Die Übel dieser Welt

Man sollte sich auf solche Umfrage-Meldungen eigentlich nicht einlassen, zu halbgar ist meistens ihr Gehalt. Doch was da neulich in aller Kürze zu lesen war (in der SZ vom 12. 4.), muss einen doch hochreißen. Wenige Eltern wollen hoch begabte Kinder. „Hoch begabte Kinder gehören nicht zu den Wunschkindern deutscher Eltern. Dies . . . ergab eine Umfrage der Zeitschrift Familie & Co. Von 500 befragten Müttern und Vätern wünschen sich nur 13,3 Prozent ein intellektuell hoch begabtes Kind. 82,8 Prozent wollen auf keinen Fall ein solches Kind. Nur 7,3 Prozent der Befragten erklärten, hoch Begabte hätten Vorteile im Leben.“

In diesem Land strebt fast ein Drittel der jungen Leute einen akademischen Abschluss an, seine Präsidenten reden gerne von der kommenden Wissensgesellschaft. Doch seine Bewohner wollen sich in Mittelmäßigkeit fortpflanzen. Da kann es niemandem zur Ehre gereichen, zur Elite zu zählen. Elite wovon?

Diese Nation von vorsätzlich ehrgeizlosen Durchschnittlern kann man nicht harmlos finden. Sie ist im Gegenteil gefährlich, weil sie Intelligenz und Talent fürchtet. So kann man auch verstehen, dass viele Europäer der schmerbäuchigen Behauptung der Deutschen, sie hätten keinerlei Ambitionen in der Welt, misstrauen. Die Deutschen gatten sich in der Hoffnung, nicht von Vorzüglichkeit überrascht zu werden. Nicht den Finger werden sie rühren, wenn es an ihre Freiheit geht.

Gedenkblatt für Herder

Wenn man den einen großen Wunsch wünschen dürfte, den fast alle Welt mitwünschen könnte, so wäre es der: Dass jeder seine Muttersprache vollendet sprechen, sie beherrschen dürfte.Wäre dies möglich, ein unendliches Wohlgefühl müsste sich ausbreiten.

Wenn Mensch-Sein heißt, eine Ahnung von Menschheit in sich zu tragen, so ist damit die dunkle Erinnerung verbunden, dass man als kleines Kind in dieser Sehnsucht nach der vollendeten Sprache gelebt hatte – bis die Institutionen der Gesellschaft einschritten und den Wunsch mit aller Härte verdarben: die Schule, die Spielkameraden, ja die Familie selber. Alle taten mit, um das Kind in unvollkommener, ja schlechter Sprache festzuhalten und ihm die Hoffnung auszutreiben, es könne in einer Meisterschaft des Wortes erwachsen werden.

Der Philosoph Hans Blumenberg beginnt sein Buch „Die Lesbarkeit der Welt“ mit dem Satz: „Bringt man die gängigen kulturkritischen Phrasen auf eine, so kommt heraus, das Unbehagen in der Kultur sei beherrscht von einer Enttäuschung, für die niemand angeben kann, welche Erwartungen es denn gewesen waren, die enttäuscht worden sind.“ Dies könnte eine Antwort sein: Es war die Erwartung auf die von allen geteilte Sprechbarkeit der Sprache. Fast dreihundert Jahre lang hatte sie Aufklärung und Fortschritt angetrieben. Am Anfang des neuen Jahrhunderts ist diese Frage hoffnungslos kompromittiert. Das gute und lustvolle Sprechen ist Restgruppen da und dort zwar noch nicht verwehrt. Aber es muss vermieden werden, wenn man sich in der sozialen Gegenwart behaupten will.

Die Enttäuschung darüber ist bei den Sprachfähigen deswegen so groß, weil zumindest die Europäer sich schon einmal näher an der Erfüllung jener Erwartung sehen durften: vor rund hundert Jahren, als die Verallgemeinerung der Schulpflicht und die Laisierung der Grundbildung durch die sozial aufsteigende Lehrerschaft den baldigen Sieg der Hoch- und Nationalsprache über die Provinz versprach. Und dies in einer weithin noch bäuerlichen Gesellschaft. Auch das Bildungsstreben der Arbeiterbewegung, die jedem Proletarier die Fähigkeit zum öffentlichen Auftreten in Aussicht stellte, lebte in dieser Erwartung. In den Volksschul-Lesebüchern Europas kann man nachlesen, welche Ansprüche einmal jedes Bauern- und Arbeiterkind an die Sprech- und Lesbarkeit seiner Sprache stellen sollte.

