Der neue Phosphoros - 103. Ausgabe
Sonntag, der 27. Juli 2007
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 In dieser Ausgabe:

Gleichheit und Fatalismus Genomik und Staatsinteresse Entbrüderung
Nichts zu vermeiden Geläut Europäische Elite
     
Lagebestimmung: Gleichheit und Fatalismus: Wenn das Auto nichts mehr gilt

Über General Motors, dem größten industriellen Arbeitgeber der USA, hängt seit Monaten die Drohung der Zahlungsunfähigkeit. Es wird von einer Schließung zahlreicher Werke gesprochen, von Teilverkäufen, gar von einer völligen Auflösung, jedenfalls von einer Zerschlagung des hoch verschuldeten Konzerns. GM war einmal der Inbegriff, das Emblem des amerikanischen Industriekapitalismus, nicht zuletzt ihre durch ihre starken und weitblickenden Gewerkschaften. Auch viele der GM-Arbeiter besitzen Aktien ihrer Firma. Zusammen mit den beiden anderen Großen, Ford und Chrysler, standen sie für nationale Beständigkeit und industrielle Arbeitsmoral, anders als etwa die immer etwas windige Pharmaindustrie oder die Mineralölgiganten. Dass es damit vorbei ist, verdankt die Automobilindustrie der nüchternen Amerikaner kapitalischen Vernünftigkeit. Die Amerikaner steigen angesichts von Immobilien-Mineralöl- und Finanzkrise klaglos von ihren Riesenlimousinen und Pickups um auf halb so große Bewegungsmaschinen japanischer oder koreanischer Fertigung. Nur im obersten Segment hält man noch an Mercedes und an BMW fest. Auch diesen wird es schon mulmig. Schließlich verstehen die Amerikaner mit ihrem wendigen Konformismus auch aus dem Kleinauto eine Mode zu machen – ebenso wie sie es verstehen, auf ihren gigantischen Flughäfen endlose Stunden zu verwarten und stramm der Sicherheitsbürokratie zu gehorchen.
Die amerikanische Anpassungsfähigkeit wird, wie schon Tocqueville 1835 feststellen konnte, nicht zuletzt von ihrem Gleichheitsempfinden getragen. Zusammengehalten von ihrer Religiosität, die vor allem moralisch inspiriert ist, ertragen die Amerikaner den sozialen Abstieg, überhaupt den mehrfachen sozialen Positionswechsel mit Gleichmut, ohne Schamgefühl und ohne Empörung. Deswegen eine Gerechtigkeitsdebatte zu führen, kommt ihnen nicht in den Sinn. Ebenso klaglos verlassen Hunderttausende amerikanischer Familien ihre soeben bezogenen Eigenheime, die sie sich von der vereinigten Finanz- und Immobiliindustrie hatten aufschwätzen lassen – gezeichnet übrigens vom lange gerühmten Alan Greenspan.
Diese demokratische Tugend des Gleichheitsfatalismus scheint sich jetzt wiederum zu bewähren. Die ein weiteres Mal bewiesene Anpassungsfähigkeit hat jedoch eine Kehrseite: Die Unfähigkeit der Amerikaner, aus ihrer Geschichte zu lernen, auf andere Erfahrungen zu hören, überhaupt, aus Erfahrungen eine Verpflichtung zu gewinnen. Für ein Imperium in solch gewaltiger Machtfülle ist es bedenklich, wenn die Leitnation zwar für den Moment sich anpassen, sicn aber nichts merken kann. Auch dies hat Tocqueville schon am amerikanisch-demokratischen Bürger bemerkt: "Er tut ... alles hastig, begnügt sich mit einem Ungefähr unid hält immer nur einen Augenblick inne, um jede seiner Handlungen zu überlegen... So sind also die demokratischen Völker ernst, weil ihre gesellschaftliche und politische Ordnung sie fortwährend dazu treibt, sich mit ernsthaften Dingen zu befassen; und sie handeln unbedacht, weil sie auf jedes dieser Dinge nur wenig Zeit und Aufmerksamkeit verwenden. Die Gewöhnung an Unarchtsamkeit ist als das größte Laster des demokratischen Geistes zu betrachten."
Die Europäer muss daran die Frage interessieren: Geht mit der maßlosen Bewegungskultur der Amerikaner eine tiefgreifende Veränderung vor, ein Konstitutionswandel aus trockener Vernünftigkeit, der von der Peitsche des Mangele an Rohstoffen aufgeweckt wird und zur Einsicht bringt, dass das Ende der automobilen Welt bereits begonnen hat? Oder werden sie, um weiterhin ihrer eingefleischten demokratischen Vergesslichkeit frönen zu können, auf vermehrten technischen Krücken mit bescheidenerem Aufwand weiterstolpern? Letzteres versuchen die Deutschcn, gefesselt an ihre hypertrophe Automobilindustrie, die sie nicht aus den Klauen lässt.
Ihrem politischen und ihrem wirtschaftlichen Management, das sich in technischen Losungen bewährt, in sozialtechnischen jedoch phantasielos und ängstlich ist, fällt in der großen Mobilitätstkrise nichts anderes ein, als nach noch mehr Technik zu rufen und den korporatistischen Interessen rings um das Auto freie Fahrt zu lassen. Sie halten das für innovativ, steigern dadurch jedoch Stagnation und staatliche Ohnmacht. Wenig Trost, dass es in den anderen Nationalorganisationen Europas nicht besser aussieht.
In dieser Situation möchte man den langweiligen, immer lobbedürftigen und nationalomanischen Amerikanern am Ende doch mehr zutrauen. Sie wären, so naiv, ja blindverlogen ihre Gleichheitsreligion auch ist, wohl eher fähig, mit MGM ihren Mobilitätsfetisch abzuwerfen, wenn ihrem demokratischen Kapitalismus der Ruin droht. Ihr praktisches Ingenium könnte ihnen eher auf die Sprünge helfen als den Europäern ihre selbstsüchtige, starre Umsicht. Die Stärke des amerikanischen Charakters liegt darin, dass er durch und durch kapitalistisch ist, ebenso sein Mitgefühl, ungetrübt von Welt- und Selbstkenntnis, gar von Selbstkritik. Vielleicht schaffen es die Amerikaner, alle in Winzig-Auto so langsam durch ihr Land zu fahren wie bisher und als erstes das zu tun, was der Club of Rome schon vor vierzig Jahren als unvermeidlich vorausgesehen hat. Wenn sie endlich darauf kommen, wieviel man von Entschleunigung profitieren kann, ließe es sich für die übrige Welt leichter kapitalistisch bleiben.


