sind, sich diesem kategorischen Imperativ, diesem Sittengesetz zu stellen. Sie können ihre Transparenz begreifen und müssen sich nicht dagegen wehren wie die Vielen, die ihre Opakheit zu ihrem Selbstschutz erhalten und von ihrem Lebensgesetz nichts wissen wollen. Es ist die stumme Mehrheit, deren Einbildungskraft sich niemals weit genug entwickeln durfte, der es die vorgeprägten Lebensumstände versagten, mehr zu begehren als die Einfügung in die bestehenden Ordnungen. Diese Mehrheit durfte auf die vom Staat organisierte Solidarität bauen, ihr ist das Recht auf Nichtwissen zugedacht. Mit dieser machtgestützen Solidarität der Schwachen geht es nun, da die Individuen sich selbst und auch einander transparent werden, zu Ende.
Es würde in die Irre führen, wollte man aus dieser Gegensätzlichkeit eine biologistische Klassengesellschaft konstruieren: Hier die biologisch und intellektuell Privilegierten, die der Verantwortungsmoral zur Selbstbestimmung Genüge leisten können – dort die willenschwachen Unterprivilegierten, die nicht über sich verfügen können und die Berufung zur Selbstbestimmung als wichtigste Menschenpflicht nicht hören. Diese nietzscheanische Versuchung liegt, da die alten, staatserhaltenden Monopole physischer Gewaltsamkeit zerbröckeln, recht nahe. Doch die neuen Bedingungen für Gleichheit und Ungleichheit, die sich unter der Herrschaft allgemeiner Transparenz ergeben, lassen solche Konstruktionen nach den alten Mustern nicht zu.
In einer medikalisierten Gesellschaft, in der jedermann zu seiner Pflicht der Selbstbestimmung gerufen werden kann, weil er über sich Bescheid zu wissen hat, wird es wahrscheinlich keine Eliten mehr geben, auch keine wissenschaftlichen Experten-Eliten. Denn es müssen alle, heute noch ein Furcht einflößendes Gebot biologisch alphabetiert sein. Das ist im Prinzip nicht unmöglich. Auch wird sich dahinter eine neue Zwangssolidarität stellen, auf die auch in der medikalisierten Gesellschaft, die das Individuum zur Kenntnis seines Lebensgesetzes erziehen muss, nicht verzichtet werden kann. Und, damit keine Irrtum entstehe: Die medikalisierte Gesellschaft, die eine Transparenz der Individuen mit sich bringt und erzwingt, ist nicht auf eine naturalistiche Zukunft gebaut, sie kann nur als eine Erziehungsgesellschaft gedacht werden. Diese Perspektive drängt sich heute erst recht auf, da die steril gewordene Marktgesellschaft, in der schließlich die Plattheit eines ''Gesundheitsmarktes'' aufkommen konnte, abgewirtschaftet hat.
Die Erziehung zur Menschenpflicht der Selbstbestimmung wird umso dringlicher, da die biotechnische Wirklichkeit mit jedem Tag näher zum utopischen Gedanken drängt. Es muss nach der Lage der Dinge eine Erziehung in einer ebenso defaitistischen wie hedonistischen Massengesellschaft sein, die über die Energie verfügt, sich durch ununterbrochene Kommunikation selbst zu betäuben. Gerade jetzt scheint sie sich zur fatalistischen Lernschwäche zu konditionieren. Die Krise, wenn man sie denn als solche bezeichnen will, hat noch viel zu tun.
Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen
Denkanstoß
Wenn ein Institut für wirtschaftliche Prognose seine Kompetenz dazu benutzt, eine Prognose, die bis dahin Routine gewesen war, zu verweigern, handelt es systemwidrig und vertieft die allgemeine Unsicherheit. Will es seine Geltung behalten und weiterhin öffentliches Geld entgegennehmen, muss es sich zur Vorhersage zwingen, sei diese noch so düster und seien die Erwartungen noch so schwammig. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DlW)hat sich eine solche Systemwidrigkeit geleistet. Sein Direktor Friedrich Zimmermann legte wie gewohnt ein paar Tage vor dem offiziösen Frühjahrsgutachten der diskreditierten Wirtschaftsforschungsinstitute seine DIW Frühjahrsgrundlinienvor. Darin wird ausdrücklich auf eine Wachstumsprognose für das Jahr 2010 verzichtet. "In diesen unsicheren Zeiten würde eine Prognose für 2010 einfach keinen Sinn ergeben...'' Das DIW, das lange Zeit selber zum erlauchten Kreis der Akkreditierten gezählt hatte, wolle damit einen Beitrag zu "mehr Ehrlichkeit" für die Wirtschaftsforschung leisten.
