"LUCIFER, der Aurora Sohn, vor der er auch alle Zeit herzugehen pflag, und zwar auf einem weissen Pferde. Weil er aber auch der Hesperus ist, so bedienet er sich alsdann eines dunklen Pferdes...ist sonst einerley mit dem Phosphorus, an sich aber der Morgenstern."

Benjamin Hederich, Gründliches Mythologisches Lexicon

Der neue Phosphoros - Analysen und Entgegnungen - Alle zwei Wochen neu

An die neuen Leser

Der neue Phosphoros ist mit seiner ersten Ausgabe am 11. April 2003 erschienen. Seitdem tritt das Periodical jeden zweiten Freitag im Internet auf. Die unterschiedlichen Texte werden jeweils in der Form und der gemeinsamen Struktur einer Zeitschrift zusammengefasst. Als eine Zeitschrift mit einem erkennbaren inneren Zusammenhang jeder Ausgabe will Der neue Phosphoros auch vom Leser wahrgenommen werden - Es gibt einen Anfang und ein Ende. Was den Leser erwartet, möge er sich aus dem nachfolgenden Tableau reimen. Es sind Thesen-Stichworte zur Bestimmung der Zeitlage. Und Bestimmung der Zeit an jedem neuen Morgen ist es, was Der neue Phosphoros anregen will. Vorerst ist Krieg. In ihm und mit ihm muss die Zeitschrift ihren Anfang nehmen. Es wird sehr schwer werden, über ihn hinauszudenken.

Europäische Tendenzen der nächsten zwanzig Jahre

1. Lebensökonomie: Sozialer Zwang und Zwang zur Erkenntnis

In den reichen westlichen Gesellschaften nimmt die Transparenz des Individuums zu -
Die Menschen werden sich nicht nur in äusseren Natur durchsichtiger, sondern auch in ihren Verhaltensweisen: sie können genauer wissen was sie tun - Transparenz für sich selbst und Transparenz für die Anderen, vor allem für die Institutionen, gehen Hand in Hand - Die Überwachungs- und Steuerungssysteme dringen in alle Sphären des Menschlichen ein, was vom Individuum seinerseits beobachtet und gewusst werden kann - Stärkste Triebkraft für diese Aufschliessung der Individuen ist die Medikalisierung der reichen Gesellschaften - Das immer deutlicher lesbare Biokapital des Menschen muss vernünftig verwaltet und gepflegt werden - Präventiv-Medizin und Konsumkontrolle werden zum wichtigsten Strang der Lebensvorsorge - Die Medikalisierung, die den technischen Fortschritt treibt, wird damit zum entscheidenden Faktor des wirtschaftlichen Wachstums.
Die zunehmende Transparenz des Individuums, von der Technik stimuliert und erzwungen, bringt die Aufforderung zu mehr Selbstbeherrschung mit sich - Die Chance zu vermehrter Selbstbeherrschung, die nicht ausgeschlagen werden kann, zeigt also ein Doppelgesicht: Einerseits Befreiung von Unwissenheit und die Fähigkeit, mehr Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen, andererseits mehr sozialer Zwang durch die Erfordernisse der kontrollierten Sicherheit - Die Gesellschaftlichkeit muss in der Spannung dieser Klammer hergestellt werden: Eine neue Formel für Modernität.

2. Ein Grosszyklus geht zuende: Die IT-Kultur

Die IT-Kultur, auf der Grundlage der Kommunikationstechniken ein Vierteljahrhundert lang die westliche Leitkultur, befindet sich im Niedergang - Der bisherige Motor für wirtschaftliches Wachstum und soziale Integration verliert die führende Rolle: die Erträge nehmen ab, von der Computer- bis zur Medien- und Entertainment-Industrie - Die schwindende Erneuerungskraft der IT-Kultur ist an der Sterilität der Medienindustrie abzulesen: Alles Kulturmaterial ist erschöpft, es finden sich keine neuen Contents.
Die IT-Kultur hat, entgegen den eigenen Versprechungen, Bürokratie und Zentralisierung vermehrt, sie vermindert zunehmend den Nutzwert der Dienstleistungsökonomie - Mit der IT-Kultur ist eine Schwächung der Berufs- und Lebenskompetenz eingetreten, die auch die Konsumfähigkeit, das Schwungrad des Kapitalismus lähmt - Die Räume der bürgerlichen Privatheit sind in den Jahrzehnten der IT-Kultur geschwunden, damit auch die Dynamik des politischen Bürgers.
In der ökonomischen und der kulturellen Krise vollzieht sich die Umschmelzung der älteren industriegesellschaftlichen Sozialität in eine neue, die von der Ökonomie des Lebens angeleitet wird - Diese Umschmelzung ist für die Europäer besonders schmerzhaft, denn sie bedroht alle Institutionen, die bisher Fortschritt und Modernität getragen haben.