Genomik und Staatsinteresse – Offene Gesellschaft

Der Biologe und Biotechnik-Unternehmer Craig Venter hatte im Sommer 2007 sein Genom im Internet veröffentlicht. In einer Lagebestimmung dieser Zeitschrift versuchten wir, Bedeutung und Konsequenzen dieser allerneuesten Confession auszuloten (siehe NP, 88. Ausgabe vom 16.9.07 Zwangsbefreiung aus dem Geheimnis). Ein hörbares Echo gab es damals nicht. Doch wurde das Beispiel Craig Venters sogleich nachgeahmt, Bis März dieses Jahres lagen bereits zehntausend Bestellungen auf eine Genomausfertigung (nebst beigefügter Speichelprobe) beim Kalifornischen Institut 23andMe vor. Der Name spielt auf die 23 Chromosome an. Der Stückpreis pro Genom beträgt eintausend Dollar, Ein Jahr zuvor hätte er das Hundertfache betragen können. Dreizehn weitere Firmen zu Genomkartierung sind seitdem gegründet worden, zumeist in Kalifornien, nicht zuletzt auf dem Gelände von Google.
Die Debatte, die Venter auszulösen gehofft hatte, ist bislang nur oberflächlich zustandegekommen. Das Signal, das eine technische Revolution ankündigte, ist offensichtlich sowohl beim Expertenpublikum als auch von der breiteren Intelligenz nicht deutlich verstanden worden. Im Milieu ist der Name des Sensationshaschers nicht wohl angesehen. Erstaunlich ist der Mangel an Aufregung gleichwohl. Schließlich war die gelungene Montage des Humangenomrasters zur Wende dieses Jahrhunderts als umwälzende Sensation in aller Munde gekommen. Diese "Entschlüsselung" war schon länger für einen späteren Zeitpunkt angekündigt worden, etwa für das Jahr 2005.
In der Wissenschaftsgeschichte sind derartige Verzögerungen und Ungleichzeitigkeiten keine Seltenheit. Ähnlich war es bereits der Entdeckung der Doppelhelix durch Crick und Watson (1953) ergangen. es sollte ein rundes Jahrzehnt dauern, bis diese "Schlüsselfindung" von kleineren informierten Fachöffentlichkeiten in ihrer ganzen Bedeutung erfasst wurde. Nicht einmal das gewichtige Symposium Man and his Future, 1963 von der CIBA Foundation mit einem Dutzend Nobelpreisträgern veranstaltet, fand ein nachhallendes Echo, auch nicht in der BRD, die keinen hier ansässigen Biologen oder Chemiker entsenden konnte. Die Perspektiven, die damals für die langsam aufblühende Biotechnik, insbesondere von der molekularen Biomedizin ausgelegt worden waren, sind in der BRD erst in den siebziger Jahren wahrgenommen worden. Wissenschaftspolitische oder gar sozialpolitische Folgerungen sind daraus damals in der ehemaligen "Weltapotheke" nicht gezogen worden. Das breitere Intelligenzpublikum, das noch im kernphysikalischen Zeitalter lebte, konnte wenig damit wenig anfangen. Und es sollte bis in die frühen achtziger Jahre dauern, bis die zivilisationsspengende Bedeutung der Doppelhelix langsam ins öffentliche Bewusstsein drang. Doch auch dann war es nicht eine wissenschaftsgeleitete Aufklärung, die den Gedanken zur bereits sichtbaren Wirklichkeit drängte. Vielmehr waren es moralische Reflexe, die von der sich formierenden Bioethik geweckt und stimuliert wurden. Es waren zumeist Abwehrreflexe, wie sie etwa von Hans Jonas (Das Prinzip Verantwortung, 1978) angeregt wurden. In Deutschland wie im übrigen Europa unterzog man sich individuellen und kollektiven DNA-Proben, von allem zu justiziellen Zwecken, ohne lang nach ihrem ihrem wissenschaftlichen und historischen Hintergrund fragen zu können.
Die Biowissenschaften konnten nur arbeiten, indem sie sich dem Tabu beugten, etwa mit Klonierungen und Stammzellforschung zu therapeutichen Zwecken nicht der Konstruktion von neuem menschlichen Leben nachzugehen und sich eines Embryonenverbrauchs zu bedienen. In den USA, in Frankreich und in Deutschland war ihnen dieser Verzicht, der eine halbierte Lebenslüge bedeutet, per Gesetz auferlegt.
