Für Hilmar H.

Zur Besinnung

"Es wäre schön, wenn man vor den Kulturbetrieben, die Kulturstätten längst nicht mehr sind, wieder ein paar der verschwundenen Hemmschwellen einbauen könnte. Wenn es vor fünfzig Jahren ein ehrenwertes Ziel war, die Privilegienräume der Kultur zu öffnen und das Volk in die Museen, die Theater, die Buchhandlungen und sogar ins Ballet zu locken, so war doch der Erfolg allzu durchschlagend.Mittlerweile sind die meisten Museen wieder leer, und die Zuschauerreihen in den Qualitätstheatern lichten sich. Das Tanztheater hat mit seinem rabiaten Dilettantismus der Nackten und der Hässlichen die Kunstdisziplin zerstört und das kompetente Publikum vertrieben. Kulturprivilegierte gibt es nicht mehr. Bayreuth und Salzburg sind ganz für die Geldprivilegierten reserviert und somit von Kultur befreit. Hemmschwellen nach außen braucht es vor allem, weil Hemmschwellen für innen notwendig sind, nämlich für die Künstler. Es gibt zu viele von ihnen, die, im Bund mit der Meute der Zwischenhändler, sich von den hemmungslosen Konsumenten korrumpieren lassen und Schlechtes liefern. Man muss heute durch Unmassen von Kulturmüll waten, wenn man gute Qualität erleben will. Das aber kann nicht in genügsamer Einsamkeit geschehen. Darum sind die leeren Museen zwar wieder ein Genuss für Kenner, zugleich aber, weil ohne Publikum, deprimierend."

Süddeutsche Zeitung 10.12.1999 -Auszug aus "Noten und Notizen"