In der Sache mussten die anderen Institute und musste die ganze Zunft dem DIW: nicht viel entgegensetzen, denn dessen Grundlinien entfernen sich nicht wesentlich von ihren eigenen Befunden. Doch sie durften wütend sein über den prinzipiellen Verzicht für das Jahr 2010: eine ruinöse Nestbeschmutzung. Man kann es ihnen nicht verdenken. Denn machte das Beispiel Schule, so würde das zu einem bösen Ende führen. Man stelle sich vor, alle einschlägigen Institute auf der Welt würden aus Gründen wissenschaftlicher Ehrlichkeit auch nur für zwei Wochen ihre Konjunkturprognosen ganz unterlassen; man stelle sich zudem vor, die Demoskopen würden ebenso lange ihre fahrlässigen Umfragen bei Konsumenten und Produzenten ruhen lassen, würden einfach keine Meinung erheben, somit Meinung als irrelevant erklären: Es würde sich in der so genannten realen Wirtschaft eine schwere Bewusstseinsstörung ereignen, vielleicht gar ein Gau. Denn die reale Wirtschaft muss an die stets vorhandene Rationalität des Marktes und ihres eigenen Handelns glauben. Andernfalls würde sie selbst sich in den Abgrund stürzen. Schlimmer noch, das Publikum, das die Vernünftigkeit des Marktes und seiner Bestimmungen zwangshaft mitphantasiert, würde mit der Nase hart auf die Scheinhaftigkeit der Markt- und der Wachstums Erwartung gestossen. Es müsste sich vor Augen führen, dass es ein Phantama ist, das die Welt, zusammenhält. Zwei.Wochen lang keine "Entwicklung", dies zu denken wäre unerträglich. Ein paar Leute würden vielleicht darauf kommen, wieviel Hoffnung sie sich in die Tasche lügen, sich mit Phantasmagorien selbst beatmen müssen, um als Gattungswesen am Leben zu bleiben. Das DIW, das natürlich von ''der" Wirtschaft und ihren Prognostikern beschimpft werden muss, hat eine Auszeichnung verdient.
Was die Kirchen brauchen
Zeitungen berichten jetzt des öfteren, meist in etwas mokantem Ton, dass Bankmanager und andere Führungskräfte sich der Religion zuwenden und ein Bedürfnis nach christlicher Frömmigkeit demonstrieren (Siehe z.B. in der Süddeutschen Zeitung vom 23. März ''Einen Zaum ins Maul legen – wie die Wirtschaftskrise ganz nebenbei auch eine Renaissance der Frömmigkeit herbeiführt'' von Hermann Unterstöger, einem solide katholisch imprägnierten Redakteur). Offensichtlich suchen diese befehlsgewohnten Menschen, denen die eingewurzelten Gewissheiten der Marktwelt zweifelhaft werden, nun nach einer höheren Autorität, einer Jenseitsmacht, die ihnen Halt und Trost gibt, zu der sie in der Gemeinschaft beten können. Sie suchen also eine bessere Autorität, die ihnen moralische Orientierung geben kann. Das muss man ernst nehmen.