Das Publikum, das durch verkaufsträchtige Therapie-Versprechen in den Medien sich auf voreilige Hoffnungen eingelassen hatte, musste sich zufrieden geben, ohne nach der Fortschrittsbedeutung der Schlüsselfindung der Doppelhelix zu fragen. Es hatte sich vornehmlich für die technische Machbarkeit und die therapeutischen Chancen interessiert, nicht für die universal-humane Bedeutung. Die Wissenschaftler, besser die Forschungsindustrie, schloss sich dieser Blickverengung an und konnte nichts dagegen setzen, als die Aktienwerte der interessierten Bio-Industrie schnell sanken. Woraus man schließen kann, dass die chemisch-pharmazeutische Industrie nicht weitsichtig und hartnäckig genug war, als sie ihre Investitionen stagnieren oder schrumpfen ließ. Dieses Zaudern wiederum ist nicht zuletzt der raschen Globalisierung zuzuschreiben, die mit ihren überhitzten Rendite-Erwartungen zu einem kurzatmigen Investitionsverhalten verführte oder zwang. Investoren, die in weiser Voraussicht in den achtziger Jahren Biotechnik-Aktien in ihr Dossier genommen hatten, mussten diese in den neunziger Jahren wieder abstoßen, als die Industrien der Informationstechnik weit höhere Erträge versprachen. Der Finanzmarkt und seine Agenten, also insbesondere die mächtigen Fonds, können mit langfristigen Erwartungen des alten Untenehmerkapitalismus wenig im Sinn haben. Der Fortschrittsgeist der Biowissenschaften, die heute den Kern aller Humanwissenschaft bilden sollte, stand also und steht noch unter der Kuratel moralischer Kontrolle einerseits, ökonomischer Kontrolle andererseits – und beide erweisen sich als gleich blind und unfähig. Für die Apparate der Politik und der hohen Staatsverwaltung, zumindest in Deutschland, sind die Konsequenzen aus biomedizinischem und biotechnischem Fortschritt bis heuta kein "Staatsproblem". Man fördert die Biowissenschaften, weil sie Hightech repräsentieren, kann sie aber nicht als künftige Grundfrage der Institutionen betrachten. Dass die Biotechnik gar an der Wurzel eines Institutionenwandels stehen könnte, ist auch der breiten wissenschaftlichen Politikberatung bis heute Hekuba. Die Sicherheitsbehörden nutzen zwar massenhaft die DNA-Probe, deren technischer und sozialer Kontext bleibt ihnen verborgen. Die Ministerien für Gesundheit uns Soziales können zwar mit Gesetzeshilfe die Herausgabe von Geninformationen an Arbeitgeber und Versicherungen untersagen, mit den staatsbürgerlichen Begründungen dafür, gar der Kulturbedeutung der tiefgreifenden Neuerungen und ihrer Zukunft können sie sich nicht abgeben. Dem Rechtssystem, das die DNA-Nutzung zu überwachen hat, legitimieren oder sanktionieren soll, gelten zuerst bürgerrechtliche Normen, es kann aber nicht nach dem Körper des Bürgers und nach seinen verschiedenen Unterwerfungen fragen. Für das Patentwesen schließlich sind Urheberschaft und Sicherheit die Richtschnüre, nicht die Möglichkeit von sozialen Verwerfungen, die dem sogenannten Gesundheits-System entstammen könnten.
Der Staat durfte also und konnte stumm bleiben gegenüber den raschen Fortschritten der Genomik, er hat hier nichts zu ahnden und zu befördern. Robert Musil hätte festgestellt, dass sich für derlei keine Ressortabteilung einrichten lässt.
Von vorneherein war die Genomik, wie schlechthin die Biotechnik, als ein diagnostisches Instrument zu therapeutischen Zwecken aufgefasst. Dass sie eine Flut von individuellen und von kollektiven Prognosen nach sich ziehen und das Verhalten großer Populationen beeinflussen würde, war keiner politischen Generaldebatte wert, auch wenn bereits kleine Nationen wie Island und Lettland sich an die Totalerhebung der Genome ihrer Bevölkerungen machen. Es scheint, als hatte das deutsche Staatsmanagement geradezu Angst, dass eine öffentliche Diskussion über Sinn und Konsequenz einer generellen Genomerfassung losbrechen könnte. Das politische wie das bürokratische Management hat insofern recht, als es über kein Personal verfügt, das eine solche Disskussion tragen und somit