Davon sind die heutigen Europäer weit abgedriftet. Und es sind voran die politischen Klassen und die Eliten,die zusammen mit der Medien-Halbintelligenz die Vorbilder für die Unsprechbarkeit der Sprache hergeben. Wer heute aufsteigen und etwas gelten will, muss sich in Stummelsprachen bewegen können. Die Erfordernisse der Kommunikationstechnik tun das ihre, damit die Idee von einer Menschheit, die reinlich in ihren vielen reichen Sprachen sprechen kann, zuschanden kommt. Menschheit konnte ja, wenn auch nur für eine kurze europäische Zeit, nicht anders gedacht werden als ein Gefüge von Kollektiven, die in ihren jeweiligen Sprachen lebensfähig, voll ausgebildet sind. Das Internet scheint nun die letzten verbliebenen Chancen dafür zu zerschlagen. Es kann mit all seiner Üppigkeit offensichtlich nur provinzielle Sprachwüsten hervorbringen. Und provinziell heißt ja: Nicht nach eigenem Gesetz, nicht autonom leben, sondern nach den Gesetzen einer fernen Zentrale.

Jedoch: Das Wort, die Sprache – sie enthalten als solche eine unausrottbare Hoffnung, dass es Menschheit geben möge. Darauf sollte man noch immer setzen.

Theodizee

Leider ist die Statistik nicht geschickt genug, die Anteile der Beschränkten und der Denkfähigen zu messen und ins Verhältnis zu setzen, in einem Ort, in einer Region, in einem Land. Wäre es möglich, so dürfte es nicht erlaubt werden, aus Gründen demokratischer Gleichheit. Die Demokratie muss von allen annehmen, sie seien denkfähig, obgleich jeder Denkfähige annimmt, dass mindestens die Hälfte der übrigen Leute dumm ist.

Den Anteil der Beschränkten oder einfach Dummen genauer zu kennen, wäre aus vielerlei Gründen interessant:Zum Beispiel für die Gesundheitspolitik, die prinzipiell auf den mündigen, sich selbst kontrollierenden Menschen setzen muss; für die Erziehungsbehörden, die ihre Chancen bei der Verteilung von Geld für die Bildung berechnen müssen; für die Ökonomen und die Sozialpolitiker, die sich ein Bild von der Marktfähigkeit der Bürger machen müssen, etc..

Auch wenn sie für den statistischen Gebrauch schwer zu fixieren sind, Kriterien für chronische Beschränktheit lassen sich angeben. Von ihr befallen ist unter anderem, wer sich nicht mit eigenen Erfahrungen und Überlegungen in Distanz zu den anderen setzen kann und daher immer das anderswo Formulierte nachsprechen muss; wer Angst hat vor Widersprüchen und sich Unterscheidungen nicht zu treffen traut; wer nie den Drang nach autonomem Handeln verspürt. Umgekehrt lässt sich bestimmen, wer zu den Denkfähigen, Suchenden und Widerspruchsfähigen zählt.

Solche Merkmale lassen sich zusätzlich differenzieren nach Berufsgruppen, Qualifikationsdichte und dergleichen mehr. Wobei sich wahrscheinlich herausstellen würde, dass unter Journalisten oder akademisch Gebildeten der Anteil der Dummen nicht weniger groß ist als im Gesamtdurchschnitt des Volkes.

Auch wenn man es sich leisten wollte, dem genauer nachzugehen, so muss man doch die Frage scheuen. Dahinter steht nämlich eine furchtbare Ahnung: Dass der Anteil der Dummen über die Zeiten im Großen und Ganzen gleich bleibt. Und das hieße, dass es eine anthropologische Konstante der Dummheit gibt, an der alles Bildungsstreben und aller Bildungswohlstand nichts ändern können. Das ist ja auch der Banal-Glauben der meisten hinlänglich Intelligenten.