Aber man muss auch fragen, was hier Religion bedeutet. Immerhin handelt es sich um Leute, denen die in Kirchen verfasste Religion lange gleichgültig war, die sich, nicht zuletzt aus Sorge oder Angst, zu einer Umkehr gedrängt fühlen. Sie sind nach ihrer Konstitution Reiche, die sich in seelische Not gezogen fühlen. Dadurch unterscheiden sie sich von jenen Reichen, die von den Evangelisten Matthäus und Lukas gemeint sind. Diese sind tugendhaft bewährt und stets opferbereit, und dürfen trotzdem weniger auf das Himmelreich hoffen als das Kamel, das leichter durch das Nadelöhr gelangt. Die durch ihren Reichtum Verdammten waren, ohne Not, von der Heilslehre des Erlösers angezogen, wollten nur einfach dem Herrn folgen. Auf ihrer Suche nach einem höheren Sinn können sich unsere zeitgenössischen Erfolgsmenschen allenfalls mit dem reichen Zolleinnehmer Zachäus trösten, von dem Lukas sagt. Der kleinwüchsige Mann war auf einen Maulbeerbaum gestiegen, um Jesus beim Durchzug durch Jericho – Richtung Jerusalem / Golgatha – zu sehen, als der Herr ihn bemerkte und ihm gebot: ''Zachäus, steige eilend herunter; denn ich will heute in deinem Haus einkehren.'' und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: ''Bei einem Sünder ist er eingekehrt...'' Jesus aber sprach: ''Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn''.
Die beiden christlichen Kirchen, in deren Gemeinden die neue Frömmigkeit Gestalt annehmen muss, können diesen Gewinn nicht ohne einige Befangenheit begrüßen. Sie müssen fragen, was diese Frömmigkeitsbedürftigen, die ja keine afrikanischen Katechumenen sind, unter Religion verstehen, wenn sie sich auf das Abenteuer des Glaubens einlassen. Denn christliche Religion, wenigstens wie sie der Papst versteht, ist heute das Schwerste. Frömmigkeit als solche tut es nicht, sie lässt sich zu leicht ablenken, ist zu schwach. Auch wenn sie innig ist, sie sucht Ruhe, will belohnt werden. Benedikt XVI. kennt seine bayerische Volksfrömmigkeit, die sich, leider, in all den prächtigen Barockkirchen entfalten darf. In ihnen hausen längst Kultur-und Werbeindustrie, sie müssen Kulisse bilden, und gerade der Orden des Heiligen Benedikt ist da sehr verführbar. In seine opulenten Klöster ziehen sich gerne gehetzte Leistungsträger für eine Besinnungswoche zurück. Vom Leben in der Religion ist das noch weit entfernt.
Auch in den Scharen der katholischen Kirchgänger ist es eine Minderheit von Gläubigen, die ihre Frömmigkeit mit dem Kern ihrer Religion zu verbinden weiß: Der Eucharistie, der Transsubstantiation des zum Menschensohn verwandelten Gott, dessen Leib vor der Opferung für die Sünden der Welt in der Agape, dem Abendmahl, von den Gemeindemitgliedern verzehrt wird. Ein Vorgang der Menschenliebe im Schrecken. Die Eucharistie, so besonders Papst Benedikt, soll als ein Geheimnis nicht nur geglaubt, sondern auch gewusst werden. Das verlangt höchste Anstrengung der Seelenkraft und Glaubensinbrunst, und das Geheimnis soll innerhalb der Kirchengemeinde erweckt werden. Längst nicht alle frommen Katholiken sind fähig dazu. Überdies werden sie nicht angeleitet durch genauere Kenntnis der Bibel, deren Altes Testament mit seiner Schauderlichkeit zwar kanonisch ist, aber nicht zu genau betrachtet, und begrübelt werden soll. Den Vorrang sollen die absoluten Gebote haben, die im Katechismus niedergelegt sind – und dies ist vielen schon genug, um ihre Frömmigkeit anzuleiten,
Gerade wenn es Machtgewohnte sind, die sich in die Gemeinschaft eingliedern wollen, müssen die christlichen Kirchen auch besondere Ansprüche an sie stellen, Ihr Glaube kann sich nicht in Demut und Opferbereitschaft erschöpfen. Und sie müssen wissen, dass sie in Glaubens-Organisationen eintraten, die sich in einem stetigen Niedergang, ja in Not befinden. Wer heute neu einer christlichen Kirche angehören will, muss sich darüber klar sein, dass ihm dort nicht einfach Seelenfrieden winkt, sondern dass er sich als Glaubensretter anstrengen muss. Er muss sich in der Verwirrung zurechtfinden, unter der insbesondere die römische Kirche leidet. Ihr fehlt es nicht nur an glaubensstarken Mitgliedern und an einem vorbildhaften Klerus, der seine Religion leben und verbreiten kann. Ebenso leidet sie an der Gesinnung eines Marktopportunismus, der in gutem Marketing und energischem Management Sicherheit sucht. Weltgeprüfte und gläubige Reiche hätten hier eine Unbefangenheit einzubringen, die man im Priesterseminar nicht lernen kann: Sie müssen von ihrer Kirche keine charismatischen Lenker und Kommunikatoren verlangen. Dies eben bemängeln die reklamehörigen Medien am jetzigen Papst. Es fehle ihm bei seinen einsamen Entscheidungen und Verkündungen das Kommunikationstalent, er sei zu sehr Intellektueller und ströme nicht das Charisma aus, das seinem Vorgänger gegeben war. Beides brauche man, um heute die Massen zu überzeugen und die Kirche zu repräsentieren.