vernünftige Gesetzgebungen anleiten könnte. Zum Glück für Parteien und Staat ließen sich breitere und qualifizierte Öffentlichkeiten von den Perspektiven nicht in Unruhe versetzen. Was im übrigen auch heißt: Die Medien sind solchen Aussichten nicht gewachsen, sie befördern mit ihrer strukturellen Ignoranz vielmehr ihre Trübung. Es blieb bis heute weithin bei einer anekdotischen Wahrnehmung der Potenz des Genoms, allenfalls bei einem halbaufgeklärten Unbehagen. Aber auch die Organisationen der forschenden Wissenschaft scheinen noch immer der Bedeutung der Genomik nicht gewachsen. So herrscht bis heute bei den Repräsentanten der Biowissenschaften in Deutschland ein apologetischer Grundton, den auch die interessierte Ökonomie nicht überwinden kann. Anlass zu gelegentlichem Jubel der Fachleute und der Fachpresse sind nach wie vor die technischen Leistungen der Stammzellforschung und der Klonierungstechnik, insbesondere wenn sie eine Vermeidung des Embryonenverbrauch in baldige Aussicht stellen können. Dass es sich mit der Genomik um die folgenreichste Ideenumwälzung als einer Umwälzung der Gattung handelt, kann offensichtlich keine große Forscherautorität in geeignet großer Form ausdrücken.
Was da geschieht, ohne recht bemerkt zu werden, ist ein eigenartiger Vorgang, ja ist ein neuer Zivilisationsmoment: Die Individuen eignen sich ihr bis dahin unbekanntes Genom an, indem sie es lesbar machen lassen und dafür einen (sehr niedrigen) Preis zahlen. Im gleichen Zug entäußern sie sich dieses Erwerbs ihres ersten und wichtigsten Lebenscodes, der sie zum Individuum macht. Sie geben es im Medium bekannt und machen es allgemein verfügbar. Damit begeben sie sich ihrer undurchsichtigen Einmaligkeit. Mit Hilfe des Urheberrechts, des Arbeitsschutzes und des Arztgeheimnisses trifft der Staat zwar Vorkehrungen, um den neu formierten Eigentümer vor einem Missbrauch seines Genoms zu schützen, etwa vor kommerziellen Interessen, vor Versicherungen etc. Nutzbar gemacht aber soll das veröffentlichte Genom in jedem Fall. Es ist nunmehr, durch seine schöpferische Enthüllung, zu einem Gut geworden, geeignet somit, besessen zu werden.
Die soeben entstandenen und sich sogleich enteignenden Eigentümer ihres Genoms haben an der Preisgabe ihre Eigentlichen durchaus ihr Vergnügen, wie es Craig Venter auch gewünscht hatte (siehe den Bericht in Le Monde vom 7.7.08). Offensichtlich entsteht nunmehr eine besondere Genom-Kultur, die eng verbunden ist mit der Internet-Welt. Man darf daraus schließen, dass die Aneignung und gleichzeitige Veröffentlichung der Genome – die Passwörter bleiben selbstverständlich beim Ersteigentümer – den Spendern ebenso wie den Beschenkten ein Gefühl der Gemeinsamkeit verleihen, eine Steigerung ihrer Persönlichkeit, des so genannten Selbstwertgefühls. Darin vor allem besteht auch zum größten Teil der Genuss am Eigentum und an seiner Aneignung.
Für die Enthüllung und lustvolle Veröffentlichung des Humangenome sei eine Bildmetapher erlaubt: Der spätmittelalterliche Totentanz, in dem sich blühendes Frauenfleisch mit lachendem Gerippe umschlingt, weltlos und selbstverloren oder den Betrachter lüstern im Blick. Niemand hat solche Szenen so eindringlich gemalt wie Hans Baldung Grien. Ein kunstvoll inszeniertes Spektakel, Und marktschreierisch tritt auch Craig Venter auf, zum Ärger seiner bioethisch geplagten Fachkollegen. Der Bürger-Eigentümer, dem an der Bewahrung seines verschlossenen Eigenleibs gelegen ist, mag raisonnieren: So leichtfertig und provokant kann man mit seinem einmaligen Körper nicht umgehen. Man muss ihn im Privaten pflegen und erhalten. Sonst verschleudert man seine Identiät, seine Persönlichkeit.