Damit müsste die alte Frage der Theodizee, die einstmals nur mit dem Leibnitz-Trick von der besten aller möglichen Welten in der prästabilisierten Harmonie gelöst wurde, noch einmal gestellt werden: Wie ist das Übel in die Welt gekommen? Sie müsste nun lauten: Wie ist, da wir doch als intelligente Geschöpfe gedacht sind, die Dummheit in die Welt gekommen und bleibt unausrottbar in ihr?

Auf diese Frage dürfen sich Kapitalisten ebenso wenig einlassen wie einst Marxisten und Progressisten. Zwanghafte Optimisten, die sie sein müssen, kämen sie unweigerlich zur nächsten Frage: Was und wie viel lässt sich an wen noch verkaufen? Das hieße, von der Dummheit gesetzte Grenzen anzuerkennen. Was sich der Kapitalismus nicht erlauben darf.

Unmanierlich

Dass jemand ein Niemand sei, eine Null, will man, wenn man demokratisch gesittet ist, nicht gern aussprechen. Es fällt leichter, jemand als Nobody zu bezeichnen, was freilich nicht besser ist. In Bayern und Österreich hatte man früher das etwas gnädigere Wort vom Nullerl. Das können aber die Norddeutschen nicht aussprechen, so ist es abgekommen. Ebenso ist das Dummerl, das auch halb freundlich gemeint sein konnte, nicht mehr im allgemeinen Gebrauch. Aber es gibt sie nun einmal wie immer, die Nullerl(n) und die Dummerl(n). Als es noch gute Manieren in der Gesellschaft gab, konnte man mit solchen Wörtern umgehen. Heute, da jegliche Manieren verschwunden sind, hat sie der Zivilisationsfortschritt verpönt.

West-westlich

Eine Leserin hielt dem Kolumnisten neulich vor, seine Bemerkungen zur Zeit seien rücksichtslos an Westdeutsche adressiert. Auch gutwillige ostdeutsche Leser müssten sich dadurch verachtet fühlen. Denn zum einen werde von Modernität als einer rein westlichen gesprochen, zum anderen werde nur Westgeschichtliches als das moralisch Gültige im Guten wie im Schlechten zitiert.

In der Tat. Wenn hier wie selbstverständlich vom intellektuellen Milieu Sartres oder vom linken Katholizismus geredet wird, so kann das den wenigsten ostdeutschen Intelligenzlesern etwas sagen. Und wenn auf den westeuropäischen Wohlfahrtsstaat oder auf die bundesdeutsche Gewerkschaftskultur ohne jede Erläuterung verwiesen wird, so kann sich auch ein gebildeter älterer Ostdeutscher kaum etwas darunter vorstellen. Schlägt sein Herz links, so wird ihm noch die schärfste Kapitalismuskritik westimperialistisch erscheinen. Doch nur mit den Erfahrungen und den analytischen Mitteln, die im Westen geschärft worden sind, kann man sich überhaupt an eine solche Kritik wagen.Was im Osten darüber gedacht worden ist, taugt dafür nicht mehr.

Daran ist wenig zu ändern. Die Schrecken, die sich für die kommende Zeit vorbereiten, stammen aus okzidentalem Geist, werden in der Westkultur erprobt und ausgelebt. Vom Osten kann man sich keinen modernen und interessanten Schrecken erwarten. Wer es aushält, neugierig darauf zu sein, muss westwärts denken. Damit wird unvermeidlich die Geschichte, in der sich das nächste Unheil vorbereitet hatte, eine westliche. Wenn der Geist überleben will, muss er die Vergangenheit des Ostens hinter sich lassen, sie ist jetzt einfach unergiebig. Bitter zu sagen, aber man kann dabei keine Rücksicht nehmen auf die vielen, die ihre Geschichte für ihr Leben noch brauchen. Später einmal werden wir vielleicht darüber reden können.

Süddeutsche Zeitung, Freitag, 28. April 2000

Noten und Notizen