Diesen populistischen Unsinn plappern dann viele verwirrte Fromme nach. Nebenbei: Die Evangelische Kirche in Deutschland ist von solchem Vorwurf seit längerem nicht zu betreffen, wie ihr hemmungsloses und kleinbürgerliches Marketing demonstriert. Der Papst ist als geistiger Repräsentant nicht gehalten, mit den Massen zu kommunizieren. Und als Nachfolger des armen Petrusfischers braucht er kein Charisma. Diese unselige Seheinsubstanz, einst als soziologischer Begriff von Max Weber in seine Gesellschaftskonstruktion eingeführt, hat in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine amerikanisch journalistische Rolle gewonnen, die über vielerlei Ruhm- und Rühmenssucht gestülpt werden kann. BenediktXVI., der, wie er weiß als ''Zwischenpapst'' gewählt wurde, sind solche Glamourparolen zutiefst zuwider. Wie er darunter leidet, lässt er bei jeder Gelegenheit sehen. Doch wollen es die vermeintlich gläubigen Massen, die auf dem Petersplatz nur Jubel suchen, nicht wahrnehmen. Ebenso die weltlichen Größen, die ihren Empfang im Vatikan nebst Glanzphotographie für ihre Eitelkeiten benötigen. So wird fast jeder öffentliche Auftritt des höchsten Repräsentanten zu einer schweren Opfertat, kein Kelch kann an ihm vorübergehen.
Wer dem Papst, einem in der Tat ''Ungeschickten'', wohl will, sollte ihn über das Nötigste hinaus nicht belästigen. Wir sind nicht Papst. Die Reichen und die Manager, die zum Glauben streben, sollten solche Anmutungen ferne sein, sie könnten auf diese Weise den Opfermann ein wenig schützen. Dass die verfasste Religion auch heute anders gestützt werden kann, zeigt sich im laizistischen Frankreich. Dort sind es nicht zuletzt die gediegen bildungsbürgerlichen, gemäßigt wohlhabenden Schichten, die den Geist sowohl der protestantischen wie der katholischen Kirche (wie auch der Synagoge) bestimmen. Sie wahren auch die religiöse Disziplin, eingedenk der Jahrhunderte konfessioneller Bürgerkriege. Davon weiß man im heutigen Deutschland, das zu weiten Teilen entchristlicht ist, nicht mehr. Von den Reichen, die heute zum Christentum streben, darf man annehmen, dass sie im Skrupel leben können und selber glanzlos bescheiden, sich ein Gleiches auch von ihren Oberen erwarten. Wenn es sich so verhält, kann man den Kirchen mehr reiche Zöllner wünschen.