In unserem ersten Kommentar (siehe oben) hatten wir die Veröffentlichung des Venter-Genoms eine "Selbstentprivatisierung" genannt. Damit sollte angedeutet sein, dass dieser Lebenscode, der bis dahin nicht vorhanden, weil nicht entziffert war, nun zu einem öffentlichen Gut werden sollte, gratis von jedermann ausschöpfbar, wenn die Ausbeutung nicht gegen das Lebensinteresse des Eigners geht. Wenn das so vom Autor gemeint war, könnte er sich irren. Er kann sein Genomgut nicht durch Entzifferung schaffen, wenn er es nicht für die Prognose seiner natürlichen Eigenschaften nutzen und therapeutisch vorbeugen etc. will. Schon mit einer Planung zur Lebensverlängerung verschafft er sich einen Vorsprung, einen Vorteil vor anderen. Und ebenso kann etwa eine Lebensversicherung derartige Körperinformationen für epidemiologische Kalkulationen nutzen und die Klassifizierung in ihrem Prämiensystem revidieren. Die Schaffung des Genoms kann nicht nur eine wissenschaftlich-therapeutische Angelegenheit sein, sie hat immer auch eine ökonomische Bestimmung. Das Gut kann nicht offen und unschuldig auf dem Markt herumliegen, es gerät immer auch in ein ökonomisches Schuldverhältnis.
In Kalifornien hat sich die organisierte Genomik in eine enge Verbindung, persönlich wie durch Kapital, mit Google begeben, auch Wikipedia legt ein Genom-Archiv an. Neugründungen der Genomdiagnostik werden in Hinsicht auf die Internetverwertung errichtet, schließlich wird der Genomhacker zu einer aktuellen Figur. Google ist Aktionär bei Navigenics, zusammen mit drei weiteren Risiko-Kapital-Unternehmen. Sie können mit der Unterstützung der kalifornischen Menschenrechtsligen rechnen, ebenso von Universitätsorganisationen, Krankenverbänden und Bürgerrechtsvereinen. Dieses Bündnis um die neue Genomik-Industrie kämpft um das bürgerliche Grundrecht der vollständigen Verfügung jeglicher Information über Körper und Person und somit auch deren Verfertigung. Es sieht sich einer modernisierungsfreudigen Regierung des Bundesstaates (unter Gouverneur Schwarzenegger) gegenüber, die sich auf dem Gebiet der Genomaneignung um die Wahrung der Bürgerrechte bemüht und eine einschlägige Kommission beruft. Dem Staat geht es hier um die Verhinderung von Missbrauch der Genomkenntnisse, der die Selbstbestimmung des Bürgers beeinträchtigen könnte.
Die neue Technologie eröffnet mit ihrer Verbreitung also einen Kampfplatz um das Verständnis von Bürgerrechten und bürgerlicher Person, alias Identität. Mit dem Konflikt über die Verfügung des Schutzrechts am Humangenom, um Pflichten und Verzichte auf Intervention und Vorsorge für den Körper des Bürgers geht es am Ende um die Existenzberechtigung und um die Notwendigkeit des Staates. Der Konflikt um die Berechtigung der Genomherstellung und ihrer Exposition in einer grenzenlos offenen Gesellschaft wird schnell an Heftigkeit zunehmen. Dafür garantieren die geringen Kosten und die vermehrte Lust unter den Genomeignern, sich auszustellen - eine Lust, die während des letzten Vierteljahrhunderts, also im Anlauf zur Globalisierung, auffällig zugenommen hat. Diese Ostentationslust der Individuen, die gewissermaßen alles an ihrer Person entblössen wollen, ist offensichtlich ein "Charakterzug" der späten kapitalisstischen Demokratie, die sich ihrer Bürgerlichkeit - und damit vielleicht auch der Beherrschung ihrer selbst - entledigen möchte.
Die erste große Vorgabe war die plötzliche Einrichtung der globalen Internetgesellschaft, die sich davon nährt, fortwährend etwas loswerden zu wollen und jede feste Form des Produzierten abwerfen möchte. Die Ergebnisse sind überall in der westlichen Welt an den ehemaligen Industriegesellschaften zu besichtigen. Es ist die Gestaltlosigkeit der Internetgesellschaft, in der sich dieses Ende konkretisiert.
Was das Internet vorbereitet, nämlich das stete Schwinden des Staates als wichtigstem Referenzpunkt der modernen Gesellschaftlichen Moralorganisation, scheint mit der Entbindung des Humangenoms und in den immer weiter fortgesetzten Vollendungen hin zur selbstgenügsamen Monade eine neue Ebene erreicht zu haben.