3. Brüchige Solidaritäten - kraftloser Staat

Die sozialen Solidaritäten der Lebensvorsorge, die im vergangenen Jahrhundert vom nationalen Staat organisiert waren, verfallen und lassen sich nicht mehr herstellen - Die Privatisierung der Zwangssolidaritäten für die Lebensvorsorge und ihre Überwälzung auf den Marktbürger (Riester-Rente, Lebensversicherung etc.) ist ebenfalls unmöglich geworden: Jedenfalls ist es zu spät dazu, weil der Finanzkapitalismus die Stabilität und die Unternehmenskultur zerstört - Die zunehmende Voraussehbarkeit der biologischen Schicksale verlangt zunehmende Präventive, die ihrerseits vom Individuum weit mehr Verantwortlichkeit verlangt als im Versicherungsstaat - Die angeborenen unverschuldeten und unkorrigierbaren Ungleichheiten treten durch die Medikalisierung deutlicher hervor, werden messbar und vergleichbar; die Forderung nach ausgleichender Gerechtigkeit wird recht und billig, sie richtet sich nach wie vor an den Staat, wen sonst? - Die Zersetzung des Sozialstaats, die vor allem vom technischen Fortschritt bewirkt wird, verschärft auch die sozialen Konflikte - Die Gesellschaft bleibt in ihren Grundelementen Arbeits- und Produktionsgesellschaft, doch kann daraus nicht mehr die Form der Solidarität abgeleitet und organisiert werden. - In einer zunehmend älteren Gesellschaft wird es unabweisbar, dass auch die Älteren aktiv an Modernität teilhaben und diese beleben; das Moderne wäre also loszulösen von zwanghafter Jugendlichkeit und jugendlich geprägtem Fortschritt - Diese Modernität müsste sich vor allem im Umbau aller Institutionen beweisen, weniger in der Produktion von Neuem, das sich in energieverzehrenden Konsumgütern realisiert.

4. Neuregelung des Gewaltverkehrs

Die Entwicklungstendenzen der europäischen Gesellschaften, die sich krisenhaft zwischen zwei ökonomischen und kulturellen Grosszyklen entfalten, stehen im Jahr 2003 unter einem prinzipiellen Vorbehalt: Die Gleichgewichte der Gewalt- und Friedensordnung, die den Europäern ein halbes Jahrhundert lang eine prekäre Garantie für Wohlfahrt und Fortschritt geboten haben, gehen nunmehr verloren - Die Drohung des Weltbürgerkriegs, die sich im Einsturz der grossen westlichen Sicherheitsorganisationen zeigt, gefährdet auch die Globalisierung - Diese war als eine Ordnung begrüsst worden, die auch neue Stabilität durch die Verminderung der Staatenkonkurrenz schaffen sollte; vorläufig trägt sie jedoch zur Instabilität bei - Die Weltstrategie des Imperiums Amerika unterminiert nicht nur den Bestand der nationalen Staatlichkeiten, sie befördert auch Wirtschaftsnationalismus und Interessen-Allianzen aus kurzfristigem Opportunismus - Wenn der unmässige Anspruch des Imperiums auf ein unbeschränktes Recht auf Gewaltdrohung jederzeit und jederorts nicht von der Völkergemeinschaft unterbunden werden kann, ist nicht nur die Globalisierung bedroht, sondern auch die Gesellschaftsform des Kapitalismus.