Ende der Geschichte, revisited
Es ist an der Zeit, noch einmal das Ende der Geschichte zu diskutieren – ehe es zu spät dafür ist. Vielleicht ist es schon zu spät. Das wäre erst recht Grund dafür, es noch einmal zu versuchen. Es könnte sein, dass sich für diese Diskussion bald kein Publikum mehr findet. Und ohne Öffentlichkeit die Geschichte zu bereden, ist sinnlos. Wenn es gelingt, wäre es eine ganz andere Diskussion, als sie in den frühen neunziger Jahren das Buch von Francis Fukuyama nach sich gezogen hatte, (Das Ende der Geschichte, deutsch 1992). Damals ging es um die Aufhebung der Geschichte in der Vollendung der Globalisierung und in der Gleichzeitigkeit alles Geschehenden, das die kapitalistische Weltdurchdringung herbeizuführen versprach. Die ideologieträchtige These, effektvoll entworfen, wurde von gebildeten Konservativen in den USA der Reagan- und Bush I-Ära begrüßt, obgleich es drüben wohl nicht viele gibt, die etwas mit der hegelschen Aufhebung verbinden können. Es waren die gleichen Rechtsintellektuellen, die in den Achtzigern das europakritische ''Hegel-bashing'' angeführt hatten. Es war kein zufälliges Thema, es lag in der Luft. Von Linken und Liberalen polemisch aufgegriffen, beflügelte es ein paar Jahre lang die ermattenden Fronten, bis dann der elfte September die Geschichte neu zu öffnen schien. Geschichte durfte weiter gehen, zumal sich die Imperialmacht einige Kriege oder Halbkriege zuziehen konnte.
Nunmehr ist die westlich-abendländische Kultur, um die es in jenem Streit gegangen war, in einen Zustand geraten, der fragen lässt: Kommt es auf Geschichte, auf irgendeine fixierte Vergangenheit überhaupt noch an? Lohnt es noch und geht es noch, sie zum Gegenstand im Schulunterricht zu machen? Sind alle die Denkmalserrichtungen, um an einem festen Ort immer wieder zu rühmen, zu gedenken, zu büßen und Schuld und Reue zu bekennen, um sich schließlich große Ehemalige anzueignen, nicht längst hohle Veranstaltungen für Funktionäre und Repräsentanten, die Würde und Weitblick vorzeigen müssen und würdige Folien für die Bildmedien benötigen? Können sich schließlich öffentliche Vertreter noch in den Schutz der Geschichte begeben, da in allen Bundestagsreden das historische Zitat geradezu verpönt scheint?
Ob es einen Geschichtsverlauf gibt und welche Wege er nimmt oder genommen haben könnte, ist den meisten Zeitgenossen herzlich egal. Sie lassen sich zwar sagen und sehen es im Gerät, dass es einmal Geschichte gegeben hat, und müssen daraus schließen, dass sie an deren Ende stehen. Das gilt auch für die Europäer, die einst das Geschichtsschreiben, die Historiographie, erfunden hatten und damit eine moralische Haltung verbinden mussten. Wo Geschichte war, musste man an Schuld denken, gar das Weltgericht. Letzteres erledigt sich nun, da die Globalisierung alles Vergangene erübrigt. Die Nachmodernen, nur in der Gegenwart anwesend, können sich selbst nicht in der Geschichte sehen. Sie ist eben passiert, ist etwas Unverrückbares, das sich niederschreiben ließ. Man kann über sie nicht urteilen, auch wenn man sich über einzelne Szenen, die sich in nächster Nähe irgendwann abgespielt hatten, empören muss. Zur gehabten Geschichte kann man sich keine Alternativen ausdenken, warum also sollte man sich für das Unabänderbare interessieren? Auch wenn es genaue Protokolle über alles Geschehen gäbe – Google wird sie womöglich noch liefern – , warum sollte man die wenigen erfreulichen und die vielen schlimmen Vorkommnisse in die eine Geschichte einordnen? Konsequenzen daraus lassen sich ohnehin kaum ziehen. Die Welt muss immer ganz neu sein.
Es ist gut möglich,dass wir uns demnächst den Kopf darüber nicht mehr zerbrechen müssen, zerbrechen können, weil die Geschichte auf eine neue Weise verschwindet. Nicht nur, dass die gehobenen wie die populären Medien sie mit einem dichten Film überzogen haben, der sie genießbar macht und dies als Demokratisierung des Wissens propagieren. Ernst mit dem Verschwinden der Geschichte scheint es nun dadurch zu werden, dass bereits die gegenwärtigen Menschen, erst recht ihre Nachfolger, von Grund auf gegen die Geschichte immunisiert werden, und zwar durch die Technik, mit der sie sich am Leben halten müssen. Der ''Generation Facebook'', wie sie der Kürze wegen genannt sei, scheint jeglicher Geschichtssinn spurlos abhanden gekommen zu sein. Also jener Kulturinstinkt, den zumindest die Europäer lange für nötig gehalten hatten, um sich in der Welt zu orientieren und sich glaubwürdige Fiktionen für ihre Zukunft zu verschaffen. Es ist, als habe man diesen Sinn, da überflüssig wie der Blinddarm und sogar hinderlich, gentherapeutisch entfernt. Wer noch vom Geschichtssinn geplagt wird und durch ihn nach Gültigkeiten sucht, schließt sich leicht von der heute nötigen Kommunikation aus. Er macht sich unfähig, in der allgemein gültigen Welt des Virtuellen, die keine Kohärenz über längere Zeitstrecken verträgt, immer im Gegenwartspunkt aufzutreten.