Nachgedanken I: Entbrüderung

Die medikalisierte, also technoide Gesellschaft, in die wir nun eintreten, kann nur eine offene Gesellschaft sein. Sie muss, was die Physis, die Körper ihrer Mitglieder angeht, geheimnislos sein. Diesen muss man ihr natürliches Geheimnis nicht erst entreißen. Sie werden, von Anfang an technisch gegründet und begleitet, in ihre Geheimnislosigkeit hineingeboren. Die längst zur Sitte gewordene Präsenz der Väter bei der Geburt ihrer Kinder, von zwei Generationen noch undenkbar, gar obszön, kündet bereits von der Geheimnislosigkeit des Körpers. Das veröffentliche Genom, das mit dem Gang des Fortschritts immer weiter die ehemals dunkle Person erfasst, treibt die naturgeborene Entborgenheit immer weiter.
Was aber bedeutet dann noch unsere humanistische Forderung, das Individuum müsse sich "nach seinem einzigen und einmaligen Gesetz" ausbilden und vollenden? Wenn der Körper, der ehemals so dunkle, für das Individuum wie für die Mitlebenden ganz transparent geworden ist, wenn die Menschen das Geheimnis ihrer Natur nicht einmal preisgeben können, weil sie es nie besaßen, was bleibt dann für die höhere Natur, das Gemüt, den Geist noch übrig? Der Natur, auch der eigenen, ihr Geheimnis zu entreißen, war immer unser wichtigstes Geschäft. Wie kann es zugehen, wenn uns dieses Geschäft von vorneherein entzogen ist? Was können wird dann noch mit uns zu tun haben? Vielleicht werden wir den Leichtsinn, mit wir uns unseren Genoms und aller daran gebundenen "Eigeninformationen" entäußern, um ein bisschen Lebensgenuss zu erhalten, schon bald bitter bereuen. Aber ein Zurück zum Recht auf Nicht-Wissen gibt es nicht.