Wenn man der Beobachtung der Umfrage-Soziologen in all ihrer Vagheit Glauben schenken kann, dass vier Fünftel der deutschen Jugend sich ein Leben ohne Internet nicht vorstellen können, dann ist daraus zu schließen: Die geschehenden Ereignisse werden von der Generation Facebook nur wahrgenommen, wenn sie durch das Gerät getrieben, formatiert und damit beglaubigt werden. Und es gibt nichts, was das Internet auslassen könnte, in dieser Gewissheit dürfen sie leben. Das Netz ist unzweideutig, es muss geglaubt werden, weil es keine Verläufe und Mehrdeutigkeiten, keine Alternativen zulässt, wie sie dem Leser von Geschichtsbüchern zugemutet werden. Somit kann die Generation Facebook erst nicht in die gefahrenreiche Nähe zur Geschichte geraten und Erfahrungen, die einmal als lehrreich, verpflichtend und nützlich zur Orientierung des Lebens galten, nacherleben. Google, das überall und jederzeit zur Hand ist, macht die anstrengende Anstalt und Institution der .Geschichte überflüssig. Sie war, geben wir es zu, immer auch Autorität, drückte sich auf, ohne etwas zu versprechen.
Die Generation Facebook tritt in einer Krisenstunde und damit einer Zeitleere auf, da ''niemand weiß, wie es weitergehen wird.'' Das gestehen gerade jene politischen Strategen, Weltökonomen und Geisteswissenschaftler ein, die sonst Respekt erheischendes zu sagen wussten, weil sie sich verpflichtet fühlten, den Welt- und Zeitkompass für das Kommende immer wieder richtig einzustellen. Nebenbei gesagt: die europäischen und die amerikanischen Intellektuellen sind fast vollständig von der Bühne getreten. Sie scheinen in der Krise unfähig zu seinn, Witterung aufzunehmen. Diese Geisteslähmung spricht jedenfalls für den Zustand der Vorkrise, in der wir uns befinden. Sogar in den global spielenden Managements sind es allenfalls Naivlinge, die bei der Vorlegung der Jahresbilanz vom Ende und vom neuen Aufschwung reden mögen. Die Geschichte im positivem Sinne zu beschwören wagt kaum jemand mehr. Sie laufen zwar in hellen Scharen zu Keynes über oder meinen doch, es zu tun, aber sie bleiben doch Betriebswirtschaftler, die das Verstummen von Erfahrung und Geschichte nicht vernehmen können. Sie alle wissen nicht recht, was sie meinen, wenn sie von ''Weltwirtschaftskrise'' sprechen. Sie finden ohnehin keine Zuhörer.
Die Generation Facebook hört schon deswegen nicht zu, weil sie nichts zu erwarten hat. allenfalls gewaltige Beschwernisse. Pausenlos miteinander kommunizierend, wirken sie wie eine Schar von Schläfern, die es in der Höhle der Amnesie, des Zeitvergessens niedergestreckt hat, gleich Rip van Winkle, oder dem Kapuzinermönch im Klostergarten, der in ungewisser ferner Zeit aufwachen wird.
''So sagt uns doch, was Euch daran stört, wenn uns die Geschichte nichts angeht? Es klingt so, als würdet Ihr es uns übelnehmen, dass wir kein Interesse dafür aufbringen können. Wozu braucht Ihr unsere Anteilnahme? Wir überlassen Euch gerne diese Angelegenheiten, die nicht zu unserer Zeit gehören. Darüber solltet Ihr eher froh sein.'
''Es ist einfach so, dass uns die Geschichte, die Ihr so hartnäckig nicht haben wollt, fehlt. Wir aber brauchen sie, auch wenn wir darin nicht ganz fein aussehen,''
''Ihr sagt uns, dass man die Kenntnis von der Vergangenheit brauche, um sich sein künftiges Leben besser einzurichten als es Euch vergönnt war. Uns dagegen scheint, dass Ihr an einem gewissen Schuldgefühl leidet, einer Mitschuld an der nicht gut gelungenen Geschichte, und dass Ihr gerne hattet, wir wären dabei, um Euch ein wenig zu entlasten Wenn wir das fertigbrächten, könntet Ihr leichter weitermachen. Damit können wir leider nicht dienen, uns fehlt da gar nichts.''
''Daran ist etwas. Doch versteht uns: wir mussten unseren Älteren immer wieder vorwerfen, dass sie in ihrer Geschichtsblindheit, oder besser, in ihrem verzerrten Bild von der Geschichte, sich so vielen Gemeinheiten überlassen hatten. Wir konnten ihnen das nicht ersparen, und wir hatten recht damit, auch wenn es peinvoll war. Das ging weit über das Dritte Reich und über Deutschland hinaus. Wir bekamen einiges heraus, was wir für wahr halten durften, das war nicht vergnüglich. Aber es hat uns, so brüchig solche Wahrheiten sind, einige Gewissheiten verschafft, und Selbstgewissheit gegeben. Solche Umwege wollen wir Euch ersparen, die Welt ist gefährlich genug. Wenn Ihr Euch entzieht und ahnungslos bleiben wollt, können wir Euch das nicht verdenken. Aber es muss uns bekümmern.''
''Das wissen wir schon. Man kann es aus den vielen offiziellen Reden, bei denen Ihr die Hände vor dem Bauch verschränkt, heraushören. Ihr fühlt Euch nun einmal zur Geschichte verdammt. Verdammte, das versteht man, wollen nicht allein bleiben. Zu mehreren leidet es sich besser. Doch wir haben ja gar keine Lust, Euch wegen der immer wieder verkorksten Geschichte Vorwürfe zu machen. Auch wir können lesen und wir wissen, wie ohnmächtig Ihr vor der sogenannten Geschichte wart, gewiss auch ein wenig feige. Ihr habt nur nicht aufgepasst, habt Euch in die Geschichte hineinziehen lassen. Daraus wollen wir keinen Moralprofit ziehen. Lasst uns in Gottesnamen unsere eigenen Dummheiten machen, Ihr braucht dafür nicht verantwortlich zu sein. Wenn Ihr, wie Ihr zugeben müsst, aus der Geschichte nicht viel gelernt und wenig besser gemacht habt, so war es wahrscheinlich aus Mangel an Geistesgegenwärtigkeit oder aus einem Überschuss an Sentimentalität. Wenn Ihr, aus der Geschichte tatsächlich lernend, etwas besser gemacht haben solltet, so brauchen wir Euch dafür nicht zu loben. Wir meinen nur, dass Ihr uns nichts schuldig seid. Ihr braucht uns daher nicht zu verstehen. Uns interessiert es auch nicht, Euch zu verstehen. Wir kommen auch ohne Eure Geschichte weiter.''
Man verstehe: Wir sollen uns nicht bemüssigt fühlen, sie zu verstehen und für sie verantwortlich zu sein, Sie sollen uns nicht angehen, zumal sie schlafen und in ihrem Schlafe spielen. Eine klare Aufforderung zur gegegenseitigen Verweigerung. Gut, solange wir manierlich miteinander umgehen können. Auch dies könnte das Ende der Geschichte anzeigen. Was hätten wir davon zu fürchten? Wenn damit die Geschichte ganz verschwände, könnte es vielleicht zum allgemeinen Vorteil sein. Wir werden, wie die Welt nun aussieht, ohnehin in die Geschichtslosigkeit geworfen und müssen uns in ihr ausprobieren. Wir sind jetzt an dem Punkt, an wir auf nichts und niemand bauen und vertrauen. Wir sind dabei, unsere Erfahrungen zu verlieren. Da haben wir keine Ansprüche zu stellen.
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