Nachgedanken II: Nichts zu vermeiden


Wer sich die meiste Zeit seines normalen Lebens im 20. Jahrhundert aufgehalten hat, also permanent noch einmal davongekommen ist, muss das folgende, in das wir soeben eingetreten sind, erst recht mit Schaudern ins Auge fassen. "Noch einmal davongekommen" war ein vorherrschendes Empfinden zumindest bei denjenigen, die ihren jeweiligen Ort, ihre Existenz in ihrer Zeit zu bestimmen suchten. Wer als Europäer im 20. Jahrhundert lebte, war immer ein Überlebender. Er war dem Zufall und dem Wunder nahe. Damit hatte er jedoch auch immer gelebtes Leben hinter sich.
Für die im 21. Jahrhundert Heranreifenden oder schon Geborenen steht das in Frage. Sie geraten vermutlich nicht mehr in die Notwendigkeit, ihre eigene Zeit und ihren Ort in ihr bestimmen zu müssen,Um es auf eine Kurzformel zu bringen: Sartre wird ein absolut toter Hund für sie sein. Ob sie eine eigene Rolle in irgendeinem Punkt der Weltgeschichte zu spielen haben, die ihnen Gewissheit ihrer Existenz gewährt, können sie nicht zu fragen wagen. Sie brauchen keine Weltordnung und keine Geschichte, um sich in sie einzufügen, sie müssen ihr Jahrhundert nicht bestimmen.
Diese Abwesenheit von Orientierungs- und Erinnerungsbedürfnis sollte den, der aus dem 20. Jahrhundert kommt, nicht weniger ängstigen als die selbstgerufenen Katastrophen, die uns bevorstehen. Vor diesem Mangel an Schuld und Erfahrungsverlangen muss man sich fürchten.


Aus den Tagebüchern – Werkstatt-Texte – Miszellen


Geläut


Schwer vorzustellen, an einem Ort zu leben, an dem man nicht wenigstens einmal am Tag vom Glockengeläut der Kirchen erreicht werden kann. Es ist ja auch eine Klage, die sie vernehmen lassen: Wenn Du schon nicht zur Gemeinde kommen kannst, zu der wir Dich rufen, so erinnere Dich einen Moment lang des Glaubens, dem Du fernbleibst. Mehr darf unser Laut nicht verlangen. Die Glocken wissen es schon, wie wenige es sind, die sie hören können. Schon deswegen sollte man ihnen die Ehre geben.


Europäische Elite

Der derzeitigen Gemahlin des französischen Staatspräsidenten möchte man lieber nicht vergestellt werden – wie es alle Tage höchste Repräsentanten ihrer Nation, Kirchenfürsten und Kulturgrößen über sich ergehen lassen. Zur Zeit darf die erste Dame Frankreich sogar als erste Dame Europas fungieren. Diese absolut unmögliche Person, die sogar von der kummergewöhnten britischen Königin empfangen werden musste, ist die allerletzte Zierde der noch so hochgehaltenen exception française. Diese wird soeben auf amerikanische Weise vom Gatten modernisiert. Die mittelgute Sängerin wusste kürzlich von der Leporello-Liste ihrer dreißig Liebhaber vor der Zeit mit dem Präsidenten zu berichtcn. Is halt a Flitscherl, sagte man dazu in Bayern. Man möchte ihr nicht vorgestellt werden wegen ihres Mangels an Tugend, sondern wegen der sagenhaften Dummheit, mit der sie daherplappert. Der Chef d'État, der Staatschef, wie er seit des Kollaborateurs Petain Zeiten noch immer genannt wird, will dem nicht wehren. Im Kreis seiner gut bedachten Milliardärsfreunde tut er das seine dazu, die Öffentlichkeit am Genuss der Gattin teilhaben zu lassen. Nach seiner Herkunft kein Emporkömmling, verhält er sich mit Vergnügen als solcher. Im niedergehenden Rom gab es schon solche Gestalten. Der Volkstribun mit seinen bonapartistischen Allüren ist mit seiner mediengetriebenen Politik eine unberechenbare Girouette, wie man im Französischen die Windfahne, den Wetterhahn nennt. Er wird in seinem Halbjahr noch einiges zu lachen geben. Mit der ersten Hure der Nation macht er ein schönes Paar. Die Franzosen schaffen es nicht einmal, sich dafür zu genieren.


mail@claus-koch.com


Die nächste Ausgabe erscheint am 8. August

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